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1887

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint tätlich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenkeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

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Deutsches Reich.

Berlin, 9. August.

• Der österreichisch-ungarische Botschafter am hiesigen Hofe Graf Szechenyi ist gestern auf Urlaub nach Ungarn abgereist. Der russische Bot­schafter am Berliner Hofe Graf Paul Schuwa- loff tritt demnächst eine längere Urlaubsreife nach Petersburg an.

* Fürst Ferdinand Radziwill erläßt gemein« fam mit einigen anderen Herren einen Aufruf, einer Vereinigung beizutreten, die sich die Aufgabe stellt, in Berlin neue katholische Kirchen zu bauen.

* In dem anti-semitischen Reichsherold, dem Organ des Herrn Dr. Otto Böckel, veröffentlicht ein Bauer aus dem pommerschen Dorfe Löcknitz einen Bericht über eine Jnformations-Reise, die er nach Posen unternommen hat, um sich über die dortigen Ansiedelungs-Verhältnisse zu unterrichten. Er war mit der Absicht hinge­gangen, entweder sich selbst anzukaufen, oder die Siedelung von Freunden und Bekannten dorthin zu lenken. Ec behauptet, daß, als er die Re­gierung aufsuchte, um sich dort zu orientiren, ihm der Bescheid zu Theil geworden sei, es würde durchaus nicht gewünscht, daß viele Ansiedelungs« lustige kämen; denn es sollten erst noch mehr Erfahrungen gesammelt werden. Nichtsdestoweniger hat er eine Anzahl von Gütern besucht, die von der Kommission angekaust worden sind, und ist zu dem Entschluß gekommen, sich vorläufig noch nicht anzusiedeln und auch Niemanden zuzureden, dies zu thun. Er behauptet, unter den Zuständen und Bedingungen, wie sie gegenwärtig dort be­ständen, könne der deutsche Ansiedeier nicht vor­wärts kommen. Namentlich sei ihm die Arbeit, sich selbst seine Gebäude zu errichten, nicht hin­reichend erleichtert.

* Der Fall von Embermenil ist erfreulicher Weise rasch erledigt. Die französische Behörde hat den Gebrüdern Weisbach die Wiederer­öffnung ihrer Fabrik gestattet. Es ist nicht anzu­nehmen, daß die deutsche Regierung irgend welchen Schritt in der Sache gethan habe; vielmehr dürften die direkten Bemühungen der Betroffenen genügt haben, um die Behörde zur Rückgängig­machung der harten Maßregel zu veranlassen. Ob von Paris aus ein Wink nach Nancy gegeben,

Dich eigene Schn».

Roman aus der Handelswelt.

44. Fortsetzung.

Gabriele hatte das Gesicht in den Händen ver­borgen. Kein Wort war ihr entgangen, jedes hatte ihr tief und grausam in's Herz geschnitten. Mit aller Kraft rang sie nach Athem. Sie sah zum ersten Male ihre Kindespflicht und ihre Liebe einander gegenüber treten und in einen heftigen Kampf gerathen. Sie sah voraus, daß eine von ben beiden unterliegen müsse, da fie Unmögliches von einander verlangten. Sie liebte ihren Vater mit zärtlichem Herzen, fie würde, ihn zu retten, Alles, ihr ganzes Lebensglück gern hingegeben , haben, aber hatte sie auch ein Recht, das Glück --ihres Verlobten zum Opfer zu bringen? Konnte und durfte sie feine treue Liebe so schändlich * lohnen? Ihr hatte er fest vertraut, auf sie hatte ' er all' sein Hoffen und sein Glück gebaut, und nun sollte sie es mit eigener Hand vernichten?

Womit hatte Hermann die» verdient? Ec sollte Unschuldig leiden, während ihr Herz ihren Vater -nicht von aller Schuld freisprechen konnte! Dies «ar es, was ihr den Kampf erschwerte und sie mehr und mehr auf die Seite de» Geliebten neigte. Wohl sagte sie sich, daß e» ihr nicht zukomme,

oder ob der Präfekt selbst zu befferer Einsicht gekommen ist, darüber verlautet nichts. Die besseren französischen Blätter haben sich in der Angelegenheit sehr reservirt gehalten und der Schließung der Fabrik weder zugestimmt noch sie verurtheilt. Sie werden j tzt, da die fran­zösische Behörde verständig genug ist, ihre Ver­fügung zu widerrufen, wohl anerkennen, daß der Präfekt von Nancy sich mindestens einer Heber« eilung schuldig'gemacht hat. Es wäre höchst noth« wendig, daß die besonnene und gemäßigte Preffe Frankreichs den unheilvollen Hetzereien der Blätter der Patriotenliga kräftiger entgegenträte. Ist es doch gerade der Denunciation eines solchen Hetz­blattes (der .Francs') zu danken, daß die Schließung der Weisbach'schen Fabrik überhaupt versügt wurde. Daß von der deutschen Presse leider auch gesündigt wird, hebt die ,Frkf. Ztg.' mit Recht bervor, haben wir auch bei dieser Ge­legenheit konstatiren muffen; hat man doch ver­sucht, aus dem Falle von Embermenil, der gar nicht zur „Kognition" der deutschen Regierung gekommen ist, halb und halb einen K riegsfall zu machen. Glücklicher Weise ist die Angelegen­heit so rasch erledigt, daß den Heißspornen jen­seits wie diesseits der Vogesen vorläufig der Boden unter den Füßen weggezogen ist.

* Aus Marburg läßt sich die .Köln. Ztg.' schreiben: „Der Reichstagsabgeordnete Dr. Böckel hat vor Kurzem seine Stellung an der hiesigen Universität'bibliothek, an welcher er früher als Hilfsarbeiter thätig war, oi^geuer., um von jetzt ab seine ganze Zeit seinem Beruf als Abgeordneter, Redakteur und Agitator zu widmen. Er benutzt übrigens die stille Zeit zu zahlreichen Volksversammlungen und sieht seine Anhänger in einem Maße wachsen, welches die ernste Besorgniß aller Ordnungsparteien besonders (!) deswegen hervorruft, weil der Ton von Böckel's Reden und Zeitungsartikeln dem sozialdemokratischen immer ähnlicher wird."

* Köln, 9. Aug. Zum Inspektor des theo­logischen Konviktes in Bonn ist Herr Kaplan Dr. Franz Düsterwald, bisher Kaplan an St. Alban dahier, durch den hochw. Herrn Erzbischof ernannt worden. Als Oekonom des Konvikts ist Herr Christ. Krabbel, zur Zeit Vorsteher des St. Gregoriushauses in Aachen, in Aussicht ge­

ben Vater zu richten und zu verdammen, konnte sie aber die innere Stimme, welche ihr zurief: „Er hat es verschuldet, er hat das ganze Unglück hsroorgerufen," Lügen strafen? Sie wollte sie ge­waltsam zurückdrängen, sie wich indeß allen Be­mühungen nicht.

Diese Gefühle durchstürmten Gabrielen» Brust. Aber nicht in diesem geordneten Gange, chaotisch durcheinander sich selbst überstürzend und ver­drängend.

„Sprich, Gabriele, ob du es thun willst," wiederholte Damken. „Sprich nur da» eine Wort, daß Du Letzingen Deine Hand reichen willst, und wir sind gerettet."

Gabriele rang mit allen Kräften nach einem Entschluffr. Sie würde vielleicht noch längere Zeit geschwankt haben; die Nennung diese» Namen», die Erinnerung an diesen Mann entschieden den Kampf. Nein, sie konnte sich nicht mit ihm ver­einen, sie konnte Hermann nicht verrathen und aufgeben.

„Sprich, sprich, Gabriele!" drängte Damken ganz ungeduldig.

„Nein, ich kann es nicht, — ich kann es nicht!" rief Gabriele. Sie hatte diese Worte mit der größten Anstrengung hervorgebracht und sank er­schöpft auf den Stuhl zurück.

nommen. — Der zum hiesigen Dom-Kapell­meister in Aussicht genommene Vikar und Kapellmeister am Dom zu Bamberg, Herr Karl Cohen, ist 1851 zu Laurenzberg bei Aachen ge­boren und feit 1875 Priester. Er besuchte längere Zeit die Kirchenmusikschule in Regensburg, an der er später selbst als Lehrer wirkte. 1881 berief ihn der Erzbischof von Bamberg als Leiter des neu begründeten Domchores, mit welch' letzterm Hr. Cohen namentlich die Pflege der alten klassi­schen Kirchenmusik sich angelegen sein ließ.

Ausland.

* Prinz Ferdinand von K o b u r g befindet sich, wie schon gemeldet, auf dem Wege nach Bul­garien. Die ursprünglich geplante Reiseroute hat eine Abweichung erfahren und zwar infolge der Entdeckung eines geplanten Bombenattentats, welches bei Turnseverin während der Einschiffung zur Ausführung gebracht werden sollte.

* Wien, 9. Aug. Prinz Ferdinand von Ko- burg ist heute Nachmittag 31/« Uhr mit dem Kourirzug der Nordbahn a b g e r e i st. Das Aus­wärtige Amt mißbilligt sein Vorgehen, von welchem ihn abzubringen cs eifrigst bemüht war. — Wie verlautet, zieht der neue Fürst am Sonntag in Tirnowa ein und macht mach vollzogener Eides­leistung eine Rundfahrt durch Bulgarien und Ostrumelien, die mit dem Einzug in Sofia endigen wird. (Fr. Z.)

* Sofia, 9. Aug. Prinz Ferdinand von Koburg trifft morgen uw 10 Uhr in Sistowo ein. Die Minister erwarten ihn in Lompalanca, von wo er gemeinschaftlich mit ihnen die Reise nach Tirnowa zur Eideslegung antritt.

— Nach einer Meldung der .Agence Havas' verließen die Regenten Abends acht Uhr auf der bulgarischen Dacht Rustschuk; sie werden die Minister in Lompalanka aufnehmen und dem Prinzen Ferdinand von Koburg nach Turn Severin entgegenfahren. — Die Sobranje ist auf den 13. August nach Tirnowa einberufen.

* Rom, 9. August. In der Stadt Catania sterben im Durchschnitt täglich 6 Menschen an der Cholera. In der Provinz ist sie heftiger. In Aderno, einer Stadt von 18,000 Einwohner, kommen im Durchschnitt täglich über 50 Cholera - fälle vor, wovon die Hälfte tödtlich verläuft. In

„Du kannst es nicht? — Du willst es nicht!" rief Damken, und in seiner Stimme lag etwas Heftiges und Wilde». „Du willst Deinen Vater nicht erretten, Du willst ihn dem Verderben und der Schande pceirgeben! Du willst mir trotzen, willst Deine Thorheit nicht ausgeben — ha, Du sollst es, ich schwöre, daß Du c» sollst! Noch hat mir Niemand zu trotzen gewagt, und bei meinem eigenen Kinde werde ich es am wenigsten dulden. Du sollst Letzingen heirathen und wenn ich Deine Hand mit Gewalt in die {einige legen sollte. Du sollst es!"

Er ging aufgeregt int Zimmer auf und ab. In seinen Augen lag ein wilder und drohender Ausdruck.

Nie hatte Gabriele ihn in solcher Aufregung erblickt. Aber gerade diese rücksichtslose Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit waren es, die ihr Herz in seinem Entschluffe noch fester machten. Hätte er fie in Milde und Siebe gebeten, hätte er durch stillen Schmerz sie zu gewinnen gesucht, es wäre ihm vielleicht gelungen. Durch diese Leidenschaft konnte er es nicht. Auch in ihr floß sein Blut, auch sie besaß Stolz und Festigkeit, auch ihr Herz konnte leidenschaftlich schlagen.

Scheinbar ruhig erhob sie sich, aber jeder Nerv an ihr zitterte.