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171. Sonnabend, den 30. Juli. 1887

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Zweites Blatt.

NM Warum düngt der Land- wirth?

I (Nachdruck verboten.)

Es gibt Landstriche auf unserer Erde, in denen Leute wohnen, welche ihren Ackerboden weder so sorgfältig bestellen, wie unsere Landleute, noch demselben durch Dungzufuhr rachzuhelfen suchen. Es sind dieses solche Landstriche, welche von den Menschen erst seit kurzer Zeit zu landwirthschaft- lichen Zwecken in Benutzung genommen worden sind und aus diesem Grunde die vielerlei für die Pflanzen nöthigen Nahrungsstoffs in aufnehmbarem Zustande für eine ganze Reihe von Jahren in solcher Menge und Mischung im Ackerboden be­sitzen, daß die Wegnahme derselben durch die jährlichen Ernten vorläufig wenigstens keinen Er­satz durch Düngung des Bodens nöthig macht. Dieses ist beispielsweise auf den neuangerodeten Ackergründen Amerikas der Fall. In anderen Ländern ist der Boden zwar schon lange Zeit unter landwirthschaftlicher Benutzung, derselbe ist aber von Hause aus so reich an Pflanzennahrung, oder die jedem einzelnen Besitzer zur Verfügung stehenden großen Flächen gestatten ein so langes Ausruhen der ausgesogenen Aecker, daß eine Düngung auch hier noch nicht nöthig geworden ist. Dieses ist zum Beispiel auf der sogenannten schwarzen Erde im Innern Rußlands der Fall, einem Gebiete, daß an Ausdehnung unser deutsches Vaterland mehrmals übertrifft. Das die dortigen Landwirthe es viel leichter haben und ihre Feld­früchte viel billiger liefern können, wie unser deutscher Landwirth, das wird Jedermann einsehen, der bedenkt, wie viel Kosten unserem deutschen Landwirth durch sorgfältigere Bearbeitung und Düngung des Bodens mehr erwachsen, so daß er, wenn er auch durch seine intensivere Kultur auf gleicher Fläche mehr und beffere Produkte erzielt, doch einen geringeren Reingewinn hat, als der extensiv wirthschaftende Amerikaner, Ruffe und andere. Daher kommt es, daß viele fremde Länder bei den mit jedem Jahre durch neue Erfindungen und Verbefferungen immer leichter werdenden 93er- kehrsverhältniffen unserem deutschen Vaterlande in landwirthschaftlicher Beziehung eine so starke Kon­kurrenz machen, daß vielfach in neuerer Zeit ein Reinertrag bei unserer Landwirthschaft ganz in Frage gestellt wird. Ein Glück für uns ist es noch, daß diese von der Natur durch Fruchtbar­keit des Bodens oder Klima begünstigten fremden Völker durch Menschenarmuth und dadurch her­vorgerufene hohe Arbeitslöhne und durch Kapital- armuth am Uebergang zu sorgfältigerer Bewirth- schaftung ihres Bodens vorläufig wenigstens noch gehindert werden, und die Fracht bei den weiten Entfernungen immerhin wesentlich mitspricht. Unser Deutschland gehört trotz der mißlichen Schicksale, die es im Laufe der Jahrhunderte in Folge seiner Zerrüttung, der früheren Uneinigkeit und des Mangels an Zusammenfaffen seiner Hilfsmittel erlitten hat, doch Dank der hergestellten Einigung zu den kapitalreicheren Ländern der Erde, wenn es sich hierin auch nicht mit England, Holland und Frankreich messen kann, so daß die deutschen Kapitalisten veranlaßt werden, vielfach ihre Kapi­talien in den kapitalärmeren Ländern, in denen deßhalb ein höherer Zins gegeben wird, anzu- legen. Das kann man ihnen nun nicht verdenken, jedoch muffen wir bedenken, daß ein jedes etwa nach Rußland verliehene Kapital mithilft, den Ruffen den Uebergang zu sorgfältigerer Bewirth-

schaftung ihres Bodens und damit die Konkurrenz mit unseren Landwirthen zu erleichtern, sowie auch auf anderen gewerblichen Gebieten dieselben von uns unabhängiger zu machen. Aus diesem Grunde ist es nur zu begrüßen, wenn in Folge der feind­seligen Stellung, die Rußland mit der Zeit gegen uns eingenommen hat, die tonangebenden deutschen größeren Zeitungen, wohl auf Anregung unserer deutschen Reichsregierung, den Kampf gegen Ver­leihung von Kapitalien an die Russen ausgenom­men haben, wenn diese Maßregel in mancher Be­ziehung auch wie ein zweischneidiges Schwert den­jenigen, der es führt, schädigen kann.

Es bleibt zum Schluffs unserer Landwirthschaft nun noch das Mittel der Schutzzölle. Diese sind bis zu einem gewissen Grade auch ganz gut, man hat bei uns neuerdings auch den Anfang gemacht, dieses Mittel zu gebrauchen, es läßt sich jedoch aus vielerlei Rücksichten nur mäßig anwenden, es ruft zum Schaden anderer Gewerbe in dem Lande, gegen das der Schutzzoll gerichtet ist, die Neigung, Gegenmittel gegen uns zu gebrauchen, hervor, und in welchem Grade, das zeigt beispielsweise der förmliche Zollkrieg, zu dem gegenwärtig Rußland Deutschland gegenüber entschlossen zu sein scheint.

Kurz und gut, das beste Mittel, unsere deut­sche Landwirthschaft gegen die Konkurrenz der fremden aufrecht zu erhalten, ist immer noch das, daß durch staatliche Einrichtungen dem deutschen Kapitale auf deutschem Boden ein lohnende Stätte bereitet wird, wodurch es am Auswandern in dis Fremde gehindert wird, und daß durch Erleichte­rung in der Aufnahme von Kapital der deutsche Landwirth in den Stand gesetzt wird, seinen Grund und Boden durch sorgfältige Bearbeitung, Ankauf von Hilfsdüngemitteln u. s. w. in einen solchen Zustand der Ertragsfähigkeit zu versetzen, daß er für seine Arbeit genügenden Lohn findet.

So find wir nach längerer, aber nothwendiger Abschweifung wieder auf unsere Frage gekommen, warum denn eigentlich der Landmann seinen Acker düngt. Diese Frage wird Manchem, be­sonders dem kleinen, nicht theoretisch, sondern nur praktisch gebildeten Landwirth, für den diese Frage besonders aufgeworfen ist, unnütz erscheinen, die Folge wird ihn aber, wenn er, wie wir hoffen, diese und die folgenden Abhandlungen mit Auf­merksamkeit liest, eines besseren belehren. Wir bitten ihn dringend um geduldige Aufn erksamkeit.

II.

Jede Pflanze bedarf zunächst zu ihrem Aufsprie­ßen des Samenkeimes und des bei demselben für die ersten Tage ihres Lebens, bevor Wurzel und Blatt in hinreichendem Maße sich entwickelt haben, in Samen aufgespeicherten Nahrungsvorrathes. Da­mit der schlummernde Same zum Leben erwache und keime, braucht er vielfach einer zwischen vor­ausgegangener Ausreifung und Keimung liegenden, bald längeren, bald kürzeren Ruhezeit, weiterhin Luft, Feuchtigkeit und Wärme. Licht hat der Same zur Keimung und Ausnutzung des in ihm vorhan- denen Nahrungsstoffes bei Entstehung der neuen Pflanze nicht nöthig. Soll jedoch die Pflanze sich weiter entwickeln, mit Hilfe der Wurzeln Nahrung aus dem Boden und mit Hilfs der Blätter, welche für die Pflanze das sind, was die Lunge für das Thier ist, Nahrung aus der Lust nehmen, dann ist stets Licht nöthig, es muß selbstverständlich auch Nahrung in dem Boden und der Luft vorhan­den sein.

Für die Nahrung aus der Luft, welche die Pflanze durch die Blätter einathmet, braucht der Landwirth nicht zu sorgen. Dieselbe ist in der Luft stets in hinreichender Menge vorhanden und

es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß nach Abzug des Wassergehaltes der größte Theil des Gewichtes einer Pflanze aus der Luft stammt und beim Wachsthumsvorgang in Gas-, d. i. luftähnlicher Gestalt durch die Blätter in den Körper der Pflanze eingetreten ist. Wenn auch die Luft in ihrer Hauptmasse ein Gemenge zweier der etwa 5*/i Dutzend Grundstoffs oder Elemente ist, aus denen alle Körper der Erde gebildet sind und die sich nicht weiter in verschiedenartige Bestand« thsile zerlegen lassen, so daß sie zu etwa */5 au» Stickstoffgas und zu Vs aus Sauerstoffgas besteht, so giebt dieses Gemenge, io nothwendig sein Vor­handensein für die Entwickelung der Pflanze sonst auch ist, doch direkt keine Nahrung an dis Pflanze ab. Die Luft enthält jedoch außer einer verhält- nißmäßig geringen, bald größeren, bald kleineren Menge von Wasserdampf, der durch seine zeitwei­lige Verdichtung zu Dunst, Nebel und Wolken und dar Niederregnen in Gestalt von flüssigem Wasser für die nöthige Feuchtigkeit im Boden sorgt, fer­ner außer anderen zufällig beigemengten Bestand- theilen noch zwei ebenfalls gasförmige Beimengun­gen, nämlich die Kohlensäure und das Am­moniak. Die erstere ist ein Eczeugniß der Ver­brennungen, die auf der Erdoberfläche täglich statt­finden, sowie der Ausathmung aus den Lungen der Thiers und besteht zu 12/44 aus Kohlenstoff und zu 32In aus Sauerstoff, welcher letztere Stoff, wie vorhin erwähnt, einer der den Erdkörper aufbauenden Grundstoffe ist und zwar der thätigste, der an Menge nahezu der dritte Thsil des Gewichtes der ganzen Erde ausmacht, während wir in dem Kohlenstoff, den wir in jeder Kohle in fast einem Zustande erkennen können, einen dritten Grund­stoff vor uns haben. Das Ammoniak dagegen ist das Erzsugniß der täglichen Verwesung thier- ischer und pflanzlicher Körper und besteht zu u/i? aus dem schon erwähnten Stickstoff und aus 8/n aus einem vierten Grundstoff, nämlich demjenigen Stoffe, der wenn auch nicht der Masse, so doch dem Wesen nach das Waffer bildet und daher Wasserstoff heißt. Kohlensäure und Ammoniak werden von Wasser gierig aufgesogen, und was die Pflanze nicht durch die Blätter aufnimmt, wird mit dem Regen in den Boden gewaschen, wo es den Pflanzen durch die Wurzeln zu Gute kommt, während Verbrennung, Athmung und Verwesung diese Stoffe der Luft fortwährend er­setzen.

Wenn der Landwirth also auch nicht für die von den Pflanzen durch die Blätter aus der Luft entnommene Nahrung zu sorgen hat, so muß er das doch bei derjenigen Nahrung thun, welche die Pflanze aus dem Boden mit Hilfe der Wurzeln aufnimmt. Diese durch dis Wurzeln aufgenom­mene Nahrung ist eine bedeutend vielseitigere, als die Blätternahrung. Kamen bei letzterer blos 4 Grundstoffs in zwei Verbindungen (Kohlensäure und Ammoniak) und, wenn man noch eine rechnet, nämlich den Wasserdampf,, (*/g Wasserstoff, 8/g Sauerstoff), in Betracht, so sprechen bei der Wur­zel-Nahrung abgesehen von ganz zufällig oder vereinzelt auftretenden Grundstoffen immer­hin schon nahezu iVa Dutzend Grundstoffs mit, die jede Pflanze, die eine mehr, die andere weni­ger, nöthig hat, so daß ein vollständiges Fehlen des einen auch in der geringsten Menge nöthigen Grundstoffes ein Mißrathen der beabsichtigten Kul­tur zur Folge hat. Glücklicherweise besitzt jeder Boden einzelne dieser nöthigen Grundstoffs in ge­nügender Mengs, so daß der Landwirth nur für diejenigen zu sorgen hat, die dem Boden fehlen. Welche Grundstoffs die Pflanze nöthig hat, das wird in einem späteren Artikel erläutert werden.

Nun kann ein Boden eine Menge der vsrschis-