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M 212.
Sonnabend, den 17. September.
1887
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Am 1. Oktober ds. Jahres wird das Deutsche Reich zur Branntwein- Einigkeit gelangen. Baden und Württemberg sind schon mit ihrem Verzicht auf das Reservatrecht fertig, die bayerische Kammer wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die Kourage haben, den Eintritt in die norddeutsche Branntweinsteuer- Gemeinschaft abzulehnen. Die Spiritusfäffer bilden also eine neue Säule der deutschen Einheit; vielleicht wird man aus den Bierfässern bald eine zweite neue Säule daneben bilden. Das neue Branntwein-Gesetz vertheuert den Schnaps recht beträchtlich. Wird es wenigstens die gute Folge einer Verminderung der Trunksucht haben? Viele hoffen es, aber ich möchte vorziehen, die That- sachen abzuwarten. Diejenigen, welche einmal dem Schnapsteufel sich verschrieben haben, sehen bekanntlich nicht auf den „Kostenpunkt"; sie müssen ihren vollen Rausch haben, und wenn der ganze Wochenlohn drauf geht und Frau und Kinder hungern müssen. Von den Gelegenheitstrinkern, welche therls zur Anregung des strapazzirten Körpers theils zu geselligen Zwecken ihr Gläschen leeren, wird freilich ein Theil sich in Folge der höheren Preise einschränken, aber ein großer Theil wird die Mehrkosten auszubringen suchen, um bei seinen gewohnten Genüssen bleiben zu können. Der internationale Kongreß katholischer Sozialpolitiker in Belgier« und ein internationaler Kongreß zumeist protestantischer Mäßigkeit freunde in der Schweiz haben über die Bekämpfung des Schnapses berathen. Auf der letzteren Versammlung kamen sonderbare Dinge zu Tage. Einige protestantische Theologen vertraten allen Ernstes die Ansicht, daß das Christenthum den Alkohol-Genuß in jeder Form, also auch den Genuß von Bier und Wein verbietet. Es wurde ihnen entgegnet, daß Christus der Herr selbst auf der Hochzeit zu Cana den Gästen Wein vorgesetzt habe; aber auch das überzeugte die Eiferer nicht. Ihr Standpunkt hängt mit den leidenschaftlichen Tewperenz-Bestrebungen zusammen, die in Nordamerika heimisch sind.
Bei uns zu Lande fällt es natürlich Niemanden ein, Bier und Wein vollständig verbieten zu wollen; man verlangt in Bezug auf diese weniger gefährlichen Genußmittel bloß Mäßigkeit, keine Enthaltung. Dagegen wird auch unter den einheimi-
Durch tignit Schutt.
Roman aus der Handelswelt.
75. Fortsetzung
„Mit dem größten Vergnügen würde ich es thun," rief er, „aber es ist mir jetzt unmöglich, keine Fünfhundert, so leid cs mir thut. — Aber denken Sie sich, lieber Freund — soeben fällt es mir erst wieder ein — ich hörte gestern, Kleuser sei em flohen mit bedeutenden Summen; denken Sie sich solch' Gerücht!"
Erblickte dem Handelsherrn scharf und forschend in die Augen und bemerkte, wie dessen bleiches Gesicht noch bleicher wurde. Sonst verrieth es Nicht«.
„Ich habe auch von dem Gerüchte gehört," entgegnete Damken ruhig lächelnd. „Kleuser befindet fich, wie ich auf telegraphische Anfrage weiß, ruhig in M. Es ist eine Thorheit, solches Gerücht — es ist zu thöricht, um sich darüber zu ärgern."
„Und ich habe geböct, daß Kleuser in M. nicht aufzufinden ist, daß Niemand weiß, wo er ist. Ec soll sämmtliches Geld mit sich genommen haben."
Damken zuckte zusammen und erhob sich, um seine Unruhe zu verbergen. „Ich begreife wahrhaftig nicht, wie e« möglich ist, daß solche Gerüchte auskommen können."
schen MäßigkeitS-Frennden immer noch darüber gestritten, ob es besser sei, für volle Enthaltung von Schnaps oder bloß für Mäßigkeit im Genuß Propaganda zu machen. Mir scheint, daß die Vertreter der beiden Theorien sich auf dem Boden der Praxis leicht vertragen könnten. Wo die persönlichen und sachlichen Verhältnisse der Art sind, daß die volle Enlhaltung durchführbahr erscheint, da ist diese Radikalkur gewiß vorzuziehen; z. B. in gut disziplinirten Fabriken, wo die Prämie für Nichtschnapstrinker sich zugkräftig erweist. Es wird aber immer eine Menge von Leuten geben, die man nicht zu einer nachhaltigen Enthaltung bringen kann; da muß man schon froh sein, wenn Pflicht und Ehrgefühl so wiit geweckt werden, daß der unmäßige Genuß unterbleibt. Die Verhältnisse, aus denen sich die Schnapspest entwickelt, sind so verschiedenartig, daß sie sich nicht unter eine einzige Schablone bringen lassen.
Wie schwer es ist, sich auf diesem Gebiet sicher und genau zu orientiren, sieht man an der sonderbaren Erscheinung, daß Manche den ursächlichen Zusammenhang zwischen der Zahl der Schnapsschenken und der Größe des Nebels entschieden in Abrede stellen. Natürlich mit Hilfe von statistischen Zahlen, die Alles beweisen können. Die Trugschlüsse wurzeln in der Verkennung der örtlichen, wirth- schoftlichen und persönlichen Verschiedenheiten, die hier obwalten. Die Zahl der Schenken und Kleir- handlungen für Schnaps macht es nicht allein aus; wenn in dem Orte A. das SchnapStrinken einmal zur allgemeinen Unsitte geworden ist, so wird dort in einer Schenke mehr Völlerei herrschen, als in den Schenken des nüchternen Ortes B. Aber keine Zahlenkunststücke können dagegen aufkommen, was der gesunde Menschenverstand und die tagtägliche Erfahrung uns zeigen, daß auch hier die Gelegenheit Diebe macht und daß im Allgemeinen zwei Schnapsschenken mehr von diesem Gift vertreiben, als eine. Wer die Gewohnheiten der Trinker beobachtet, begreift sofort, daß es so sein muß. Jede Schenke sammelt sich ihren Kundenkreis und je schärfer die Konkurrenz ist, desto mehr muß der Wirth bemüht sein, 1) Kunden heranzuziehen und zu fisseln und 2) sie möglichst stark auszubeuten. Man kann im Allgemeinen sagen: Je kleiner die Kneipe ist, desto intensiver wird getrunken. Der Wirth, seine Angehörigen
„Ich begreife es auch nicht," entgegnete Letzin- gen. „Ferner habe ich gehört, daß es nur ein Vorwand von Ihnen gewesen wäre, eine Komman- bite in M. zu errichten. Sie hätten die fünfundzwanzig Tausend Thaler nur von mir verlangt, um den Fall — um den Bankerott Ihres Geschäftes zu verhüten. — Und auch diese Summe soll Kleuser mit sich genommen haben. — Ist dies auch ein Gerücht, daß Ihr Haus unfähig ist, die Wechsel zu zahlen?"
Er war dicht vor Damken hingetreten und blickte ihn so scharf an, als ob er ihn mit dem Blicke seines Auges vernichten wollte.
Damken schwieg. — Nichts an ihm verrieth seine heftige innere Aufregung als das feste, fast krampfhafte Aufeinanderpressen seiner Zähne.
„Sprechen Sie, Herr Damken, sprechen Sie," rief Letzingen drängend. „Ist dies Alles nur ein Gerücht? Ich habe es aus einer glaubwürdigen Quelle."
Damken schwieg noch einen Augenblick, dann er- wiederte er ruhig: „Nein, es ist kein Gerücht — es ist Wahrheit. Ich wollte sie Ihnen verbergen, um Ihnen den Schrecken zu ersparen und nicht unröihige Sorgen zu machen."
„Oh, oh! — Sie sind sehr freundlich — sehr freundlich, Herr Damken!" rief Letzingen, dessen
und die dienenden Geister wissen die Gäste zu veranlassen, „immer noch Einen" zu trinken. Die Vertraulichkeit wächst in den kleinen Schenken schnell, so daß auch die Gäste untereinander sich zum Trinken animiren. Es ist so „gemüthlich" dort, daß man sich doch wirklich „nicht lumpen lassen" darf. Gäbe es statt der vielen kleinen Kneipen blos eine große, so wäre das Verhältniß zwischen Wirth und Gästen und Stimmung und Ton unter den letzteren ganz anders. Bei dem größeren Verkehr fällt die persönliche Anregung fort und der Wirth und seine Leute sind auch nicht veranlaßt, für ein weiteres Gläschen sich in'» Zeug zu legen. Bei einer solchen Konzentration des Kneipenwesens fällt ferner der Anreiz zur sog. „Bier- oder Schnapsreise" fort; gerade das Bummeln von einer Kneipe in die andere, welches nicht blos vollendete Trunkenbolde lieben, fonbern aus Neugier, Geselligkeitstrieb ober Geschäftsrück« sichten auch manche sonst orbentliche Leute betreiben, führt zu unmäßigem Genuß unb übergroßen Ausgaben.
Nach meiner Ansicht fällt noch ein Umstand sehr in's Gewicht, der gewöhnlich zu wenig beachtet wird. In einem großen, sauberen, gut venti- lirten und hell erleuchteten, hübsch ausgestatteten Raume fühlt sich die Unmäßigkeit nicht wohl; in engen, dumpfen, dunkeln, schmutzigen Löchern dagegen fühlt sich der Sauflustige ungenirt und „wie zu Hause". Diese Erfahrung kann man übrigens nicht blos bei den Schnapstrinkern machen. Warum genießen auf dem Biergebiete die sog. „luftdichten" Kneipen so großes Ansehen? Dem rechten Biertrink.r ist am wohlsten, wenn Alle» in drangvoll fürchterlicher Enge zusammen sitzt, wenn die Luft von Rauch, Athem- und Bierqualm dick zum Schneiden geworden und die Hitze „kaum zum Aushalten" ist. Die modernen Bierpaläste mit guten Ventilationen findet er zwar sehr „schön", aber nicht so „gemüthlich" wie seine alten Räucherbuden. Da kam man doch viel besser „in Zug" I
Die Sache erklärt sich aus einem ästhetischen und einem physischen Grunde. Das Schöne weckt die edlen, das Häßliche die unedlen Instinkte. In einem schönen Raum hält sich auch der Flegel möglichst ordentlich, namentlich wenn er sieht, daß die Andern es auch so machen; in einem häßlichen
Erbitterung sich immer mehr und mehr Luft machte, mit höhnischer Stimme.
Damken ertrug diesen Hohn. „Geben Sie mir fünftausend Thaler — oder — oder ich bin verloren. Geben Sie mir diese und ich hoffe, mich noch retten zu können."
„Ha, das ist lustig!" rief Letzingen. „Ich soll Ihnen zu dcn fünfundzwanzig Tausend noch fünf Tausend hinzugeben I Ha, ha, wahrhaftig, das ist lustig, das gäbe eine schöne runde Summe I Und wo haben Sie eine Sicherheit? Wo?"
„Ist Ihnen da» Opfer zu groß für meine Tochter und für mich?" fragte Damken, und feine Stimme erbebte. „Können Sie auf Gabrielen'» Herz rechnen, wenn Sie ihren Vater erbarmungslos dem Verderben hingegeben.haben?"
„Ha, ha, das ist lustig!" rief Letzingen. „Ich rechne auch nicht auf das Herz Ihrer Tochter. Ich danke für die Ehre, die Tochter eine» — Bettler» mit dreißig Taufend Tdalern zu erkaufen."
„Herr von Letzingen!" unterbrach ihn Damken und stellte sich in feiner ganzen Höhe und mit imponirendem Stolze vor ihm hin. „Herr von Letzingen," wiederholte er, und feine Stimme erklang ernst und fast drohend — „ich habe nie eine niedrige Beleidigung ohne Genuglhuung hin- gehen lassen."