M 174.
Mittwoch, den 3. August.
1887
lilher W Zit«».
Die »Fuldaer Zeitung^ erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Siu men' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.
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Deutsches Reich.
Berlin, 2. August.
• lieber das Befinden des Kronprinzen entnimmt die ,Kreuzzeitung' einem Privatbriefe aus England: „Nach der ersten Woche des Monats Juli hat die Heiserkeit des hohen Patienten etwas abgenommen, so daß die Stimme desselben zur großen Freude seiner Umgebung etwas Klang erhalten hat. Wenn keine neuen Wucherbildungen sich zeigen — und bisher hat man solche nicht wahrgenommen — so darf man auf eine allmähliche fortschreitende Besserung, ja schließlich auf völlige Genesung hoffen. Die Kronprinzliche Familie beabsichtigt für den Herbst den Aufenthalt in Ober-Italien zu nehmen."
* Für die Wiener Meldung der ,Voss. Ztg.', daß der Nuntius Galimberti mit Herrn von Schlözer aus Wien nach Berlin abgereist fei, um mit dem Fürsten Bismarck zu konferiren, liegt hier eine Bestätigung noch nicht vor; es dürfte auch nicht leicht sein, eine Vermuthung darüber zu äußern, welches der Gegenstand dieser Konferenzen sein soll. Es schweben allerdings, wie schon gestern erwähnt, zur Zeit zwei kirchenpolitische Fragen, nämlich die Regelung der Militärseelsorge und die Loslösung der Delegaturbezirke (Berlin, Brandenburg und Pommern), vom Bis- thum Breslau und ihre Erhebung zu einem selbstständigen apostolischen Vikariat.
* Französische Blätter publiziren ein Telegramm aus Rom, demzufolge der Kaiser von Oesterreich, die Königin-Regentin von Spanien und der König von Portugal dem h. Vater für die wohlwollende Erwähnung ihrer Regierungen in dem päpstlichen Schreiben an den Kardinal- Staatssekretär Rampolla telegraphisch ihren Dank abgestattet haben.
* lieber die preußische Klassen-Lotterie schreibt die ,Nordd. Allg. Ztg.' officiös: Die ,Vossische Zeitung' brachte in ihrer Abend-Ausgabe vom 27. v. M. folgende Notiz: „Mit dem Verkauf der Loose der preußischen Klaffenlotterie soll es, wie auswärtigen Blättern von hier geschrieben wird, diesmal besser wie in der vorigen Ziehung gegangen sein. War es der General- Lotteriedirektion beim letzten Spiel nicht möglich, sämmtliche Loose unterzubringen, so ist der Ver-
Durch Eigene Schn».
Roman aus der Handelswelt.
38. Fortsetzung.
Der Gedanke hieran ließ den Agenten für einen Augenblick sich selbst vergessen. Er rieb sich vergnügt die Hände und schritt im Zimmer auf und ab. Sein Gesicht hatte in diesem Augenblick einen diabolisch triumphirenden Ausdruck.. Plötzlich blieb er vor Kleuser stehen und richtete seine Augen rasch und scharf auf ihn. „Was meinen Sie dazu? Haben Sie Vertrauen zu dem Plane? Scheint er Ihnen richtig angelegt zu sein?" fragte er. „Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich ihn in Aus- führung bringen werde. Er soll und muß gelingen !"
Kleuser stand noch immer schweigend da. Kein Wort war ihm entgangen und er hatte wohl begriffen. Seine eigenen Interessen wurden nur dadurch befördert, auch er wünschte, daß Buchmann einen ewpsindlichen Schlag erhalten möge und was kümmerte es ihn, ob einige Andere zugleich durch ihn mit stürzen würden! Er hatte längst verlernt, an Andere zu denken und auf sie Rücksicht zu nehmen.
Wie so Viele, befand Kleuser sich auf einem wilden, stürmischen Jagen nach einem gesteckten
trieb jetzt ein wesentlich erfolgreicherer gewesen, wenngleich alle LooseauchnochnichtKäufer gefunden haben. Für die nächste Klasse erhofft man den Absatz aller Loose. Der Mehrvertauf wurde diesmal namentlich im Auslande erzielt." Dem gegenüber konstatiren wir, daß die Behauptung, es wäre der General-Lotteriedirektion „beim letzten Spiel" nicht möglich gewesen, sämmtliche Loose der preußischen Klassenlotterie abzusetzen, den tatsächlichen Verhältnissen nicht entspricht, da bereits beim Vertriebe der 175. Klaffenlotterie, der ersten Lotterie nach ein getretener Verdoppelung der Loose, zur vierten Ziehung ein gleich koulanter Absatz erzielt ist, als bei den früheren Lotterien, und ferner die Lotterie-Einnehmer bei der gegenwärtig im Abschluß befindlichen 176. Klaffenlotterie nicht in der Lage gewesen sind, die zahlreichen Bestellungen von Loosbewerbern in vollem Umfange zu realisiren — so daß die Bestellungen für ca. 10,000 Loose unbefriedigt bleiben mußten.
* Jena, 1. August. Bis in die studentischen Kreise ist nunmehr der THümmel-Skandal gedrungen. Im studentischen Gustav-AdolphVerein der hiesigen Universität hat der derzeitige Prorektor Dr. Nippold, Professor der Kirchengeschichte, einen, wie von dort gemeldet wird, „geistvollen, von der zahlreichen Versammlung mit Theilnahme aufgenommenen Vortrag über die Religions-Prozesse gegen den Pfarrer Thümmel gehalten". Der Vortrag soll später im Druck erscheinen. Der neuerfundene Ausdruck „Religions-Prozeß" für den wüsten Skandalprozeß — schwere Beleidigung einer preußischen Behörde und die schmählichste Beschimpfung einer christlichen Kirche — zeigt, welcher Art die Rechtsauffassung von Leuten wie Prof. Nippold ist.
* Köln, 2. Aug. Der Erzbischof hat in einem besonderen Hirtenschreiben an die Bewohner Kölns zu Beiträgen für den Bau katholischer Kirchen in der Neustadt aufgefordert. Es sind bereits zwei Kirchenplätze an der Brühler- und an der Jülicherstraße gesichert.
Ausland.
* Athen, 1. Aug. In voriger Woche wurde ein.' 14 Mann starke Räuberbande von einer Ab- theilung türkischer Truppen in einem zwei Stunden von Katerina entfernten Dorfe an der Küstenstraße
Ziele: nach Geld und Reichthum. Jeder wollte das Ziel erreichen, Jeder machte die größten Anstrengungen, mit rücksichts- und athemloser Hast stürmten Alle dahin, dem Ziele entgegen, unbekümmert, ob sie ihren Nebenmann zu Boden rannten, ob er unter und von ihren Füßen zertreten würde. Es galt ihnen Alles — Alles gleich, wenn sie nur ihr Ziel erreichten.
„Ich habe das beste Vertrauen dazu," entgegnete Kleuser endlich. „Mir ist es gleichgültig, ob Andere mit mir fallen, ober nicht."
„Was kümmern Sie andere!" rief der Agent. „Niemand wird sie unterstützen und halten, wenn Sie in Gefahr kommen. Eigner Gewinn ist das allgemeine LoosungSwort. Es gab auch für mich eine Zeit, wo ich nicht im Stande gewesen wäre, aus dem Schaden der Unvorsichtigkeit Anderer Nutzen zu ziehen, wo es mir in der Seele weh that, wenn ein Haus in Konkurs kam. Das ist lange her und ich bin nicht mehr so wie einst, Herr Kleuser. Es freut mich und ist eine stille innere Genugthuung für mich, wenn ich jetzt die ältesten und einstmals soliden Häuser wanken und stürzen sehe. Und manche, welche wir j-tzt fest und sicher wähnen, werden mit der Zeit auch fallen, denn fast Alle sind mehr oder weniger von der Epidemie der Jetztzeit, von dem Bärsenspiel und
zwischen dem Olympusgebirge und Salonichi umzingelt. Nach zweistündigem Kampfe wurde zehn Räuber, darunter ihr Hauptmann, getödtet. Die übrigen vier entkamen. Auf Seiten der Truppen blieben zwei Mann tobt auf dem Platze und acht wurden verwundet. Die Köpfe der zehn Räuber wurden nach Katerina eingebracht. In der ganzen Umgegend des Olympusgebirges scheint es von Räuberbanden zu wimmeln.
* Michael Nikiphorowitsch Katkow, dessen Ableben gestern gemeldet wurde, wurde 1820 in Moskau geboren und erreichte somit ein Alter von 67 Jahren. Er studirte anfänglich auf der Moskauer Universität, später in Königsberg und Berlin. Als er nach Rußland zurückgekehrt war, wurde er zum Professor der Philosophie an der Moskauer Universität ernannt, gab jedoch diese Stellung bald auf, um sich ganz seinem eigentlichen Berufe, der Publizistik, zu widmen. Er gründete im Jahre 1856 das Journal .Rußkij Westnik'. Im Jahre 1861 übernahm er die Redaktion der .Moskauer Zeitung', die er bis heute ununterbrochen leitete; erst in den letzten Wochen mußte er wegen schwerer Krankheit seine Thätigkeit aufgeben, und die .Moskauer Zeitung' kündigte an, daß sie vorerst ohne Leitartikel erscheinen werde. Die spezifisch russische Gesinnung Katkow's trat zu Beginn der sechziger Jahre hervor. Seinem Einfluß ist hauptsächlich die gewaltsame Nussifizirung Polens nnd die Unterdrückung des deutschen Elements in den Ostseeprovinzen zuzuschreiben. Der Glaube an die „Mission Rußlands" machte ihn mit der Zeit zum schlimmsten Deutschenhasser; es ist bekannt, welchen Grad der Deutschenhaß Katkow's in der letzten Zeit annahm. Vor Kurzem verfiel Katkow in schwere Krankheit; sein Selben soll der Magenkrebs gewesen sein, dem er nunmehr zum Opfer fiel.
Ans Stadt, Provinz und Nachbargebiet.
Fulda, 3. August.
* Unser hochwürdigster Herr Bischof ist gestern Abend wieder Hierselbst eingetroffen. Zu den Berichten, die wir aus Anlaß der Firmungsreise unseres verehrten Oderhirt-n den Lesern d. Bl
von dem Börsenschwindel angesteckt, und der rui* nirt am meisten. Ich spreche aus Erfahrung, ich selbst bin durch das Börsenspiel reich und arm geworden. Doch ich komme von unserem Ziele ab. Ja, wir müssen außerordentlich vorsichtig zu Werke gehen, um jeden Verdacht Buchmanns ab* zuwehren."
„Ich weiß." fuhr der Agent fort, „daß er Sie und das Haus Damken fortwährend scharf im Auge behält und beobachten läßt. — Haben Sie nicht einen Kommis in Ihrem Geschäft mit Namen Eichel?"
Kleuser bejahte es.
„Gut, den haben Sie stets im Auge. Er steht mit Buchmann im Geheimen in Verbindung und verräth ihm, was er von Ihrem Geschäft weiß."
„Eichel?" rief Kleuser überrascht und erbittert. „Er verräth Geschäftsgeheimnisse! Morgen schon werde ich ihn fortsenden."
„Halt, halt!" unterbrach ihn der Agent. „Das wäre eine Uebereilung, die nur schaden könnte. Nein, nein, behalten Sie ihn, lassen Sie es ihn nicht wissen, denn gerade er kann uns am meisten nützen. Würden Sie ihn fortschicken, Buchmann würde erfahren, weshalb Sie es gethan, er würde verrathen, daß Ihnen viel daran gelegen fein müsse, Manches vor ihm verbergen und glauben Sie