1887
Donnerstag, den 21. Juli.
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* Unsere „schlechten" Zeiten.
Nahezu 700 Millionen Mark sind bekanntlich ruf die neue Reichsanleihe von 100 Millionen «zeichnet worden, obschon der Zinsfuß nur 31/2 jgt. beträgt. Aus dieser Ueberzeichnung erfolgt: j) daß das Reich es gar nicht nöthig hatte, mehr Lis 3*/2 pCt- Zinsen zu bieten, und 2) daß in Deutschland eine recht ansehnliche Masie von Kapital vorhanden ist. Man könnte beinahe das berechtigte Wort vom „Geld wie Heu" wiederholen.
Wo kommt denn „bei den schlechten Zeiten" all' das Geld her? Ja, es ist ganz sonderbar, me gut es manchmal den Leuten bei den sogen, schlechten Zeiten geht! Wenn ich zurückdenke bis an die lange vergesienen Tage, als ich zuerst auf das Gespräch der Erwachsenen zu achten an- sing, so muß ich leider gestehen, daß ich fortwährend in „schlechten Zeiten" gelebt habe; denn immer und ewig wiederholt sich die Klage, daß die Zeiten schlecht seien und daß es „früher" besier gewesen sei. Sonderbarer Weise befanden und befinden sich die ewig Klagenden recht wohl dabei.
„Wie geht's?" - „Ra, es muß gut fein, bis daß es besier wird!" In dieser Antwort, welche ein halber Scherz sein soll, enthüllt sich ein Stück- chen Volksseele. Der gewöhnliche Mann sagt nicht gerne gerade heraus, daß es ihm gut gehe, während er bei dem geringsten Anlaß gern in alle Winde fingt, wie schlecht es ihm geht. Es gibt freilich protzige Naturen, welche gern renommiren, aber ein großer Theil dieser Charaktere bewahrt doch im nüchternen Zustand noch eine gewisie Schweigsamkeit. Wenn es sich bloß um das finanzielle Wohlbefinden handelt, so könnte man ja die Zurückhaltung mit der Sorge vor erhöhten Ansprüchen der Angehörigen und Freunde oder des Steuer- fiskus, vor Betrug oder Diebstahl rc. hinreichend erklären. Aber es wird nicht blos in Geldsachen mehr geklagt, als nothwendig ist, sondern auch betreffs der Gesundheit, der WohnungS- und Arbeitsverhältnisie, der Familienbeziehungen u. s. w. Wozu das? Steckt dahinter vielleicht dis „Furcht vor der Götter Neide", von welcher Schiller singt? Glaubt man durch das Lob des gegenwärtigen Schicksals ein schlechteres herauszufordern? Es ist wohl möglich, daß dieser Gesichtspunkt mitspielt;
Durch eigene Schuld.
Roman aus der Handelswelt.
28. Fortsetzung.
„Hast Du Hermann geschrieben, daß Setzingen um Deine Hand geworben und daß Dein Vater zu seinen Gunsten gestimmt ist?" fragte der Alte.
Gabriele verneinte es. „Ich mochte sein Herz Ächt traurig und besorgt stimmen, es ist genug, wenn ich allein leide," erwiderte sie.
„Ich kann Hermann diesen Schmerz nicht ersparen," fuhr der Alte fort." Ich werde ihm Alles schreiben, er wird darnach handeln, und ich kenne ihn zu gut, ich weiß, daß, so lange Deine Liebe ihm bleibt, sein Muth nicht wankt. Dies Alles wird ihn nur zu um so energischerem Handeln treiben. E» ist besier, er erfährt es jetzt, als daß ihn diese Nachricht gleichsam als erster Gruß bei seiner Rückkehr empsängt. Da» wäre ein schlechtes Willkommen. Oder wärst Du im Stande, ihm bei seinem ersten Wiedersehen zu verbergen, was Du gelitten, welche bangen Be« sorgniffe Dein Herz gequält haben?"
Gabriele schüttelte mit dem Kopfe.
„Gut, so schreibe ich e» ihm. Er ist ein Mann, und ein Mann muß manchen harten Kampf im Leben durchkämpfen, ehe er sich Hoffnung machen
es herrscht ja in weiten Kreisen der abergläubische Gebrauch, daß man bei Erwähnung eines glücklichen Umstandes oder Zustandes ein „Unberufen!" hinzusetzt oder dreimal klopft zur Beschwörung neidischer Geister.
Ich glaube jedoch, daß auch die liebe Eitelkeit bei den Klageweibern beiderlei Geschlechts eine große Rolle spielt. Die Eitelkeit erscheint in den absonderlichsten Gestalten und findet die seltsamsten Schlupfwinkel; Sokrates fand sie bekanntlich sogar in den Löchern des alten Mantels, welcher einer. seiner Schüler trug, um seiner Verachtung der körperlichen Bedürfnisse zu dokumentiren. Wir haben schon einmal die interesiante Bemerkung erwähnt, welche Dr. Hartmann in seinen „Bildern aus Westfalen" macht, daß nämlich ein Landarzt seinen Kranken gar keinen Gefallen thut, wenn er ihre Krankheit als gering und ungefährlich hin- stellt. Nein, wenn die Leute mal im Bette liegen müssen, dann wollen sie wenigstens das Bewußtsein haben, daß sie eine tüchtige, respektable Krankheit haben, womöglich eine ganz eigenartige oder eine recht komplizirte, die dem ganzen Orte im- ponirt. Stirbt man daran, so hat man doch einen effektvollen Abgang von der Lebensbühne; nach der Genesung aber kann man sagen oder wenigstens denken: „Seht, was für ein Kerl ich bin; sogar eine so schwere Krankheit konnte ich überwinden. Das macht mir nicht Jeder nach!"
So ist der Eine eitel auf feine Gesundheit, der andere auf seine Krankeit, der eine auf seinen Gewinn, der andere auf seine wirklichen oder noch häufiger auf seine angeblichen Verluste, der eine renommirt mit seinen „unerhörten Schwein" der andere mit seinem „ausgesuchten Pech". Aus Eitelkeit übertreibt man das Glück der Vergangenheit und das Unglück der Gegenwart. Wenn man gerade keinen handgreiflichen Anlaß zu Klagen in dieser Richtung zur Hand hat, so drückt man sich in derartigen mißmuthigen Orakelsprüchen aus, wie: „Es muß gut fein, bis es besier wird 1"
Es ist eine Ungerechtigkeit gegenüber dem Schicksal oder vielmehr der Vorsehung, wenn wir immer die „gute alte Zeit" auf Kosten der Gegenwart verherrlichen. Es ist gerade so ungerecht, wie die Jahr auf Jahr wiederkehrende Behauptung unseres alten Klasienlehrers, daß die Klasie, welche er zur Zeit gerade hatte, die schlechteste fei, welche ihm darf, das selbst errungene Glück in Ruhe zu genießen. Fasie mir frischen Muth, mein Kind, es kommt die Zeit, wo ich Euch beide in Glück und Liebe vereint sehen werde; ja sie kommt, diese Zeit, seit Jahren habe ich mich schon darauf gefreut, und dann sollst Du mir eingestehen, daß der alte Steider Recht gehabt hat."
Ec reichte Gabrielen mit mildem, freundlichem Lächeln seine Rechte bar, und fest und gern legte sie ihre Hand darein. Sie wußte ja, daß es keine treuere und ehrlichere Hand gab. Mochte sie alt und abgezehrt fein, der Druck, den sie ausübte, war ein Trostwort eines liebenden Herzens, denn beruhigend und mild drang er ins Herz hinein.
Wenn auch nicht beruhigter, so doch muthiger kehrte Gabriele heim. Der Entschluß nie von ihrem Geliebten zu lasien, stand jetzt unerschütterlich fest in ihr und beherzt blickte sie deshalb in die Zukunft.
Zum ersten Mal feit mehreren Tagen ging Gabriele wieder im Park spazieren. Sie war allein. Obschon sie ihren Gedanken an die Zukunft und an Hermann nachging, übte doch die Ruhe und Frische de» Morgens einen wohlthätigen Einfluß auf ihr Herz aus. Der reiche Thau hatte den Gebüfchen und Bäumen schwellende Frische gegeben, über den Rasenplätzen schwebte
je vorgekommen. Unsere Vorfahren und deren Vorfahren haben es gerade so gemacht wie wir, die jeweilige Gegenwart sei schlechter, als die Vergangenheit erklärt; wenn sie Recht gehabt haben sollen, so muß die Zeit der Leibeigenschaft und der ewigen Kriegs- und Raubzüge besier gewesen sein als alles, was ihr bisher folgte. In meiner Jugendzeit klagte man Stein und Bein über die theuren Preise und pries die Billigkeit in der guten „alten Zeit". Jetzt ist alles erheblich billiger geworden, aber nun jammert man, daß „früher" mehr Geld verdient worden fei, als jetzt. Wenn wir in das nächste Jahrhundert getreten sind, so heißt vielleicht das Klagelied wieder so: „Ach, diese theuren Preise! Wie war das doch anders in der guten alten Zeit der achtziger Jahre, als wir noch das schöne Goldgeld hatten und alles so billig kaufen konnten. Wenn damals unser Herrgott eine gesegnete Ernte schickte, so klagten die Agrarier erst recht, weil sie nun das Getreide zum Spottpreis verkaufen müßten. Ach, wie froh wäre jetzt alle Welt, wenn wir nur bald wieder die guten alten Ernten hätten!"
Es ist sonderbar, welch' arge „Nothstände" jetzt überall in der Welt herrschen. Fort und fort wird in der Presse, in den Versammlungen, in den gesetzgeberischen Körperschaften über diesen ober jenen „Nothstanb" geklagt; bald ist bis Jnbustrie mit ihren Klagen oben, bald die Lanbwirthschaft, unb zwischendrin erhebt sich gelegentlich auch die Klage, baß bte ehrsamen Mitglieder des Lehr« unb Wehrstandes materiell besier gestellt werden müßten, da die Zeitverhältnisie auch bei ihnen zum Nothstanb führten. Unb trotz aller dieser „Nothstände" entwickelt sich der Volkswohlstand immer mehr; heute wird gejammert, als ob alle Welt pleite gehen müsie, und morgen zeichnet man 700 Millionen zu Zl/z pCt., als ob man seine liebe Noth habe, das Geld los zu werden.
Wenn die kleinen Kinder ohrzerreißend schreien, so ist bas zumeist nicht das Zeichen eines „Noth- stanbes", sondern bloß eines ungeduldigen Appetits. Mit dem Nothschrei der Erwachsenen, sowohl der Einzelnen als ganzer Erwerbsgruppen, verhält es sich oft nicht anders; sie jammern, als wenn sie am Spieße stäken, und wollen im Grunde bloß noch etwas mehr haben, als sie haben. Also ruhig Blut gegenüber diesen Noth- es wie ein duftiger Hauch. Und so ruhig und still war es ringsum, daß selbst die leisen Schritte Gabrielens auf den Sandwegen geräuschvoll ertönten.
Gabriele war nur ganz einfach gekleidet, aber gerade diese Einfachheit ließ ihre schöne, schwellende Gestalt noch um so deutlicher hervortreten und stimmte am besten zu der Natur ringsum. Sie schien sich der Reize, welche sie besaß, kaum be- mußt zu sein und an diesem Morgen am allerwenigsten, deshalb war auch jede ihrer Bewegungen durchaus natürlich und leicht.
Während sie langsam dahinschritt, kam ihr auf demselben Wege ein Mann entgegen, den sie nicht bemerkte, weil er durch eine Biegung des Weges und Gebüsch fast ganz verdeckt war. Es war Herr von Setzingen. Er hatte Gabriele sogleich erkannt und ein freudiges Lächeln zog über fein Gesicht hin. .
Seitdem er bei dem Handelsherrn um die Hand feiner Tochter geworben, hatte er Gabriele nicht mehr gesehen, denn sie war ihm absichtlich ausgewichen. In der Absicht, sie auf einem Spaziergangs zu treffen, war er an diesem Morgen in den Park gekommen; und sein Herz lachte, als er seine Absicht so schnell erreicht sah. Es lag ihm viel daran, Gabriele so rasch al» möglich