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M 200.

Sonnabend, den 3. September.

1887

Älimer

| Jeitmz.

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I kultureller Bedeutung, sondern auch für uns. Wir be- I dürfen der Orden als des unvergänglichen, sich stets ver­jüngenden Ideals christlichen Lebens, als anspornende Beispiele christlicher Vollkommenheit. Ein geistreicher Amerikaner hat einmal prophetisch vorausgesagt, daß unter dem Ansturm der zu unseren Füßen emporwachsenden modernen Hunnen auch die Kulturstätten des alternden Europas wie die des Alterthums in Trümmer sinken würden. Wir aber wiffen, daß das Christenthum die Bürg­schaft der Regeneration von innen heraus in sich trägt für jedes Volk. Das Christenthum kann aber seine volle Kraft nicht entfalten ohne die Thätigkeit der katholischen Orden. Diese werden nicht nur die Fahne des Kreuzes in fremde Welttheile tragen, sondern auch das alternde Europa regeneriren. (Redner erntete für seinen meisterhaften Vor­trag, den wir hier nur kurz skizziren können, stürmischen langandauernden Beifall.)

Herr Chefredakteur Dr. Cardauns-Köln feiert die fünfzigste Wiederkehr des Jahrestages der Gefangennehmung Clemens August's (20. November 1837). Dieser Name ist ein Programm, ist ein anerkanntes Symbol der kirchlichen Freiheit. Dieser Gedächtnißtag darf hier nicht übergangen werden. Redner schildert die kläglichen Zu­stände der deutschen Kirche vor einem halben Jahrhundert, das kraffe Staatskirchenthum, die Einmischung der Bureau- kratie in die innersten kirchlichen Angelegenheiten. Es war Gefahr vorhanden, daß die Kirche in Preußen Verwaltungs­reffort wurde; da schickte Gott diesen Mann, schlicht, kein Weltmann und Diplomat, aber ein eifriger makelloser Priester, selbstlos, eisernen Willens, wahrhaftig. Schuld­los in die Jntrigue der geheimen Konvention über die gemischten Ehen verwickelt, hat er, den Widerspruch der Konvention mit dem päpstlichen Breve erkennend, seine Pflicht gethan und hat die Folgen auf sich genommen, wie später ein zweiter erzbischöflicher Bekenner, weichend der Gewalt, Sieger in Banden. Die preußischen Regierungs­kreise haben sich gänzlich getäuscht über die Folgen dieses 1 Ereignisses. Sobald die päpstliche Allokution dem ersten Schwanken ein Ende gemacht, stellte das ganze katholische Deutschland, Adel, Bürger, Bauern sich entschloffen auf die Seite des hoch«. Herrn Erzbischofs. Auch die Preffe wurde wieder Dolmetsch des katholischen Gedankens, namentlich Görres im Athanasius. Freilich lockerte diese stürmische Begeisterung nur den Boden für die Saat der Zukunft. Clemens August war über ein Jahr in Minden, dann gestattete der König ihm den Aufenthalt in Münster. Der Stein war im Rollen, allerwätts erhob sich ein offener Widerstand gegen das Staatskirchenthum; so fand ein Ausgleich unter hervorragender Betheiligung Friedrich Wilhelm IV. und großem Entgegenkommen Roms statt. Der hochwürdigste Herr Erzbischof brachte das Opfer seiner Person, aber gesiegt hat die Sache, sein Werk war vol­lendet. Das Programm der Unabhängigkeit und wechsel- | fettigen Freundschaft von Staat und Kirche und die Aus­führung dieses Programmes in sich vereinigend, hat er die Grundpfeiler des staatskirchlichen Systems erschüttert, die Mauern fielen von selbst. Dreißig Jahre ist dieses Programm, wenn auch unter Schwankungen, in Haltung geblieben, zum Heil von Staat und Kirche, die in rast­loser Arbeit bewies, wie würdig sie der erkämpften Frei­heit sei. Dann kam der neue Kampf; wir haben ihn über­standen, weil der Geist und die Kraft dieses Bekenners fortlebte in den Bischöfen, in den Priestern, im Volke, gleichwie der Eid noch im Tode bei Valencia siegte. Jetzt ist, wenn auch kein Friede, so doch Zeit gegeben zur Sammlung und zum Aufbau; benutzen wir sie, vergebend, aber nicht vergeffend, duldsam, aber fest, Gottes Ehre in Allem suchend, stark, treu und wahr wie Clemens August, der Führer unserer Väter, unser Fürbitten und Vorbild! (Der reiche Beifall, der dem Redner bei seinen Ausführun­gen wiederholt gezollt wurde, verstärkt« sich am Schluffe der Rede zu einer langen begeisterten Veifallssalve, als ob die Versammlung spontan in dieser Weise die Zu­sicherung geben wollte, der Aufforderung nachzukommen.)

Letzter Redner ist Pfarrer Lehn en-Adenau, welcher die Verstaatlichung der Schule und das Recht der Kirche und Familie auf die Schule behandelt. Er bezeichnet das Thema in diesem Jahre als ein ganz besonders zeitgemäßes, denn wenn wir auch am Ende des großen Kulturkampfes stehen, so soll jetzt der stille Kulturkampf beginnen, bei dem die Schule die Hauptrolle spielen soll, und zwar nach dem eigenen Zugeständniß des Reichstages, des Reichskanz­lers und des freikonservativen Profeffors Delbrück. Letz, terer hat offen gestanden, daß ein dauernder Friede zwischen Staat und Kirche gar nicht existiren konnte, daß der Kampf vielmehr nur einen anderen Charatter annehmen werde. Die Idee, den Katholizismus dem deutsche« Charakter an­zupaffen, ist zwar aufgegeben, aber nur vorläufig. Man hoffe von dem Frieden, daß er die Reihen des Centrums lockere, da der Streit jetzt die Waffen nicht mehr errege. Die ftemden Anschauungen roiH man besonders beim Ge- schichts- und Schulunterricht und durch den Literatur-Un­terricht einführen und so den Abfall von der Kirche er- zielen. Also der große Kampf um die Freihett der Ge- |

• Der frühere Fürst von Bulgarien, Prinz Alexander von Battenberg, soll eine Audienz beim Kaiser nachgesucht haben, um seine Wieder­aufnahme in den deutschen Armeeverband zu er­bitten. Eine Bestätigung dieser Nachricht, die ja keineswegs unwahrscheinlich klingt, hat man bis­her noch nicht erhalten.

* Das Ergebniß der diesjährigen Reifeprüfungen an den deutschen Gymnasien berechtigt zu dem Schluffe, daß der Zudrang zu dem Universität«-

wiffen muß weiter gekämpft werden auf dem Gebiete der Schule. (Beifall.) Dabei kämpfen wir für das natürliche Recht der Familie und für das übernatürliche Recht der Kirche. Die Schule ist nur eine Hilfsanstalt der Familie darum muß der Geist der Schule mit dem Geiste der Fa! milie Harmoniken. Es ist ein Gewaltakt gegen die bürger­liche und Gewiffensfteiheit, wenn Eltern gezwungen wer­den, ihre Kinder Schulen anzuvettrauen, deren religiöser Geist mit dem der Familie nicht harmonirt. (Lebhafter Beifall.) Als die Rheinlands an Preußen kamen, ist dm Rheinländern freie Uebung ihrer Religion zugesichert wor­den und Kaiser Wilhelm hat gesagt, dem Volke müffe die Religion erhalten werden. Wir werden daher streben, daß dieses Kaiserwort seine volle Geltung findet. (Lebhafter Beifall.) Die Kirche allein hat Anspruch auf Ertheilung des Religionsunterrrichtes. Als der Herr zu den Aposteln sprach: „Gehet hin unb lehret alle Völker", hat er auch das preußische Volk und die Kinder des 19. Jahrhunderts nrcht ausgenommen. (Heiterkeit.) Und die Kirche hat nicht nur das Recht, sondern auch das Geschick zum Unterricht. Selbst Minister v.Putttamer hat anerkannt, daß die Schule der Hilfe der Kirche nicht entbehren könne. Für Diener der Kirche, die sich zu Staatsdienern erniedrigen, hat das Volk nur Verachtung. (Beifall.) Die Kirchs hat auf dsm großen Gebiete der Pädagogik ihr Examen vor der Welt­geschichte bestanden, gegen die Methode des Staates aber spricht die Statistik, wonach die Zahl der jugendlichen Ver­brecher von Jahr zu Jahr wächst. Die Lösung des Kon­flikts liegt in den Worten: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist." Dank den katholischen Lehrern, die sich im Kulturkämpfe bewährt haben! Dank dem Centrum für sein mannhaftes Eintreten für die Schule l Dank dem Führer des Centrums! (Rauschender Beifall.)

Sodann wird die Versammlung geschlossen, worauf sich die Theilnehmer in einem langen Zuge geordnet unter Be­gleitung eines Musikkorps nach der Porta nigra begaben. Besonderen Eindruck machte gerade an diesem Gebäude die aus Flammenschrift gebildete Inschrift: Crux ave veritas orbis! (Schluß folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin, 2. September.

*Das Projekt derSpiritusverwerthungS- gefellfchaft ist definitiv gescheitert. Der Vor­stand des Vereins der Spiritusfabrikanten in Deutschland erläßt folgende Erklärung, datirt Berlin, den 1. September: „Mit dem heutigen Tage ist durch die Erklärung des Bank-Konsor- tiums die Gründung der Gesellschaft für Spiritus- verwerthung als gescheitert zu erachten. Die in ungenügender Zahl eingesandten und mit den verschiedenartigsten erschwerenden Bedingungen be­lasteten Verträge geben dem Konsortium nicht die genügende Sicherheit, um das Geschäft abschließen zu können."

* Die Nachricht von einem auf den Kaiser von Rußland vor deffen Abreise nach Kopenhagen bei Krasnoje-Selo stattgefundenen Attentat wird von berufener Seite dementirt. Die Nach«

Die Nach, richt tauchte zuerst in einem durch seine Sensa- tionsnachrichten bekannten Wiener Blatte auf, welches dieselbe von der preußisch-russtschen Grenze erhalten haben wollte. Unabhängig davon ging die Nachricht der Berliner .Nationalzeitung' zu. Sie fand eine Bestärkung in der Kopenhagener Meldung, wonach Kaiser Alexander infolge eine» rheumatischen Leidens den Arm in der Schlinge trage. Nicht richtig ist es, wenn behauptet wird, die Attentatsnachricht sei erst auf Grund jener Kopenhagener Meldung fabrizirt worden. Die glücklicherweise falsche Nachricht von dem Attentate cirkulirte bereits früher.

34. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands.

* Trier, 31. August.

(Fortsetzung aus dem zweiten Blatte.)

Der Vorstand der Generalversammlung war heute Mit­tag beim hochwürdigsten Herrn Bischof von Trier zum Kiner geladen, woran auch einzelne hervorragende Mit­glieder der Generalversammlung theilnahmen. Im Laufe des Nachmittags fanden mehrere Ausschußsitzungen statt, aus denen mittheilungswerth ist, daß der Antrag des Für­sten zu Löwenstein, welcher für das Centtum ein Dankes­und Vertrauensvotum enthält, einstimmig und unverändert angenommen wurde.

Lange vor Beginn der heutigen dritten öffent­lichen Generalversammlung war die Festhalls überfüllt. Hunderte, die Einlaß begehrten, mußten wegen Mangels an Plätzen draußen stehen bleiben, um durch die Fenster­öffnungen und Ritzen der Latten etwas von den Reden zu erhaschen. Die hochwürdigsten Herren Bischöfe von Trier und Luxemburg sind anwesend.

Erster Redner ist heute der Freiherr Dr. v. Gruben aus Regensburg, der bekannte hervorragende Sozialpoli- tiker, welcher über die Verstaatlichung der Armen- und Krankenpflege sich verbreitet. Er beleuchtet diese Frage von folgenden beiden Gesichtspunkten aus: 1) Wie stehen wir Katholiken zum modernen Staate und 2) in welchem Verhältnisse stehen die Armen und Kranken zu uns Katho­liken. Als di« Reformatoren den alten Staatsbegriff ein­gesargt hatten, da konstruirten die Philosophen nach alt- heidnischen Begriffen den Staat als einen allgemeinen Für­sorger für die Bürger, der für Alle denkt und handelt, so daß dem Einzelnen nichts übrig bleibt, als nach Befehl die Börse zu ziehen und die Flinte über die Schulter zu wersen. (Beifall.) Es ist in einem solchen Staate der Wille des leitenden Staatsmannes allein maßgebend. MerdingS hat das Deutsche Reich eine so anerkennenswerthe straffe Bureaukratie, daß man sich versucht steht, ihr alles Mög­liche auszugeben, selbst bis zum Tabaksoerschlsiß und Spi- ritusvsrkauf. (Beifall.) Von diesem Standpunkte aus muffe man unter Verstaatlichung der Armen- und Kranken­pflege die Gründung von öffentlichen Spitälern verstehen, in denen die Armen und Kranken durch Polizeisoldaten und Mägde gepflegt werden. Wir wiffen, wohin das fühtt, aus den Vorgängen, die sich vor zwei Jahren in Paris ab­gespielt haben. So etwas wäre freilich in Deutschland und ; bei dem religiösen Standpunkte des Kaisers und des Für­sten Bismarck nicht möglich: Was nun unsere Verpflich­tungen zu den Armen betrifft, so sind sie diejenigen, durch deren Vermittelung uns das Himmelreich zu Theil wird, denn beim Weltgerichte wird das Urtheil nach den That- sachen der Barmherzigkeit bestimmt werden. Schon deshalb können wir uns nicht dazu verstehen, uns von dem An- blicke der Armen und Kranken dadurch zu befreien, daß wir dem Saate überlaffen, für sie ju sorgen. Eine Ver­staatlichung der Armenpflege setzt die Verchristlichung des Staates voraus, aber eben einen solchen verchristlichten Staat gab es nur so lange, als der Kirchenstaat existirte. Für heute scheint die Zeit dazu wohl nicht gekommen zu sein. Einstweilen wollen wir dem Fürsten Bismarck ver- ttauensvoll die Hand bieten zur Bethätigung des prakti­schen Christenthums, als der Bethätigung der christlichen Moral auf dem Gebiete des Staatslebens. Dann möge aber Fürst Bismarck der Kirchs dis nöthigsn Mittel ge­währen, die ihr für die Armen und Kranken anvsrtraut find und die krankenpflegsnden Orden von der Polizeiauf­sicht freigeben.

Abg. Dr. Lieber spricht Über die Aufgaben und Leist­ungen der katholischen Orden. In schwungvollen Worten legt er bereit Bedeutung dar und bezeichnet sie als das einzige Heilmittel für die sittlichen und sozialen Schäden der Gegenwart. Nur die katholischen Orden, diese Blüthe des Christenthums, vermögen in die verbitterten Herzen der Proletarier den allein versöhnenden Balsam der Liebe zu träufeln. Allerdings erkennt man die Bedeutung der Orden für die Civilisation in der Vergangenheit an. aber leider nicht für die Gegenwart. Die Welt versteht den Geist der Orden nicht, weil dieser Geist nicht von der Welt ist. Will man die soziale Zerklüftung der Gegenwart heilen, dann muß man alle Orden zurückberufen, alle Orden ohne Ausnahme; auch die Jesuiten. (Stürmischer, anhaltender Beifall.) Freiheit für Alle, auch für die Jesuiten! (Lebhafter Beifall.) Wir dürfen der Zustimmung des h. Vaters gewiß sein, wenn wir nicht ruhen und saften, bis der letzte Ordensmann und die letzte Ordens- ftau auf deutschem Boden die Freihett wieder erlangt hat (Lebhafter Beifall) und möglichst viele Söhne und Töchter des deutschen Volkes sich in voller Freiheit dem Ordens­leben wieder widmen können; denn die Orden find nicht nur für Staat und Gesellschaft von höchster, sittlicher und |