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M 165.

Sonnabend, den 23. Juli.

1887

Zeitiiiiz.

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Zweites Blatt.

GO Sonnenfinsternis.*)

In den Schaufenstern der Buchhandlungen häufen sich immer mehr die Schilderungen und Erklär­ungen der bevorstehenden Sonnenfinsterniß. Als Vorspiel wird am 3. August eine partielle (unvollständige) Verfinsterung des Mondes ge­geben; die große Haupt- und Staats-Aktion aber erfolgt am 19. August in früher Morgenstunde, und auf dem Programm steht das seltene Schau­spiel einer totalen (vollständigen) Sonnenfinsterniß. Wenn das Nachtlämpchen, welches wir Mond nennen, mal auf einige Minuten ganz oder theil- weise verhängt wird, so macht das keinen über­mäßigen Effekt; aber wenn sich zur Neumondzeit die düstere Mondscheibe so vor die Sonne schiebt, daß diese blendende Tagesleuchte vollständig ver­dunkelt wird, so ist das ein packendes Ereigniß, welches die Wilden mit Heulen und Zähneklappern, die zivilisirten Menschen mit ruhiger Bewunderung, die Sternforscher aber mit der angespanntesten Aufmerksamkeit und mit Anwendung aller Hilfs­mittel der Seh- und Meßkunst b-trachten. Die Astronomen sind nämlich sehr eifrig dahinter her, ob sie nicht der Frau Sonne mal etwas hinter die Gardinen gucken könnten, und sonderbarer Weise geht ihnen bei Verfinsterungen ein Licht auf, weil bei der Bedeckung des blendenden Kernes der Sonnenscheibe das Treiben am Sonnenrande sichtbar wird. Wenn eine vollständige Finsterniß in einem fremden Welttheil sichtbar wird, so reisen die Astronomen mit vielen Kosten und Mühen hin, um die Sache zu Protokoll zu nehmen. Dies­mal haben sie es bequem, da auch ein Strich des nordöstlichen Deutschland mit der vollen Finster­niß begnadet wird.

Der Süden und Westen und der äußerste Norden von Deutschland kommt freilich schlecht weg; die Finsterniß trägt einen altpreußisch-russischen Charak­ter. Die Totalitätszone erstreckt sich von der Provinz Sachsen über Berlin und das europäische Rußland bis nach Sibirien hinein, wo die Ver­bannten vermuthlich über die andauernde Ver­finsterung ihrer Lebenssonne melancholische Be­trachtungen anstellen werden. Man plant schon besondere Finsterniß-Züge, welche die wißbegierige Jugend der umliegenden Orte in die bevorzugte Zone hineinführen sollen. Die Jungen werden sich zweifellos auf diese Spritzfahrt riesig freuen; aber die armen Lehrer und Erzieher müffen ihre liebe Noth haben. Da nämlich das himmlische Schau­spiel schon bald nach 5 Uhr Morgens anfängt, so wird das eine Nachtexpedition, deren Wirrwarr den Pädagogen die Haare zu Berge treiben kann. Am Praktischten wären wohl Nachtzüge, welche in der Dämerung kurz vor Beginn der Finsterniß eintreffen, so daß sich die Aufsuchung von Schlaf­stätten vermeiden läßt. Wer von den Erwachsenen überhaupt eine Sommerfahrt sich leisten will, der kann auch gleich die Finsterniß mitnehmen, indem er sich zum 19. August irgendwo in die östlich von Göttingen-Nordhausen sich hinziehende Tota­litätszone hineinschlängelt. Die Städter, welche Jahraus Jahrein den Sonnenaufgang verschlafen, werden bei dieser Gelegenheit wieder einmal dem lieben Sonnen - Aufgang beiwohnen. Ich bin auch schon recht neugierig auf dieses Schauspiel, der Wiedererstehung des Himmelslichtes, dem man sonst nur bei einer Gebirgsreise mit Hilfe wecken­der Kellner zu assistiren pflegt.

Unsere Kolonial-Abenteurer werden es gewiß sehr bedauern, daß diese totale Sonnenfinsterniß

*) Nachdruck verboten.

nicht in Mittelafrika sichtbar ist. Wir könnten sie nach berühmten Mustern den Wilden imponiren, wenn sie ihnen das Erlöschen des Himmelslichtes rechtzeitig ankündigten und sich so als die ver­trauten Freunde der himmlischen Gewalten legi- timirten! Das wäre um so zeitgemäßer, als die Herren Weißen sonst den Wilden nicht allzusehr imponiren.

Andererseits ist es ein wahres Glück, daß die Sonnenfinsterniß nicht schon im Februar eingetreten ist. Die Wahlschreier des Kartells hätten cs sicher­lich fertig gebracht, dieses Ereigniß zur Erhöhung der Kriegsfurcht bei den deutschen Wählern aus­zunutzen. „Die Sonne verhüllt ihr Antlitz ob der Niedertracht der antinationalen Mehrheit!" Das wäre doch eine schwungvolle Phrase für einen Tamtamschläger der Rechten gewesen; und noch lange nicht die schlechteste unter den wirklich ge­brauchten ! Die Lobpreiser der „deutschen Bildung" werden freilich sagen, daß unser Volk über die abergläubische Furcht vor Sonnen« und Mond- finsternissen längst hinaus und über den natür­lichen Hergang der Voreinanderschiebung der Him­melskörper und die Möglichkeit ihrer Voraus­berechnung sich durchaus klar wären. Ob dann wirklich der astrologische Aberglaube und die kindische Furcht bei außerordentlichen Himmels­erscheinungen schon gänzlich ausgerottet sind? Ich glaube es nicht. So z. B. kann man in der Maffe des Volkes noch einen großen Respekt vor den Kometen, diesen Bummlern int Weltraum, fast in allen Gegenden wahrnehmen. Ueberhaupt hält die große Menge trotz alles Unterrichts durch Lehrer und Lektüre im Grunde noch an der alten, naiven Weltanschauung fest, welche die winzige Erde zum Mittelpunkt der ungeheuren Schöpfung und nebenbei das eigene Ich zum Schwer­punkt der Erde macht und mit wahrhaft kindlicher Ueberhebung sich einbildet, daß all' die unzähligen Kolosse am Himmel bloß zum Dienste oder zur Ergötzung der armseligen Menschen da seien. Auf den Wahrsagezetteln, welche auf Kir- meffen und Jahrmärkten zur Vertheilung gelangen, findet sich immer noch die Planeten - Regentschaft ausgebeutet, und die Wetterprophezeiungen des hundertjährigen Kalenders, welche auf demselben Planeten-Aberglauben beruhen, werden Jahr für Jahr noch in unzähligen Kalendern neu gedruckt. Ich fürchte, daß auch betreffs der bevorstehenden Sonnenfinsterniß noch viele deutsche Landesgenoffen und noch mehr Genossinnen eingestandener Maßen oder im heimlichen Herzensgründe der Ueberzeu- gung sind, das habe „was Besonderes zu bedeuten". Setzt ihnen mit aller Eindringlichkeit auseinander, daß die Verfinsterung der Sonne durch den vor­übergehenden Mond ebenso natürlich sei, als die Verfinsterung der Abendlampr durch eine vorüber­gehende Person — es hilft doch nichts, eine so seltene und auffallende Sache muß „was zu be­deuten haben". Und nun fällt gar die Sonnen­finsterniß auf einen Freitag, den Ünglückstag; das läßt noch tiefer blicken, wie Sabor sich ausdrücken würde I —

Wenn die Sonnenfinsterniß wirklich „etwas zu bedeuten haben" soll, so kann man sie höchstens zu einem Vergleich mit gewiffen finsterenStunden im menschlichen Leben benutzen. Den Einen kommen sie öfter, dem Andern seltener, aber wohl Jeder hat es schon einmal durchgemacht, daß ihm ohne genügenden äußeren Anlaß, gleichsam bei heiterem Himmel, die Lebenssonne plötzlich verfinstert, Licht, Wärme, Hoffnung und Kraft abgeschnitten erschie­nen, ein düfierer Mißmuth Seele und Leib dar- niederdrückte. Bei schweren Schicksalsschlägen ist ja dieser Zustand einer physischen und moralischen Depression leicht erklärlich, aber räthselhast ifi er

bei anscheinend normalen Zeitkäufen, wo sich keine genügende Ursache zu einer so „verzweifelten" Stimmung erkennen läßt. Und doch kommt er auch bei sonst energischen, heldenhaften Naturen häufig vor. Im Leben der Heiligen findet man zahlreiche Beispiele, daß selbst die auserwählten Werkzeuge Gottes gegen derartige Anfälle, welche man als Ohnmächten des Gemüthes bezeichnen könnte, ernstlich zu kämpfen hatten. Nicht die wohl­geordnetste Lebensführung giebt davor Sicherheit. Es ist das eine Erscheinung, welche in dem geheim- nißvollen Gebiet der Wechselwirkung zwischen Leib und Seele beruht, das körperliche Nervensystem spielt dabei wohl eine größere Rolle, als die gei- stige Denk- und Willenskraft.

Wie der gescheit te Mensch die Furcht vor der Sonnenfinsterniß am Himmel abgelegt hat, so soll er auch dieser seelischen Sonnenfinsterniß surchtlos und entschloffen entgegentreten. Dieser Zustand matter Verzagtheit ist ein vorübergehender krank­hafter Anfall, dem man, statt sich ihm mit senti­mentaler Schwäche hinzugeben, mit energischer Wil­lensanstrengung entgegentreten soll. Aus studen­tischen Kreisen stammt die Bezeichnung „moralischer Katzenjammer"; durch das Eigenschaftswort „mora­lisch" könnte man sich verleiten kaffen, hinter die­sem Zustande etwas von heilsamer Reu- und Leid­erweckung zu suchen. Aber die echte, gesunde Reue ist ganz anderer Art, als dieses schlaffe, verzagende Brüten. Die rechte Reue lähmt nicht, sondern stachelt an, sie muß sofort mit dem Drange zur Besserung verbunden sein; sie ist nicht auf das Grab, sondern auf die Auferstehung gerichtet.

Man sagt, daß unser Zeitalter zur N e r v o si t ät neige, und es mag viel Wahres daran fein. Die Menschen der früheren Jahrhunderte, welche sich zu einer höheren Kultur aufschwangen, hatten je­doch auch schon ihre „Nerven", wie die Geschichte auf fast allen Seiten bekundet. Die Nervosität wird sich in der Gegenwart nur auf breitere Schich­ten ausdehnen und in der Zukunft wahrscheinlich noch weiter, da die Gegensätze zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen den Wünschen des Herzen« und den kargen Resultaten des verschärften Kampfes um's Dasein immer schärfer hervortreten müssen. Die geistigen Sonnenfinsterniffe werden also stets häufiger auftreten, wie im Leben der Einzelnen, so auch im Leben der Nationen. Sie sind nicht schlimm, wenn noch so viel praktischer Sinn und so viel Willenskraft vorhanden ist, daß man sie überwinden kann. Fort mit der sentimentalen Träumerei, welche mit gelähmten Armen sich einem dunkeln Schicksalsschmerze anheimgiebt! Aufgesprun­gen, die geistigen und körperlichen Gliedmaßen ge­reckt und dann frisch heran an die Berufsarbeit, bis die Feierabendglocke zu einer gesunden, be­häbigen, erquickenden Ruhe ladet'. In der er­frischenden Thätigkeit, und bestehen sie zur Noth nur bloß aus einem tüchtigen Laufe durch die freie Luft, finden Körper und Geist die Schwungkraft wieder, nicht im schlaffen Hmduseln. Wer die Augen zufallen läßt, hat immer Sonnenfinsterniß; wer frisch und klar die Augen hebt, der fieht bald die Sonne wieder; denn auf jede Nacht folgt ein neuer Morgen, auf jede Finsterniß ein neuer Glanz.

Vermischtes.

[Stui der Ersatz-Komission.j Assistenzarzt: „Exzellenz, der Mann schielt aber auf beiden Augen." — General: „Ach was, wird genommen? Leute, die nach Osten und nach Westen zu gleicher Zeit sehen, können wir jetzt gebrauchen."

* Professor (der in der Nacht durch ein Geräusch ge­weckt wird): Ist Jemand hier? — Dieb: Nein, Nie­mand! — Professor: Dann muß ich mich geirrt haben. (Schläft weiter.)