M 204.
Donnerstag, den 8. September.
1887
Mm W Leitung.
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Deutsches Reich.
Berlin, 7. September.
♦ Der Kaiser hat sich, wie die .Nationalztg? glaubwürdig erfährt, noch in den letzten Tagen dahin ausgesprochen, daß ihm von der in den Zeitungen ventilirten Zusammenkunft mit dem Zaren nichts bekannt sei. — Von anderer Seite wird versichert, für die Reise des Kaisers nach Stettin seien alle Dispositionen getroffen. Die endgültige Entscheidung werde aber mit Rücksicht auf das Befinden des hohen Herrn erst in letzter Stunde getroffen werden.
* Prinz Albrecht kehrt am Sonntag von Königsberg nach Berlin zurück, um dem Kaiser über den Verlauf der Manöver Bericht zu erstatten. Von hier begiebt sich Prinz Albrecht zur Jnspi- zirung nach Bremen.
* Konsul Rudolph Schmidt, deffen Ableben gestern gemeldet wurde, war nicht Konsul in Kamerun, sondern in Monrovia (Republik Liberia).
* Offiziös wird geschrieben:
„Wenn in einigen Kreisen in der Thal die Absicht bestände, die aus der Isi Huene herrührenden Ueber- weisungen zur Unterstützung von Angehörigen zu Hebungen eingezogener Reservisten zu verwenden, so würde eine Verwendung in Aussicht genommen, welche mit den Vorschriften des Ueberweisungsgesetzes vom 14. Mai 1885 nicht vereinbar ist. Denn nach den Bestimmungen des § 4 ist die Verwendung der Ueberweisungsbeträge nicht in das Belieben der Kreise gestellt, vielmehr sollen dieselben der Regel nach nur zur Erfüllung solcher Aufgaben verwandt werden, für welche seitens der Land- und Stadtkreise die Mittel durch Zuschläge zu den direkten Staatssteuern oder durch direkte Gemeindeabgaben aufgebracht werden. Nur, wenn in Landkreisen die überwiesenen Summen nicht sinngemäße Verwendung finden, dürfen fie mit Genehmigung der Aufsichtsbehörde zur Entlastung von Schul- und Armenlasten verwandt werden. Andernfalls findet Unterverl Heilung der zur Verminderung der Kreis- lasten nicht verwendbaren Beträge an die Ortsgemeinden statt. Mit diesen Bestimmungen hat der Gesetzgeber Sicherheit dafür schaffen wollen, daß die Ueberweisungsbeträge nicht zur Erweiterung der Aufgaben der Kreise, sondern zur Entlastung von direkten Kommunalabgaben benutzt werden. Die Möglichkeit, sich formell mit diesen Bestimmungen abzufinden und dabei doch die Reichsüberweisungen zu neuen, bisher nicht den Kreisen obliegenden Aufwendungen heranzuziehen, mag gegeben fein; virtuell enthält eine solche aber zweifelsohne eine Verletzung der gesetzgeberischen Absicht."
* Aus Anlaß des Hirtenschreibens der
Dmch tigtnt Schild.
Roman aus der Handelswelt.
67. Fortsetzung.
Eine dunkle Ahnung sagte diesem, daß sein Verfolger in der Nähe sei. Fast zufällig wandte er das Auge zurück. Ein Schaffner eilte in diesem Augenblicke neben dem lauernden Agenten vorbei, der Schein seiner Laterne fiel auf das halb verhüllte Gesicht Polenz. Es war nur ein flüchtiger Augenblick, denn Polenz trat sofort einen Schritt zurück; aber er hatte genügt, um Kleuser die beiden dunkeln, stechenden Augen erkennen zu lassen, welche auf ihn gerichtet waren.
Für einen Augenblick zitterte er und die Blässe de» Schreckens überzog feine Wangen, als er bie< sen Mann erblickte. Seine Absicht konnte ihm nicht verborgen bleiben, er wollte ihn beobachten und sich wie eine Furie an seine Fersen heften. Ec überwand diesen Schrecken indeß schnell und das bittere Lächeln, welches um seinen Mund zuckte, verrieth, daß er fest entschlossen war, seinen Geg- ner zu täuschen. Ec stellte sich, als ob er Polenz nicht bemerkt habe. Mit lauter Stimme verlangte er ein Billet zweiter Klaffe nach M. und trug einem Gepäckträger auf, für seinen Koffer Sorge zu tragen.
am^Grabe des hl. Bonifatius zu Fulda versammelten Bischöfe schreibt der ,Kur. Pozn.': „In- dem wir Polen das Schreiben der Bischöfe lesen, welche von dem Grabe des großen Märtyrers und Glaubensboten, des hl. B o n i f a t i u s, ihre Stimme an das treue katholische Volk vernehmen lassen, nehmen wir mit aller Ehrerbietung und Dankbarkeit ihre hirtenamtlichen Worte auf; wir prägen deren Rathschläge, Weisungen und Ermahnungen tief unserer Seele ein und werden mit Gewißheit ihren Wünschen nachkommen, weil sie die Nachfolger der Apostel, die Fürsten unserer Kirche und die unmittelbaren Nachfolger derer sind, unter deren ruhmreicher Führung die katholische Kirche in Preußen schwere, aber ruhmreiche Kämpfe bestanden hat. Unter dem Fuldaer Hirtenschreiben stehen auch die Namen der Kirchenfürsten in vorwiegend polnischen LandeStheilen, welche unter preußischer Herrschaft stehen. Gewiß würden die Gläubigen dieser Diözesen es vorgezozen haben, wenn diese Kirchenfürsten von dem Grabe des hl. Adalbert, oder des sel. Ceslaus sie angesprochen hätten; auch warteten sie, ob in dem Hirtenschreiben nicht Worte der Klage laut werden würden aus Anlaß dessen, was in den polnischen Diözesen trotz des besten Willens des hl. Vater» und des Episkopats sich nicht erreichen ließ . . . Andererseits aber wissen wir, belehrt durch die Erfahrung und durch langjährige Unglücksfälle, sehr gut, welche ungeheuren Schwierigkeiten die hochwürdigsten Bischöfe, besonders unser Oberhirt und die Bischöfe in den polnischen Diözesen zu überwinden haben, und wir verstehen die Gründe, weshalb die Erwähnung der kirchlich - politischen Ausnahmezustände in unfern LandeStheilen nicht möglich war. Wir kennen dieselbe alle recht wohl, wir wissen, was uns fehlt, wir fühlen, was uns Schmerz bereitet — wir wissen auch, auf welche einzige Art dem Uebel allmählich abzuhelfen fei. Voll Ver- trauen zu Gott bauen wir auf unsere Geistlichkeit und die hohe kirchliche Behörde; ertragen wir ohne Murren unsere Mühsale — und arbeiten wir eifrig, um den Geist zu beleben, den Glauben zu erhöhen, die Frömmigkeit in unseren Familien zu befestigen — und Gott wird uns nicht verlassen."
• Leipzig, 7. Sept. Sechs bekannte Sozialisten, die theils an der letzten entdeckten Geheimversammlung betheiligt waren, theils wegen
Polenz glaubte sich nicht erkannt, das ruhige Wesen Klmser's täuschte ihn. Wie ein Schatten folgte er ihm, indem er sich selbst stets im Dunkeln verborgen hielt. Seine Augen blieben fortwährend aus den Boden gehestet. Erst als Kleuser in den Wagen eingestiegen, als die Thür desselben hinter ihm geschlossen war, als bereits das Signal der Abfahrt ertönte, schlüpfte Polenz noch rasch in die offen gehaltene Thüc eines anderen Wagens.
Aber Kleuser hatte ihn bemerkt, als er über den erleuchteten Perron eilte. Der Zug setzte sich in Bewegung und j.tzt erst athmete er freier auf. Polenz wollte ihm allen Anschein nach bis M. folgen; das war ihm erwünscht, ja für seinen Plan günstiger, al» er gehofft hatte, denn Polenz furch- tete er vor allen Menschen am meisten. Er wußte, daß er nur ein Spielball in der Hand dieses Mannes war, sobald er seine Ruhe verlor.
Auch Polenz würbe ruhiger, als der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte. Jetzt konnte ihm Kleu- ser nicht mehr entfliehen, jetzt war er fest entschlos- sen, ihn nimmer aus den Augen zu lassen, bis er die zehntausend Thaler empfangen hatte. Ec war fest überzeugt, daß Kleuser ihn zu betrügen beab- sichtige, daß er über M. zu fliehen beschlossen habe, um seine Feinde zu täuschen und auf eine falsche Spur zu führen, um so mehr freute es ihn, daß
Verbreitung sozialistischer Schriften Strafe zu verbüßen haben, sind heute ausgewiesen worden.
• Tübingen, 5. Sept. Nach einem vom Bezirks-Kommando in Reutlingen an das Direktorium des Wilhelmsstifts gerichteten Schreiben werden sämmtliche katholische Theologen auf den 3. Oktober d. Js. zur Einübung des neuen Gewehrs auf 12 Tage einberufen werden. Ausgenommen sind nur die Kandidaten der Theologie, welche bereits die akademische Schlußprüfung bestanden haben und dem entsprechend bald die h. Weihen empfangen werden.
Ausland.
• Lüttich, 5. Sept. Die erste Generalversammlung ,des Sozial-Kongresses war bedeutend zahlreicher besucht, als die Eröffnungsversammlung, obgleich der Regen in dichten Ströme« niedergoß. Das Wort erhielt Freiherr Felix von Los. Derselbe überbringt den Gruß der deutschen Katholiken und spricht seinen Dank aus für die Gastlichkeit der Lütticher Stadt. Die deutschen Katho- liken sind bereit, mit den Belgiern Hand in Hand zu gehen den ernsten Weg der Pflicht, den die Hirten der Kirche jetzt vorzeichnen. Herr Collinet hat uns gestern in glänzender Rede die Früchte unserer vorigjährigen Arbeit aufgeführt. Ihr Bischof hat uns ein weites Programm unserer ferneren Arbeiten angewiesen. Fahren wir fort, unsere Kräfte zu vereinen, um den Abgrund auszufüllen, den der Egoismus zwifcken Besitzenden und Besitzlosen geschaffen hat. Ihr Bischof hat in seiner herrlichen Rede auch die Pflichten des Staates verzeichnet. Wir haben in den „Liberalis- mus" Vertrauen gehabt, heute haben wir unfern Jrrthum erkannt. Mit dem Augenblick, in dem Gott die Regierungen geschaffen hat, hat er ihnen die Pflicht gegeben, die Arbeiter zu schützen und zu vertheidigen, die Gesellschaft vor Gefahren zu retten: dies ist ein Akt der Gerechtigkeit! Hoffen wir, daß unsere Regierungen die Stimme der Geistlichen, der Bischöfe, die Stimme des Vicars Christi, des hl. Vaters, vernehmen und daß wir also unter der Führung der christlichen Gesell- schäft in der Zukunft den sozialen und politischen Frieden wiederfinden. (Lebhafter Beifall.) Es dürfte zu weit führen, den übrigen Rednern der er diese Spur entdeckt zu haben glaubte und ihm nachfolgte wie ein Schweißhund der Fährte des fliehenden Wildes.
Polenz rieb sich vergnügt die Hände. „Nur Geduld, Herr Kleuser," rief er in Gedanken, „nur Geduld, Du entgehst mir nicht. Auch in M. werde ich mich vor Deinen Blicken verbergen, aber auch nicht einen Augenblick werde ich Dich ans meinen Augen lassen. Ich werde schon erforschen, welchen Weg Du von dort einschlägst — das ist auch mein Weg. Nicht beim Beginn Deiner Flucht will ich Dich aufhalten — nein, Du sollst Deinen Plan erst für gelungen und Dich selbst in Sicherheit wähnen, sollst in Gedanken über den dummen Polenz triumphiren, der sich wie ein Schulknabe von Dir täuschen ließ — ha, Du sollst mich erst als einen Angesiihrten und Betrogenen verlachen — dann, dann will ich Dich mit einem Blicke vernichten — Dir soll kein Ausweg mehr bleiben, von meiner Macht und Gnade soll Dein künftiges Schicksal abhängen. Ha, Du hast mich um die zehntausend Thaler betrügen wollen, Du sollst mir noch einmal, ja zweimal so viel geben, ober ich vernichte Dich und sühre Dich als einen Betrüger, als einen erbärmlichen Dieb zurück. Ha, Du sollst keine Wahl mehr haben, wie ein Wurm sollst Du Dich unter meiner Hanb krümmen. Du sollst es