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M 210.

Donnerstag, den 15. September.

1887

ftlbner

Die »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf.» auswärts 1 M. 75 Pf.

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H. Das neueste Attentat ans den gesunden Menschenverstand.*)

Wie der rothe Lappen auf den Stier, so wirkt die gelegentliche Erwähnung des „heiligen Rockes" in Trier auf einen Theil der nationalliberalen Presse; und gleich den knabenhaften Ergüssen und faden Witzeleien des Johannes Ronge 1844 werden die verschiedensten Liebenswürdigkeiten und Sottisen auf den Markt gebracht. Und auch solche Blätter, welche stch von Zeit zu Zeit ein katholisches Mäntelchen umzuhängen bestrebt lind, sprechen von „Faustschlägen der grimmigsten Art, gegeben der ganzen Bildung unserer Zeit ins Gesicht", einem „urqual fizirbaren Attentat auf den gesunden Menschenverstand" u. s. w. Wo sind die „Faust­schläge", wo die „Attentate" zu suchend Doch wohl in dem widersinnigen Pantheismus eines Hegel, in dem atheistischen Pessimis­mus eines Hartmann, diesen abgeschmackten Marotten des von der Offenbarung losgelösten Phantasirens und ganz sicher in dem materia­listischen Darwinismus, dieser Verzweiflung an aller höheren Wahrheit, diesen leeren Ab­straktionen, willkürlichen Erfindungen und vagen Behauptungen. Allerorten hat man diesen wirk­lichen Hohn auf den gesunden Menschenverstand als die Krone des Wissens gepriesen, und kleinere Geister haben nicht versäumt — die Spatzen pfeifen es von allen Dächern — diese Vernichtung aller Religion, Wissenschaft, Kunst, Poesie und Kultur mit wissenschaftlichem Aufputz der unreifen Jugend mundgerecht zu machen, und bei jenen, denen der Glaube fchon unterhöhlt war, nicht ohne Erfolg, bis jetzt endlich die Naturforscher­versammlung in Nürnberg dieses klägliche Kartenhaus mit einem zermalmenden Blitz ver­nichtet hat. Als aber dieser, der Bildung aller Zeiten und aller Orten und dem gesunden Menschen­verstand auch der Ungebildetsten einen grimmigen Faustschlag versetzende und Hohn sprechende Blöd­sinn mächtig in die Mehren schoß, da haben die Herren schön geschwiegen. Natürlich es ist ja leichter und bequemer, das Müthchen zu kühlen an der Kirche und das geistlose Gerede zu würzen durch Witzelei und Spott auf das, was den Katholiken heilig ist. Nichts ist für frivole

*) Nachdruck verboten.

Durch kigeuk Schuld.

Roman aus der Handelswelt.

73 Fortsetzung

Mit stolzem Schritt ging Damken durch die Reihe der Geschäftszimmer.

Noch neugieriger und gespannter waren die Blicke der Diener auf ihn gerichtet, denn sie ahnten, wie es um das Geschäft stand, und auf dem Gesicht ihres Herrn wollten sie die Be­stätigung oder Verneinung ihrer Ahnungen und Befürchtungen lesen. Aber das Gesicht blieb kalt, streng und stolz. Sie wurden irre an sich selbst und an den Gerüchten, welche sie vernommen, denn so weit reichte ihre Kenntniß in der Physiognomik nicht, daß sie das Geheimniß, welche« sich hinter seiner stolzen Strenge verbarg, zu erforschen im Stande gewesen wären.

Damken machte auf der Polizei von Kleuser's Flucht Anzeige und leitete mit größter Umsicht alle Schritte ein, welche zur Entdeckung des Flüch­tigen führen konnten.

Kleuser's Gattin wußte nicht« von ihm. Seit dem Abend, wo er geflohen war, hatten nur ein Dampfschiff, welches einen Viehtransport nach Hüll brachte, und ein Ostindienfahrer den Hafen verlaffen.

und Thaten der katholischen Generalversammlung in Trier überzeugt uns vom Gegentheil; und wußten wir nicht hinlänglich, welche Verwirrungen Ueberfluß an Selbstüberschätzung und Mangel an Selbsterkenntniß hervorzurufen geeignet sind, so würden wir den tieferen Grund in etwas ganz Anderem suchen. Trotz seiner nicht allzu großen Objektivität sieht er sich aber zu dem immerhin dankenswerthen Geständniß genöthigt, daß „es freilich sehr zu wünschen wäre, daß auch die nicht katholische Presse" ^darunter auch jene, welche sich ein katholisches Mäntelchen umzuhängen bestrebt ist. A. d. V.) „kein un- qualifizirbares Attentat gegen den ge­sunden Menschenverstand" darin er­blickenwürde, wenn strenggläubige und fromme Katholiken das Gewand, welches den gott men schlich en Leib ihresErlösers dereinst umschloß, ebenso gut und noch besser in Ehren halten, als die Reli­quien so mit Recht geehrter Männer, wie Göthe, Schiller und noch viel ge­ringerer".

Aber auch angenommen» nicht zugegeben, e» wären diese Reliquien unecht, so ist doch der Glaube, in dem wir sie verehren, der Glaube an Christus und unsere Versöhnung durch seinen Tod am Kreuze echt und heilskräftig, so ist doch der ideale Zug ein nicht hoch genug zu schätzendes Gut, der unser Volk zu solchen Heiligthümern führt und nach Himmlischen verlangen läßt. Die Kreuzzüge haben einst eine neue Periode für Europa eingeleitet; sie haben den Gesichtskreis erweitert, das Ritterthum begründet, den Fehden einen Damm gesetzt, die Völker verbrüdert; im engern Kreise haben solche Heiligthumsfahrten eine ähnliche segensvolle Wirkung für unser Volk. Sie stammen aus dem Glauben und stärken den Glauben; sie heben das Gemüth nach Oben, daß die Sorgen des Tages es nicht ganz darnieder» drücken. Man kann allerdings auf alle großen Werkes Gottes und selbst des menschlichen Geistes in Kunst und Literatur, in Poesie und Plastik Parodien schreiben und ihnen den Schmutz des Spottes, den Fluch des Lächerlichen anhängen; denn „Krieg führt der Witz auf ewig mit dem Schönen. Er glaubt nicht an den Engel und den Gott, dem Herzen will

und oberflächliche Geister eine lockendere Versuch­ung, um für witzige Köpfe zu gelten, als Hohn auf das Heilige. Doch solche höhnen und spotten nur ihrer selbst und „wissen nicht wie". In dem Hohlspiegel ihrer kleinen, niedrigen, gemeinen Seele wird alles Große, Erhabene klein, weil sie zu Hohem und Ueberirdischem sich nicht zu er­schwingen vermögen. So haben es getrieben Lucian in alter, Blumauer, Voltaire, Heine und die übrigen Witzlinge inneuerer Zeit; und Niemand wird doch sagen, dies seien große Geister gewesen.

Die Kirche gebietet, wie ein katholischer Publizist mit Recht sagt, uns nicht, an die Aechtheit der Reliquien zu glauben; sie lehrt nur, daß sie der Verehrung würdig sind, wobei das innerste tiefste Gefühl in unserer Brust auf ihrer Seite steht. Die Aechtheit und Thatsächlichkeit zu erforschen, überläßt sie der Kritik, welche wahrlich ihre Auf­gabe nicht leicht nimmt. Oder sollte denn die Aechtheit so mancher Reliquien, auch aus dem Leben und Leiden des Heilandes, von vornherein so ganz unmöglich sein? Aus den wilden, kriege­rischen Zeiten der Langobarden besitzen wir Reli­quien der Königin Theodolinde, Gemahlin des Longobardenkönigs Aistulf; die Schweden haben das blutige Koller Gustav Adolf's sorgfältig auf- bewahrt, so viele Reliquien Luther'» werden ge­zeigt, Goethe's Feder und Schiller'» Schreibtisch mit Ehrerbietung betrachtet; sollten die Jünger weniger Pietät für ihren Hrrn gehabt haben? Bewahrt doch jede Mutter, auch die ärmste, ein Andenken an ihr theures, verstorbenes Kind; sollte Maria, die beste Mutter des besten Sohnes, so ganz ohne Gefühl gewesen sein, sie, die seine Worte wie eine kostbare Reliquien bewahrt hatte „in ihrem Herzen" ? Jedenfalls spricht das natür­liche Gefühl, spricht die älteste Geschichte mehr für die Aechtheit und Thatsächlichkeit der in Frage stehenden Reliquien, als für das Gegentheil.

In einer Polemik mit Professor Dr. Nowack rühmt sich der bekannte # Freiburger Mitarbeiter der »Straßburger Post' erfahren zu haben, was es heiße, „unbefangen und leidenschaftlos zwischen Befangenen und Leidenschaftlichen zu stehen." Zu unserem nicht geringen Leidwesen können wir die Berechtigung diese» Selbstlobes nicht anerkennen, schon die durchaus schiefe Beurtheilung der Reden

So wenig Wahrscheinlichkeit auch vorhanden war, so unterließ e» Damken doch nicht, sofort nach Hüll telegraphiren zu lassen und die dortige Behörde von dem Vorgefallenen in Kenntniß zu setzen und zur etwaigen Verfolgung und Festnahme des Flüchtigen aufzufordern.

Trotz aller Vorsicht und Sorgfalt gelang es ihm nicht, irgend eine Spur aufzufiaden. Er zweifelte auch an einen glücklichen Erfolg, denn er hatte sich in der letzten Zeit viel zu wenig um Kleiner und fein Geschäft bekümmert und dieser hatte Zeit genug gehabt, ferne Flucht reiflich zu überlegen und die geeignetsten Wege dazu vorzu­bereiten.

Es lag ihm für den Augenblick auch noch eine andere Sorge näher, nämlich die beiden präser- tirten Wechsel.

Der von Buchmann erhobene Protest war be­reits durch seinen Notar angez^igt, und wenn er auch überzeugt war, daß derselbe an diesem Tage nichts mehr gegen ihn unternehmen werde, so mußte er von Buchmann dennoch das Schlimmste befürchten, wenn er am folgenden Tage die be­treffende Summe nicht zahle.

Der einzige Weg, der ihm offen blieb, um das Geld bi» dahin zu erlangen, war der, daß er sich an Letzingen wandte. Dieser konnte ja, wie

er glaubte, unmöglich von dem Vorgefallenen schon Kenntniß haben, und an irgend einem Vor­wande, unter dem er das Geld verlangte, konnte es ihm bei ernstlichem Nachsinnen nicht fehlen. Auf Letzingen baute er sicher.

Der Abend war bereits herangerückt, als er zu seinem Hause zurückkehrte.

Er entließ nun die Diener und behielt nur den Buchführer zurück, weil er seiner vielleicht bedurfte, denn erst jetzt kam er dazu, einen Blick in die Bücher zu werfen.

Ec nahm das Geheimbuch aus dem Geldschranke und setzte sich damit an einen Schreibtisch.

Anfangs blätterte er darin unregelmäßig um­her, es fehlte ihm an der erforderlichen Ruhe, aber bald wurde feine Auftnerkfamkeit nur zu sehr gefesselt.

Ec sah die bedeutenden Wechsel, welche Kleuser ausgestellt hatte, offenbar schon von vornherein in der Absicht, welche er jetzt ausgeführt hatte. Es standen da bedeutende Waarenposten, welche noch nicht bezahlt und zum Theil sogar zu einem ge­ringeren, als dem Einkaufspreise, wieder verkauft worden waren. Sie waren verschleudert, nur um Geld zu machen. Und wo war all dies Geld ge­blieben? Wo war es?

Es standen zwar vielfache Verluste in Papieren