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1887

Dienstag, den 27. September.

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1 —■ . . 'Mertnr,. ausaenommen Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf.,

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Mein Treibhaus.

Humoreske.

In meiner zartesten Reporterjugend hatte ich einen Provinzredakteur, der mich marterte. Er mochte mich nicht leiden und ich haßte ihn. Wenn er mich wieder einmal zu einer recht erlichen Sache beordert hatte, zerbrach ich mir den Kopf, wie ich ihn ärgern könnte, ohne die strenge Dis- ciplin zu verletzen. Ich beobachtete ihn monate­lang, um endlich das geeignete Mittel zu finden. Diese Ausdauer wurde belohnt. Ich fand, daß er besonders große Stücke auf blühende Zweige und verfrühte Schmetterlinge hielt, wenn solche Anachronismen zur Winterszeit au» dem Publikum an die Redaktion gefendrt wurden. Dre Be­schreibung dieser liebenswürdigen Einsendungen besorgte er persönlich, wobei er immer die närn- lichen tiefsinnigen Gedanken über das „mit einem geheimnißvollen Schleier bedeckte Walten der Natur" entwickelte, sonstige empfindsame Redens­arten brachte und mit einem Dank an die „fern- sinnigen Beobachter der treibenden Kräfte im All schloß. Warte Du alter Griesgram, dachte ich, Du wirst die treibenden Kräfte noch verfluchen lernen Und von dieser Stunde an verwandelte ich mein Zimmer in ein förmliches Treibhaus. Durch Wärme und Wasier verleitete ich die ältesten Kirsch-, Birnen-, Pfirsich-, Kastanien-, Weiden- und sonstige Bäume, von welchen rch mir einen Zweig verschaffen konnte, zu den un­natürlichsten Ausschreitungen mitten im Wrnter. Wenn so ein Zweig ein paar Knospen angesetzt, oder wenn ich von irgend einem Gärtner frische Erdbeeren und dergleichen erhalten hatte, wurde das Wunder sofort sauber in eine Schachtel mrt Baumwolle verpackt und an meinen Feind gesendet. Der von einem meiner Freunde abgeschriebene Begleitbrief, aufgegeben irgendwo außerhalb der Stadt, lautete ohne wesentliche Veränderungen gewöhnlich folgendermaßen:

Euer Wohlgeboren!

Bei einem Spaziergange in meinem Garten fiel mein erstaunter Blick auf beifolgendes leben­diges Zeugntß von der Wahrheit des Satzes, daß dre treibenden Kräfte im All auch zur Winterszeit nicht ruhen. Welcher Anblick, bei so und so viel Grad Kälte Blüthen (Fruchte) an einem sonst winterlich kahlen Baum (Strauch) zu finden! Allerdings liegt mein Garten gegen

Süden. Trotzdem halte ich die Erscheinung für interessant genug, daß ich sie Ihnen mittheile ttt der angenehmen Hoffnung, ein paar Worte hierüber in Ihrem geehrten Blatte erwähnt zu sehen.

Hochachtungsvollst

A. B. oder C. D. u. s. w.

Mein Treibhaus lieferte wöchentlich zwei bis drei solche poetische Sendungen. Versagte es aber einmal, so scheute ich die Mühe nicht, auf ein kahles Zweiglein die Kelche von Maiglöckchen auszupfropfen, wobei ich mich auf die Kurzsichtig­keit meines Peinigers verließ. Dieser nahm in der That das Surrogat jedes Mal arglos hm, roch andächtig dazu und versicherte, es sei im Winter offenbar stellenweise eine außergewöhnlich energische Triebkraft vorhanden, weil das Zeug besser rieche, als im Frühling. Nachdem drei Wochen lang Schachtel auf Schachtel eingelangt war und mein Vorgesetzter bereits eine eigene Rubrik für das seltsame Walten der Natur hatte errichten müssen, kam eine Zuschrift aus dem Publikum folgenden Inhalts:

Werden Sie das so forttrelben mit dem blüh­enden Unsinn im Winter? Füllen Sie Ihren kostbaren Platz nicht mit einem Gefasel über dumme Bäume und Sträucher aus, die im Winter Blüthen ansetzen, als ob sie nicht im Frühjahre noch Zeit genug dazu hätten ! Auf demselben Raum könnten Sie einen anständigen Raubmord oder wenigstens einen Seesturm unter­bringen. Achtungsvoll Einer für Viele.

Natürlich freute ich mich ungemein über diesen ersten Entrüsteten. Der Alte aber sagte: „Merken Sie das neidische Konkurrenzmanöver ? Der Kukuk soll mich holen, wenn ich die von mir erfundene Rubrik „Der Winter als Ziergärtner" aufgebe. Just nicht! ,

Nun war cs Zeit, die Bestien gegen ihn loszu- lassm. Ich hatte unterdessen die Bekanntschaft eines ländliben „Pilgers" gemacht und demselben ein gutes Trinkgeld versprochen, wenn er mir em wahnsinniges Insekt oder anderes, zur jetzigen Jahreszeit unmögliches Kleinvieh bringen wülde. Zu meiner fröhlichen Ueberrafchung kam der Bursche nach einigen Tagen mit einem Maikäfer angeschritten. Wir schrieben Dezember. Ich wun­derte mich selbst, daß der Maikäfer so fett war, als ob man ihn gemästet hätte. — „Alle Achtung" belobte ich den Pilger. „Sie sind ein Ehren- mann. Wie haben Sie denn aber gegenwärtig einen Maikäfer erwischt?" — „Gnä' Herr", er- wiederte er verschmitzt, „wissen'«, i hab'n als Enger­ling ausgrab'n und aufpappelt, bis aus ihm a Maikäfer word'n i«. Der hat Jhna waszsamm- g'frcss'n! A Gans hält' i damit fchopp'n können."

EM frecher Lügner! Aber was ging mich die Entstehungsgeschichte des Maikäfers an? Mir war geholfen. Alsbald setzte ich den dicken Maikäfer in eine Schachtel mit durchlöchertem Deckel und gab ihn unter der Bezeichnung „Viehtransport" zur Post. Am nächsten Morgen schon las ich etwas von den schöpferischen Launen der Natur, welche zur Weihnachtszeit einen Maikäfer in die Welt gesendet hätte, um die Menschheit mitten im starren Frost daran zu mahnen, daß es ja doch einmal Frühling werden müsse. Im Bureau sah ich dann den Maikäfer auf dem Tische meines Quälgeistes Herumkriechen. — „Wollen Sie ihn Nachts auch hier lassen?" fragte ich. — Warum denn nicht? Er ist ja angebunden." — „Hm , sagte ich sehr ernsthaft, „auf einen Mackäfer, der im Dezember schon erscheint, ist meines Erachtens kein Verlaß. Das Vieh bellt am Ende die ganze Nacht wie ein Schloßhund."

Er sandte mich auf der Stelle zu einer Ex- humirung, bei der ich ohnmächtig wurde. Dies nahm ich racheschnaubend zum Anlaß, um einige Tage krankgemeldet das Zimmer zu hüten und daselbst mehrere Weidenäste herzustellen, die ich ihm zusendete. Außerdem kam mein Pilger und brachte mir eine ganz muntere Hummel, einen Mistkäfer, einen Regenwurm, einen alten, glatz­köpfigen Kohlweißling und ein paar siamesisch zu­sammengewachsene Kaulquappen. Diese ganze Menagerie wanderte hinein zu meinem Wider­sacher, daß ihm die Finger krachten ob der haar­sträubenden Dinge, die er in der Rubrik „Winter­liches Thierleben" schreiben mußte.

Als ich wieder in das Bureau kam, war er in böser Laune. Er mußte wieder einige Schimpf­briefe erhalten haben. — „Gut, daß Sie da sind," schnurrte er mich an. „Die interessanten Rubriken über Winterblüthen und voreilige Thiere, welche ich eingeführt habe, finden solchen Anklang, daß ich nicht mehr Zeit habe, sie zu bewältigen. Von heute an übernehmen Sie diese Sachen. Aber ich bitte mir aus, daß fie sorgfältig gemacht werden. Sie leichtsinniger Mensch sind sonst im Stande, eine rekommandirte Reblaus zum Fenster hinaus­zuwerfen. Muß schön bitten!"

Wie der Zufall aber mitunter spielt — es kam in diesem Winter keine einzige vorwitzige Blüthe und auch kein voreiliges Vieh mehr per Post, und so trat im März der Wütherich auf mich zu, mir den Verweis ertheilend: „Es muß sich verbreitet haben, daß Sie die beiden Rubriken redigiren. Niemand hat es mehr der Mühe werth gefunden, Pflanzen oder Thiere zu schicken. Selbstverständ­lich haben Sie sich auch um diese Naturspiele nicht im Geringsten gekümmert. Solchen Ereignissen muß man nachgehen, wenn Sie nicht selbst kom­men. Aus Ihnen wird nichts, mein Lieber, das sehe ich schon. Die nächste Arbeit besorge ich wieder selbst, hab' kein Vertrauen mehr . . ."

„N. W. Tbl."

Literarisches.

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