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Montag, den 26. September.
1887
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Nationalliberale Wortbr üchigkeit.*)
Daß die konservative Partei einer auf die Ein- schränkung des Wahlrechtes hinzielenden deutschen Versa ssungS-Aenderung das Wort redeten, wird Niemanden in Erstaunen setzen können, nachdem die anerkannten Führer dieser Partei schon lange selbst vor versammeltem Parlamente kem Hehl daraus gemacht haben, daß sie das heute im deutschen Reiche geltende allgemeine, geheime, direkte Wahlrecht von Grund aus bekämpfen. Ihnen muß daher jeder Schritt, der zwar noch nicht an dieses Ziel heran^eht, aber als eine Vorbereitung dazu betrachtet werden kann, hoch willkommen fein. Die Stellung der konservativen Parteipresse zur Frage der Verlängerung der Legislatur-Perioden finden wir daher sozusagen selbstverständlich. Und wenn auch unklug im höchsten Grade, so ist es doch auch wieder sehr natürlich, wenn konservative Blätter vom Schlage des.Reichsboten' und ministerielle Organe, wie die .Berliner Politischen Nachrichten' und die.Nordd. Allgem. Ztg.', schon gleich hervorheben, daß auch die in der VerfasiungS-Aen- derungsvorlage von 1880 enthaltenen weiteren Beschränkungen der politischen Volksrechte — zweijährige Budgetperiode nebst Einberufung des Reichs- tages nur in jedem zweiten Jahre — als erstrc- benSwerthe Programmpunkte bestehen bleiben, ja wenn der .Reichsbote' sogar noch weiter geht und Aushebung der Wahlberechtigüng für alle Bürger bis zum 30. Lebensjahre beantragt.
Das sind Alles sozusagen selbstverständliche Dinge, über di? wir uns an sich nicht zu echausfiren brauchten, denn es ist vorläufig dafür gesorgt, daß die konservativen Bäume nicht in den Himmel
*) Nachdruck verboten.
Nnch eigene Schuld.
Roman aus der Handelswelt.
82. Fortsetzung.
Nun ja," warf der Diener lächelnd ein. „Dies find doch nicht dieselben Steine, welche in dem Schmucke saßen, als Sie denselben geerbt haben, und welche ich von einem Goldschmied habe taxiren lassen. Dies sind keine echten Steine, und wenn Fräulein Damken auch nicht das Geld hat, sie zu bezahlen, der alte Steider ist reich, er wird bezahlen; er muß es thun, um von seinem Herrn den Vorwurf einer solchen gemeinen Betrügerei ab- zuwenden. Darauf möchte ich wetten."
„Und womit könnte ich beweisen, daß dies mcht mehr dieselben Steine sind, wie Du glaubst?" entgegnete der Gutsbesitzer.
„Ich glaube es nicht, ich weiß es gewiß und kann es beschwören, daß einst andere Steine in dem Schmuck gewesen sind, der Goldschmied kann er auch bestätigen. Fräulein Damken kann es nicht beweisen, daß sie Den Schmuck mit diesen Steinen empfangen hat; ihr Vater kann ja nun Sie werden schon merken, worauf ich hinaus will."
„Ja, ich merke es," entgegnete Letzingen, dessen Habsucht den Vorschlag seiner Dieners allerdings
wachsen. Weniger selbstverständlich jedoch, wenn auch vielleicht nicht gerade erstaunlich, ist die Stellungnahme der nationalliberalen Parteipresse zu der vorwürsigen Frage. Hier handelt es sich um nichts mehr und nichts weniger, als einen Wort- bruch. Denn wenn auch vereinzelte nationallrbe- täte Abgeordnete ihrer Gegnerschaft gegen das herrschende Wahlrecht, ja sogar gegen das allgemeine, direkte und geheime Stimmrecht schon offen Ausdrück gegeben haben, so war doch namentlich bei der letzten Reichstagswahl auf der ganzen Linie die einmüthige Parole ausgegeben, die Wähler darüber zu beruhigen, daß der neugewählte Reichs- tag kein Verfassung-recht antast-.n, insbesondere auch die Wahlgesetzgebung unverändert lassen werde. Man braucht nur in den Januar- und Februar- Nummern irgend eines beliebigen nationalliberalen Blattes nachzuschlagen, und man wird eine ganze Sammlung von „Entrüstung» - Ausrufen" und Schmähungen gegen die „Reichsnörgler', „Reichs- feinde" und „Reichsschädlinge" finden, welche den guten, harmlosen, unschuldigen Nationalliberalen den schändlichen, verleumderischen Vorwurf machten, sie wollten cn der bestehenden Verfassung und an der Wahlgesetzgebung rütteln. Die national» liberalen Helden waren nahe daran, den Staatsanwalt gegen diese angebliche „volksaufhetzende" Verleumdung der Oppositionsparteien anzurufen, und wenn uns unser Gedächtniß nicht täuscht, so hat irgendwo im deutschen Reiche ein Oberamtmann oder eine ähnliche amtliche Person in amtlicher Form eine Kundgebung erlassen, wonach es eine oppositionelle Wahllüge der schlimmsten Sorte sei, daß der nächste Reichstag die Verfassung und Wahlgesetzgebung ändern solle. — In dem besonderen Wahlaufrufe der nationalliberalen Partei m Baden findet sich sogar folgende ausdrückliche Versicherung: „Laßt Euch nicht täuschen, wenn Ihr zur Vertheidigung angeblich bedrohter Verfaffungs- rechte aufgerufen werdet. . . . Kein Verfassungsrecht ist bedroht."
Und heute, kaum sieben Monate nach den Rerchs- tagswahlen, wie lautet heute der nationalliberale Refrain? Oder ist vielleicht das Recht des wahlfähigen deutschen Volkes, au» seiner Mitte alle 3 Jahre eine neue Volksvertretung, einen neuen Reichstag zu wählen, die Thaten der bisher be- stellten Vertreter zu kontrolliren und sie entweder für einen Augenblick aufgefaßt hatte, dessen Ehrgefühl sick aber ebenso schnell wieder von einer so niedrigen Betrügerei abwandte. „Ich merke, was Du willst, der alte Geschäftsführer, hoffst Du, soll den Schaden ersetzen."
Der Diener nickte zustimmend.
„Weißt Du auch, welcher Unterschied zwischen dem alten Diener und Dir ist?" fuhr Letzingen fort. Siehe, Jener würde einige Tausend Thaler hingeben, um von seinem tobten Herrn einen schmutzigen Verdacht, an den er nie glauben wird, abzuwenden, und ich zweifle nicht daran, daß er es thäte, und Du — Du willst Deines eigenen Vortheil» halber Deinen Herrn bewegen, einen schmutzigen Betrug zu begehen, und willst selbst einen Meineid mit in den Kauf geben! Ein sauberer Plan von Dir, für den Du das Zuchthaus verdientest."
„Er ist ja nach nicht ausgeführt," warf der Diener verlegen ein.
„Sei ruhig I" herrschte ihm Letzingen unwillig zu. Ich habe allerdings die echten Sterne aus dem Schmuck nehmen lassen, weil sie ein todtes Kapital waren und weil der Schmuck mir gehörte und wenn Fräulein Damken ihn behalten hätte, würde ich auch die unechten Steine wieder durch die echten haben ersetzen lassen. Ich hoffe, daß
auf'» Neue zu bestätigen, oder, wenn sie den Wünschen und Voraussetzungen der Wähler nicht entsprochen haben, andere an ihre Stelle zu setzen — ist dieses Recht kein Verfassungsrecht?
Man verschone uns mit der Einwendung, es handle sich hier gar nicht um eine Beeinträchtigung des Volkswahlrechtes, sondern im Gegen- theil um eine dem Volke zugedachte große Wohl- t h a t, man wolle dem Volke die häufige Wahlaufregung ersparen und dadurch dem Frieden und der Eintracht unter den Bürgern dienen. Sehr schön gesagt! Aber bei Licht besehen, nimmt sich die Sache ganz anders aus. Abgesehen davon, daß hinter dem jetzigen Plane noch ganz andere Dinge versteckt liegen, abgesehen davon, daß die sonderbare „Wohlthat" zwei Jahrgängen des Volkes ihr Wahlrecht indirekt entzieht, erlauben wir uns die Anfrage an die so uneigennützigen „Volks- wohlthäter", weshalb , sie ihre reinen, lauteren, wohllhätigen Absichten nicht vor den Wahlen geäußert und dem Volke Gelegenheit gegeben haben, durch den Stimmzettel sein maßgebendes Urtheil darüber abzugeben? „Wohlthaten" werden bekanntlich nicht aufgedrungen, und so sollte man auch dem deutschen Volke eine ihm zugedachte „Wohlthat" erst dann zukommen lassen, wenn man sich verlässigt hat, ob das Volk die Wohlthat auch gerne annimmt. Wenn die Frage offen und ohne Rückhalt bei dem nächsten Reichstag zur Entscheidung gebracht werden soll, so erklären wir schon im Voraus, daß wir uns dem in Stimmzetteln ausgedrückten Willen des Volkes gern beugen werden. Wir meinen aber, daß gerade in dieser Frage, bei der es sich um das Wählen selbst und um das Wahlrecht handelt, die Wähler gehört werden sollten, und daß es ein schändlicher Wortbruch wäre, nachdem man ihnen vor den Wahlen zur Beruhigung und Einschläferung gesagt hat, das Wahlrecht werde nicht angetastet, jetzt hinterher das Wahlrecht doch anzutasten. Der Appell an das Volk dürfte um so eher geboten fein, als ja in einem nationalliberalen süddeutschen Blatte ganz offen der Ueberzeugung Ausdruck gegeben wurde, die weitaus überwiegende Mehrheit des Volkes sei gegen die Verlängerung der Legislaturperioden. Will man nun vielleicht als Zwangsvormund des Volkes vor den nächsten
Du mir nicht zum zweiten Male mit einer solchen Zumuthung entgegen treten wirst — sonst dürftest Du die längste Zeit in meinem Dienste gewesen sein."
Der Gutsbesitzer verließ in unwilliger Stimmung das Zimmer und der Diener schaute ihm mit erschrockener und betroffener Miene nach.
Der Konkurs des Hauses Damken zog wert größere und weiter greifende Folgen nach sich, als man selbst in vertrauten Kreisen im Anfang geglaubt hatte. Es lag zwar auf der Hand, daß viele von den Geschäften, welche mit ihm in Verbindung gestanden hatten, bedeutende Verluste treffen mußten, aber Niemand ahnte, daß gerade mehrere derjenigen Häuser, welche in erster Reihe der Gläubiger standen, sich .selbst in einer sehr gefährdeten Lage befanden, die nut eines geringen Anstoßes bedurfte, um zusammenzubrechen.
Dies betraf vorzugsweise das Haus Gunther und Co. und Franke. Beide waten schon seit längerer Zeit gefährdet, hatten aber ihre Lage nut Geschick zu verbergen gewußt. Beide hatten durch Polenz's Vermittelung von dem Hause Damken, welches sie für durchaus sicher und reell hielten, Wechsel zu bedeutenden Preisen angenommen, m it ihrem Giro versehen und an Buchmann verkauft, der auch sie wieder für völlig gut hielt und a^