M 171.
Sonnabend, den 30. Juli.
1887
intimer W 3eitnnj.
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* Der Papstbrief.
Der Brief Leo's XIII. an den Kardinal Ram- polla, seinen Staatssekretär, erinnert an die Denkschriften großer Staatsmänner. Ec ist die bedeutsame und amtliche Darlegung eines breiten RegierungS Programms. Mitten in seinerLauf« bahn hat Leo XIII. die gegenwärtige Stunde gewählt, um seine politische Meinung zu entwickeln. Dieser Brief wird in der Reihe der Gedanken über die Art der Regierungen das sein, was die Encyclica Immortale Dei für die Gelehrsamkeit gewesen ist. Gerade wie die Encyclica alle an die Universalkirche und an die Einzelkirchen gerichteten Lehren einheitlich und vollendet zusammengedrängt hat, ebenso bildet der Brief den Brennpunkt, in welchem alle politischen Thaten und alle Regierungs-Eingebungen Leo's XHI. zu- fammenfließen, sich verbinden und sich ausgleichen. Der Geschichtsschreiber der Zukunft wird darin für seinen Theil den Schlüssel zu den verwickelt- sten Eceigniffen am Ende dieses Jahrhunderts finden. Die letzte Periode ist eine der außergewöhnlichsten des Pontifikats und des hl. Stuhles gewesen. Das Papstthum ist wieder eine moralische und politische Macht geworden und zwar eine so hohe, daß sie mitten in den Umbildungen, denen die Welt unterworfen ist, als einer der mächtigsten und besten Faktoren der Civilisation dasteht. Die Wiederherstellung einer fruchtbaren Ordnung der Dinge in der ganzen Welt leitet die ganze Politik des hl. Vaters. Alles was es Großes, Gerechtes und Wahres in der Welt gibt will Leo XIII. einführen in die allgemeine Harmonie seines Systems: Die Versöhnung mit Gott, Christus und dem Papste! Er trennt nicht, er heilt. Nie-
Durch eigene Schuld.
Roman aus der Handelswelt.
36. Fortsetzung.
„Sehen Sie, mein lieber Herr Blume, im Verkehr mit Menschen ist es die Hauptsache, daß man die Menschen mit schnellem Blicke erkennt und vorzugsweise ihre Schwächen und Leidenschaften," sprach er. „Hat man diese erkannt, so hat man immer eine Seite, von der man sich ihnen nähern kann, und benutzt man diese in der rechten Znt, so gewinnt man sie auch für sich. Sehen Sie, eine solche Menschen- kenntniß ist für den Kaufmann unbezahlbar. Sie erfordert aber viele Uebung und Erfahrung. Sie find noch jung, können deshalb noch nicht so viel Erfahrungen gesammelt haben, wie ein älterer Mann. Die zweite Hauptsache im Verkehre mit Menschen, welche man für sich zu gewinnen sucht, ist aber die, daß man die Schwächen Anderer nur dann benutzt, wenn man selbst in dieser Beziehung stark ist und Vorzüge besitzt; nur darf man diese dem Andern gegenüber nicht zu stark hervorleuchten laffen, sondern muß ihm scheinbar den Vorzug einräumen. Dies ist ein einfacher Grundsatz, und doch sollen Sie sehen, daß es Ihnen durch ihn gelingt, Schwabe zu gewinnen.
mals hat der Papst eine so ins Einzelne gehende Sprache geführt. Die Geschichte der weltlichen Herrschaft, ihre Rothwendigkeit, ihre Fruchtbarkeit, ihre Ruhmesstrahlen, die Bedingungen ihrer Wiederausrichtung und ihrer tatsächlichen Folgen, alle Seiten dieses Gegenstandes werden in das richtige Licht gesetzt. Die römische Frage ist gegenwärtig die allgemeine und zumal am meisten besprochene. Alles beschäftigt sich mit ihr. Run sie mitten in die Welt geworfen ist, muß die römische Frage auch in das richtige Geleise ge- bracht werden, damit sie nicht auf Irrwege geräth und am verkthrten Ufer landet. Der Moniteur de Rome' setzt in einer Besprechung des Papstbriefes auseinander, daß die römische Frage trotz Allen und Allem nach dem Sinne des hl. Vaters gelöst werden müsse und führt aus, daß diese Frage spruchreif sei, und daß darin die hohe Tragweite des Briefes Seiner Heiligkeit an seinen Staatssekretär liege. Die Allokution des Papstes vom 23. Mai er. und dessen Brief vom 15. Juni sind zwei äußere Formen ein und derselben Besorgniß. Diese Einheit und dieser Zusammenhang ist desien lichtvollstes Merkmal. Beide Eigenschaften stellen den vorwiegenden Charakter des gegenwärtigen Regimentes dar. — Gott segne diese That und mache sie fruchtbar; sie hat bereits ihren Platz in der Geschichte. Staatsmänner und Schriftsteller von Genie haben ihre Erinnerungen oder ihre Regierungssysteme' niedergeschrieben und der Nachwelt überliefert, so: Plato, Napoleon, Bosiuet und Förslon — wir haben aber bis heute noch kein Beispiel eines regierenden Herrschers gehabt, welcher sein Regierungsprogramm mitten in seiner Laufbahn schreibt. Wenn das gegenwärtige Pontifikat, nachdem es noch viel Gutes gegiftet hat, am Ende seiner glorreichen Laufbahn angelangt sein wird, wird die Geschichte diesen Brief als ein politisches Vermächtniß des Papstes begrüßen, welcher uns gegenwärtig regiert.
Deutsches Reich.
Berlin, 29. Juli.
* Das Ministerium für Landwirthschaft hat Weisungen zu energischer Vertilgung des bei Lohe, Kreis Meppen, aufgetretenen Kartoffelkäfers nach dort ergehen laffen.
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* Eine seltsame Kunde geht dec ,Voff. Ztg. aus Pari» zu. Danach soll ein Herr Barcil- Her im DepartementSeine-et-Marne, der sich bei Lebzeiten für das Opfer eines ungerechten Urthells der französischen Gerichte hielt, letztwillig sein ganzes Vermögen von über 600,000 Frks. dem deutschen Kronprinzen zur Gründung einer Ackerbaukolonie in Deutschland hinterlaffen haben.
* Die Kgl. Sternwarte giebt int .Staatsanzeiger' einige Anhaltspunkte für die wiffenfchaftliche Ausnutzung der am 19. August bevorstehenden totalen Sonnenfinsterniß und zwar mit Rücksicht darauf, daß der Kernschatten des Mondes diesmal gerade in einer eigenthümlich intereffanten Phase seiner Bewegung durch Mitteldeutschland, also durch eine an Freunden der Astronomie und ihrer Helferin, der Photographie, besonders reiche Gegend der Erde hindurchzieht. Es wird selten vorkommen, daß diese Phase der Kernschatten-Bahn von den Forschern aufgesucht wird, weil bei derselben viele der erforschungswerthen Einzelheiten am Rande und in der Umgebung der Sonne wegen des tiefen Standes derselben am Horizont nicht unter günstigen Umständen zur Erscheinung kommen, wogegen gerade in dieser Phase bei der nahezu horizontalen Lage des Schattenkegels sein allmähliches Herabkommen aus den höheren Atmosphären- Schichten Beobachtungen von eigenem Reiz und hohem Werth für die Kenntniß der Zustände der Erdatmosphäre ermöglicht. Die Berliner Sternwarte wird, schon um von möglicher Ungunst des Wetters unabhängiger zu werden, mehrere astronomisch und zum Theil auch photographisch ausgerüstete Expeditionen in die Nachbarschaft entsenden, eine in die Nähe der Nordgrenze, etwas nördlich von Eberswalde, eine in der Nähe der Südgrenze, nach Grünberg, eine in die Nähe der Centrallinie, nach Fürstenwalde, eine nach Thüringen. Außerdem wird ein Beobachter jenseits der Westgrenze der Aufzeichnung des Verlaufs der Dämmerungs-Phänomene sich widmen.
* Das Centralblatt der Bauverwaltung giebt eine intereffante Zusammenstellung der Kosten einiger größerer von der deutschen Reichs« behörde bezm. Preußen ausgeführten Bauten und einer Anzahl amerikanischer Staatsgebäude. Das neue Kultusministerium in Berlin kostet circa 1%, das Ministerium des Innern 11/2 Million, das
Mit einer fast enttäuschten Miene, aber doch mit Spannung blickte der junge Mann ihn fragend an.
„Ich will Ihnen näher auseinandersetzen, wie Sie diesen Grundsatz in diesem Falle anwenden. Sehen Sie, Herr Blume, ich weiß, daß Sie ein tüchtiger Musiker sind. Sie besitzen eine ausgezeichnete Fertigkeit auf dem Piano, haben eine schöne Stimme, so daß es eigentlich schade ist, daß Sie sich der Kunst nicht ganz gewidmet haben, aber Ihr Talent kann Ihnen auch in anderer Weise Nutzen bringen. Durch Zufall weiß ich, daß Schwabe ein außerordentlicher großer Musikfreund ist. Musik ist seine Schwäche, durch welche Sie ihn gewinnen müffen. Er spielt auch selbst und bildet sich zugleich ein, ein feiner Musikkenner zu sein. Das müffen Sie benutzen, müssen es horvorheben, ihm schmeicheln. Das hört er gern, Sie gewinnen ihn dadurch persönlich für sich, und ist Ihnen dies gelungen, so haben Sie Alles gewonnen. — Dann kann er es auch nicht ablehnen, mit Ihrem Hause in Verbindung zu treten und Sie haben Buchmann's Wunsch auf leichte Weise erfüllt."
Dem jungen Manne schien dieser Plan sehr einleuchtend zu sein, nur wußte er nicht, wie er ihn zur Ausführung bringen wie er überhaupt
mit Schwabe ein Gespräch über Musik anknüpfen sollte ohne da» dieser eine Absicht dahinter »er- muthete. Er sprach diese» gegen den Agenten aus.
„Werden Sie bald wieder durch M. kommen?" fragte ihn dieser.
„In wenigen Tagen, denn meine nächste Reise führt mich dorthin."
„Das trifft sich herrlich," führ Polenz fort. „Der beste Anknüpfungspunkt bietet sich Ihnen dar. Gerade jetzt gastirt die Sängerin Marie Möller von hier in M. Sie gehen ganz einfach zu Schwabe, berühren die Geschäftssachen gar nicht, sondern bitten ihn um sein Urtheil über die Möller. Sagen Sie, eine hiesige Familie interefftre sich sehr dafür, Sie hätten von mehreren Seiten gehört, daß er ein sehr feines vorurtheils« freie» Ohr habe, selbst ein hiesiger Capellmeister habe Sie darauf aufmerksam gemacht, sich an ihn zu wenden, weil Sie sich bei ihm verfiel ert halten dürften, daß für sein Urtheil nur die wahre Kunst maßgebend sei. Er wird dann sehr bescheiden thun, ich kenne da», wird sich aber außerordentlich geschmeichelt fühlen, namentlich wenn Sie noch einige Lobeserhebungen über sein Spiel und seinen Gesang, von denen Sie mehrfach rühmend gehört, hinzufügen. Bietet e» Ihnen Gelegenheit — und ich glaube, daß er es thun wird — chn