JO. 2V7 Montag, den 12. September.
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* Das russische Heer.
Es läßt sich nicht leugnen, daß Rußland in den zahlreichen, meist kriegerischen Völkern, die es unter seinem Zepter vereinigt, die Grundlage für einen guten Soldatenstand besitzt; ebenso wenig jft in Abrede zu stellen, daß seine Osfizierschulen in Bezug auf Tüchtigkeit es mit den preußischen, bie ja als Musterschulen gelten, . aufnehmen können; auch hält es sich hinsichtlich aller Neuerungen auf militärischem Gebiete auf der Höhe seiner Zeit; allein was bei der Militärmacht anderer Länder den Ausschlag gibt, ein gutge- schultes, wohldiszipiinirtes und zahlreiches Heer tüchtige Führer, tresfliche Bewaffnung, das alles wird btt der russischen Armee betreffs seiner Wirkungen zunächst in Frage gestellt durch den einen großen Krebsschaden, unter dem alle Einrichtungen des Landes gleichmäßig leiden: die Unredlichkeit in der Verwaltung, dieselbe Bestechlichkeit, derselbe systematische Betrug, mit einem Worte: dieselbe Korruption wie in Beamtenkreisen! Um einen Einblick in die moralische Verlotterung des Heer- und Marine-Departements in Rußland mit ihren erschreckenden materiellen Folgen zu gewinnen, durchblättere man die Schrift: „Lose Blätter aus dem Geheimarchiv der russischen Regierung" (erschienen in Leipzig bei Duncker und Humblot), eine Sammlung authentischer Aktenstücke, die uns einen.Abgrund von Verworfenheit eröffnen; sie enthalten unter anderm eine Reihe fast unglaublich klingender Enthüllungen über den letzten russisch türkischen Krieg, der soviel nutzlose Opfer verschlang. Trotz der unerhörten Kühnheit ihrer Behauptungen ist die Schrift unwiderlegt geblieben, denn sie stützt ihre Behauptungen auf Beweise. Wie beim Beamtenthum wagt sich die Verderbtheit bis auf die höchsten Höhen, sogar bis an den Thron selbst hinan, oder vielmehr, sie steigt aus diesen Höhen in’s Heer hinab. Ein anerkannt freisinnig und fortschrittlich gesinntes Mitglied der kaiserlichen Familie steht an der Spitze des Unredlichkeitssystems; Millionen öffentlicher Gelder verschwinden in den Privatkaffen der Minister, Generale und böchstgestellter Personen. Das Wort des Kaisers Nikolaus: „Jedermann stiehlt in meinem Reiche!" hat ein trauriges Echo in der Randbemerkung gefunden, welche der rt-
Durch rigrar Schul».
Roman aus der Handetswelt.
70. Fortsetzung.
„Ich weiß eS nicht."
„Weshalb haben Sie mir das nicht sofort mit- getheilt?" fragte Damien weiter.
„Ich hielt es nur für ein unbegründetes Gerücht", sagte der Buchhalter.
„Ich halte es auch nur für ein Gerücht", entgegnete Damken, indem er gewaltsam nach Faffung rang, aber seine bebende Stimme verrieth, wie wenig ihm das gelungen war. „Kehren Sie sofort nach der Stadt zurück, sorgen Sie dafür, daß dies Gerücht nicht weiter verbreitet wird und laffen Sie sofort nach M. telegraphiren, um zu erfahren, ob Kleuser noch dort ist. Ich selbst werde Ihnen sogleich folgen, um der Verwirrung in meinem Geschäfte abzuhelfen."
Der Buchführer ging. Damken blieb in Gedanken versunken einen Augenblick stthen, seine äugen starrten auf den Boden, seine Wangen waren erbleicht. Ec hatte nicht Zeit, sich seinen Gedanken hinzugeben. Gewaltsam riß er sich daraus hervor und fuhr mit der Hand über die ^lirn, um die Besorgniffe, die sich schwer darauf gelagert hatten, zu verscheuchen. Und äußerlich
gierende Zar auf das Aktenstück schrieb, das ihm die Veruntreuungen in seiner allernächsten Nähe zur offiziellen Kenntniß brachte. Aber — mehr als eine Randbemerkung wagte auch der allmächtige Zar nicht.
Daß auch das Heer unabwendbar der Korruption in die Arme fallen muß, begreift sich leicht, wenn man nur das eine erwägt, daß ein großer Theil der Osfizierstellen sich in den Händen des Tschin bt findet. Außer dem Tschin hat nur der Adel Osfiziersstellen inne, wiewohl der älteste Landesadel, die Bojaren, sich von der Armee fern hält oder höchstens seine Söhne in's Kavallerie-Garde« korps schickt. Trotzdem nun, wie schon bemerkt, die Ausbildung der Offiziere in den staatlichen Militärschulen eine ganz treffliche genannt werden kann, leidet die Qualität und das Ansehen des Offizierstandes Zunächst sehr durch den Umstand, daß die Offiziere viel zu jung, also praktisch ganz unerfahren, an's Kommando kommen, und daß beim Avancement nicht Anciennetät oder Verdienst, sondern lediglich Protektion den Ausschlag gibt. Allerdings gilt die Regel, daß der Offizier von unten auf durch alle Grade dienen muß; indeffen läßt man den Bevorzugten gewöhnlich die vorgeschriebenen Rangstufen schnell durchlaufen oder man beschäftigt ihn so lange beim Stab, bis der ihm zuaedachte höhere Posten erledigt ist. „So kommt es/' wie Dr. Holthof sagt, „ost genug vor, daß ein Major von 40 Jahren einen Obersten von 28 Jahren über sich hat, während sein Oberstlieutenant iui Albe zwischen zwei verloren-" Treffen vielleicht eben seinen 26. Geburtstag feiert." Offiziere, denen nicht Gunst oder einflußreiche Verwandtschaft zur Seite steht, bleiben oft ihr Lebenlang in den unteren Graden sitzen. Uebrigens fängt in der russischen Gesellschaft der Mensch erst beim Oöerst- lieutenant an.
Auch im Osfizierstande ist wie bei den Cwilbeam- ten die Besoldung verhältnißmäßig unzureichend, wenigstens in den niedrigeren Graden; treten nun, was nur allzu häufig geschieht, Spielschulden hinzu, so tritt die Versuchung heran, und der also Bedrängte weiß sich häufig keinen andern Rath, als sich an ärarischem Eigenthum schadlos zu halten. Wie ungenirt man in dieser Beziehung zu Werke geht, davon ein Beispiel. Unter Kaiser Nikolaus fehlten eines Tages die vier Kanonen, welche auf hatte er Faffung und Ruhe gewonnen, nur die Bläffe feiner Wangen wich nicht. Er trat in den Stall, um Letzingen aufzusuchen.
Dieser war nicht wemger erschrocken als Damken selbst. Sofort hatte er an die Damken übergebene Summe gedacht, und eine bange Ahnung, daß er durch die Flucht Kleuser's schwer betroffen würde, ergriff ihn.
„Dringende Geschäfte rufen mich sofort nach der Stadt," sprach er, indem er zu Letzingen trat. „Sie müssen deshalb entschuldigen, lieber Freund, wenn ich Sie verlasse, aber ich kann es nicht aufschieben. Mein Geschäftsführer ist sonst ein tüchtiger Mann, aber er ist noch zu jung und es fehlt ihm deshalb in manchen Fällen an den nöthigen Ecsahrungen. Sie wissen selbst , bei einem Kanfmanne hängt oft sehr viel von eigenen Erfahrungen ab."
„Sie werden hoffentlich keine unangenehme Nachricht erhalten haben," warf Letzingen ein, um ihn auszuforschen, in wie weit er ihm die Wahr- heit gestehe.
„Sie ist mir allerdings unangenehm," erwiderte der Handelsherr lächelnd, „weil sie mich genöthigt, Sie zu verlassen. Es handelt 'ich um em neues Unternehmen, bei dem mein Geschäftsführer den Kopf verloren hat, weil er erfahren, daß ein
den vier Ecken der Mauer vor der Sommer-Residenz des Großfürsten Michael, dem Paläste von Kaminostrow, fast unmittelbar vor den Thoren von Petersburg, ausgestellt waren. Ein Oberst hatte dieselben entwendet, indem er sie, um eine Spielschuld zu decken, herabnehmen ließ und an die Kaiserliche Münze in Petersburg verkaufte. Defekte in den Regimentskassen sind etwas sehr Gewöhnliches; selbst den Kommandeuren der Garde-Regimenter in unmittelbarer Nähe des Kaisers, die sonst natürlich vorsichtiger sind und auf Ordnung in ihren Nechnungsbüchern halten, begegnet es zuweilen, daß sie, um die Ehrenschulden einer tollen Nacht am grünen Tische zu decken, das ihnen an- vertrante Eigenthum des Regiments angreifen. Ist bann das Defizit nicht zur rechten Zeit durch Freunde oder die Familie wieder ausgegkiÄen, bann bleibt dem ehrvergessenen Offizier nur die Wahl zwischen „Selbstmord, Sibirien oder Degradation, die ihn für Lebenszeit in die Reihen der Gemeinen wirft". Wo aber nicht die Nähe des Monarchen Entdeckung befürchten läßt/ in den Garnisonen weiter im Innern des Landes, da zählen solche Veruntreuungen weder zu den Seltenheiten, noch gibt man sich die Mühe, die Defekte in Kaffen oder Fouragebeständen zu ersetzen; die Soldaten müssen sich eben behelfen, so gut es geht, so daß häufig ganze Regimenter durch Mangel und Entbehrung dezimirt werden. (Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin, 11. September.
* Nachdem der Plan des Spiritusringes gescheitert ist, tauchen alsbald Vorschläge einzelner Interessenten auf, wie die Spiritusfrage „gelöst" werden soll. Die Freunde des Ringgedankens scheinen die Büchse noch nicht endgültig in's Korn geworfen zu haben. Herr v. Diest-Daber halt das Aufleben des Projektes noch für möglich, wenn sich bloß die Vorschußfrage vorher regeln lasse. Von anderen Seiten wird die Gründung je einer Spiritusbank in jeder schnapsbrennenden Provinz empfohlen. Auf den Austrag all' dieser Projekte darf man gespannt fein. Der Nachtheil der Brenner ist natürlich in keinem der Vorschläge beabsichtigt. In der .Post' ist die Nachricht von einer Steuer auf ausländische Werthe anderes Haus demselben Zweck zustrebt. Hier gilt es, rasch und sicher handeln, um jenem zuvorzukommen.
„Haben Sie einen bedeutenden Verlust zu befürchten?" fragte Letzingen weiter.
„Wie Sie wollen," entgegnete Damkcn. „Ich habe allerdings keinen unmittelbaren Schaden, aber (Denn mir ein bedeutender Gewinn, der ohne Konkurrenz unzweifelhaft ist, entgeht, so muß ich auch dies für einen Verlust ansehen."
„Lassen Sie sich durch mich nicht im geringen auftaUen," rief Letzingen, während Damken seinem Kutscher Befehl erteilte, sofort den Wagen vorzufahren.
Letzingen war über die ernsten Besorgnisse Damkens nicht mehr im Zweifel. Wäre es ihm auch schwer geworden, dieselben aus seiner äußeren Ruhe zu erraten, so sagte ihm doch der Umstand, daß er das Gerücht von der Flucht Kleuser's sorgfältig verschw-.eg, genug, um ihn mit bangen Ver- muttjungen zu erfüllen.
„Ich habe noch eine Bitte an Sie, lieber Freund," sprach er, als Damken mit sichtbarer Hast ihm die Hand zum Abschiere reichte, denn der Wagen erwartete ihn bereits. „Jch^ beabsichtige, einen Freund zu besuchen, leihen Sie mir eines Ihrer Nettpferde."