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1887

Freitag, den 11. August.

182.

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Artzeigepflicht und Einspruchsrecht.

(Aus der .Kölnischen Volkszeitung'.)

Anzeigepflicht und Einspruchsrecht bildeten, wer mdchte daran zweifeln, in dem schweren .Kultur­kamps" den Kern, und Angelpunkt d s ganzen Streites. Die Sache ist nun gesetzlich entschieden und leider, wie es scheint, in einer für die Kirche sehr gesährlichen Weise. Das Gesetz vom 29.April d I. bestimmt: „Der Einspruch — des Staates bei definitivem Uebertrag eines kirchliches Amtes — ist zulässig, wenn der Anzustellende aus einem auf Thatsachen beruhenden Grunde, welcher dem bürgerlichen oder staatsbürgerlichen Gebiete ange­hört, für die Stelle nicht geeignet ist. Die Thal- fachen, welche den Einspruch begründen, sind an- zugebcn." Seitdem dieses verhängnißvolle Gesetz besteht, ist von de« verschiedensten Seiten die Frage erörtert worden, wie die üblen Folgen etwa ver­hütet werden könnten. Die Antwort geht überall aus dasielbe hinaus: der Klerus, und zwar der gesammte Klerus, muß das Gesetz ignoriren, indem er in der treuen Erfüllung seiner kirchlichen Amtspflichten und der Ausübung seiner bürger­lichen und staatsbürgerlichen Rechte nach wie vor unentwegt weiter geht.

So schrieb, noch ehe die Vorlage Gesetzeskraft erlangt hatte, die .Kölnische Volkszeitung':

Wird die Vorlage Gesetz, so hat der Klerus selbst es zum guten Theil in der Hand, dem Einspruchsrecht bie Spitze zu nehmen. Je mehr er sich um das Einspruchs­recht kümmert, desto schlimmer wird es gehandhabt; je einmütiger er es ignorirt, desto sicherer fällt diese Kriegs- maschine in's Wasser. Durchführbar allerdings ist eine solche Taktik nur, wenn der Klerus in seinem Widerstand gegen staatliche Unterwerfungsgelüste das katholische Volk hinter sich hat, und darauf kann er sich fest verlassen. Er hat es auch wahrlich um das Volk verdient, dem er in furchtbarer Zeit mit wahrem Heldenmuth Führer, Freund und Berather gewesen ist!

Auf der Anfangs Juli d. I. zu Reiffs tagenden X. General - Versammlung der Katholiken Schle­siens ging Herr Rechtsanwalt Dr. Porsch noch weiter und sprach, gestützt auf das Schreiben des hl. Vaters an den Herrn Erzbischof von Köln, die zuversichtliche Erwartung aus, daß die katholischen Geistlichen selbst auf die Gefahr hin, für ihr gan- zes Leben Zurücksetzung zu erleiden, ihre Freiheit und Unabhängigkeit wahren würden. Nachdem er

Durch rigolt Schuld.

Roman aus der Handelswelt.

46. Fortsetzung.

Gabriele schüttelte verneinend das Haupt. „Das ist es nicht, was mich zurückschreckt," erwiderte sie, „denn dieser Betrug würde mir und meinem Ge- wiflen zur Last fallen, und gern wollte ich diese Last ertragen. Aber wird Hermann mich auch richtig verstehen? Breche ich ihm nicht meinen Schwur, wenn ich jetzt mein Wort einem Andern gebe! Wird er es billigen — wird er mich noch lieben und achten können, wenn mich der Arm eines Andern als Braut umschlungen hat?"

Endlich erhob sich der Greis und erfaßte ihre Hände. Eine heimliche Thräne trat in seine alten Augen. „Mein Kind, meine Gabriele," sprach er, „ich achte dieser reine, heilige Gefühl in Dir hoch; ich begreife, wie schwer Dir schon um dieses Gefühle» willen das Opfer werden wird — aber Du kannst cs getrost bringen. Hermann kennt Dich und wird Dich nie verkennen. Ich, ich roiH ihm Alles schreiben, ich will ihm das Opfer schildern, das Du für Andere zu bringen im Stande bist. — Mag Dich auch der Arm eines Andern umschlingen, er weiß, daß Dein Herz dennoch nur ihm angehört, daß kein Hauch die reine Unschuld Deiner Brust trüben und berühren kann.

die Größe der Gefahr der Anzeigepflicht und des staatlichen Einspruchsrechtes anerkannt und erklärt hatte, daß diese Gefahr nur dann gering werde, wenn der Klerus wie seither seine Pflicht thue und die Anzeige ignorire, fuhr er fort:

Meine Herren! Sie werden antworten: das ist leicht gesagt und schwer gethan; aber das hat der Papst sich auch klar gemacht, und der Papst hat in dem Breve an den Erzbischof von Köln gerade mit Rücksicht hierauf ge­sagt: „In dieser Hinsicht bezeugen die von euerer Geist­lichkeit unter den schwierigsten Umständen erbrachten Be­weise der Gewissenhaftigkeit und Standhaftigkeit, wie streng dieselbe an der Heiligkeit ihres Amtes festhält. Von den jüngeren Geistlichen aber darf man mit Gewißheit hoffen, daß sie, unter euerer Leitung und Führung zum priester­lichen Amte erzogen, dereinst eben jene Tugendbeispiele er­neuern werden." Der Papst sagt also: „Ich verlange von euch Schweres; aber ich verlange etwas, was ihr lei­sten könnt. Ich verlange von euch etwas, was so recht in euerem geistlichen Berufe liegt; ihr wäret in den schwe­ren Zeiten des Kulturkampfes ein Schauspiel für die ganze Welt. Gefängnißstrafen und Geldstrafen haben euch von der Erfüllung euerer Pflicht nicht abwendig machen können — nun denn, bewahrt dieselbe Pflichterfüllung wie damals auch etwaigen neuen Versuchungen gegenüber, die an euch herantreten können. Versuchungen werden euch nahen; ihr werdet Verkennungen erfahren, ihr werdet Zurücksetzungen erfahren, vielleicht für euer ganzes Leben. Aber wie ihr jenes nicht gescheut habt, so dürft ihr auch dieses nicht scheuen, und wie ihr damals ein Schauspiel für die Welt wurdet, so werdet auch jetzt noch ein Schauspiel für die Welt. Das sind schwere Worte; aber es sind Worte, von denen das Volk hofft, daß der Klerus treu und ganz sie beherzigen wird. Wenn der Klerus sie beherzigt, dann wird er von Steuern beitragen zu dem Ruhmeskranze der katholischen Geistlichkeit, speziell von Preußen ....

In ähnlicher Weise sprachen sich in jüngster Zeit der ,Kur. Poz.' und das ,AugSb. Pastoralblatt' aus. Letzteres sagte in seinem intereffanten Artikel über die kirchen - politische Lage in Preußen zum Schluß:

Es bedarf keines Beweises dafür, daß es der feste ent­schiedenste Wille des Papstes ist, daß das Prinzip der Frei­heit der Kirche aufrecht erhalten werde. Wenn nun Leo XIII. gewisse Konzessionen bis zur Grenze des „tolerari posse“ an den Staat gemacht, so konnte ihn dabei nur ein großes Vertrauen leiten, das er auf den sturmerprobten Klerus der Diözesen Preußens hegt. Es ist wahr, es ist große Gefahr, daß Hunderte vom Logengeist angekränkelte oder durchwehte protestantische Staatsbeamte das Denkbarste auf­bieten werden, um die kirchliche Gesinnung des Klerus auf die niedrigste Stufe zu drücken, und da der Staat seine Hand weit in die Besetzung der Kanonikate und Bischofs­stühle hineinstrecken kann, so ist die Gefahr einer lang­samen, aber tiefgehenden Demoralisation des Klerus, von

Ja, ich will es ihm schreiben, Gabriele, und ich will ihm zugleich mittheilen, daß ich Dich dazu überredet habe und wieviel davon abhängt."

Roch immer konnte sich Gabriele nicht dazu entschließen. Es war weniger die Scheu vor dem Unrechte, das sie begehen sollte, welche sie zurück­schreckte, sondern der Gedanke, daß sie einem Manne so nahe treten sollte, den sie verachtete. Es war die Scheu der Unschuld, welche sich gegen diesen Entschluß sträubte, die Heiligkeit ihrer Liebe, welche schon vor dem Gedanken zurückbebte, nur selbst dem Namen nach einem Andern anzugehören. Ihre Wangen waren geröthtt, ihr Herz pochte laut, während sie mit diesem Entschlüsse rang. Sie wußte indeß, wie viel davon abhing, und schon der Umstand, daß der alte Steider, den sie so hoch achtete, sie zu demselben zu bewegen suchte, überwand ihren Widerwillen dagegen. „Gut, ich will es thun", mag es mir auch noch so schwer werden und mich eine noch so große Ueberwindung kosten!"

„Ich wußte, daß Du es thun würdest, Ga­briele" , rief er, indem er ihre Hände in die seinigen schloß und ihr liebevoll in die Augen blickte. „Habe Dank für dieses Opfer, welches Du um Anderer willen bringst. Und Du konntest befürchten, daß Hermann Dich deshalb weniger lieben und achten werde! Siehe, das zeigt mir,

den Priesterseminaren angefangen, eine ernstliche; aber es ist doch nicht eine absolute Nothwendigkeit, daß diese De­moralisation kommen muß, und zwar deshalb nicht, weil ein echter priesterlicher Korpsgeist des Klerus alle gegne­rischen Bestrebungen illusorisch machen könnte. In die Hand der Priester selbst ist es gelegt, ob die Anzeigepflicht und das Einspruchsrecht vom Staate auf die Länge der Zeit als etwas Wichtiges oder als ziemliches Bedeutungs­loses angesehen wird. Die Preußen sind in der Wiege schon Soldaten. Sie lieben Strammheit, haben Sinn für Disziplin und Neigung zu gemeinsamem Vorgehen. Wenn der preußische Klerus wie Ein Mann fest und stramm an den Grundsätzen der Kirche hält, so daß der „Streber" unter ihnen wie ein „weißer Rabe" sich ausnimmt und wie am Pranger steht vor dem Klerus und dem Volke, dann wird die Sache so schlimm nicht gehen. Denn es werden dann bald Mehrere sich zur Ansicht Bismarck's hinneigen; es ist eigentlich auch das Einspruchsrecht etwas „Brimborium", es ist verlorene Liebesmühe bei Jedem von ihnen. Es ist schade um die Fragebogen, welche man ausgegeben. Ein Bogen hätte für Alle genügt; denn es ist Einer wie der Andere.

Wir stimmen gern bei, daß die grundsätzliche Jgnorirung der Anzeigepflicht von Seiten des ge- s ammten Klerus ein wirksames Mittel sein würde, ihren unheilvollen Folgen yorzubeuzen. Ja aus dem Umstande, daß Niemand ein anderes anzu- geben weiß, geht zugleich hervor, daß dies das einzige Mittelist. Allein steht zu erwarten, daß dieses allein wirksame Abwehrmiitel auch in An­wendung kommen wird? Wir antworten mit Ja oder Nein, je nachdem eine Vorbedingung sich erfüllen oder nicht erfüllen wird.

Als das Gesttz im Herrenhause berathen wurde, suchte der Herr Bischof von Fulda demselben da­durch die Spitze abzubrechen, daß er das Amende­ment stellte: die Gründe des staatlichen Einspruchs sollten nicht von der Erfüllung kirchlicher Amts­pflichten und der Ausübung bürgerlicher und staats­bürgerlicher Rechts hergenommen werden dürfen. Als das Amendement fiel, erklärte der hochwür­digste Herr ausdrücklich, daß er durch seine Zu­stimmung sich im Gegensätze zu allen seinen Amts- brüdern und allen Katholiken befinden würde. Wenn er dennoch zustimme, so geschehe e», um das ganze Friedenswerk nicht zu vereiteln; er hoffe aber, daß im Abgeordnetenhause die nothwmdigen Verbeffc- rungen wieder eingefügt würden. Letzteres ist lei­der nicht eingetroffen. Der heil. Vater gab als oberster Richter in Kirchensachen die Weisung, das Gesetz, so wie es aus dem Herrenhause hervorging, wie rein und edel Deine Seele ist. Und ich, mein Kind, werde es nie vergeffen, daß Du es bist, die da» Haus Damken gerettet hat.

„Wird Hermann bald zurückkehren?" fragte Gabriele.

„Ja, in wenigen Monaten, vielleicht schon in wenigen Wochen", erwiderte der Alte. „Dann wird schon Alles gut werden, mein Kind. Wenn ich ihn wieder an meiner Seite habe, werde ich wieder hoffen und von neuem Muth be­seelt sein."

„Und wenn Hermann nun zu spät kommt!" warf Gabriele fragend ein. „Wenn mein Vater und Letzingen in mich dringen, mein gegebenes Wort zu erfüllen! Ich kann ihnen nicht sagen, daß ich sie nur getäuscht habe, sonst würde Alles um­sonst gewesen sein."

„Nein, Gabriele", erwiderte Steider, „da» darfst Du nicht. Du darfst weder Deinen Vater noch Letzingen ahnen lassen, daß Du ihrem Wunsche nur zum Scheine nachkommst, nur um Zeit zu gewinnen. Aber sei ohne Sorge, Beide können Dich nicht zwingen und werden sich bereit­willig fügen, wenn Du als Bedingung Deiner Einwilligung ein Jahr Zeit bis zu Deiner Hoch­zeit verlangst. Letzingen wird sich darin fügen, und Dein Vater ist dazu gezwungen, e» zu thun. Ec erreicht ja dadurch ohnehin seinen Zweck. Dich