HL 224. Sonnabend, den 1. Oktober. 1887
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Zweites Blatt.
~ Oktober.*)
Gewöhnlich stellen die Dichter und die Verfertiger von Schulaufsätzen die vier Jahreszeiten in Vergleich mit den Abschnitten des menschlichen Lebens. Will man den Vergleich bis auf die einzelnen Monate ausdehnen, fo könnte man etwa die schönen Flegeljahre bis zur Mündigkeit in den Mai verweisen; die rechte Jugendblüthe von 20 bis 30 Jahre fiele dem Juni zu; in die Zeit von 30 bi» 50 Jahren theilen sich die beiden heißen Erntemonate; von 50 bis 60 herrscht ein meistens schönes, mitunter aber schon sehr herbstliche» Septemberwetter. Sonach würde sich der Oktober wie ein Mann von 60 bi» 70 Jahren präsentiren. Dazu paßt sehr wohl der „Alteweibersommer", der oft einen Theil de» Oktober noch sehr lieblich macht.
Al» wir noch in kurzen Höschen (bez. Kleidchen) auf Zickzackwegen zur Schule trollten, mit welcher ehrfürchtiger Scheu sahen wir da zu einem graubärtigen Sechzigjährigen empor. Wie ungeheuer groß, wie unerreichbar erschien dem kleinen „Guck- in die Welt" eine solche Zahl von Lebensjahren. Den Gedanken, selbst einmal so ein angehender Greis zu werden und doch mit frischem, frohen Sinn de» Restes der Lebensfrist sich zu erfreuen, vermochte das aufquellende Gehirnchen noch nicht zu erfafien. Aber ehe man es sich versteht, rückt man dem einst so fremdartigen Alter körperlich und seelisch näher. Wenn man erst die Dreißig hinter sich hat, ist au» dem graubärtigen „Onkel" schon ein älterer „Bruder" geworden, man fühlt, daß man über ein kleines in demselben Stadium sein wird und man erschrickt nicht mehr davor. Man hat gelernt, die Schattenseiten als unvermeidlich hinzunehmen und der Lichtseiten, die noch bleiben, sich mit genügsamen Verständniß zu freuen.
Ein ähnlicher Prozeß im Gemüthsleben spielt sich alljährlich im Wechsel der Jahreszeiten ab. In den ersten sonnig-warmen Frühlingstagen erweckt die Vorstellung von Kälte, Winterstürmen, Dunkelheit, Schnee und Eis Widerwillen und Schauder. Jetzt aber, nachdem wir den heißen Sommer und den veränderlichen Herbstanfang durchgemacht haben, sehen wir in behaglicher Ruhe dem kommenden Winter entgegen. Von Weitem sah man nur Schrecken, in der Nähe sieht man die Eisblumen der winterlichen Freuden. Ja, Mancher hat es eilig und möchte gleich mitten in Eis und Schnee hineinspringen. „Wenn nur erst der November vorüber wäre l"
Der Wunsch ist nicht ohne Grund; denn in der That ist da» naßkalte Uebergangswetter, welches sich Ende Oktober einzustellen pflegt, nicht angenehm. Aber es hat seinen erziehlichen Nutzen, da es uns körperlich und geistig für die Annehmlichkeiten des folgenden Frostwetters vollends empfänglich macht. Mit Recht steht der Oktober in viel besierem Gerüche, al« sein Nachfolger. Es bleibt noch ein hübscher Rest von der Erbschaft des Sommers zu verzehren, es gibt nicht bloß welke« Laub, sondern sogar noch Früchte, die den Erntenden erfreuen, besonder» am Weinstock. Der deutsche Name, den der Oktober haben sollte und nicht bekommen hat, lautet „Weinmonat". Möge die Herbstsonne noch dafüe sorgen, daß diese» Jahr der Tropfen, welchen uns die Frühjahrslaunen gelassen haben, wenigstens gut wird!
Unsere Vorfahren haben die Erntedankfeste an die Tage zweier hervorragender Heiliger geknüpft:
*) Nachdruck nicht gestattet.
St. Michael (29.September) und St. Martin (11. November). Die Entfernung von 6 Wochen zwischen den beiden Terminen will man dadurch erklären, daß die Ernte im Norden und Süden zu verschiedenen Zeiten eintritt. E« wird auch in Betracht zu ziehen sein, daß die Haupternte, insbesondere Getreide, zu Herbstanfang eingebracht ist, während die Gesammternte, sowie die Bestellung der Wintersaaten, also der Abschluß der jährlichen Feldarbeiten, füglich erst Anfang November zu feiern ist. Zufällig fallen nun die beiden bezeichneten Festtage außerhalb de« Oktober. Auch in einigen katholischen Diözesen wird an einem der Oktobersonntage eine kirchliche Dankfeier gehalten.
Der Oktober, an dessen siebentem Tage im Jahre 1571 der die Christenheit von den Türken rettende Seesieg von Lepanto erfochten wurde, ist der Rosenkranz-Monat, dem Danke und der Bitte an die „Hilfe der Christenheit" geweiht. Im Uebrigen entbehrt der Oktober der glänzenden Festtage. Der Aposteltag (Simon und Juda am 28.) wird bekanntlich nicht mehr durch Arbeit«« ruhe gefeiert. Unter den anderen Heiligen des Oktober, in welchem sehr zahlreiche Namenstage fallen, stehen in erster Linie der Evangelist Lucas (am 18.) und der h. Franziskus von Assisi, der seraphische Stifter des nach ihm benannten Ordens (am 4.). Die Träger des Namens Franz finden noch einen Namenspatron in diesem Monat, den h. Franz von Borgia (am 10.), der das Vice- königthum mit dem Ordenskleide der Jesuiten vertauschte.
Neben dem soeben erwähnten Jahrestag der Schlacht von Lepanto steht in geschichtlicher Beziehung der 18. Tag des Oktober im Vordergründe. An ihm wurde 1813 der große Kampf um Leipzig mit der Besiegung Napoleon's beendet, die Macht des Corsen und seiner Eroberungs- armee gebrochen. An diesem Datum ist 1831 der Kronprinz des deutschen Reiches und von Preußen geboren worden; somit wird später der Kaisersgeburtstag in den Oktober fallen. Der 18. Monats- tag spielt überhaupt in der Geschichte des hohen- zollernschen Hauses, theils durch Zufall, theils durch Wahl, eine große Rolle. Auch dis Krönung des regierenden Herrscherpaares fand am 18. Okt. 1861 statt.
Wenn wir einen PanegyricuS auf den bescheidenen Oktober schreiben wollten, könnten wir auch all' die bedeutenden neuen Gesetze und Einrichtungen aufzuzählen, welche zum Oktobertermin in Wirksamkeit getreten sind. Von der neuen preußischen Hypothekenordnung (1872) bis zur Eröffnung des Reichsgerichts (1879), von der Civil- ehe (1884) bis zur neuen Branntweinsteuer (1887). Aber lassen wir die Einzelheiten der jüngsten Vergangenheit und retten blo» dem Oktober den alten Ruhm, daß in ihm Amerika entdeckt ist, indem Columbus am 12. Oktober 1492 auf die erste zu Amerika gehörige Insel stieß. —
„Ende gut, Alles gut." Möge das letzte Viertel von 1887, in welches wir j tzt hineintreten, einen befriedigenden Abschluß des Jahres herbeiführen!
* Kauft nach Fünftelpfunden, nicht nach Viertelpfunden.
In einem recht bemerkensivehrten „Münzen und Gewicht im Kleinverkehr" überschriebenen Artikel kommt die ,Schles. Ztz.' zu dem Rathe für ihre Leser, bei Detaileinkäufen nach Fünftelpfunden statt nach Viertelpfunden zu kaufen. Sie beweist die Richtigkeit dieses R ühes durch ein'ge praktische Beispiele. Es heißt in dem Artikel u. a.:
In einer „feinen Fleischwaarenhandlung" fragte eine Dame: „Was kostet das Pfund italienischer Salat?" Antwort: 1 Mk. „Ich bitte um 100 Gramm." Einige Augenblicke war die Verkäuferin in Verlegenheit, sie holte bei der Geschäftsherrin Rath, und diese erklärte unmuthig:
„Unter für 25 Pfg. wird davon nicht verkauft." „Dann bitte ich um 125 Gramm", erklärte die Dame. Wiederum einige Verlegenheit. Dann wurde ein Hundertgrammund ein Zwanziggramm-Gewicht auf die Wage gelegt. Die Dame behauptete nun ihr Recht und sagte, als die Wage im Gleichgewicht stand und die Verkäuferin eben im Begriff war, das Papier mit der Waare von der Schale zu ziehen: „Es fehlen 5 Gramm auf der Wage." Im Tone des Zornes erfolgte die Antwort: „Das machen wir im Gewicht gut", und diesmal wurde wirklich eine Kleinigkeit nachgegeben. Als es darauf zur Zahlung kam, bedurfte es für die Verkäuferin noch der Sammlung, um zu begreifen, daß i/< Pfund gleich 125 Gramm.
In diesen Tagen erst forderte eine Dame wieder in einem anderen „feinen Fleischwaarengeschäft" i/e Pfund (100 Gramm) gekochten Schinken. „Sie wollen ein Viertelpfund?" Antwort: „Nein, 100 Gramm." „Also für 35 Pfennig?" „Nein, 100 Gramm." Die 100 Gramm wurden ihr genau zugewogen; von dem Thaler, den ft: hinlegte, wurden ihr indes statt 32 Pfg. 35 abgezogen. „Was kostet das Pfund Schinken?" fragte die Dame. „16 Böhm", war die Antwort, bei der sich zu bescheiden sie für gut fand.
Nun ein Beispiel typischen Charakters, welcheszeigt, wie tief die Sitte, nach Viertelpfunden zu kaufen, eingerostet ist, und welchen Nachtheil das kaufende Publikum dabei erleidet I Gegen Ende bei vorigen Winters forderte ein Herr in einer durchaus soliden Delikateßhandlung 60 Gramm Kaviar. Das Pfund kostete damals die sehr ungerade Summe von 7 Mark 50 Pfennig. Augenscheinlich war das geforderte Quantum absichtlich so bemeffen, daß der Preis eine runde Summe ergebe. Es wurden ihm richtig 60 Gramm zugewogen, als er aber 90 Pfg. auf den Tisch legte, erklärte der Verkäufer: „Sie haben 94 Pfennige zu zahlen." Gewiß keine runde Summe. Als der Käufer seinen Kalkül machte, wurde ihm entgegnet :
Sehen Sie, wir rechnen anders. 60 Gramm ist für uns ein Achtelpfund — das ist überall so — der achte Theil von 7% Mark ist aber 93%, da müssen Sie 94 zahlen."
Diesmal ließ sich der kaufmännisch gebildete Verkäufer überzeugen, aber seine Ehre zu wahren, versicherte er, daß allerwärts das halbe Viertelpfund nur mit 60 Gr. (statt 62%) und meistens das Viertelpfund nur mit 120 Gramm statt mit 125 ausgewogen würde.
Der Käufer, der'nach Vierlel- statt nach Fünftelpfunden kauft, verliert danach usancemäßig vier Prozent, ein Verlust, der durch die beim Vierteln vielfach entstehenden Pfennigbrüche noch gesteigert wird. Vier Prozent bei Konsumartikeln bedeuten aber für eine Haushaltung für» Jahr nicht wenig. Dieser Verlust kann vermieden und gleichzeitig den Käufern das Rechnen erleichtert werden, wenn die einfache Regel befolgt wird:
Kaufe nach Fünftelpfunden statt nach Viertelpfunden
Die denkenden Leute sollten darin denkfaulen vorangehen, und bald würde das Eis gebrochen fein.
Vermischtes.
* Bei der Bedeutung, welche in jüngster Zeit den Brieftauben beigelegt wird, dürfte es intereffant sein zu erfahren, in welch' großartigem Umfange dieser Handelszweig in Lüttich betrieben wird. Es wurden nach dem neuesten Konsularberichte im Jahre 1886 versandt zusammen 1195 Eisenbahnwaggons, wovon jeder 25 Körbe geladen hatte, und da jeder Korb 35 Tauben enthält, so stellt sich der Gesammtversandt auf 29,875 Körbe — 1,045,625 Tauben.
• fWoher kommt das Wort „Kapelle?) Der Ursprung dieses Namens ist nicht ausgemacht. Einige glauben, es rühre her von dem hölzernen Dache, mit welchem die oft im Freien errichteten Altäre bedeckt wurden und welches capsa oder capsella genannt wurde; andere leiten den Namen her von cappa, der Mantelkapuze des heil. Bischofs Martin von Tours, welche wegen ihrer kleinen Gestalt capella hieß und dem GotteS- hause am fränkischen Hofe, wo sie sorgfältig bewahrt wurde, den Namen gab. ,
sHebamme-Zeugniß) Durch dieses bürgermeieramtliche Zeugniß soll nachgewiesen werden, wie achtungs- werth zu erkennen ist, vernommen zu haben, wie die Ehefrau des prakticirenden Arztes Herrn M., Gertraude geb. K, von hier, sich einem edlen Zwecke zu widmen beabsichtigt, nämlich auf eigene Kosten und pirsönl che Hingebung das Studium aufzunehmen, welches bei Geburtshilfe weiblicher Ereigniffe die Früchte sehnlicher Wünsche des brthei- ligten Geschlechts zu befriedigen vermag. Frau M. hat sich in häuslicher, moralisch bewiesener, notorisch sanitä- rischer, und aus das allgemeine Urtheil sich beschränkender Hinsicht das Lob und den Ruf dieser Eigenschaften zu erfreuen, weshalb man mit Vergnügen diese Ausfertigung derselben ertheitt.