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Mittwoch, den 7. September.

M 203.

1887

Die Fuldaer Rettung' erscheint täglich. Sonn» und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher «bonnementspreis ohne Bnngerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf. ' mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 6. September.

• Die nationalliberale Presse hat sich von jeher famos auf politische SaltomortaleS ver» standen. Das neueste Beispiel liefert die Stellung, welche diese Presie gegenüber der beabsichtigt ge­wesenen, aber jetzt definitiv gescheiterten Gründung einer Gesellschaft für Spiritusverwerthung eingenommen hat. In den Tagen der Agitation für dieses Privatmonopol-Projekt waren die na­tionalliberalen Blätter im Schweiße ihres Ange, sichte» bemüht, dasielbe als ein „gemeinnütziges" der Unterstützung aller „wohldenkenden Elemente" zu empfehlen und dabei wacker auf die frei« finnige rc. Opposition und Nörgelsucht loszu- pauken. Nunmehr, nachdem das Unternehmen Schiffbruch gelitten hat, sucht man sich schleunigst der veränderten Lage anzumeffen, und die „Na­tionalliberale Korrespondenz", die geistige Nähr, mutter so vieler nationalliberaler Blätter und Blättchen, beeilt sich jetzt, da» Unternehmen für ein „wirthschaftlich ungesundes und den Gesammtinteressen de» Volke» nicht entsprechendes" zu erklären. O über die na- tionalliberale Gesinnungstüchtigkeit!

♦ Der Vorstand des Evangelischen Bun­des hat sich eine arge Schlappe zugezogen. Auf der Frankfurter General - Versammlung desselben wurde keck behauptet, die katholischen Bischöfe hätten diejenigen Mischehen als Konkubinate bezeichnet, welche vor dem protestantischen Geistlichen einge. gangen werden. Die Frankfurter Geistlichkeit wies diese Behauptung als falsch zurück. Der Vorstand des Evangelischen Bundes blieb aber dabei und warf der katholischen Geistlichkeit sogar vor, sie habe wiffentlich eine unwahre Erklärung abgegeben. Zum Beweise aufgefordert, beriefen sie sich auf den verstorbenen Erzbischof Dr. Johann Baptist Orbin von Freiburg und auf den verstorbenen Fürstbischof Robert Herzog von Breslau. Weder der eine noch der andere hat indeffen so etwas erklärt, letzterer sogar das direkte Gegentheil — für die Diözese Breslau. Damit nicht genug, wurde den Herren rachgewiesen, daß sie auf einen gefälschten Erlaß sich beriefen. Die Fälschung bestand einmal darin, daß der Erlaß zu einem bischöflichen oder fürstbischöflichen gemacht wurde,

Asch eigene Schi».

Roman aus der Handelswelt.

66. Fortsetzung.

Er verließ Kleuser rasch. Einen Augenblick blieb dieser stehen und blickte ihm nach. Aus seinen Augen sprach eine triumphirende Freude, denn er glaubte über den Agenten den Sieg da­von getragen zu haben. Nur zu bald trat aber nach der gewaltsamen Aufregung eine gänzliche Abspannung der Nerven ein. Sein ganzer Körper erzitterte und er war kaum fähig, sich aufrecht zp erhalten. Wäre Polenz jetzt zu ihm zurückgekehrt, fo hätte er leicht errathen können, was in ihm vorging, denn Kleuser besaß keine Kraft mehr, sich gewaltsam zu faffen und eine Ruhe zu zeigen, die er nicht besaß.

Unb doch hatte er an diesem Abend seiner Frau geger über noch die größte Faffung und Ruhe nöthig, um sich nicht zu verrathen. Sein Herz schlug rasch und laut, es drohte ihm fast die Brust M zersprengen.

Kleuser fühlte, daß er in diesem Zustande der Abspannung nicht heimkehren könne. Er trat in ein nahes Weinhaus und trank rasch mehrere Gläser schweren Wein aus.

Was er hierdurch beabsichtigt hatte, erreichte

während er nur ein pfarramtlicher war. Indeffen ist dieser Umstand nur nebensächlich. Ungleich wichtiger ist die Fälschung des Inhalte». In dem wirklichen Erlaß heißt e»:

„Diejenigen Katholiken, welche mit einer bloßen Civil- trauung vor dem Standesbeamten sich begnügen, ohne nachher sich kirchlich trauen zu lassen, werden von der katholischen Kirche als christliche Eheleute nicht anerkannt."

In diesen Erlaß wurden nun folgende Sätze hineingefälscht:

„oder welche, wenn der eine Theil protestantisch ist, nachher von einem nichtkatholischen Priester sich einseg- nen lassen."

Ob der Protestantenvereins«Vorstand die Fäl- schung begangen hat oder ob sie von anderer Seite verübt worden ist, wiffen wir nicht. Daß sie aber von protestantischer Seite verübt wurde, ist soviel als gewiß, da ein Katholik wohl weiß, daß es protestantische Geistliche, aber nicht protestantische Priester gibt. Wer will angesichts dieser unglaub­lich kecken Fälschung über die massenhaften Ge­schichtsfälschungen sich wundern, die auf Kosten der Katholiken verübt worden sind?

• Der erste deutsche Konsul in Kamerun, Rudolf Schmidt, ist im Alter von 32 Jahren bald nach seiner Rückkehr nach Afrika in Monrovia ge­storben.

* Königsberg, 6. Sept. Die große Parade des ganzen Armeekorps wurde heute vom Prinzen Albrecht abgenommen, der mit großer Suite und zahlreichen fremdherrlichen Offizieren erschienen war. Die Parade ist bei veränderlicher Witterung zu bester Zufriedenheit de» Prinzen verlaufen.

Ausland.

* Budapest, 6. Sept. Nach einer bisher unverbürgten Meldung soll Prinz Ferdinand von Koburg am 10. d. M. über Orsova hierher kommen, um auf seiner Bacser Besitzung einen mehrwöchentlichen Aufenthalt zu nehmen. Ein sol­cher Ausflug war schon bei der Abreise des Prin­zen nach Bulgarien inAussicht genommen. (Fr.Z.)

* Sofia, 6. Sept. Die Antworten der Mächte, betreffend die Mission des Generals Ernroth, sind über Berlin gestern hier eingetroffen. Oester­reich legt gegen die Entsendung Ernroth's katego­risch Verwahrung ein, Italien und England be­dauern gleichfalls, die Zustimmung versagen zu müffen, nur Frankreich stimmt bedingungslos zu.

er vollständig. Denn sobald der Wein sein Blut in einige Aufregung gesetzt hatte, kehrte auch sein entschloffener Muth zurück. Es galt seine Rettung, und mit allen Kräften nahm er sich jetzt zusammen.

Er kam später heim, al» er beabsichtigt hatte, und traf deshalb die Gesellschaft bereits an­wesend. Es war ihm sehr lieb, daß er mit seiner Frau nicht allein war, es würde ihm kaum möglich gewesen sein, die ganze Zeit hindurch ruhig zu erscheinen.

„Erwähne j tzt noch kein Wort davon, daß ich um zehn Uhr fortreisen muß", flüsterte er seiner Frau zu. „Dies würde die Gesellschaft stören und sie zwingen, früher fortzugehen, als mir lieb ist. Wir wollen heiter sein, gegen zehn Uhr gehe ich heimlich fort, und erst, wenn man mich vermißt, entschuldigst Du mich und sagst, daß ich eine nothwendige Geschäftsreise nach M. unter­nommen hätte."

Pauline schöpfte keinen Verdacht hieraus, sie hatte ja keine Ahnung von dem, was ihr Mann vor hatte. Mit stiller Freude bemerkte sie, daß er an diesem Abend heiterer und ausgelaffener war, al» sie ihn seit langer Zeit gesehen hatte. Er entging ihr zwar nicht, daß seine Heiterkeit etwa» Aufgeregte» und fast Wilde» hatte, die»

Fürst Bismarck erledigte sich seiner Aufgabe nicht als Kanzler des deutschen Reiche», sondern al» Präsident de» Berliner Kongreffes, unter wel­cher Form ihm auch die Mission seitens der Türkei angetragen worden ist. (Fr. Z.)

* Rom, 4. Sept. Wie der ,Pol. Korr.' ge­schrieben wird, ist gegenwärtig die Cholera in jenen Gegenden, wo sie anfangs in beunruhigender Weise auftrat, in entschiedener Abnahme begriffen und alle Hoffnung auf ein baldiges vollständiges Erlöschen vorhanden. Mittel- und Ober - Italien blieben diesmal von der Seuche ganz verschont.

* London, 6. Sept. Das Unterhaus nahm die Bill, betreffend den Erwerb kleiner Grundstücke durch Bauern, in dritter Lesung an. Schottland und Irland sind von der Vorlage ausgeschloffen.

* London, 6. Sept. In dem Theater zu Exeter brach gestern Abend während der Vorstel­lung eine Feuersbrunst aus, welche das Gebäude gänzlich zerstörte. Es sind bereits 130 Leichen aus den Trümmern gezogen, meist von Galerie­besuchern, die sich nicht rechtzeitig retten konnten, da die Galerie nur einen Ausgang hatte. 20 Ver­letzte wurden in das Hospital gebracht. Von den Besuchern des Parquets, des Parterres und der Logen retteten sich die meisten, ehe die Flammen um sich griffen, doch trugen Viele in dem Gedränge schwere Verletzungen davon. Das Haus ist gänz­lich ausgebrannt, das Theaterpersonal gerettet.

ä September.

In manchen Jahren gleicht die Natur einer ge­fallsüchtigen Dame, welche die stärksten Mittel an­wendet, um ihr kanonisches Alter zu verbergen. Aber wenn auch zu Anfang September eine wahr­haft tropische Sonnengluth vom Himmel strahlen würde, es ist doch vorbei mit der sommerlichen Herr­lichkeit, das Regiment des Herbstes beginnt, von dem der Septembermonat seinen deutschen Namen hat. Einige Völker haben sich bloß mit drei Jahreszeiten, Winter, Lenz und Sommer, beholfen; sie übergingen den Herbst, der doch bei uns als volle und ganze Jahreszeit geschätzt wird, und das mit Fug und Recht. Der Herbst gleicht einem behäbigen Manne, der sich bei rechter Zeit, nach­dem er „sein Schäfchen" ins Trockene gebracht, zur Ruhe setzt, in Frieden seine Einkünfte verzehrt schrieb sie aber der Wirkung des Weines zu, den er reichlich getrunken hatte.

Tie Heiterkeit Kleuser» war in der That eine erzwungene und unnatürliche, sie ging deshalb auch über die Grenze der Heiterkeit hinaus.

Die aufgeregte Stimmung Kleuser'» paßte zu seinem Vorhaben, er fürchtete sich vor Niemand und würde den Muth nicht verloren haben, selbst wenn Polenz in Begleitung Damken» in diesem Augenblicke in das Zimmer getreten wäre. Selbst an die Trennung von seiner Frau dachte er mit ziemlich leichtem Herzen, es war ja nur eine Trennung für kurze Zeit, für Wochen, höchstens für Monate.

Er hatte sich vorgenommen, ohne Abschied von ihr zu scheiden, um sich durch den Schmerz de» Abschied» nicht überwältigen zu laffen und sich zu verrathen. Sobald seine Flucht geglückt war, wollte er ihr schreiben, bi» dahin sollte sie ohne Kenntniß von derselben bleiben.

Die Stunde de» Abschied» war herangerückt. Kleuser'» Herz schlug laut; er war aufgeregter, al» er geglaubt hatte. Noch einmal warf er einen langen und liebenden Blick auf seine Frau — sie bemerkte e» nicht, dann verließ er rasch und heimlich da» Zimmer. Ihm schwindelte, al» er hinausgetreten war, die Brust drohte ihm zu