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M 220. Dienstag, den 27. September. 1887

filiiitr W Jtitiig.

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Erstes Blatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. September.

* Der K aiser ist heute Vormittag im besten Wohlsein in Baden-Baden eingetroffen und auf dem Bahnhofe, wo der Kaiser von Brasilien zum Empfange anwesend war, vom preußischen Ge­sandten und von den Spitzen der Behörden be­grüßt worden. Am 30. September wird in Ba­den-Baden der Geburtstag I. M. der Kaiserin wie alljährlich im Kreise der großherzoglich badi­schen Familie feierlich begangen, wozu auch noch der Besuch einiger fürstlicher Gäste erwartet wird. Der König von Belgien begibt sich morgen nach Baden-Baden, um Se. Maj. den Kaiser zu be­grüßen und an der Geburtstagsfeier I. M. der Kaiserin theilzunehmen. Die großherzoglich badi­schen Herrschaften siedeln am Mittwoch von Karls­ruhe nach Baden-Baden über. — Der Kron­prinz ist gestern Vormittag nach Trient gereist. Dr. Mackenzie begleitet den Kronprinzen auf einem Theil der Reise und begab sich dann nach Meran.

* Auf kirchenpolit-ischem Gebiete liegen bestimmte Nachrichten nicht vor. Ein französisches Blatt wollte von neuen, auf die Erweiterung der letzten kirchlichen Friedensgesetze bezüglichen Instruktionen wiffen, die Herr v. Schlözer vom Reichskanzler mit nach Rom gebracht habe; was aber daran wahr ist, bleibt abzuwarten. Dann war auch von einer bevorstehenden endgiltigen Vereinbarung wegen des Einspruchsrechtes, wodurch die „letzten Reste dcs Kulturkampfes be­seitigt" werden sollten, die Rede; nähere« ist aber darüber nicht bekannt geworden. Daß noch manches zur Beseitigung der Kulturkampfgesetzgebung zu thun ist, davon hat dieser Tage wieder ein Fall in Bayern Zeugniß abgelegt, woselbst ein Jesuitenpater durch einen protestantischen Beamten verhindert wurde, eine hl. Meffe zu lesen. In China, Indien und der Türkei darf er das unge­straft thun, im katholischen Bayern nicht. In­zwischen fahren protestantische Hetzer auf Ver­sammlungen des Gustav-Adolf-Verein», auf Generalsynoden und allerhand Konventikeln fort, den Haß der Protestanten gegen die „Römlinge" M schüren, im dreisten Tone Schmälerung der

Dinh rigtnt Schuld.

Roman auS der HandelSwelt.

83. Fortsetzung.

Hermann begriff seinen Onkel nicht und doch hatte er gerade in der letzten Zeit noch mehr Ursache al» früher gehabt, ihn hoch zu achten. Er war mit vielen und bedeutenden Häusern in Verbindung gekommen und überall ward er al» Reffe und Vertreter de» alten Steider mit der größten Zuvorkommenheit und mit einem Ver­trauen behandelt, al» ob er der Sohn de» ersten Kaufmann» der Stadt gewesen wäre. Erst jetzt hatte er erkannt, in welchem Ansehen und welcher hohen Achtung der Alte in kaufmännischen Kreisen dastand. Ja, er war nur ein einfacher Geschästs- nihrer gewesen, und doch würde Ader, der ihn Kannte, ihm unbedingt den größten Kredit gegeben haben.

Steider lächelte zufrieden, wenn ihm Hermann Mrvon erzählte. Auch er hatte seinen kleinen ?tolz darüber, daß er, länger denn fünfzig Jahre, Ewem einzigen Hause in Treue gedient, welche gewankt hatte. Auch ihn erfreute e», daß Snbete die» anerkannten, daß sie ihm schweigend

Rechte ihrer katholischen Mitbürger zu fordern und sich zu geberden, al» wären sie allein die Herren im Deutschen Reiche. Viel Sorge machen un» die großen Worte nun gerade nicht, aber sie erinnern uns doch daran, stets auf der Hut zu fein. Konstatirt muß übrigens werden, daß so tolle Ausbrüche des Pastoren-Fanatismus, wie sie Thümmel sich geleistet hat, von protestantischer Seite selbst zurückgewiesen werden; sogar national­liberale Wortführer haben sie verurtheilt.

* Der Kaiser hat das Herrenhausmitglied Frhrn. v. Solemacher-Antweiler zu Bonn, der in dem bekannten Streite mit einem jungen Herrn von Schorlemer-Metternich vom Landgericht zu Bonn wegen Duellforderung rechtskräftig ver­urtheilt worden war, nunmehr vollständig be­gnadigt.

* Vor einigen Monaten ist dem Bundesrathe bereits eine Vorlage, betreffend die Unter­stützung der Familien der zur Fahne be­rufenen Reservisten und Landwehrmänner zuge- gangen. Dieselbe bezieht sich indeffen nur auf den Kriegsfall und nicht, wie dies vom Reichstage angeregt worden war, auch auf die Einberufung dieser Mannschaften für Friedensübungen. Es darf also zweifellos angesehen werden, daß der Reichstag auf seine früheren Anregungen zurück­kommen wird. Aus mancherlei Vorzeichen ist in­deffen zu schließen, daß bereit» im Bundesrath eine Ergänzung des Gesetzes in diesem Sinne an­gebahnt wird. Jedenfalls darf angenommen werden, daß ein Gesetz in dieser Richtung sowohl den Kriegs- als den Friedensfall in gleichem Um­fang berücksichtigen wird.

* An der deutsch-französischen Grenze ist am Sonnabend von deutschen Forstbeamten auf Theilnehmer einer französischen Jagdpartie ge­schossen worden, wobei leider ein Piqueur, der Brauerei-Kommis Brignon, getödtet und ein Jäger, der Sekondelieutenant von Baugan am Beine schwer verwundet wurde. Dieselben waren für Wilddiebe gehalten worden und hatten diesen Verdacht dadurch bestärkt, daß sie die Zurufe der deutschen Beamten unbeantwortet gelassen hatten. Die französische Regierung soll bei der deutschen deshalb eine diplomatische Aktion eingeleitet haben; es bedurfte derselben.indeß wohl kaum, da deut­scherseits sofort die Untersuchung über den Vor­fall in Gang gesetzt wurde.

durch das Vertrauen welches sie ihm schenkten, zugestanden, seine Handelsgrundsätze seien die zu­verlässigsten und die richtigsten.

„Weßhalb man mir so offen vertraut," sprach er dann wohl in solchen Augenblicken, „das ver­danke ich weniger mir, als dem alten Herrn Damken, denn von ihm habe ich die festen und sicheren Grundsätze geerbt, nach denen ich später das Geschäft so lange hindurch geführt habe. Den­jenigen suche ich mir, der unter des alten Herrn Damken oder unter meiner Leitung auch nur um einen einzigen Thaler betrogen worden wäre, oder der sagen könnte, es wären ihm Versprechungen gemacht und Aussichten eröffnet worden, die ihm nicht gehalten seien. Ich wciß wohl, daß Viele das alte Handelsprinzip, nach dem ich stets gehan­delt habe, verlachen und für veraltet erklären; ich weiß, daß Vielen die strenge Redlichkeit und Ge­wissenhaftigkeit, welche diesem Prinzip zu Grunde liegt, störend ist; ich w iß, daß es »icht in einem glücklichen Schlage reich macht, daß es Fleiß und Arbeit, Ausdauer und einen ehrlichen Charakter erfordert, aber es hat mich auch nie getäuscht und im Stich gelassen. Und wenn da« Haus Damken jetzt g» fallen, bas ist nicht die Schuld de» alten System», das ist die Schuld Damken», die Schuld

* Die internationale Konferenz der Vereine zum Rothen Kreuz bestimmte dm von der Kaiserin ausgesetzten Preis für die beste innere Einrichtung eines transportablen Lazareth».

* Frankfurt a. M., 25. Sept. Die heutige außerordentliche Hauptversammlung de» Börsen­vereins deutscher Buchhändler, von über 400 Mitgliedern aus Deutschland, Oesterreich und der Schweiz besucht, nahm mit 361 gegen 34 Stimmen neue wichtige Vereinssatzungen an, welche den Schutz der Ladenpreise beim Bücherverkauf be­zwecken. Die heftige Berliner Opposition wurde laut der ,Köl. Vztg? gebrochen, nachdem Leipzig zugestimmt hatte.

Ausland.

* Die Deutschen-Hetze in Frankreich greift immer weiter um sich. So schreibt der,Patriote', der Beziehungen zum französischen Kriegsministe­rium unterhalten soll: „Wir erfahren mit leb­hafter Befriedigung, daß die Bürgermeister der Arrondissements von Paris die amtliche Aufforde­rung erhalten haben, vor Ende dieses Monats dem Ministerium des Innern eine Aufstellung aller in ihrem Bezirke wohnenden deutschen Untertanen einzureichen. Wir können Herrn Falliöre dazu nicht genug Glück wünschen. Es ist gut, daß man ein- für allemal weiß, wie groß die Zahl der Hungerleider von jenseits de» Rheines ist, welche uns ausbeuten und uns unter allen Formen aus- kundschaften, bis sie als Feinde in das Land zu­rückkehren, wo sie als Schmarotzer gelebt haben. Die Arbeit ist schwierig, weil die Leute preußischen und deu'schen Ursprungs ihre Rationalität verber­gen. Die Polizeipräfektur hat sich bereits damit beschäftigt und wir bezweifeln nicht, daß die Bür­germeistereien sie thatkräftig unterstützen werden, um ein vollständiges Verzeichniß der deutschen Ko­lonie in Paris aufzustellen."

* Rom, 24. Sept. Der Papst empfing heute den preußischen Gesandten v. Schlözer in Audienz.

* Rew-Uork, 23. Sept. In Chicago hat die erste demsch-amerikanische Katholiken-Versamm- lung getagt, welche auf der letzten General-Ver­sammlung des katholischen Centralvereins in To­ledo beschlossen wurde. Sie verdankt ihren Ur­sprung der Opposition gegen deutsches Wesen unter den Katholiken seitens Irländer und Amerikaner,

Äleufere, die Beide nur nach Geld strebten, ohne Lust gehabt zu haben, es zu verdienen.

Hermann konnte ihm nur Recht geben, denn er selbst hatte bereits Erfahrungen genug gemacht, die ihn vor den leichtsinnigen Börsenspekulationen und Spielen zurückschreckten. Der alte Steider schien einen besonderen Plan im Sinne zu haben, weil er in der letzten Zeit auffallend ruhig und fast heiter geworden war, allein er theilte Niemand etwas darüber mit.

So rückte der Tag heran, an welchem die ge­richtliche Auseinandersetzung mit den Gläubigern des Hause» Damken stattfinden sollte. Mit äußer­ster Spannung sahen Gabriele und Hermann ihm entgegen, nur der Greis schien' ihn mit Ruhe zu erwarten.

„Ich hätte mit Freuden Alle», war mir ange­hört, hingegeben," sprach er an dem Tage zuvor zu Hermann, „wenn ich dadurch die Schmach von dem alten Geschäfte hätte abwenden können; aber e» ist zu spät, ich kann e« nicht verhüten, das alte Haus Damken ist dahin, ist unrettbar verloren."

Er hatte da« Wort „alte" besonder» betont, ober Hermann bemerkte es nicht. Auch als der Alte ihm mittheilte, daß er am folgenden Morgen in die Stadt kommen werde.