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Donnerstag, den 28. Juli.

M 169.

1887

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□ Zur neuesten Entwicklungsphase der bulgarischen Geschichte.

(Schluß.)

Hat die Regierung von Bulgarien im Ernste daran geglaubt, unter den gegenwärtigen Verhält- Men, namentlich in Anbetracht der Haltung Ruß­lands, dem Lande einen Fürsten geben zu können? Wir glauben es kaum. Wie konnte sie aber dann die große Sobranje berufen? Aeußere und innere Gründe bestimmten dazu. Rußland hatte sich hinter die Türkei gesteckt, um durch sie die be- stehende Regentschaft zu entfernen und durch einen einzigen Regenten zu ersetzen. Da die euro­päischen Mächte in dieser Frage das Hauptgewicht auf die Zufriedenstellung Rußlands legen, und die Türkei in einem förmlichen Abhängigkeitsver- hältniß zu Rußland steht, so hatte der Plan große Aussicht des Gelingens. Die bulgarische Regierung bekam indeffen Kenntniß davon und eilte der Ausführung zuvorzukommen. Das war nicht blos ihr Jntercsie, sondern auch ihre Pflicht. Es handelte sich ja nicht blos um ihre eigene Existenz, sondern auch um die Unabhängigkeit des Landes von russischer Despotie. Sie hatte indesien kaum ein anderes Mittel, die russische Jntrigue zu paralysiren, als die Berufung der großen Sobranje. Und wenn sie dazu schritt, so mußte sie die Fürsten­wahl auf die Tagesordnung setzen, wenn auch nur zum Schein und zu dem eigentlichen Zwecke, sich selber im Besitze der Gewalt wieder zu befestigen. Dazu kam ein zweiter, sehr dringender Grund. Regentschaft und Ministerium vertrugen sich nicht mehr mit einander. Die Differenzen waren sach­licher und persönlicher Natur. Der Minister­präsident, eine sehr populäre Persönlichkeit, ver­trat den radikalen Standpunkt, der von einer Rücksichtnahme auf Rußland und dessen Wider­stand nichts wissen wollte, und sekundirte kräf- tigst dem Kriegsminister, der an der Rückberufung Alexander's von Battenberg festhielt uud diese Stimmung auch unter den Truppen hegte und pflegte. Die Regentschaft, namentlich ihr Haupt­repräsentant Stambulsw, hätte gleichfalls am liebsten die Rückkehr Alexander's gesehen; ange­sichts der faktischen Unmöglichkeit derselben und in Anbetracht der theils zurückhaltenden, theils in­differenten Stellungnahme der europäischen Mächte

Durch eigene Schild.

Roman aus der Handels welt."

34. Fortsetzung.

„Du irrst, Pauline," sprach er. „Du machst Dir unnöthige Sorgen und thust mir unrecht. Ich will Dir einräumen, daß mir die Verbindung mit Damken mehr Mühe und Arbeit gebracht hat, als ich geahnt habe. Ich habe Vieles zu ordnen und nachzuholen gehabt, was mein Vorgänger versäumt oder verfehlt hat. Ich habe, um hiermit zu Ende zu kommen, viel gearbeitet und Dich vielleicht mehr vernachlässigt, aber es wird nicht immer so blei» ben, die ruhigen, glücklichen Tage, wie wir sie in den ersten Wochen unserer Ehe gehabt haben, wer­den wiederkehren, und dann wird sich auch der Gewinn meiner Mühen einstellen. Jetzt ruhen alle Sorgen, welche die Leitung eines so großen Ge­schäftes nothwendig mit sich bringt, allein auf mei­nen Schultern, weil Damken sich fast gar nicht um das Geschäft bekümmert. Ec ist überhaupt auch nicht im Stande, mir diese Sorgen zu er­leichtern, denn er hat nur den Namen eines Han­delsherrn und genießt nur deffen Annehmlichkeiten, ohne sich durch Mühen, welche ein solches Haus mit sich bringt, in seinen Vergnügen stören zu laffen. Das habe ich aber von vornherein gewußt,

glaubte sie bis zur Grenze des Möglichen Rück­sicht nehmen und die Möglichkeit nicht außer Acht laffen zu sollen, mit Rußland sich zu verständigen. Außerdem waren zwischen Stambulow und dem Kriegsminister wiederholt Reibereien ausgebrochen bezüglich der Kompetenz über das Militär. Das Mißoerhältniß wurde so groß, daß der Minister­präsident mit dem Kriegsminister in den Verdacht kam, einen Staatsstreich gegen die Regenten zu planen. Diese Mißverhältnisse waren natürlich auf die Dauer absolut unerträglich, konnten aber, ohne weitere Unzuträglichkeiten hervoczurufen, kaum anders als durch die große Sobranje gehoben werden. Bekanntlich ist dies nun auch in der Weise geschehen, daß beide streitende Theile — Regent­schaft und Ministerium — ihre Entlastung gaben, die Sobranje das Entlaffungsgesuch der Regent­schaft aber nicht annahm, sich also auf ihre Seite stellte. Es ist nun ein neues Ministerium unter Stoilow gebildet, der schon dem vorausgegangenen angehört hatte und — wenn auch erfolglos — eine vermittelnde Stellung eingenommen hatte. Wenn nun aus der Wahl des Fürsten nichts wird, so dürfte es den Regenten und dem neuen Ministerium nicht allzuschwere Sorgen bereiten.

Eine mindestens unklare Rolle hat der Thron­kandidat, Prinz Ferdinand von Koburg, gespielt. Daß er bei der Bulgaren-Deputation sich günstig aussprach und gute Hoffnungen auf Annahme der Wahl erweckte, kann keinem Zweifel unterliegen. Ebenso gewiß ist es aber auch, daß er in sehr kurzen Zwischenräumen sich ganz verschieden äußerte, wie ein Mann, der sich heute so und morgen wieder anders entschließt,'und heute bereut, was er gestern zugesagt hat. Der jetzige Minister­präsident Stoilow machte nach dieser Richtung hin Mittheilungen, die keinen Zweifel mehr zu­lasten. In der geheimen Sitzung der Sobranje, in welcher die Kandidatur für den folgten Tag der Wahl festgesetzt wurde, schilderte er den Prinzen Ferdinand von Koburg und erzählte von feinen Unterredungen mit ihm. Zuerst habe er die Ab­sicht gehabt, schon vor der Wahl incognito nach Bulgarien zu gehen, um alsbald nach erfolgter Wahl die Zügel der Herrschaft zu ergreifen. Diesen Gedanken habe er indesten bald wieder aufgegeben und sich dahin ausgesprochen, die Wahl abzuwarten, sogleich nach derselben aber nach

daß mir die Arbeit zufallen werde, denn sonst würde er mich nicht zu seinem Kompagnon erwählt haben."

„Das ist eben die Ungerechtigkeit," warf Pau­line ein, „daß Dir allein alle Arbeiten obliegen, während Du doch auch durch Dein und mein Ver­mögen das Geschäft unterstützest."

„Das thu? ich allerdings," entgegnete Kleuser. „Aber bedenke, wie gering dieses gegen den Werth dieses alten Hauses ist."

„Höre, Leopold," entgegnete die junge Frau, „ich verstehe wenig von kaufmännischen Angelegen­heiten, aber schon oft ist mir der Gedanke und die Befürchtung gekommen, daß das verschwenderische Leben Damken's doch einst ein übles Ende nehmen könnte. Ich glaube zwar, daß das Geschäft be­deutende Einnahmen bringt, aber wie enorme Sum­men giebt Damken dagegen aus! Wie unendlich viel haben ihm die Villa und der Park gekostet, wie viel muß ihm sein Leben jährlich kosten, denn er lebt fast fürstlich. Gesellschaften verdrängen Ge­sellschaften, und Damken versagt sich keinen Wunsch, wenn er mit Geld zu erreichen ist. Diese Gedan­ken sind nicht in mir allein aufgestiegen. Man spricht allgemein über diese sinnlose Verschwendung.

Kleuser schien diese Worte nur halb g-hört zu haben, denn seine Gedanken waren durch sie wie»

Bulgarien zu gehen, ohne die Anerkennung der Wahl durch die Großmächte abzu­warten. Aber auch davon sei er abgekommen und habe sich zuletzt entschlossen, die bulgarische Krone faktisch erst anzunehmen, wenn alle Groß­mächte ihre Zustimmung gegeben hätten. Ein Mitglied der Deputation der Sobranje, welche den erwählten Fürsten begrüßen und ihm den Wahl­akt übermitteln sollte, erklärte in Wien ganz kate­gorisch, die Wahl sei erst erfolgt, nachdem sich der Prinz bereit erklärt habe, dieselbe anzunehmen und einem einstimmigen Rufe des bulgarischen Volkes Folge zu leisten. Alle diese Mittheilungen sind glaubhaft und sind vielleicht gerade zu diesem Zwecke in die Oeffentlichkeit gebracht worden, um einen moralischen Druck auf den Prinzen auszu­üben. Psychologisch ist ein solches Schwanken in den Entschlüssen bei dem jungen Prinzen auch sehr erklärlich. Als Knabe schon legte er einen stark entwickelten Ehrgeiz an den Tag und that sich viel darauf zu gute, der Enkel eines französischen Königs zu sein. Auch gehört es zu den Koburger Familientraditionen, Kronen nicht zu verschmähen, wenn solche zu haben sind. Andererseits ist die Erinnerung an die Schicksale Alexander's von Battenberg zu frisch, als daß sie spurlos an dem vorübergehen könnte, der ihm persönlich nahe steht und nun der Erbe seines Thrones werden soll. Und besonders viel zu riskiren ist nicht Sache eines Jeden, wenn auch Ehrgeiz seine Brust er­füllt. Sodann ist die zahlreiche Familie der Kobur­ger durchaus nicht gleicher Meinung bezüglich der Annahme oder Nichtannahme der bulgarischen Krone. Trotz all' dieser Umstände und Verhältniffe mußte man aber erwarten, daß der Prinz voll­ständig im Reinen mit sich selber war, ob er ein uneingeschränktes Ja, oder ein bestimmtes Nein nach Timowa telegraphiren mußte, als er die Nachricht seiner Erwählung erhielt. Die Frage ist ja nicht urplötzlich an ihn herangetreten; er hatte vielmehr Monate lang Zeit, sie nach allen Richtungen hin zu erwägen. Seine Familienbe­ziehungen mußten es ihm auch leicht machen, Ge­wißheit darüber zu erlangen, wie man sich in Konstantinopel, St. Petersburg, Berlin, London und Wien zu seiner Erwählung stellen würde. Für seine schwankende Haltung läßt sich also keine Entschuldigung mit Erfolg geltend machen. Am

der auf den Punkt zurückgelenkt, der ihm bereits so unendlich viele Sorgen gemacht hatte. Unwill­kürlich entrang sich seiner Brust ein schwerer Seuf­zer. Seine Frau schien zu ahnen, was er mit Bestimmtheit voraussah.

Es konnte mit Damken kein gutes Ende nehmen. Gleichsam als ob er mit Hohn sein Geschick her- aussordere und dessen Erfüllung beschleunigen wollte, hatte er in der letzten Zeit seine Verschwendung noch gesteigert. Kleuser hatte ihm Vorstellungen gemacht, hatte ihm die gefährliche Lage des Hau­ses nicht verhehlt — er hatte nur mit einem stol­zen, verächtlichen Lächeln darauf geantwortet. Die­ses verschwenderische Leben war ihm zur unbesieg­baren Schwäche, ja Leidenschaft geworden, und jeden inneren Vorwurf darüber beseitigte er mit dem Scheingrunde, daß er gerade durch dieses Leben den Credit seines Hauses erhalte. Ec mochte nicht daran denken, daß er diesem Kredite, mochte er auch noch so fest dastehen, doch endlich jeden festen Grund, auf dem er ruhte, entziehen mußte, daß er nicht für längere Zeit den Schein desselben wahren konnte; er mochte und wollte hieran nicht denken, weil es ihm unangenehm und lästig war.

Tiefer und tiefer versank Kleuser in Gedanken. Da trat Pauline an ihn heran und legte ihren Arm um seinen Hals. Sie bog seinen Kopf zurück