M 198.
Donnerstag, den 1. September.
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1887
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34. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands.
* Trier, 29. August.
Zur ersten öffentlichen Versammlung ist die Festhalle vollständig gefüllt. Der Klerus ist, wie immer, stark vertreten, besonders fällt die große Zahl der an ihrer Tracht leicht kenntlichen Geist- sichen aus den Reichslanden auf; aber der Klerus verschwindet doch unter der Masse der Laien. In der Eröffnungsrede'zeigt sich Graf Ballestrem als ebenso geschickter Redner, wie er sich schon am Vormittag als schneidigen und doch verbindlichen Präsidenten erwiesen hat: knappe, klare, wohl erwogene Sätze, selten, aber dann desto wirksamer, Pathos, Humor, Sarkasmus. Wer etwa noch gedacht haben sollte, die Trierer Versammlung werde unter dem peinlichen Eindruck der Unsicherheit über das zukünftige Verhalten der deutschen Katholiken tagen, wird nach den ebenso festen als taktvollen Ausführungen des schlesischen Grafen auf diese Hoffnung verzichten müflen. „Friedenspräliminar. Vertrag mit Waffenstillstand und Demarkations- Linie" — das war das richtige Wort, wie überhaupt die militärische Terminologie in glücklichster Weise Verwendung fand. Lauter Jubel, als er das „Vigilate et orale“ am Thurm der St. Gan- golpyS-Kirche etwas frei mit „betet und organisirt euch" übersetzt und Herr Windthorst glückwünschend auf ihn zutritt. Ein hinreißender Redner ist Bischof Ko rum, dcffen mächtig aus dem Herzen quillendes Wort unterstützt wird durch die klangvolle Stimme und seine Gestikulation. Wie weiß dieser Bischof sich an die einzelnen Kategorien sei- ner Zuhörer zu wenden, an die Priester und Laien, an die Führer und das Volk, an die Lehrenden und Lernenden. So zieht man Kämpfer für die Freiheit der Kirche, „die Christus frei hervorgehen ließ aus seiner durchstochenen Brust". Die Abendglocke ertönt, und während das elektrische Licht den dämmernden Saal durchströmt, erhebt sich die Ver- sammlung, um den „Engel des Herrn" zu beten. Noch eine gewaltige, von schwungvollen Vergleichen durchwebte schwungvolle Aufmunterung an die athemlos Lauschenden, und knieend empfängt die Versammlung den bischöflichen Segen.
Herrn Abg. Konsistorialrath Dr. P o r s ch (Breslau) hat die Reihenfolge in der Rednerliste wahr
lich keine leichte Aufgabe zugewiesen; aber der zweite Schlesier des Abends löste sie leicht: die Jdee desPapst- thums, seine Weltstellung, seine weltliche Herrschaft und das bevorstehende Jubiläum seines gegenwärtigen Trägers in glänzender, packender Rede erörternd, in seiner Wendung auf das Diktum des Reichskanzler» sich stützend, wie er es von seinem paritätischen Standpunkte aus sehr wohl verstehen könne, wenn die Universal- Einrichtung des Papst- thums eben wegen ihrer Universalität den deutschen Katholiken auch als eine deutsche Einrichtung erscheine.
Von tiefem Ernste getragen sind die Ausführungen des Herrn General-Sekretärs Hitze zur sozialen Frage, der sich die schwere Gefahr eines Umsturzes nicht verhehlt, aber doch nicht verzweifelt an dem noch immer in großer Zahl tüchtigen und braven Arbeiterstande, in den das sozialdemokratische Uebel keinen Eingang gefunden hätte, ohne das böse Beispiel von oben. In schärfster Weise äußert er sich über die mangelnde Fürsorge der Industrie und der Gesetzgebung, in derselben Schärfe wie bei früheren Gelegenheiten, was freilich die sozialdemokratische Preffe nicht abgehalten hat, gerade Herrn Hitze mit ihrem ganz besondern Mißfallen zu beehren. Er wird sich dadurch auch in Zukunft nicht hindern laffen, im Verein namentlich mit der Centrums-Fraklion die Verschlcppungs- Politik zu bekämpfen, die in der Frage der Sonntagsruhe so unerbauliche Triumphe feierte.
Eine halbe Stunde nach Schluß der Versammlung begann im selben Saale bereits der große Kommers der katholischen Studenten- Vereine unter dem Präsidium des Herrn sind. Friedrich von der Bonner Arminia. 2000 Personen mochten anwesend sein und die Stimmung war schon sehr animirt, als Fürst Löwenstein, die Abgeordneten Windthorst, Reichensperger, Porsch, Lieber, Cahensly u. A. erschienen. Windthorst scherzte in der anmuthigsten Weise über den ersten abgeschmackten Bericht, den die .Köln. Ztg.' von der Generalversammlung gebracht. Rach derselben hätten wir hier nur Verluste zu verzeichnen, und Sie, m. H., wären Alle „verloren". Weiter erging er sich in überaus angenehmen Jugend- Erinnerungen, an seine studentischen Hebungen, speziell seine eminente Qualifikation als Walzertänzer und ging dann in rascher Wendung auf die
Duch eigene Schuld.
Roman aus der Handelswelt.
61. Fortsetzung.
„Sonst würde ich es gar nicht unternommen haben," erwiderte Damken zuversichtlich lächelnd. „Sehen Sie, bei dem gewöhnlichen Geschäftsverkehr mit größeren Häusern gewinnt mein Haus im Durchschnitt mindestens fünfzehn Prozent; hier ist aber noch ein anderer Fall, ich muß auch noch den Gewinn hinzurechnen, der den Häusern, welche von mit kaufen, zufällt, denn ich trete nun durch die Kommandite selbst mit dem Publikum und den kleineren Geschäften in unmittelbare Verbindung und kann also auf mindestens fünfund- zwanzig Prozent rechnen."
„Ich erhalte kaum den fünften Theil der Zinsen für mein Vermögen," rief Letzingen, durch die glänzenden Aussichten sichtbar etwas aufgeregt. „Ein wie großes Kapital würde erforderlich fein ?"
„Nun, nun," rief Damken lächelnd, indem er feine Freude über Lctzingens Eifer und Bereitwilligkeit mit Musterhaftigkeit hinter größter Ruhe verbarg. „Darüber können wir ja noch genug teben, wenn Sie sich die Sache reifleich überlegt naben. Es würde mich indeß freuen, wenn ich tarnen auf diese Weise eine kleine Gefälligkeit er
weisen könnte. Wir wollen es gelegentlich näher besprechen. Doch halt I Sie erinnern mich da an einen Brief, den ich soeben von meinem Geschäfts- führet erhalten habe. Ich werde ihn in der Tasche haben," sagte Damken.
Er suchte den Brief scheinbar mit dem größten Eifer und fuhr dann, als er ihn nicht fand, fort:
„Ich habe ihn auf meinem Zimmer gelassen, doch das ist ja gleichgiltig. Mein Geschäftsführer meldet mir nämlich, daß jetzt ein anderes bedeutendes Geschäft in der Stadt, welches ein Konkurrent meines Hauses ist, eine Kommandite in M. zu errichten beabsichtigt. Verhüten kann ich dies natür- lich nicht, aber ich muß ihm zuvotkommen und kann es, da bis jetzt außer Ihnen und meinem Geschäftsführer noch Niemand von der Absicht Kenntniß hat. Es muß dcßhalb auch geheim gehalten werden und so bald als nur möglich ins Leben treten. Hat meine Kommandite in M. einmal feste und zahlreiche Verbindungen an- geknüpft, so kann ihm die Kommandite eines anderen Hauses keinen Nachtheil bringen. Ich glaube sogar, daß diese» von seinem Unternehmen zurücktreten wird, wie ich wahrscheinlich daffelbe gethau haben würde, wenn e» mir zuvorgekommen wäre. Dies ändert allerdings die Sache etwas, lieber Freund denn j tzt muffen wir rasch handeln
hohe Bedeutung der katholischen Studenten-Vereine über:
„Zur erfolgreichen Thätigkeit gehört nun ein Mal heutzutage das korporative Wesen. Ich habe heute mit größtem Vergnügen das Verzeichnis Ihrer alten Herren durchgesehen und mich gefreut über die große Zahl Ihrer Philister in angesehenen Lebensstellungen. Wir stehen jetzt schon anders als vor zehn Jahren, und über weitere zehn Jahre kann's noch bester sein. Von konfessioneller Feindschaft wollen wir bei unfern katholischen Vereinen nichts misten; wir wollen nur wetteifern mit ihnen, und dann sehen, ob sie etwas weniger unfreundlich gegen uns werden. Ich habe schmerzlich bedauert, daß eine Rede wie die bekannte Göttinger an einer hannoverschen Universität gehalten werden konnte. Wir folgen solchen Beispielen nicht, treiben keine Politik auf paritätischen Universitäten, sondern gehen in ernstem Streben unser» Weg. Unser fleißigster Student und Musterknabe war aber alleweil mein vis-ä- vis, Hr. August Reichensperger, allerdings auch sehr leichtsinnig, und deshalb ist er heute hier. (Ungeheuere Heiterkeit.) Aber dem ernsten Studium dieses unseres verehrten Seniors, der seine Nebenstunden auf die Kunst' verwendete, sollt ihr jungen Leute nach Kräften nachahmen. Euere Examina müssen die besten sein; denn ihr habt euch selbst euere Zukunft zu machen. Selbstgemachte Leute müßt ihr werden, dann werdet ihr starke Männer. Das geht aber nicht mit einem gedrückten Gemüth, und deshalb müßt ihr fidel sein. Frohsinn in Ehren und Mäßigung, aber dann voll und ganz. Kommt ihr Juristen aber heute Abend nach Haus, so müßt ihr noch Pandekten studiren. Das ist meine Methode. Handelt danach, dann gefallt ihr auch den jungen Damen dort oben. Die Lektion wegen des Frühschoppens überlasse ich meinem Freunde Reichensperger und kommandire einen Salamander auf die katholischen Studenten-Vereine Deutschlands!" (Großer Jubel und Beifall.)
Auf diese starke Herausforderung ergriff Reichensperger das Wort zur „Berichtigung". „Ich hatte geglaubt, daß hier nur junge Leute zu sprechen hätten, natürlich mit Ausnahme meines Gegenüber, der stets wie ein Phönix in neuer Jugend ersteht. Von Herzen schließe ich mich seinem Spruche an. Hilf dir selbst! und da darf ich sagen, daß ich zuerst auf die Mißstände an den Universitäten hingewiesen habe. Aber aufs wärmste erkenne ich an, daß Ihre Kreise Bestrebungen Raum geschaffen haben, die zu unserer Zeit noch nicht denkbar waren. Aber laßt den Frühschoppen bleiben! Morgens Hochamt und bann Frühschoppen, das gefällt mir nicht. Geht auch in dieser Beziehung, wie bei dem elenden Duell, mit gutem Beispiel voran! Folgt dem Wort meines Gönners Windthorst, den ich jetzt noch ein Mal privatim hochleben laffe."
und wenn Sie Lust haben, sich zu betheiligen, müflen Sie sich freilich bald erklären."
„Ich bitt bereit dazu," entgegnete der Gutsbesitzer, „nur kommt es noch auf die Summe an, welche erforderlich sein würde. Wie viel meinen Sie?"
Damken schien einen Augenblick nachzusinnen, obschon er längst mit sich im Reinen war.
„Gut, lieber Freund," sprach er endlich, „Sie sollen sehen, daß ich auch uneigennützig sein kann, wir wollen Beide das Unternehmen zu gleichen Theilen ausführen. Dann müßten Sie fünfundzwanzig- bis dreißigtausend Thaler einzahlen."
Ist eine so bedeutende Summe zu dem Unternehmen erforderlich?" fragte Letzingen durch die Größe dieser Summe etwas überrascht.
„Ich könnte allerdings auf den festgegründeten Kredit meines Hauses bauen," gab der Handels- Herr zur Antwort, „.aber wir wollen das Unternehmen mit Energie und ausreichenden Kräften angreifen. Baarmittel sind durchaus nothwendig, um von vornherein Vertrauen zu erwecken. Dazu ist M. für den Handel ein eigenthümlicher Platz. Er ist äußerst günstig, aber die meisten Geschäfte werden gegen sofortige Bezahlung abgemacht. Ich habe die Hauptthätigkeit dieser Kommandite für Einkäufe im Export bestimmt und dazu ist Kapital