JUi 168. Mittwoch, bett 27. Juli.
1887
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□ Zur neuesten Entwicklungsphase der bulgarischen Geschichte.*)
Wer täuscht und wer wird getäuscht? Diese zwei Fragen drängen vor allem anderen Einem sich auf, wenn man mit kritischem Blicke verfolgt, war in den letzten 3 Wochen aus und über Bulgarien gemeldet worden ist. Das Land soll einen Fürsten haben, so will es der Berliner Vertrag, der die Rechtsgrundlage seiner staatlichen Existenz ist. Und der Fürst soll sich der Zustimmung der Bertragsmächte erfreuen, bestimmt derselbe Vertrag. Es heißt nicht ausdrücklich, daß alle Mächte ohne Ausnahme zustimmen müssen; aber auch das Gegentheil ist nicht gus- drücklich stipulirt worden, wenn es sich im Grunde genommen auch von selbst versteht. Andernfalls wäre gerade diese Vertragsbestimmung eine Quelle immer wiederkehrender Schwierigkeiten und Konflikte. Eine einzelne der Vertragsmächte hätte es in der Hand, die „herrscherlose" Zeit in Bulgarien zu verewigen, und wenn man dedenkt, wie leicht die Interessen verschiedener Großmächte an den Balkanstaaten überhaupt und an Bulgarien insbesondere in schwere Kollision kommen können, so mußte denen, die mitzureden hatten, eine solche Gefahr von vornherein vorschweben. Größer noch wird die Gefahr, wenn bei dem einen oder anderen Großstaat zum Uebergewicht der Interessen auch noch das Uebergewicht der Macht sich gesellt. Diese Situation ist gegenwärtig da. Rußland leistet passiven Widerstand, anerkennt die bestehende Regierung und Volksvertretung Bulgariens nicht als zu Recht bestehend und verweigert demgemäß jedem die Anerkennung, der durch Vorschlag und
*) Nachdruck verboten.
Auch eigene Schild.
Roman aus der HandelSwelt.
33. Fortsetzung.
Ueber das Gesicht des Agenten zuckte ein unwilliger, fast zorniger Schatten — aber nur für einen Augenblick. Gleich darauf kehrte fein gewöhnliches Lächeln zurück. „Herr Kleufer," sprach er ernst, „ich will Sie nicht fragen, wodurch ich dieses Mißtrauen von Ihnen verdient habe. Ich habe Sie offen um Ihr volles Vertrauen gebeten, das hätte Ihnen Beweis und Bürgschaft genug sein sollen."
Polenz fuhr fort: „Ich habe Ihnen ferner mitgetheilt, weshalb ich jene Frage an Sie gerichtet habe, ich habe also Vertrauen gegen Vertrauen gesetzt. Bedürfen Sie aber etwa« zur Beruhigung, gut, so will ich es Ihnen geben. Hätte ich im Sinne gehabt, andern Leuten den Stand und die Geheimnisse Ihres Hauses zu verrathen, so würde ich Sie wahrscheinlich nicht erst darum gefragt haben. — Sie w.flen ja, daß ich bereits ziemlich vertraut damit war und wollte von Ihnen nur die völlige Gewißheit meiner Vermuthungen haben. Neues haben Sie mir nicht mitgetheilt. Dies mag zugleich Ihre Bedenken und inneren Vorwürfe, daß Sie überhaupt mit
Wahl dieser Körperschaften die Fürstenkrone erhalten soll. Und diese Obstruktion der einen Großmacht hält das ganze übrige Europa in Schach und läßt den jungen Bulgarenstaat nicht in ruhige und geordnete Verhältnisse kommen. Das war und ist die Situation, seitdem Prinz Alexander von Battenberg vor der russischen Brutalität zurück- gewichen ist. Die Bulgaren haben sich thatsächlich alle Mühe gegeben, einen Fürsten zu bekommen, gegen den Rußland nichts haben kann; jeder Kandidat ist ihnen von vornherein genehm, wenn sie nur nicht annehmen müssen, daß er ein Satrape Rußlands ist und auch als Fürst von Bulgarien bleiben würde. Allein mit diesem guten Willen kamen sie bis jetzt nicht durch, da Rußland einfach Unterwerfung verlangte, wie der Knecht seinem Herrn sie schuldet; kein Anzeichen dafür lag vor, daß es von diesem Standpunkt abgehen würde. Das Einzige, was man wußte, war, daß es darauf verzichtet — wenigstens zur Zeit, Truppen nach Bulgarien zu werfen. Da in solcher Sachlage die große Sobranje auf den 3. Juli zusammenberufen wurde, um dem Lande wieder einen Fürsten zu geben, mußte man natürlich sehr gespannt sein auf das, was da kommen sollte. Lange Zeit hindurch war eine eigene Deputation außer Landes, um einen Tsronkandidaten zu suchen und die europäischen Mächte günstig für Bulgarien zu stimmen. Da die Sobranje schon einmal einen Fürsten gewählt hatte, ohne daß der verwaiste Fürstenthron besetzt wurde, so mußte man annehmen, die Regierung habe einen Kandidaten vorzuschlagen, der bereit sei, mit oder ohne Rußlands Zustimmung die Wahl anzunehmen. Dieser Meinung war man auch in Buigarien, selbst in den Kreisen der Abgeordneten. In dem der Sobranje mitgetheilten Berichte der erwähnten Deputation hieß es ohnehin ausdrücklich, es fei ein Kandidat gefunden, „der die Wahl annehmen dürfte." Roch mehr: es wurde in den Kreisen derer, die als „gut unterrichtet" galten und gelten wollten, das Gerücht kolportirt, die Regierung habe sogar drei Kandidaten, von denen „wahrscheinlich" (!) jeder annehmen würde, falls er gewählt werden sollte. Offenbar gehörte indessen auch Alexander von Battenberg zu diesen dreien, der nach Lage der Dinge und nach seinen eigenen wiederholten Erklärungen vorläufig nicht mehr in
mir über den Stand Ihres Hauses gesprochen haben, vernichten. Ich würbe allerdings nicht gewagt haben, solche Fragen an Sie zu richten, wenn ich in Ihre Verhältnisse weniger eingeweiht wäre. Jetzt leben Sie wohl!"
Polenz verließ rasch das Zimmer und Kleuser war wieder allein. Einen Augenblick stand er regungslos und in Gedanken versunken da, dann warf er sich mit der Miene größter Rathlosigkeit und Verzweiflung in einen Stuhl. Er bemühte sich vergebens, au» dem Labyrinth, in welches er mehr und mehr hineingedrängt wurde, einen Ausweg zu finden; er suchte nach einem festen Punkte, an dem er sich anklammern und halten könne, ober der Boden schien unter seinen Füßen zu weichen. Er verwünschte die Stunde, in der er dieses Haus betreten, und seine Schwäche, daß er sich durch den Hai delsherrn hatte täuschen und hintergehen lassen. Er hätte ruhig und sorgenlos leben können, hätte ihn nicht ein thörichter Ehrgeiz verleitet. Und welchen Lohn hatte er bisher dafür gehabt? Arbeit und Sorgen! Und für wen hatte et gearbeitet? Nicht für sich, sondern für den Handelsherrn, für dessen Verschwendung und Vergnügungssucht.
Er schlug sich mit der Hand über die Stirn, leider konnte er dadurch nicht« ungeschehen machen
Betracht kommen konnte. Ein zweiter Kandidat war höchst wahrscheinlich Prinz Bernhard von Sachsen-Weimar und der dritte Prinz Ferdinand von Koburg. Wie sich der erstere dieser drei Kandidaten stellte, war und ist bekannt; die Herren von der bulgarischen Regierung konnten überhaupt nur dann an ihn denken, wenn sie entschlossen waren, nicht blos Rußland, sondern auch den übrigen Vertragsmächten den (Fehdehandschuh hinzuwerfen. Nach den allgemein bekannt gewordenen Erklärungen Alexander*» waren sie aber in unglaublicher Selbsttäuschung befangen, wenn sie meinten, derselbe würde unter solchen Umständen die Fürstenkrone wieder annehmen, ober aber sie täuschten andere, indem sie dieselben es glauben machten.
Wie sich Bernhard von Sachsen-Weimar zur Sache stellte, läßt sich nur vermuthen: wahrscheinlich unbedingt ablehnend; sonst wäre man wohl nicht so kurzer Hand über ihn hinweggegangen, nachdem sein Name einmal aufgetaucht war. So wird man nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß von vorn herein nur an den Prinzen Ferdinand von Koburg gedacht wurde. Dessen Wahl erfolgte einstimmig in öffentlicher Sitzung der Sobranje, nachdem zuvor in einer geheimen Sitzung ebenso einstimmig seine Kandidatur angenommen worden war. Am 7. Juli war die Wahl, die Sobranje sowohl, wie auch die Regierung sandten Telegramme an den Gewählten, der zwei Tage zuvor von Wien, seinem gewöhnlichen Aufenthaltsorte, abgereist war. In dem Telegramm des Präsidenten der Sobranje kamen die heißen Wünsche der Deputirten und der gesammten Nation zum Ausdruck, der Erwählte möge „sich möglichst bald nach Bulgarien begeben". Einen Tag lang mußten sich die Wähler in Tirnowa gedulden, bi« die Antwort des Gewählten einlief. Es hieß darin: „Ich werde mich nach Bulgarien begeben, wenn die Pforte meine Wahl anerkennt und die Großmächte dieselbe billigen." Obwohl die alte Residenz illuminirte, als die Depesche eintraf, war man in den Kreisen der Regierung keineswegs befriedigt und beruhigt; ein sehr reger Depeschenwechsel zwischen ihr und dem Gewählten folgte seiner Erklärung auf dem Fuße nach. Tags darauf (am 9. Juli) wurde eine Deputation gewählt, die den gewählten Fürsten begrüßen und
und nichts ändern. Der Strudel, in den et sich einmal hineingewagt hatte, riß ihn weiter und weiter. Wohl hoffte er, daß er von ihm an das Land geworfen werde, aber in welchem Zustande? Vielleicht mit zerbrochenen Gliedern, elend und arm. Er schauderte zusammen, al» seine Gedanken diesem Bilde weiter folgten.
Kleuser war jetzt in dem Zustande, daß er alle Menschen hassen könne, aber er hatte seinen ganzen Haß auf einen einzigen Menschen koncentrirt, auf seinen Kompagnon. Ja, er haßte ihn und suchte nach einem Wege, sich an ihm zu rächen. Aber waren sie nicht beide durch gleiche Interessen verknüpft, waren ihre Leben nicht aneinander gekettet? Er mußte diese Kette lösen, er wollte e», mochte Jener auch darüber zu Grunde gehen und an den Bettelstab kommen, was kümmerte es ihn! Ja, er wünschte die», sobald er fein eigene» kleines Lebenrschiff aus dem gewaltigen Strudel gerettet und in einen sicheren Hafen eingeführt hatte.
Es war spät geworden, als Kleuser sich endlich erhob, um heimznkchren. Als er die schwere eichene Pforte des alten Hauses öffnete und wieder schloß, befiel ihn ein eigenthümlich unheimliche« bange« Gefühl. Er hörte den Ton der zugeschlagenen Pforte in dem alten großen Gebäude