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M 181.

Donnerstag, den 11. August.

1887

fnllmtr W Jrilni.

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= Kriegslärm.

Der melodische Klang der Friedensschalmei ver­mischt sich mit dem schrillen Laut der Kriegs­trompete zu einem eigenartigen Mrßklang. Während hier die Zweikaiserzusammenkunft in Gastein als eine sichere Bürgschaft für die Erhaltung des Friedens in Europa gepriesen wird, sucht man dort durch beängstigende Drohungen oder halbverständliche Andeutungen den Glauben an einen bevorstehenden deutsch-französischen bezw. deutsch-französisch-russischen Krieg zu er­wecken. Die Schönfärberei derer, welche ange­sichts der Gasteiner Kaiserzusammenkunft den po­litischen Himmel als völlig wolkenlos ausmalen möchten, ist gewiß übertrieben und übel ange­bracht, denn unserer Ansicht nach kann uns das deutsch-österreichische Bündr.iß nicht mit Sicherheit vor der Eventualität eines Krieges bewahren, wohl aber wird es im Falle eines Krieges unsere Position verstärken. Wir sehen auch nach und trotz der Zweikaiscrzusammenkunft in Gastein die allgemeine politische Lage in Europa nicht anders an, als vorher, ja wir halten die Luft im Allge­meinen für recht gewitterschwül und möälen kaum für drei Monate die sichere Ge­währ für die Erhaltung des Friedens übernehmen. Die Faktoren, mit denen hier zu rechnen ist, in Frankreich sowohl als in Ruß­land, sind gar zu unsicher und wandelbar. Aber gerade weil der politische Himmel keineswegs sonnenklar ist, weil immer wieder neue unheilvolle Wolken und Wölkchen Heraufziehen, sollte man bei uns in Deutschland, im Lager der erklärten Friedensfreunde, mit peinlicher Vorsicht Alles vermeiden, was die Situation verschlimmern, die elektrische Spannung zur Explosion reif machen könnte.

Mit einer beispiellosen Leichtfertigkeit haben die „nationalen" Parteien vor den letzten Reichstags­wahlen die sehr begreifliche Furcht des Volles vor einem Kriege zu ihren Wahlzwecken ausge­beutet, durch systematische Verbreitung unwahrer oder ungeheuerlich übertriebener militärischer Nach­richten das Publikum in eine künstliche Kriegs­panik hineingetrieben und dadurch Handel und Gewerbe um ungezählte Millionen geschädigt.

D«ch tigrat Schild.

Roman aus der Handelswelt.

45. Fortsetzung.

Endlich erhob sie sich. Sie trat an'S Fenster und blickte starr in die dunkle Nacht hinaus. Bilder auf Bilder stürmten an ihrem Geiste vor­über, alle trübe und schwer. Keins vermochte sie zu fesieln, es war ihr, al« ob sie selbst mit diesen finsteren Phantasiegebilden gewaltsam fortgerissen werde.

Endlich dachte sie an Hermann, und ihre Ge­danken suchten ihn in der Ferne auf. In dem­selben Augenblicke fiel ihr Auge auf ein kleines Waflerbassin vor dem Fenster, da» helle Bild eine» Sternes schimmerte ihr freundlich vom Wasser­spiegel entgegen. Unwillkürlich wandte sie da» Auge zum Himmel. Da stand er, der Stern, groß und hell. Da» zitternde Schimmern seiner Lichtstrahlen erschien ihr wie ein freundliche» Grüßen. E» war ihr, al« ob dieser Stern gerade auf sie so hell und so freundlich herabschaue, und die« übte einen beruhigenden und tröstenden Ein­fluß auf ihr Herz aus. An Hermann hatte sie in dem Augenblicke gedacht, al» dieser Stern ihr Auge getroffen, wie ein Stern strahlte dieser Ge­danke in ihrem Herzen wieder, hell und freund­lich. Er erschien ihr wie ein Zeichen Gottes, daß

Man hat nachher einigen Oppositionsblättern auf Grund von Artikeln aus der Wahlzeit, die sonst nicht zu fassen waren, wegen „groben Unfugs" den Prozeß gemacht, wir haben aber nichts davon gehört, daß man auch den Verbreitern der ten- dentiösen und schwindelhaften Kriegsnachrichten, denen der Unterrichtete auf hundert Schritte die Erfindung ansah, mit dem Unfugspara­graphen zu Leibe gerückt wäre. Die Wahlen liegen nun zwar schon weit hinter uns, aber mit den Wahlprozessen gegen die Oppositionspreffe scheint es nach den neuesten Nachrichten noch nicht zu Ende zu sein.

Unterdessen glaubt ein Theil der gut „natio­nalen" Presse, ermuthigt durch die Erfahrungen, die sie mit ihren Kriegsgerüchten in den Wahl­zeiten gemacht hat, das Geschäft der frivolen Volksaüfregung durch unverantwortliche Kriegs- artitel wieder aufnehmen zu sollen. Gewiß waren die Vorgänge nach dem Tode des Deutschenhassers Katkow in Verbindung mit den übrigen neuesten französischen Provokationen — die Schließung der Weisbach'schen Fabrik und die Reden des Ministers Heredia sowie Dsrouläve's — sehr geeignet, die Besorgnisse um die dauernde Friedens­erhaltung zu vermehren, aber diese Heraus, forderungen mit gleicher Münze heimzahlen und die frivolen Hetzereien der Franzosen nachäffen wollen, das heißt denn doch, sich auf gleiche Stufe mit jenen unruhigen, phantastischen Maulhelden stellen. Auch hat ja bereits die französische Re­gierung durch Aufhebung de» Verbotes der viel­besprochenen deutschen Puppenfabrik gezeigt, daß sie keineswegs in die unbesonnenen Herausforderungs­rufe der Pariser Straßenpolitiker einzustimmen ge­denkt, sondern möglichst Alle« vermeidet, was dem osfiziellen Deutschland gerechten Anlaß zur Be­schwerde geben könnte.

Unter diesen Umständen müssen Droh- und Kricgsartikel, wie sie vor einigen Tagen in der ,Köln. Ztg.' und in einigen anderen Blättern er­schienen, geradezu als ein „grober Unfug" schlimmster Sorte bezeichnet werden. Wie die ,Nat.-Ztg.' fest­gestellt hat, trefft-die .Köln. Ztg.' ganz direkt die Schuld daran, daß das betreffende Berliner Tele­gramm so schlimmes Aufsehen erregt hat. Das Kölner Blatt hat nämlich aus dem ihm tele­

re auf Hermann hoffen und vertrauen solle, daß er der Stern, das einzige Glück ihrer Zukunft sei.

Sie fand Beruhigung in diesem Gedanken. Leise und mild traten die Thränen in ihre Augen und rannen still herab. Mit inniger Wehmuth hielt sie den Blick an den Himmel gerichtet, weil sie dort ihre Hoffnungen anknüpfte und von ihm Trost und Hilfe erwartete.

So sind die Menschen. Was ihr eigenes Herz ihnen geben muß und kann, da» erwarten sie von einer höheren Hand, weil sie sich selbst so viel Kraft nicht zutrauen. Zeigt sich ihnen irgend ein Gegenstand der Natur, der einen mächtigen Ein- fluß auf sie auSübt, der Gedanken und Gefühle in ihnen erregt, die scheinbar mit ihm in keinem Zusammenhangs stehen, so schiebt ihr Glaube die Hand eines höheren Wesen« unter, da» sie weder erkennen noch verstehen. Ja, so sind die Menschen, da» Naheliegende und Reinnatürtiche übersehen sie, an das Ferns und mystisch Ungreifbare glauben sie, gerade weil sie es nicht begreifen, weil sie e« nach ihrem eigenen Gefallen gestalten und formen können. Die Gottesideen lassen sich ver­schiedenfach drehen und biegen und ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen anpasien — die Natur ist fest und unbeugsam in der Nothwendig- keit ihrer Gesetze!

Gabriele stand in ihrem trostlosen Schmerze

graphisch übermittelten Artikel einer Berliner Korrespondenz den mittleren Passus weggelassen und dadurch bewirkt, daß die gemeldete Ver­schiebung der Abreise des Fürsten Bismarck, welche in dem Ociginalartikel mit familiären Rücksichten erklärt war, mit dm „schroffen Herausforderungen" seitens der französischen Regierung und der ange- knüpften Drohung direkt in Verbindung gebracht wurde. So kam es denn auch, daß die Berliner Depesche der .Köln. Ztg.', als sie als Zeitungs­stimme nach Berlin zurückoepeschirt wurde, an der Börse so großes Aufsehen erregte und ein plötz­liches Sinken der Kurse bewirkte, ja daß am Abend auf den Berliner Straßen Extrablätter mit dem Rufe „Herausforderung Deutschlands", „Kriegs- gefahr" verkauft wurden und bei dem sen­sationslustigen Berliner Publikum riesigen Absatz fanden.

Einem großen Theile des mit Glücksgütern ge- segneten Publikums sind beunruhigende Kriegsge­rüchte gerade jetzt besonders unbequem und auf­regend, weil man gerade in Bädern, in Sommer­frischen und auf Vergnügungsreisen die rauhen Seiten des menschlichen Lebens möglichst zu ver­gessen trachtet. Manche glauben deshalb, cs sei eine ganz besondere Versündigung gegen ihr Er- holungsbedürfniß, wenn gerade jetzt in der Hoch­saison das Gespenst des drohenden Krieges an die Wand gemalt wird. Aus verschiedenen Bädern werden jetzt Entrüstungsrufe über die jüngsten Beunruhigungsartikel in die Pc.sss-Zebracht, gleich als ob die oberen Zehntausend ein größeres Anrecht auf Schonung ihrer Nerven, ihrer In­teressen und ihres guten Humors hätten, als das arme Volk auf dem Lande und in der Stadt, dem man namentlich im Januar und Februar dieses Jahres unter der beifälligen Mithrlfe des gebildeten Publikums mit der künstlich gezüchteten Kriegsangst eine Gänsehaut auf den Rücken ge­zaubert hat. Warum ist man nicht schon vor dem 21. Februar auf solche Gedanken gekommen? Aber damals gebrauchte man sogar das schauer­liche Bild des in Hellen Flammen auflodernden Schwarzwaldes als Brillantfeuerwerk für den guten „nationalen" Erfolg der Reichstagswahlen.

und in ihrer peinlichen Lage allein und verlassen )a. Sie hatte Niemand, dem sie sich offen anver- rauen konnte, und doch bedurfte sie gerade jetzt )er Theilnahme und des Trostes mehr denn je. Ihr Entschluß, nie, nie von Hermann zu lassen, stand zwar noch unwandelbar fest; je ruhiger sie indeß geworden war, um so deutlicher war ihr die peinliche und gefährliche Lage ihres Vaters vor die Seele getreten. Vergebens hatte sie nach einem rettenden Wege gesucht, sie mußte sich nur zu bald gestehen, daß es ihr nicht möglich fein werde, einen solchen zu finden, da selbst das ge­übtere Auge ihres Vater» keinen anderen Ausweg mehr gefunden hatte.

Zwei Tage waren in dieser langen peinlichen Unruhe bereits verflossen. Gabriele hatte ihren Vater nicht wieder gesprochen, denn für Jeden un­zugänglich hatte er sich auf seinem Zimmer ein­geschloffen. Das hatte er nie gethan, und um so drängender und peinlicher erschien ihr seine Lage. Da dachte sie an den alten Steider und 'ofort beschloß sie, ihm Alles mitzutheilen und ihn um Rath zu fragen. Sie kannte ja seine Treue und Ergebenheit für das Haus ihres Vaters, ihm allein durfte sie die gefährliche Lage desselben ruhig an­vertrauen, sie konnte ihm ja auch ohnedies nicht mehr ganz fremd sein. Er wußre vielleicht einen Ausweg, ein Mittel der Rettung.