HL 318.
Sonnabend, den 24. September.
1887
Muer
3eitimg.
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G Der Sonnabend in der Kaserne. • Am Nachmittag des Sonnabends findet in der Regel beim Militär kein äußerer Dienst statt, der Kasernenhof ist, abgesehen von den unvermeidlichen Nachexerziere:«, die sich bis in die späte Abendstunde tummeln müsien, leer; dagegen erschallt lauter Gesang aus den Korridoren, und an den steinernen Wafchtrögen herrscht reges Leben. Gleich nach der Mittagszeit werden die Tische und Schemel aus den einzelnen Stuben auf die Korridore geschafft, und hier beginnt nun unter Aufsicht des Schießunteroffiziers das allwöchentliche große Gewehrreinigen. Mit Werg, Leinwandläppchen, Oel und Holzspann bemüht sich Jeder, sein Gewehr vorwurfsfrei und zweifelsohne zu machen, denn, wie jener Sergeant zu sagen pflegte, daß Gewehr ist eigentlich die Braut des Soldaten und muß deßhalb „hübsch geputzt" sein. Was „rein" heißt, kann eigentlich keiner definiren und beurtheilen, der nicht Soldat gewesen ist, und ich kann, seitdem ich als Soldat das Kochgeschirr zu reinigen gelernt hatte, die von der Köchin gescheuerte Kasserole nur mit stillschweigender Verachtung sehen. Und dieser militärische Begriff der Reinlichkeit konzentrirt sich ganz besonders auf das Ge-
* Der stellvertretende Redakteur.
„Wer ist denn jener Monk mit dem traurigen Aufsehen, den ich beim Durchschreiten des anstoßenden Zimmers darin sitzen sah?" sagte Mr. Jones zum Chefredakteur.
„Der ? Das ist Lawson, unser stellvertretender Redakteur^ „Was ist denn — was hat denn solch' eine Art Redakteur für Funktionen?"
„Nun, wissen Sie, wir haben Lawson dazu angestellt, unangenehme Folgen aller Art auf die Schultern zu nehmen. Wenn wir auf jemanden losgehen und die außer Fassung gebrachte Natur es nicht länger aushalten kann und der beleidigte Mann besucht uns, so weisen wir ihn da hinein und lassen ihn Über Lawson herfallen."
„Ich verstehe nicht recht —"
„Hören Sie. Der Mann kommt her und verlangt den Chefredakteur zu sprechen. Der Bursche an der Thür merkt schon an dem Flammen seines Auges, was er will, und geleitet ihn in Lawson's Zimmer. Dann erfolgt ein kurzer Schrei, und etwa eine Viertelstunde später kommt Lawson langsam hier herein mit dem Taschentuch an der Nase und sagt, daß sein Salair erhöht werden muffe. O, das ist ein sehr nützlicher Mann. Indem er alle Stürme auf sich konzentrirt, kann das regelmäßige Redaktions- Personal ruhig und in Sicherheit arbeiten. Er wird in der Woche ein- oder zweimal gepeitscht, und zu Boden geschlagen wird er noch öfter. Wir haben den Fußboden drinnen polstern lassen, um es ihm so bequem als möglich zu machen. Aus einer gewöhnlichen Tracht Prügel macht sich der Wann nicht viel, aber er hat eine merkwürdige Abneigung vor dem Angeschoffenwerden, wahr
wehr, bei dem jeder Theil seine eigene vorsichtige Behandlung verlangt. Da dürfen die Theile des auseinandergespannten Schlaffes von etwaigen Rostflecken und sonstigem Schmutz nur durch Wischen mit dem ölgetränkten Läppchen befreit werden. Unbemerkt wird freilich auch schnell ein bischen Kalk von der Wand gewischt und ein Schächtelchen mit fein pulverisirtem Bimstein ist auch vorhanden, aber wehe dem, der beim Gebrauch dieser Mittelchen ertappt wird. Beim Lauf wiederum darf man die durch Regen erzeugten Flecke nur durch ganz loses Betupfen mit Oel entfernen, damit die Brünirung, d. i. der künstliche Rostüberzug, der das Blenden verhindern soll, nicht weggewischt wird. Energischer dagegen muß man dem Schaft zu Leibe gehen. Es wird, nachdem man ihn mit Spiritus abgewaschen, mit Schastöl, einer Mischung von Leinöl und Firniß, bestrichen und dann mit dem Handballen so lange gerieben, bis er eine feste Politur bekommen hat, auf der auch der darüber streifende Finger keine Spur hinterläßt. Was dazu für eine Arbeit gehört, darüber gibt uns der Grenadier Auskunft, der in der Instruktion über die Behandlung des Gewehrs auf die Frage, wie lange man den Schaft reiben müffe: antwortete: „Bis mer Blasen an den Händen haben." Während des Putzens wird im Chor eifrig gesungen „Köln am Rhein, du schönes Städtchen," „An der Grenze fern im Osten stand einst ein Soldat auf Posten" und was der schönen Lieder mehr sind, meist getragene, schwermüthige Volksweisen, die in den weiten Korridoren prächtig schallen. Ist dann das Reinigungswerk, auf das etwa zwei Stunden verwendet werden, beendet und ist auch die peinliche Besichtigung der einzelnen Gewehre durch den Lieutenant vorbei, dann beginnt der zweite Theil desRachmittagsprogrammes: das Scheuern und Waschen. Sämmtliche Tische und Schemel werden auf den Hof getragen und dort'.rein gescheuert. Womit? Nun, da schickten einige Spaßvögel bei uns einmal einen Rekruten zumHerrn Feldwebel um die „Seife zum Scheuern" zu holen. „Seife?" fragte der Feldwebel erstaunt, „ich will Dich besessen! Bei uns scheuert man mit Sand und Menschenknochen." Und — es geht auch so, denn Sand und Menschenknochen find wirklich brillante Reinigungsmaterialien, und Tische und Schemel werden schneeweiß davon. Der Rest des Tages ist dann dem Waschen des Drillichszeuges rc. und den Vorbereitungen für
scheinlich kommt das daher, daß er schon drei Kugeln in den Seinen und zwei Unzen gehacktes Blei irgendwo im Leibe mit sich herumträgt."
„Aber Lawson macht sich auch aus seinen Übrigen Obliegenheiten nicht so viel, als Sie glauben mochten. Wir schicken ihm alle langweiligen Schwätzer auf den Hals. Er bezieht ein hohes Salair, weil er stocktaub ist, und ein Schwätzer, der mich verrückt machen würde, läßt ihn im Zustande völligster Gemüthsruhe. Auch alle Dichter, die Herkommen, werden nach seinem Zimmer geschickt. Setzt sich einer und liest Lawson ein Gevicht von etwa 42 Strophen vor, so hort er lächelnd zu, gerade als ob er alles verstehe, und dann bekomplimentirt er den Schreiber und sein Manuskript mit Grdzie zur Thür hinaus. Natürlich kommt dabei zuweilen auch ein Mißgriff vor. So las ihm neulich ein Herr eine Rede vor, die er gegen Bezahlung in den Jnseratentheil ausgenommen haben wollte; Lawson hielt das Vorgelesene für ein Gedicht und bedauerte, daß der Raum der Zeitung gegenwärtig so in Anspruch genommen sei, daß man ihm augenblicklich nicht dienen könne. Der Mann ging über die Straße zum „Herald", und wir büßten 40 Dollar ein. Doch ist Lawson für uns zu werthvoll, als daß wir ihn einer solchen Bagatelle wegen entlaßen konnten."
„Gibt es einmal eine Exkursion auf einer gefährlichen Stelle einer Eisenbahn ober eine Versuchsfahrt auf einem neuen Dampfboote, die uns nicht ganz geheuer vorkommt, so lassen wir immer die Redaktion durch Lawson vertreten. Er ist schon zweimal auf dem Flufle mit in die Luft geflogen und achtmal ist er mit von einer defekten Block- j brücke gefallen, von einigen Keffelexplofionen, die er mit 1
den Sonntagsanzug gewidmet. — Man sieht also, auch beim Militär läßt man den Sonnabend Nachmittag zur Besorgung häuslicher Geschäfte frei.
Vermischtes.
* Augsburg, 21. Sept. Am 12. Dezember v. Js. befertirte der Tambour I. Dahler der 6. Kompagnie des 3. Infanterie-Regiments, ein geborener Augsburger. Anfangs glaubte man, nachdem feine Montirungsstücke am Ufer des Leches gefunden wurden, er habe sich ertränkt, alle Recherchen blieben erfolglos, fo daß die Abschreibung in den Listen des Regiments, als „verschollen" vorgenommen wurde. Gelegentlich des gegenwärtig in Friedberg — 1 Stunde von hier — abgehaltenen land- wirthschaftlichen Bezirksfestes, unternahm ein Sergeant bei 3. Infanterie-Regiments einen Ausflug nach bort unb besuchte auch bie Festwiese. Vor einer Seiltänzergesellschaft angekommen, fiel ihm eine „fesche irommelwirbelnde Maib" in Tricot unb Flatterröckchen besonbers auf, er machte seine Spässe mit derselben und erkannte bei längerer Betrachtung in berselben, man staune, den schon längst gesuchten Tambour Dahler seines Regiments. Zur Rede gestellt, leugnete die kokette Maid die Jdendität mit „einem Tambour Dahler," mußte sich später jedoch bequemen, zu erklären, daß sie der „Gesuchte" sei. Die herbeigerufene Gendarmerie lieferte die Maid im Flatterröckchen an das Regiment nach hier ab.
* Newyork, 20. Sept. In Anwesenheit deS Statine« sekretärs unb zahlreicher Vertreter frember Mächte ist der erste praktische Versuch mit einer Kanone gemacht worden, welche mit tomprimirter Luft Dynamitbomben schleudert. Beim ersten Versuch wurden 57 Pfund Schießbaumwolle so nahe an einen Schiffsrumpf gebracht, daß derselbe vollständig zerschmettert wurde.
§ Die ,San Franeiseo Abend-Post' Beginnt einen Bericht über ein amerikanisches Turnfest mit dem Motto:
„O turn’, so lang du turnen kannst. Pfleg' Geist und Muskeln, nicht den Wanst!" Gewiß schön gesagt!
Laut Bekanntmachung im amtlichen Dentschen Reichsanzeiger findet die Ziehung der Weseler Kirch- bau-Geld-Lotterie am 6. und 7. Oktober d. I. statt. Eine Verlegung derselben ist vollkommen ausgeschlossen. Grosse haare Geldgewinne (erster 40,000 BL, Niedrigster 30 M.) bei einer verhält- nißrnäßig geringen Loosausgabe (kaum ein Viertel der Kölner und Ulmer). Konzession in ganz Preußen, niedriger Loospreis (3 M) machen es erklärlich, daß die Loose schon jetzt anfangen sehr knapp zu werden.
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durchgemacht, noch gar nicht zu reden. Ec erhält alle Riesenkohlköpfe, Riesenrüben und seltsamen Eier, bie von ben Abonnenten zur Notiznahme eingefanbt werben und kostet alle Riesengurken und frühzeitigen Wassermelonen, die wir erhalten. Ich glaube kaum, daß wir in unserem Amte gesund blieben, wenn wir Lawson nicht hätten."
„Er sah mir aber doch ziemlich niedergeschlagen aus."
„Das ist er auch. Ec hat von Natur starke Konstitution, aber ich fürchte, er bricht unter der Anstrengung nach und nach zusammen und geht einem vorzeitigen Tode entgegen. Auch drückt die Anstrengung auf fein Gemüth. Vorigen Sommer hatte er ein heftiges Gefecht mit einem aufgebrachten Politiker, kurz nachdem er einen Korb unreifer Zwetschen gekostet hatte; feit der Zeit finde ich ihn etwas melancholisch.
In diesem Augenblicke ließ sich aus dem anstoßenden Zimmer das gedämpfte Geräusch eines Streites vernehmen; ein Schuß ertönte und eine Kugel schlug durch die Thür, hart an Mr. Jones Kopf vorbeipfeifend.
„Was hat das zu bedeuten?" fragte JoneS.
„Lawson hat eine kleine Auseinandersetzung mit M'Jlvaine, dem demokratischen Sladtrathskandibatrn, ben wir in der heutigen Nummer angegriffen. Ich buchte schon, baß er kommen würde. He, Bursche," rief der Redakteur, „hole einen Polizisten!"
Der Lärm legte sich und als zehn Minuten später Mc. Jones fortging, sah er, daß der Polizist und zwei Leute Lawson auf einer Tragbahre nach dem Krankenhaus schafften. Der Chefredakteur sagte: „Jetzt werden wir M'Jlvaine ein oder zwei Tage in Ruhe kaffen müffen, bis Lawson sich wieder erholt hat."