tt 183.
Sonnabend, den 13. August.
1887
Miitr
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Zweites Blatt.
-L Literarisches.
Die Wunder von Lourdes. Bon Heinrich Lasserre. Autorisirte Uebersetzung. XXIII und 432 Seiten. Mainz, Verlag von Franz Kirchheim. 1884.
Obige Schrift scheint leider bei dem katholischen Publikum Deutschlands bis jetzt bei weitem noch nicht die gebührende Beachtung gefunden zu haben; es ist dies be» sonders bezüglich unserer Diözese zu bedauern, da der Verfertiger der Uebersetzung ein hochverdienter Priester des Bisthums Fulda ist. Es mag darum nicht un- angemeffen sein, dieser Schrift einige Worte zu widmen. Jeder gläubige Katholik ist wohl in der Tiefe seiner Seele unerschütterlich von der unbegrenzten Macht überzeugt, welche die Himmelskönigin durch ihre Fürbitte bei ihrem ?ältlichen Sohne besitzt; dem ungeachtet muß cs jedes atholische Herz mit hoher Freude erfüllen, von solchen wunderbaren Ereignissen, wie den in diesem Buche erzählten, zu vernehmen, welche einerseits die Kraft der Fürbitte der unbefleckt empfangenen Gottesmutter im hellsten Lichte erscheinen lasten, anderseits ihre Verherrlichung auch hier auf Erden im höchsten Maße zu fördern geeignet sind. Wir sind auf das Festest: überzeugt, daß auch nicht ein einziger Leser dieses Buch in die Hand nimmt und mit einer der darin enthaltenen Erzählungen über die wunderbaren Heilungen beginnt, die auf die mächtige Fürbitte unserer lieben Frau zu Lourdes erfolgt sind, ohne dieselbe mit stets steigender Begeisterung, ja vielleicht vielfach unter Thränen zu Ende zu lesen, und am Schluffe den Herrn und seine hochgebenedeite Mutter aus tiefster Seele zu loben und zu preisen.
Von vielem Interesse ist schon die Erklärung, welche der Verfasser an die Spitze seines Buches stellt, daß er nämlich bezüglich der außergewöhnlichen Heilungen, über welche er berichte, selbst dann, wenn er sich des Wortes „Wunder" bediene und die Umstände hervorhebe, welche ihm ein göttliches Eingreifen zu beweisen schienen, durchaus nicht beabsichtige, eigenmächtig deren übernatürlichen Charakter feststellen zu wollen, vielmehr für seine Worte keinen anderen Werth in Anspruch nehme, als einfach den eines geschichtlichen Zeugnisses. Doch die Wunder zu Lourdes haben bereits, wie das im Anhänge zur Schrift abgedruckte an den Verfasser gerichtete Breve unseres hochseligen hl. Vaters Pius IX. vom 4. September 1869 zeigt, die Anerkennung der höchsten kirchlichen Autorität gefunden.
Möge aber auch kein Leser dieser Schrift das äußerst gediegene uud lehrreiche, 23 Seiten umfassende V o r w o r t des Verfassers überschlagen, indem dasselbe uns mit dem Standpunkt, auf welchen sich der Verfasser bei Abfassung seiner Erzählungen stellt, genau bekannt macht und eine volle Würdigung der Schrift uns ermöglicht.
Im ersten Abschnitt des Vorworts bezeichnet der Verfasser diese seine neue Schrift, welche er jetzt der Oeffent- lichkeit übergiebt, als eine Fortsetzung des vor 14 Jahren von ihm unter dem Titel „Unsere liebe Frau von Lourdes" veröffentlichten Werkes, und fährt dann im 2. Abschnitt in folgender Weise fort: „Seit der Veröffentlichung unseres ersten Bandes sind zu Lourdes zahllose Wunder geschehen. Man erwarte jedoch nicht, daß wir hier in einer gedrängten Reihe kurzgefaßter Erzählungen dem Leser ein flüchtiges Verzeichniß dieser Wunder darbieten wollen. Wir glauben und haben immer geglaubt, daß derartige Zusammenhäufungen oberflächlicher Erzählungen auch nur einen oberflächlichen Eindruck auf die Seelen der Menschen machen können. Ja, wir wagen sogar zu behaupten, daß ganz entgegen dem löblichen Zwecke, welchen die frommen Verfasser solcher Schriften und Sammlungen vor Augen hatten, der Geist nach einer derartigen Lektüre manchmal eine Art von Ueberdruß und tödlicher Langweile empfindet, welche man sich jedoch nicht einzugestehen wagt, weil man sie für Gleichgiltigkeit gegen die Wunderwerke Gottes hält. . . . Ein ganz anderes Berfahren haben wir einhalten zu müssen geglaubt. ... Die wunderbare Begebenheit von allen Seiten und in allen einzelnen Umständen zu untersuchen, ihren Verlauf zu beobachten, so viel wie möglich ihre Ursachen und die auf die vorbereitenden Momente zu erforschen, gewissermassen in ihr Wesen einzudringen, ihren eigenthümlichen Charakter genau darzustcllen und hervortreten zu lassen: das ist es, was wir zu thun bestrebt gewesen sind. ... So fand sich, daß das Wunder als der Abschluß eines sittlichen und religiösen Dramas erschien, eines ergreifenden Dramas mit tausend Zwischenakten, in welchen ich Gott handelnd auftreten und Alles mit unendlicher Weisheit, mit unbegrenzter Macht und liebevoller Sorgfalt anordnen sah."
Nach diesem Vorwort folgen 5 Erzählungen wunderbarer Heilung; jeder der vier ersten Erzählungen ist eine ausdrückliche Bestätigung der vollen Wahrheit des Erzählten vorangedruckt, welche Bestätigung theils von den geheilten Personen selbst, theils von anderweitigen bei der |
wunderbaren Heilung irgendwie betheiligten Personen gegeben ist.
Die erste Erzählung führt die Ueberschrift: „Wunder am Feste Maria Himmelfahrt" und berichtet uns, wie der Abbs Viktor Graf de Musy, nach Wiederherstellung seiner Gesundheit von seinem Bischof zum Kantonspfarrer in Chagny ernannt, am Feste Maria Himmelfahrt des Jahres 1873 in der Krypta der Wallfahrtskirche zu Lourdes wunderbare Heilung fand, nachdem er 20 Jahre lang ein äußerst sieches Leben geführt, ja beinahe auch ganz erblindet gewesen war, so daß er 11 Jahre hindurch nicht einmal die hl. Messe hatte lesen können.
„Der Schreiner von Lavaur" lautet die Ueberschrift der zweiten Erzählung. Der Schreiner Franz Macary von Lavaur, nichts weniger als ein eifriger Christ, war 30 Jahre lang mit Krampfadern, Beulen und Geschwüren an beiden Beinen behaftet, die deßhalb stets mit meterlangen Linnenbändern und Gamaschen aus Hundsfellen zusammen- geschnürt waren und nach und nach ein ganz unförmiges Aussehen angenommen hatten. Oft wochenlang lag er völlig arbeitsunfähig und unter den heftigsten Schmerzen auf seinem Kanapee; der eine Arzt verordnete diese, ein anderer wieder andere Mittel, keines aber war im Stande, den Franz Macary von seinen Leiden zu befreien, die ihm bei seiner großen Ungeduld nur um so schmerzlicher fielen. Doch auch für ihn kam die Stunde der Heilung. Mittwoch den 19. Juli des Jahres 1871 brachte ihm seine Schwester ein Fläschchen mit Wasser von Lourdes, welches ungefähr den fünften Theil eines Liter enthielt und das der Abb» Coux zu Lavaur von einer Reise nach Lourdes für ihn mitgebracht hatte. „Wenn Ihre seligste Jungfrau", hatte er zum Abbü vor seiner Abreise gesagt, „Mitleid mit den Unglücklichen hat, so hat sie solches vielleicht auch mit mir. Sagen Sie ihr also, daß zu Lavaur ein armer Teufel mit halbverfaulten Beinen sitzt, und daß man einen solchen Menschen nicht in einer solchen Lage läßt, wenn man ihn daraus befreien kann. Sagen Sie ihr, daß ich die Schmerzen nicht länger mehr zu ertragen vermag; sagen Sie ihr, daß ich's nicht mehr aushalte, sie möge mich entweder gesund machen, oder mich tobten!' Abbs Coux war von seiner Reise zurückgekehrt, und die Schwester des Macary überbrachte nun ihrem Bruder das versprochene Fläschchen mit dem Wasser von Lourdes. „Da ist, was mir Roth thut!" rief Macary freudestrahlend aus, „jetzt werde ich bald geheilt sein." Er begiebt sich in sein Schlafzimmer, stellt das Fläschen auf eine Kommode, wirft sich vor dem Kruzifixe auf die Knie nieder und verrichtete ein kurzes Gebet an die gütige Mutter Gottes, das einzige, das er vielleicht noch kannte, ein Ave Maria. Darauf entledigte er sich seiner hundsledernen Gamaschen und der Schnür- bänder, und nachdem er von dem wunderbaren Wasser in seine hohle Hand gegossen hatte, wusch er damit sanft seine Beine, die Krampfadern, die dicken Knoten, die eiternden Wunden. Es war noch ein wenig Wasser in dem Fläschchen übrig. „Trinke das, mein Junge!" sprach Macary zu sich selber. Jetzt begab er sich zu Bette; seine verschiedenen Verbandstücke wickelte er aber zu einem Packete zusammen und schleuderte dieses in eine Ecke des Zimmers. „Gute Nacht, Gamaschen und Bandagen! Adieu Hundssell und Schnürbänder!" rief er aus. „Da die Mutter Gottes so viele Andere geheilt hat, wird sie gewiß auch mich heilen. In meinem Leben sollt ihr mir die Beine nicht mehr zusammenpressen." Alsbald verfiel er auch in einen tiefen Schlaf, während er sich früher oft die ganze Nacht vor Schmerzen schlaflos auf feinem Bette umhergewälzt hatte. Um Mitternacht erwacht Macary für einen Augenblick ; er fühlt keinen Schmerz in seinen Beinen. Er fährt mit der Hand darüber hin: — keine Knoten. „Frau!" ruft er, „ich bin geheilt!" „Du träumst, mein armer Franz!" erwiderte diese aus dem benachbarten Zimmer, „Du träumst, geh und schlafe!" „Ich träume nicht," sagte Macary, „ich habe meine Beine betastet." Doch der Schlaf bemächtigte sich seiner von Neuem. Um 5 Uhr des Morgens öffnet er wieder seine Augen; er kann seine Beine jetzt nicht bloß betasten, sondern auch sehen. Alles ist verschwunden, keine Knoten, keine Krampfadern, keine Geschwüre mehr. Der glückliche Mann faltete seine Hände, erhob sie zum Himmel und sprach: „O mein Gott! O unsere liebe Frau von Lourdes." Doch, wir muffen hier abbrechen. Zwei Monate später, am 18. Sept, brachte Macary seine Kompressions-Apparate, die Binden und Gamaschen als ex-voto zur Grotte von Lourdes, damit sie stumme Zeugen feiner jetzigen Gesundheit und seiner ehemaligen durch göttliche Dazwischenkunft geheilten Krankheit seien. Macary lebte nach seiner wunderbaren Heilung noch 4 Jahre in voller Gesundheit; am 21. Okt. 1875 starb er plötzlich an einem Herzschlage, ohne daß ein Leiden, eine Krankheit, ein Unwohlsein seinem plötzlichen Hinscheiden vorausgegangen war.
Mit der Inhaltsangabe der dritten Erzählung wollen wir uns kürzer zu faffen suchen. Fräulein Johanna Maria von Fontenay, Tochter des Direktors der berühmten Krystallerien von Baccarat, war zu einer blühenden, sehr gebildeten Jungfrau von 18 Jahren herangewachsen, als
sie in Folge eines zweifachen Sturzes, den sie das eine Mal vom Wagen, das andere Mal vom Pferde herab erlitt, einen äußerst preßhaften Körper bekam. Mehrere Jahre hindurch wurden die berühmtesten Aerzte becathen, die heilkräftigsten Bäder Frankreichs aufgesucht; allein alles erfolglos, bis auch sie endlich, und zwar eine zweimalige Heilung Bei unser lieben Frau zu Lourdes gefunden hat. Ihre zweitmalige, entscheidende Heilung, auf welche kein Rückfall mehr erfolgte, fand am Maria-Himmel- fahrtstage des Jahres 1874 statt, also ein Jahr nach der 'Heilung des Herrn Abbs Musy, und zwar an derselben Stelle in der Krypta der Wallfahrtskirche zu Lourdes, an welcher Abbs de Musy die Heilung erlangt hatte, während derselbe Priester die hl. Meffe las, der sie im Jahre zuvor an demselben Altäre und in derselben Stunde geleftn hatte. Mit Erlaubniß des damaligen Bischofs von Tarbes wurde eine Gedenktafel in den Boden der Grotte von Lourdes eingelegt, welche die Inschrift trug:
(Am 15. August 1874, dem F:ste der Himmelfahrt der allerseligsten Jungfrau: Heilung des Fräuleins Johanna Maria be Fontenay aus der Diözese Autun. „Gehe, und wie du geglaubt hast, geschehe dir." Und in der nämlichen Stunde fand die Heilung statt.) Wir würden, um nicht zu weitschweifig zu werden, unsere Besprechung der Schrift hier schließen, und uns auf eine bloße Angabe der Ueberschristen der beiden letzten Erzählungen beschränken, wenn nicht die vierte Erzählung mit der Ueberschrift: „Die Novene des Pfarrers von Algier" uns das Bild einer hochedlen, in ihrer Geduld, Entsagung und Liebe mehr als heldenmüthigen Priesterseele vor Augen führen würde.
Kanonikus Martignon, ein Mann von etwa 40 Jahren, hatte längere Zeit im Dienste der Kirche in Algier gestanden, sich aber dort ein schweres Brustleiden zugezogen das ihn sogar als kontrakt erscheinen ließ. Auch er suchte vom fernen Afrika aus Hilfe bei unserer lieben Frau in Lourdes. Er brachte Jahre dortselbst zu, hielt Novenen von 9 Tagen, von 9 Wochen, von 9 Monaten und es erfolgte keine Heilung. Während seines mehrjährigen Aufenthaltes in Lourdes war er in ein inniges Freundschafts- verhältniß zu dem dortigen Pfarrer getreten, unter dem die Muttergotteserscheinungen stattgefunden hatten und die Wallfahrt ihren Anfang nahm. Monseigneur Peyramale, so hieß der Pfarrer von Lourdes, starb aber nach vielen schweren Bedrängnissen, die er auszustehen hatte, am Feste Maria Geburt (8. Sept.) des Jahres 1877. Am Sterbetage seines Freundes begann Abbs Martignon eine neue Novene in der zuversichtlichen Hoffnung, daß er neben der seligsten Jungfrau auch an feinem verklärten Freunde nunmehr einen kräftigen Fürsprecher im Himmel zur Wiedererlangung feiner Gesundheit haben werde. Diese am 8. September begonnene Novene hatte bis zum 17. Sept, zu dauern, auf welchen Tag in jedem Jahr das Gedächtniß der 7 Schmerzen Mariens (dritter Sonntag im Sept.) fiel. Am Vorabende des 17. Sept, traf aber eine seit Jahren an ihrem Unterleib völlig gelähmte Frau, die Gattin des Friedensrichters Eduard Guerrier zu Beaune, mit ihrem Ehegatten in Lourdes ein, um dort Hilfe zu suchen, nachdem alle ärztliche Hilfe, selbst die ihres greifen Vaters, der selber ein sehr berühmter Arzt war, sich als erfolglos erwiesen hatte. Abbö Martignon, dem das ihm zuvor ganz unbekannte Ehepaar durch einen geistlichen Freund empfohlen war, erwartete dasselbe am Bahnhofe in Lourdes und sorgte für eine passende Wohnung. Die kranke Frau hatte bereits vor ihrer Abreise von der Heimath das hl. Sakrament der Buße empfangen; ihr Ehegatte, der zugleich mit feiner kranken Gattin des anderen Tage? die hl. Kommunion empfangen wollte, beichtete noch spät am Abend des 16. Septr. dem Abbs Martignon. Nach der Beicht sprach der fromme Abbe zu Herrn Guerrier: „Möge Ihre Frau Vertrauen haben und mit ihr fassen auch Sie Vertrauen! Ich habe gesehen, wie sie diesen Abend bei der Grotte gebettet hat: sie gehört zu denjenigen, welche über das Herz Gottes triumphiren und das Wunder erbitten können. Und sehen Sie, fügte er hinzu, ich selbst halte gerade jetzt eine Novene, welche ich am Sterbebette meines Freundes, des ehrwürdigen Pfarrers von Lourdes, Begonnen haBe. Seit feinem Verscheiden habe ich mich feiner Fürsprache empfohlen und habe unsere liebe Frau von Lourdes gebeten, daß er selbst mir am neunten Tage der Ncvene die Antwort auf meine inständige Bitte übermittle. Heute sind wir gerade am Vorabende dieses Tages. Meine Novene hat am Feste Mariä Geburt, Samstag den 8. Sept., begonnen und geht morgen am Feste der 7 Schmerzen zu Ende. Morgen also, um 8 Uhr, werde ich die Messe celebriren, welch« meine letzte Hoffnung ist. Sagen Sie ihrer Frau Gemahlin, daß ich nicht blos diese Messe für sie lesen werde, sondern daß ich auch, wenn in der Antwort, um welche ich bitte, irgend etwas zu meinen Gunsten enthalten ist, dies gänzlich an sie abtrete. Ich schenke ihr auch die Früchte aller in dieser Novene bereits verrichteten Gebete. Ihre Gebetsmeinungen mögen an die Stelle der meinigen treten, und wenn das Zeichen, welches ich für diesen