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M 208. Dienstag, den 13. September.

1887

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* Das russische Heer.

(Schluß.)

Selbst beim Elitekorps der Garde, der beritte­nen Kaisergarde, sind die GehaltSverhältniffe unzulänglich, da man darauf zu zählen scheint, daß dasselbe sich aus den Söhnen der reichen Bojaren und des baltischen und finnischen Adels rekrutirt. Wie aber auch hier das Mißverhältniß zwischen Forderung und Leistung dem Offizier verhängnißvoll werden kann, führt uns Dr. Holt- Hof an einem bezeichnenden Beispiel vor Augen: „Um eine ©teile in diesem Korps zu erhalten", sagt er. „muß man über sehr große Mittel ver­fügen, weil die Sorge für die Remonte den Offi­zieren bis einschließlich zum Rittmeister zugewiesen ist, welche der Reihenfolge nach fich der nicht gerade leichten Last unterziehen muffen. Zunächst wird sie jedoch dem jüngsten eintretenden Lieutnant aufgeladen. Die Regierung setzt für den Ankauf von Dienstpferden jährlich eine durchaus unzu­reichende, ja lächerlich niedrige Summe aus. Der mit dem Remontegeschäft betraute Offizier besucht die sämmtlichen Gestüte des Reiches und wählt nur vollkommen gleichartige Thiere aus. von der Farbe und Gestalt, wie ste bei seinem Regiments üblich sind. Zulagen von 50000 Rubeln und mehr zu dem von der Regierung ausgeworfenen Betrag genügen kaum, die Kosten des Ankaufs zu decken. Treffen die Pferde tn Perersourg em, und haben sie etwas Ruhe und Pflege genoffen, so werden ste von dem Kaiser einer Inspektion unterworfen. Die Schimmel dürfen kein schwarzes, die Rappen kein weißes Härchen ausweisen. Ist der Monarch zufrieden, so lohnt eine Beförderung eine Dekoration oder ein wohlwollender Blick den jungen Offizier, der vielleicht sein ganzes Erbtheil aufgeopfert und sich oder seine Familie ruinut hat." Die nächste Versuchung findet den Bi- dauernswerthen waffenlos, die Korruption ersaßt ihr Opfer.

Wie könnte es anders sein, als daß solche un­gesunde Verhältnisse im Osfizierstande auch auf die Truppen demoralistrend wirken? Was kann man von dem gemeinen Soldaten erwarten, dem seine Vorgesetzten ein so häufiges Beispiel der Pflichtverletzung geben? Was überhaupt von dem Heere, dem die Grundlage der militärischen Or-

Durch eigene Schuld.

Roman aus der Handelswelt.

71. Fortsetzung.

„Ich verlange die offene Wahrheit von Ihnen", rief Letzingen unwillig und ungeduldig. „Sie haben nicht nöthig, Rücksichten zu nehmen, denn ich stehe vielleicht schon von jetzt an Damken feindlich gegenüber. Ist es begründet, daß Damkens Ge­schäftsführer geflohen ist?"

Der Banquier zuckte mit den Achseln.

„Ich weiß nur das, was mir von Andern er­zählt worden ist."

„Sprechen Sie, sprechen Sie", drängte Letzingen.

„Mir ist allerdings von mehreren Seiten er­zählt worden", fubr Ohlert fort, daß der Ge­schäftsführer de» Hauses Damken mit einer be­deutenden Geldsumme entflohen sei, und daß das Geschäft selbst dadurch in eine äußerst peinliche Lage gebracht worden ist. denn es ist nicht im Stande gewesen, zwei ihm heute präscntirte Wechsel zu zahlen".

„Ist diese Mittheilung auch begründet", warf Letzingen ein.

„Dafür kann ich nicht stehen", entgegnete der Banquier. „Ich weiß nur so viel mit Bestimmt­heit, daß der Geschäftsführer fort ist, daß die

ganisation, die fleckenlose Ehre, fehlt? Thatsächlich gilt denn auch in Rußland der gemeine Soldat für den Auswurf der Menschheit, und er ist in der That nicht viel mehr. Schon die Art der Rekrutenaushebung resp. das auf diesem Wege gewonnene Soldatenmaterial berechtigt zu einer sehr geringen Meinung in dieser Hinsicht. Wenig unterscheidet das heute bei der Aushebung noch übliche Verfahren sich von dem, wie es zur Zeit der Leibeigenschaft herrschte, höchstens, daß heut­zutage überall der Tschinownik, der Golova (Ge­meindevorsteher) und die Regierung an Stelle des selbstherrlichen Gutsherrn getreten sind. Man treibt alle waffenfähigen Männer, die das militär­pflichtige Alter erreicht haben, zusammen, einschließ­lich aller Taugenichtse und Tagediebe, Trunken­bolde, Faullenzer, Diebe und Brandstifter, kurz aller schlechten Subjekte der Gemeinde, und enrol- lirt sie ohne Unterschied. Da darf man sich denn nicht wundem, wenn es in Rußland „für keine besondere Ehre gilt, zur Kriegsfahne zu schwören" und wenn es dort keine Freiwilligen gibt.

„Ist der Rekrut," so erzählt Dr. Holthof, „einem bestimmten Truppentheile zuwewiesen, so beginnt ein langsames, hartes und grausames Drillnngffystem, das den Zweck hat, alles was noch von Menschlichkeit in ihm ist, auszutreiben, sein Gehirn zu ertödten und ihn zu einem willen­losen Automaten in Menschengestalt zu machen." öis vor »urzem oauene ote Xntnpjeu nu Zu^e, jitzt nur 10, wenn nicht etwa der Soldat wegen eines Vergehens zu lebenslänglichem Dienste ver- urtheilt wird. Um ihn sicherer beim Heere zu halten, gestattet man ihm das Heirathen während der Dienstzeit, er darf, resp. muß auch Weib und Kind in der Kaserne bei sich haben, so daß die Kaserne einer großen Familienkolonie gleicht. Immer 10 — 12 Familien wohnen zusammen in einem einzigen Gemach, bloß durch papierene Bett­schirme von einander getrennt. „Hinter der dürf­tigen Papier- und Holzumzäunung, spielen alle Szenen des Ehe- und Familienlebens sich ab, hier kommt das Soldatenkind zur Welt, hier verlebt es seine erste Jugend."

Für jeden Sohn erhält der Soldat eine Prämie in Gestalt einer Zulage zu seiner Mehlration, so daß also dort die Kinder den Vater ernähren. Bei Mädchen fällt aber diese nahrhafte Beigabe

beiden Wechsel nicht honorirt sind und daß der Inhaber derselben, Buchmann, bereits durch den Notar hat Protest erheben lassen."

„Damken hat erst vor zwei Stunden ungefähr die Nachricht davon erhalten", erwiderte Letzingen. „Er ist sofort hierher geeilt, und wenn sich auch KleuserS Flucht bestätigte, so hoffe ich, wird er die Wechsel einlösen und die ganze Verwirrung be­seitigen. Damken ist sehr reich, er kann also da­durch unmöglich in eine ernste Verlegenheit ge- rathen."

Der Banqu'er zuckte ungläubig mit den Achseln. „Es laufen über Damkens Reichthum sehr auf­fällige Gerüchte in der Stadt um."

„Welche Gerüchte? Sprechen Sie," drängte Letzingen.

„Man stellt Damkens Reichthum in Abrede," erwiderte Ohlert. „Er fall fast unglaubliche Sum­men verschwendet und dadurch sein Geschäft ruinirt und dem Falle nahe gebracht haben."

„Es ist nicht möglich", unterbrach ihn Letzingen, „e» ist nicht möglich, Damken müßte darum wessen und er könnte unmöglich so ruhig dabei sein und seine Verschwendung fortietzen".

„Ich erzähle Ihnen auf Ihr Verlangen auch nur, was ich gehört habe," erroieberte Ohlert.

weg, überhaupt kümmert der Staat sich nicht um sie. In der Garde vertritt der Kaiser Pathenstelle bei jedem Soldatensohn, und der glückliche Vater erhält einen einmaligen Ehrensold im Betrage eines ganzen Rubels. Mit dem 10. Jahre kommen die Soldatensöhne in besondere Militär-Erziehungs­anstalten, wo sie auf Kosten des Staates erzogen resp. gedrillt worden. Im Alter von 16—17 Jahren treten sie als Unteroffiziere ins Heer ein, und damit ist auch zugleich ihre Carriöre beendet, denn das Gesetz gestattet ihnen keine weitere Be­förderung.

Wie es um die Moral der in der Kaserne ge­borenen und ausgewachsenen Kinder und um die Moral der Truppen, zu denen Diebe und Vaga­bunden aller Art ihr Kontingent stellen, aussieht, das kann man sich unschwer vorstellen; das Bei­spiel von oben erschüttert vollends den Rest sttt- licher Grundlage. Man rechne dazu noch den Mangel, die Entbehrungen, denen der gemeine Soldat nicht selten durch die Gewissenlosigkeit un­getreuer Offiziere ausgesetzt ist, die Verwahrlosung feiner äußeren Erscheinung, das gänzliche Fehlen jener Ordnung und Propretät, welche die halbe Zucht und Erziehung ist und welche niemals ohne eine gewisse moralische Rückwirkung bleibt. „So zierlich und adrett die Garde aussieht," sagt Dr. Holthof, „so schlecht ist die Haltung der übrigen

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ihm aus den hohlen Augen, die Kaserne gleicht äußerlich einer verfallenen Ruine und innerlich einer von Schmutz erfüllten Kloake. Kein Wunder daher, wenn in Rußland der gemeine Soldat das ansehnlichste Kontingent zu den professionellen Räubern und Dieben stellt. Der Raub herrscht in der russischen Armee von oben bis unten. Es wird als nichts Auffallendes betrachtet, wenn Wachtposten das ihrer Obhut anvertraute Ma­gazin ausplündern, denn es geschieht alle Tage." . ... Hat der Soldat seine Dienstzeit mit dem Zeugniß guter Führung beendet, so steht es ihm frei, sich so gut er kann, sei er auch im Dienste Väterchens zum Krüppel geschossen worden, in seinen Heimathsort zurückzubetteln, wenn er nicht, was freilich Hunderte entlassener Soldaten thun, es vorzieht, in den Wäldern und Wegeschenken herumzulungern, zu wildern, zu stehlen und gc-

„Es sollen bedeutende Summen in Wechseln auf sein Haus laufen, welche zu zahlen es nicht im Stande ist."

„Weshalb haben Sie mir dies Alles nicht vor einigen Tagen gesagt, ehe ich Damken die von Ihnen empfangene Summe übergeben habe?" rief Letzingen. „Damals noch waren Sie ebenso fest von Damkens Reichthum überzeugt."

„Das war ich allerdings," entgegnete Ohlert, „und ich habe auch erst heute das Gegentheil er­fahren. Sie selbst haben mich damals in meinem Glauben bestärkt, indem Sie mir von großen Unter­nehmungen , welche Damken vorhabe, erzählten. Sie sprachen von einer Kommandite seines Hauses in M., Sie selbst, als sein zukünftiger Schwieger­sohn, wollten sich als Kompagnon daran beteiligen. Sie werden begreifen, daß ich keinen Verdacht hier­aus zu schöpfen vermochte; es bestätigte nur viel­mehr noch, was man damals allgemein glaubte, daß Damken trotz feiner Verschwendung noch be­deutenden Reichthum besäße. Erst die Entfernung seines Geschäftsführers scheint über dies Alles ein bi ff eres Licht geworfen zu haben."

„Ich kann e» mir auch j tzt noch nicht als mög­lich denken," rief L-tzingen. „Damken hätte nicht an eine Kommandite denken können, wenn fein Geschäft in mißlicher Lage gewesen wäre. Er