1887
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Der Zwischenfall an der französischen Grenze.*) Kaum hat die Schnäbek-Affaire, welche auf das französische Spwnirsystem ein so eigenthümliches Licht warf, durch ben Dummejungen - Streich des Herrn Schnäbele junior eine tragi-komische Fortsetzung gefunden, va wird von der deutsch-französischen Grenze ein neues Rencontre zwi-chen Deutschen und Franzosen gemeldet. Leider hat der Vorfall, welcher sich am vorigen Samstag zwischen Schirmeck und Raon sur Plaine abgespielt hat, ein Menschenleben gefordert; ein von einer französischen Jagdgesellschaft als Treiber benutzter Brauerknecht ist von einem deutsch.n Grenzforstposten zusammengeschcsien worden, und ein französischer Kavallerie - Offizier wurde von demselben Posten durch zwei Schüsse so erheblich am Beine verwundet, daß eine Amputation nothwendig sein dürfte. Die laufenden politischen Tagesnachrichten haben über die näheren Umstände des Falles, über die Namen der Personen und Osrtlichkerten Hinlängliches gemeldet, so daß wir an dieser Stelle davon absehen und uns auf die Thatsachen beschränken können, welche für die rechtliche, für die völkerrechtliche und politische Beurtheilung des Falles in Betracht kommen.
Der Soldat Kaufmann vom Jägerbataillon m Zabern, welcher nebst einem Kameraden zum Schutze der deutschen Grenze gegen Grenzüberschreitungen von französtschen Wilddieben reguirirt worden war, hat sich, wie uns scheint, auf alle Fälle eine sehr bedauerliche Überschreitung seiner Befugnisse zu Schulden kommen lassen. Ob er selbst oder sein Vorgesetzter und Auftraggeber daran die Schuld trägt, ist eine andere Frage. Es dürste sich ganz von selbst verstehen, daß gerade im gegenwärtigen Augenblicke, während die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland sich immer schärfer zusp tzen, die N-ederschießung eines Burgers des einen Staates durch einen Grenzsoldaten des andern ein Ereigniß sein kann, aus dem sich die schlimmsten Verwickelungen ergeben, welches sogar den indirekten Anlaß zum endlichen Ausbruch eines Krieges bieten könnte. Da aber anerkanntermaßen die deutsche Negierung mehr als jede andere den
*) Nachdruck nicht gestattet.
o Der KaMu des Geiers.
«us dem Spanischen mit Erlaubniß des Verlegers übersetzt.
2. Fortsetzung.
Einige glühende Kohlen brannten noch im Kamine; das Bett war kaum benutzt, da sich der junge Mann angekleidet auf die Bettdecke gelegt hatte; Sara setzte sich auf dasselbe zu Millicent, während Darrell das Feuer anfachte.
Beim Eintritte in's Zimmer hatte man die Vorsicht gebraucht, die Thür zu schließen, so daß sie sicher waren, nicht belästigt zu werden, während man die verwirrten Stimmen der Diener hören konnte.
Sara zog Millicent die nassen Schuhe von den Füßen und' besprengte ihre Stirne mit Wasser.
„Sie hat Blut auf der Stirne," sagte sie, „und Blut auf dem Kleide; armes Kind, was hat man Dir gechan?"
Darrell legte die Hand auf ihre Schulter, und die Gattin des Wirtyes konnte bemerken, wie der starke Mann zitierte.
„Höre mich an," sagte er zu ihr, „eine schreck- liche That ist auf dem Schlosse geschehen. Wer sie vollbracht hat, weiß Golt allein, da dies arme Kind uns nichts sagen kann. Es ist nothwendia, daß ich mit Samuel gehe, um zu sehen, was ge-
Frieden zu wahren und zu erhalten sucht, so müssen die untergeordneten Organe der Regierung es sich angelegen sein lassen, im Sinne der friedlichen RezierungS - Tendenzen Alles zu vermeiden, was geeignet fein könnte, als zündender Funke in's Pulverfaß zu fliegen. Wir würden deshalb den Gc- brauck der Schußwaffe gegen eine Schaar von Menschen benachbarter Ration — und zwar augenscheinlich am Hellen Tage — selbst dann bedauerlich und übereilt finden, wenn die Angegr ffenen wirklich die Grenze überschritten hätten.
Rur zum Schutze gegen Wilddiebe, welche an der dortigen Grenze schon lange ihr Unwesen treiben, war der Beobachtungsposten bestellt. Daß der fragliche Grenzjäger die französische Jagdgesellschaft für veritable „Wilderer" gehalten habe, also für Leute, welche heimlich und auf Schleichwegen, ohne jede Jagdberechtigung, dem Wilde auflauern, erscheint kaum denkbar. Wenn wir die Sache recht verstehen, so soll eben in der Ueberschreitung der deutschen Grenze durch eine französische Jagdgesellschaft die Wilddieberei gefunden werden, indem diese nach der Gcenzüberschreitung auf unbefugtem Gebiete jagte, also wenn man will, „wilderte . Man braucht nicht gerade ein professtonsmäßiger Waidmann zu sein, um zu wissen, daß e» mit dem Einhalten der Jagdgrenzen, namentlich beim Treiben, nicht immer so genau gehalten wird, wie es wünschenswerth und gesetzlich ist; ist dieJagb- grenze gleichzeitig Landesgrenze, so ist der Fall allerdings wesentlich schlimmer; nun steht aber bereits fest, daß die Grenze bei Raon sur Plaine sehr komplizirt ist, und weiter kommt mildernd in Betracht, daß es sich um Waldterrain handelt. Wir haben diese Zwischenbemerkung nur eingeschaltet, um den allenthalben gebrauchten Ausdruck „Wilddieb" zu erklären, der in diesem Falle keineswegs ausschließt, daß es sich um eine Jagdgesellschaft aus den besseren Ständen handelte, welche mit den landläufigen „Wilddieben" nichts gemein hat.
Daß einzelne Personen von der fraglichen Jagd- gtsellschaft in der That auf deutschen Boden über« getreten sind, also da» Grenzrecht und Jagdrecht verlltzt haben, darf wohl ohne Weiteres als sicher angenommen werden, denn im anderen Falle hätte ja der Soldat entweder wider alles Völkerrecht gehandelt, geradezu einen Mord begangen, ober aber er selbst müßte die Grenze nicht genau ge
schehen ist. Du wirst daran denken, daß Niemanoen während meiner Abwesenheit der Eintritt in dieses Zimmer gestattet ist. Verstehst Du wohl?"
»Ja, ia." , ,
„Du wirst selbst bei Millicent wachen, ohne irgend einem menschlichen Wesen zu gestatten, sie zu sehen."
„Gut, Herr Darrell I"
„Und Du selbst wirst sie kein Wort fragen, und wenn sie sprechen will, so wirst Du sie daran hindern."
,Ja, ja. — Armes Kindl" sagte Sara, indem sie'sich zärtlich über Millicent neigte, welche auf dem Bette ruhte.
Darrell betrachtete einen Augenblick die junge Frau, von der er kaum sagen konnte, ob sie bei Bewußtsein war ober nicht; sie bückte durch ihre halbgeöffneten Augen, ohne zu sehen, unb es M-n, als begreife sie nichts von all' Dem, was in ihrer Umgebung geschah.
„Werdet Ihr zurückkehren," fragte Sara, „wenn Ihr Alles ausgeforscht habt?"
„Was dort unten geschehen ist? Ja, Sara, ich werde sogleich zurückkehren."
Man hörte Schotte auf der Treppe, Darrell öffnete die Thüre und trat auf ben Gang; cs
kannt haben. Beibes ist kaum denkbar, unb deshalb erscheint die Darstellung der französischen Jagdgenoffen unglaubwürdig. Am wahrscheinlichsten ist die Version, daß die beiden Franzosen allerdings die Grenzlinie überschritten haben, auf deutschem Boden niedergeschoffen worden sind unb sich bann über bie französische Grenze geschleppt haben, wo ber eine alsbalb verstarb.
Run entsteht aber bie Frage, ob es beim gerechtfertigt ist, in einem solchen Falle selbst nach erfolglosem Anrufen sofort das Magazin-Gewehr an die Wange zu brücken unb ben Ahnungslosen eine Kugel nach ber anderen in ben Leib zu jagen. Formell berechtigt mag das Verhalten des Jägers gewesen sein, materiell kann es nicht berechtigt sein, wenn sich bie Ungesetzlichkeit ber Grenzüberschreiter auf diese Thatsache beschränkt hat. Ob die Untersuchung, welche sowohl von deutscher wie von französischer Seite mit Nachdruck geführt wird, den Fall unzweifelhaft aufklären wird, muß abgewartet werden, denn die beiderseits zu vernehmenden Zeugen sind theilweise selbst Partei, unb ist deshalb Befangenheit nicht ausgeschlossen. Wie aber auch die Untersuchung ausfallen mag, soviel dürfte schon jetzt feststehen, daß auf deutscher Seite eine Ueberschreitung vorliegt, daß der Soldat Kaufmann nicht im Sinne der in den maßgebenden Kreisen herrschenden Anschauungen gehandelt hat. Ob er selbst ober ob seine nächsten Vorgesetzten für biefe Ueberschreitung verantwortlich zu machen find, läßt sich natürlich von einem Uneingeweihten nicht beurteilen. Gewiß sprechen manche Milberungsgründe für dieses schroffe, rücksichtslose Vorgehen. Man kann sich leicht in bie Stimmung ber Grenzbeamten hineindenken, welche durch tagtägliche Chikanen und durch chauvinistische Kundgebungen der Grenznachbaren, vor allem vielleicht auch durch den neuesten Fall Schnäbele, bie Beschimpfung der deutschen Grenze, stark gereizt sind und mit dem größten Argwohn das französische Treiben überwachen.
Aber gerade wegen der heute so außerordentl ich gespannten Verhältnisse ist es mehr denn je erforderlich, baß bie Grenzbeamten mit der größten Ruhe, Besonnenheit und Kaltblütigkeit vorgehen, daß sie sich vor jedem Uebermaß an Diensteifer hüten. Gewiß, die deutsche Ehre verlangt es, daß wir fest und unerschrocken, mit stolz erhobenem
war ber Konstabler, ber neben dem „Schwarzen Bären" wohnte unb ben ein Diener geweckt hatte.
„Wißt Ihr Etwas, Herr Darrell?" fragte er begierig, sich bei biefer Gelegenheit auszuzeichnen.
„Nicht mehr, als jene Personen Euch sagen können", entgegnete Darrell; „aber ich werde jetzt selbst nach dem Schlosse gehen."
„Gut; ich werde Ew. Herrlichkeit begleiten wenn es Ihnen gefällt. — Kann man eine Laterne haben ?"
Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als Alle sich beeilten, ihnen zu entsprechen, und alle Laternen, die nur im ganzen Hause gefunden werden konnten, wurden zu seiner Verfügung gestellt. Er nahm eine für sich unb gaa eine andere Darrell.
„Herr Markham," sagte xr dabei zu diesem, „je früher wir hinkommen, desto kusser ist es."
Aber der dienstfertige Diener, der den Konstabler geweckt hatte, und die übrigen 8.-Ute des „Schwarzen Bären" hatten nicht Lust, ihres Antheils an dem Unternehmen beraubt zu weroen. Sie stellien sich mit verrosteten Bratspießen uns Schüreisen bc- saffnet zusammen, in der Absicht, Darrell und dem Konstabler zu folgen.
„Wir haben nicht nöthig," sagte dieser, sich barsch zu ihnen wendend, „daß Ihr die Aufmerk-