JH 202. Dienstag, den 6. September.
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1887
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Die am Grabe des h. Bonifatius versammelte« Erzbischöfe «nd Bischöfe entbieten ihren Diözesanen Gruß und Segen im Herrn.
Geliebte Diözesanen! Nur wenige Monate trennen uns von dem Tage, der die katholische Christenheit in freudige Aufregung versetzt; es ist der Tag, an welchem unser hl. Vater Leo XIII. vor fünfzig Jahren zum ersten Male die Stufen des Altares hinanstieg und jene bedeutungsvoll« Laufbahn begann, welche ihn auf den Stuhl Petri führen sollte. Beim Herannahen dieser Jubelfeier drängt es uns, die wir am Grabe des hl. Bonifatius versammelt sind, ein gemeinsames Hirtenwort an euch zu richten. Wo könnte sich auch die Flamme liebender Begeisterung besser entzünden, als am Grabe dessen, der die Schöpfungen seines apostolischen Eifers so eng mit dem Felsen Petri verbunden und mit weitschauendem Blicke ihnen jene wunderbare Ordnung gegeben hat, die ein Jahrtausend überdauerte!
Wenn schon, geliebte Diözesanen, das goldene Priesterjubiläum jedes Geistlichen für die ganze Gemeinde ein so seltenes Freudenfest ist, muß es dann nicht im Leben Desjenigen, den die Gesammtheit der katholischen Völker Hirt und Vater nennt, alle Macht heiliger Gefühle wecken und sie zu einem Strome erhabenster Begeisterung vereinigen, welcher die Huldigungen Aller zu dem Throne des Stellvertreters Jesu Christi auf Erden hinträgt?
Fünfzig Jahre der Wirksamkeit als Priester, als päpstlicher Gesandter, als Bischof, als Kardinal, endlich als oberster Hirt der Christenheit mitten in einer Zeit voll großer politischer und kirchlicher Ereigniffe — welche Reihe voll Freuden und Leiden, von apostolischen Arbeiten im Dienste des Herrn, aber auch welche Fülle von himmlischen Verdiensten!
Wir haben bisher, geliebte Diözesanen, die Leiden und Bekümmernisse Leo XIII. getheilt; wir haben mit ihm getrauert über die Verfolgungen, über die Stürme, welche die Kirche heimgesucht haben; wir haben Jahre lang mit ihm geklagt über den Raub am Patrimonium Petri, über die bittere Gefangenschaft, in welche der Staathalter Jesu Christi sich versetzt sieht. An diesem Jubeltage aber wollen wir auch seine Freude theilen und Gott aus tiefbewegtem Herzen danken für alle Gnadenerweise, die Er unserem gemeinsamen Vater während seines fünfzigjährigen Priesterlebens geschenkt hat.
Es ist uns jedoch nicht vergönnt, geliebte Diözesanen, das ganze Priesterleben Leo XIII. in diesem kurzen Hirtenschreiben vor eueren Augen darzustellen; wir müssen uns auf die letzten zehn Jahre dieses Lebens beschränken, in welchen dasselbe der ganzen katholischen Welt angehört.
Am 7. Februar 1878 hatte Pius IX. seine edle Seele ausgehaucht; die ganze katholische Christenheit klagte in tiefem Schmerze über den Hingang des großen Dulders auf dem Stuhle Petri. „.Vergesset nicht,'"" so mahnte ein Kirchenfürst in jenen Tagen seine Heerde, „„jene Seele, „„in der sich Gottes Gnade so sichtbar erwiesen hat; er- „„zählet eueren Kindern, was der unvergeßliche Papst „„Pius IX. für die Kirche zu thun verstanden hat. Ver- „„geffet aber auch nicht, Gott zu bitten, daß Er Seiner „„Kirche bald ein Oberhaupt schenken und mit dem Schilde „„Seiner Kraft bedecken möge, damit das Schifflein Petri
Durch kigme Schuld.
Roman aus der Handelswelt.
65. Fortsetzung.
„Sie haben Recht," entgegnete der Agent. „Ich habe geglN unser Uebereinkommen gehandelt; aber ich mußte Sie heute noch sprechen und die Zeit war zu kurz, um Sie zu benachrichtigen, daß Sie mich heute Abend erwarten möchten. Hier verkehren wenig Menschen und wir haben kaum zu befürchten, daß uns ein Bekannter treffen werde. Sie haben heute das Geld von Damken bekommen", fügte er hinzu, indem er Kleuser scharf anblickte.
Kleuser stutzte. Ein flüchtige kaum bemerkbare Bläffe zuckte über seine Wangen — er bezwang sich, denn dieser Augenblick mußte über sein Ge- schick und sein ganzes Leben entscheiden.
„Ja wohl", entgegnete er, scheinbar ruhig, „Woher wissen Sie das? Ich habe es kaum vor ein paar Stunden erhalten."
Polenz lächelte triumphirend. „Ich will es Ihnen sagen. Gestern hat der Banquier Ohlert fünfundzwanzig Tausend Thaler an Lctzingen gesandt, gestern war Letzingen noch bei Herrn Dam- tcn, heute war Herr Damken in der Stadt und bei Ihnen im Geschäfte; da konnte ich mir leicht
„„die stürmischen Wogen leicht durchschneide und in den „„sicheren Hafen einlaufe."'"
Welche Hoffnungen und Befürchtungen sich an den Tod Pius IX. knüpften, wer kann es sagen? Gott allein weiß es! Allein was man immer gehofft oder gefürchtet hatte — die Hand Gottes löste die scheinbar verworrenen Fäden so einfach und schnell, daß schon am 28. Februar deffelben Jahres die katholische Christenheit mit Jubel den neuen Statthalter Jesu Christi auf Erden begrüßen konnte. Und wer war es? Derselbe, welcher jene schönen Worte dem hochseligen Pius IX. nachrief, der Kardinal Pecci, Erzbischof von Perugia. Ihn erkor der Herr, in gefahrvollen, stürmischen Zeiten das Schiff Seiner Kirche zu lenken.
Wohl erkannte der Erkorene die Schwere dieses heil. Amtes; „„allein,"" so ermuthigte er sich selbst, „„wir „„glauben dieses Oberhirtenamt annehmen und dem gött- „„lichen Willen gehorchen zu müssen, indem wir zugleich „„unser Vertrauen auf den Herrn setzen, daß Er, der uns „„diese Würde übertragen hat, unserer Niedrigkeit auch die „„nöthige Kraft verleihen werde.""
Leo XIII. nannte sich das neue Oberhaupt der Kirche zum Andenken an jenen zwölften Leo, der als eine Leuchte der Heiligkeit und Entschiedenheit dastand in einer Welt, die er aus den Abgründen, in welche sie die Revolution gestürzt hatte, wieder erheben sollte. Und war das nicht auch die Aufgabe des dreizehnten Leo?
„„Gleich beim Beginne unserer Regierung,"" so klagte er in seinem ersten Rundschreiben der katholischen Welt, „„stellt sich uns das traurige Bild aller Uebel dar, von „„welcher die menschliche, Gesellschaft bedrängt wird: diese „„so weit verbreitete Untergrabung der höchsten Wahrhei- „„ten, auf denen wie auf einem festen Fundamente der „„Bestand der menschlichen Gesellschaft ruht."" Mit dem Scharfblicke eines Heiligen erkannte er die „„todtbringende „„Seuche, welche die innersten Glieder der menschlichen „„Gesellschaft durchdringt, jene entsetzliche Lehre des So- „„zialismus, der nichts, was nach göttlichem und mensch- „„lichem Recht zur allgemeinen Wohlfahrt weise angeord- ,,„net ist, unberührt und unversehrt läßt; der die Heilig- „„keit der Ehe verhöhnt, die Obrigkeit verachtet und das „„Eigenthumsrecht frech leugnet."" Mit dem Ernste des von Gott bestellten obersten Wächters über das Wohl der Menschheit klagt er den Grundirrthum des öffentlichen Lebens an: „„Man hat einer neuen und selbst für die „„Heiden unerhörten Gottlosigkeit sich schuldig gemacht, „„indem man Staatswesen gründete ohne jede Rücksicht „„auf Gott und die von Gott gesetzte Ordnung; die öffent- „„liche Autorität, so lehrt man, habe weder ihren Ursprung, „„noch ihre Würde, noch ihre Gewalt zu regieren von Gott, „„sondern vielmehr von der Volksmenge, welche jeder „„göttlichen Satzung ledig, nur jenen Gesetzen sich unter- „„werfen will, die sie sich selbst nach Gutdünken gegeben „„hat. Nachdem man die übernatürlichen Wahrheiten, als „„der Vernunft, feindlich bekämpft hat, beschränkt sich das „„glühende Verlangen nach Glück auf den engen Kreis des „„irdischen Lebens.""
Kann die traurige Verirrung unserer Zeit zutreffender gezeichnet werden, als der Papst sie in diesen Worten vor der ganzen Welt beklagt? Indem aber Leo XIII. in die Welt hineinschaute, in ihre religiöse und sittliche Verarmung mitten unter den staunenswerthen Errungenschaften
irdischen Fortschritts, stand da vor seinen Blicken, was der Welt fehlte, und eingedenk der Worte des Propheten: „„Rufe, höre nicht auf; wie eine Posaune erhebe deine „„Stimme!"" rief er hinaus in die Welt durch jene herrlichen Rundschreiben und feierlichen Ansprachen, die eben so viele goldene Sterne sind, hinausgestreut in die Verirrungen des menschlichen Geistes und in die Verwirrungen der menschlichen Gesellschaft. Alle die heilbringenden Wahrheiten, welche mit einer Kühnheit und Gottlosigkeit sonder Gleichen bekämpft und angefochten werden, stellt er auf's Reue wie auf einem weitstrahlenden Lichtheerde der Welt vor die Augen.
Mit apostolischem Freimuthe erhebt er seine Stimme, um Völker und Fürsten auf die Gefahren aufmerksam zu machen, welche aus den herrschenden Grundsätzen für den Staat und für die Kirche entspringen. Den Lehren des Unglaubens und des Umsturzes stellt er die Lehren des Glaubens und der christlichen Ordnung entgegen. Den Männern der falschen Weisheit gegenüber meister auf die Leuchte dec kirchlichen Wiffenschaft hin, den hl. Thomas von Aquin, „„welcher, der Sonne vergleichbar, durch die „„Gluth seiner Tugenden den Erdkreis erwärmt und mit dem Glanze seiner Lehre erfüllt hat.""
Selbst begeistert für die heilige Wissenschaft, belebte er die kirchlichen Studien auf allen Gebieten, eröffnete der Geschichtsforschung neue Quellen, unterstützte sie mit reichen Mitteln und fördert auf jede Weise die kirchliche Wiffenschaft zur Ehre und zum Schutze der Kirche.
Ueberzeugt, daß auf der Heiligkeit der Ehe die Wohlfahrt der menschlichen Gesellschaft beruht, zeichnet Leo der Welt das Bild der christlichen Familie und Erziehung und schildert in herrlichen Worten die Segnungen, welche der Menschheit daraus enspringt. Er enthüllt das finstere Treiben der Geheimbünde und ihre verderblichen Ziele und empfiehlt ihnen gegenüber jene Verein«, welche den christlichen Glauben frei bekennen und die wahre christliche Liebe opfermuthig üben. Die gesammte christliche Weltanschauung aber entwickelt er in jenem schönen Rundschreiben über die christliche Staatenordnung, in welchem er Fürsten und Völkern ihre Pflichten erklärt, sie auf die drohenden sozialen Gefahren hinweist und das Ideal des christlichen Staates in der einträchtigen Verbindung von Kirche und Staat schildert, wie sie einst in den gläubigen Zeiten der Vergangenheit geblüht hat.
Seht, geliebte Diözesanen, dieses Helle Aufleuchten christlicher Anschauungen ist das Werk Leo's XIII. So ist der hl. Vater inmitten der Stürme der heutigen Welt der kundige Steuermann zum Hafen des Heiles, inmitten einer allen Jrrthümern verfallenden Zeit der freimüthige Verkündiger und unbeugsame Hüter der Wahrheit; inmitten einer dem Rechte und der Ordnung vielfach widerstrebenden Welt der unbestechliche Wächter des Rechts und der Gerechtigkeit — er ist wahrhaft ein lumen de coelo, ein Licht, das vom Himmel angezündet in die dunkle Welt hineinleuchtet.
Aber nicht bloß Licht braucht die kranke Welt; nein, auch Kraft, göttliche Kraft, d. i. Gnade, die heilt, was krank ist; die stark macht, was schwach ist; die erhebt himmelwärts zu den ewigen Gütern und Hoffnungen, was an der Erde kriecht. Daher die rührende Frömmigkeit, mit welcher Leo XIII. zum Gebete auftust, besonders zur
zusammensetzen, was der Zweck seines Kommens war."
„Sie haben sehr scharf beobachtet", warf Kleuser ein. „Sie haben aber richtig vermuthet. Es ist so."
„Wann werde ich meinen Antheil bekommen?" fragte Polen; weiter und ohne Umstände.
„Sie kennen doch unsere Verabredung", warf Kleuser ein. „Erst dann, wenn" — er vollendete seine Worte nicht. „Ich würde mich blosstellen, wollte ich Ihnen die Summe früher geben, Damken könnte Einsicht in die Bücher und in die Kaffe nehmen, und ich wäre verrathen."
Der Agent lächelte spöttisch. „Damken wird Ihre Kaffe nicht mehr durchsehen", sprach er mit Nachdruck.
„Ich verstehe Sie nicht", entgegnete Kleuser, mit aller Anstrengung seine Ruhe bewahrend.
„Nicht?" fragte Polenz, ihm in die Augen sehend. „Nicht? Herr Kleuser! Sie täuschen mich nicht. Noch heute wollen Sie fliehen, um auch mich zu betrügen! Ha, ich habe Sie errathen, ich weiß es, ja ich weiß es, heute noch."
Wieder glitt eine flüchtige Bläffe über seine Wangen, die Polenz zum Glück nicht bemerkte.
Er glaubte sich schon verrathen — aber nein, es war unmöglich; Polenz konnte es nicht wissen, er war nicht allwissend. Es galt sein Glück, sein Leben — und er blieb äußerlich ruhig.
„Diesmal irren Sie sich, lieber Freund", erwiderte er ruhig lächelnd. Was Sie besürchten, ist mir nicht in den Sinn gekommen."
„So, so!" rief Polenz mit gedämpfter Stimme. „Ich irre mich nie, Herr Kleuser. Sie wollen heute fliehen, oder haben Sie zum Scherz ihren Koffer nach dem Bahnhofe gesandt?"
Er blickte Kleuser mit überlegenem und trium- phirendem Blicke an. Kleuser hielt den Blick au» und blieb ruhig. „Ha, ha, ist es das?" erwiderte er. „Sie beobachten ffcharf, außerordentlich aufmerksam. Diesmal gilt indeß meine Reise nur dem Geschäfte."
Der Agent schüttelte ungläubig mit dem Kopfe. „Sie täuschen mich nicht!"
„Das ist auch wahrhaftig nicht meine Absicht", entgegnete Kleuser. „Kommen Sie, ich will Sie aufklären. Sie wissen, daß Damken das Geld von L.tzingen unter dem Vorwande erhalten hat, in M. eine Commandite zu errichten. Meine Reise nach M. ist nur zum Schein, um von dort । aus Damken zu schreiben, um L-tzingen durch