M 162.
Muer
Mittwoch, den 20. Juli.
Zeilng
1887
—....
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Juli.
• In der freisinnigen .Nation' veröffentlicht Professor I. Möller (Königsberg) „Ein Wort über unsere heutigenStudenten»Verbindungen , in welchem er sich gegen den Luxus und Kasten- aeist, das Geckenthum und stutzerhafte Wesen der aristokratischen Korps rc. ausspricht. Durch bte äußere Vornehmheit würden die jungen Leute durchaus noch nicht zu guter Lebensart erzogen-, die tägliche Erfahrung lehre, daß Ueberfemerung sich nur gar zu gut mit Rohheit und Sitteulosig- leit vertrage. Die Gewöhnung der jungen Leute an Luxus, den sie vorher nicht gekannt und der ihnen auch in Zukunft unzugänglich bleiben werde, nöthige zum Schuldenmachen und fördere fruh- »eitia die Sucht nach dem sogenannten materiellen Lebensgenuß, welches das moderne Streberthum, die Karrioremacherei erzeuge und das tüdtlrche Gift bilde für jedes ideale Jntereffe und jede edle Begeisterung bei unserer jüngeren Generation. Die „alten Herren" endlich würden durch allerhand Kontributionen arg belastet. Schließlich bemerkt Professor Möller:
Das alles ginge noch hin. Das Schlimmste ist, daß die lebenslängliche Zusammengehörigkeit mit der emstrgen Studentenverbindung das Klrquen-und P roteftionä- roefen in hohem Grade befördert. Es ist klar, daß mancher atteSaxo-Borusse, Guestphale oder Teutone später in angesehener Lebensstellung, als Regrerungsprastdent oder Oberbürgermeister einen entscheidenden Einfluß auf die Besetzung einträglicher, »iel umworbener Stellen hat. Ich kenne mehr als em Beispiel, daß,n solchem Falle nicht dem Würdigsten,sondern dem K ou leur- brüder der Vorzug gegeben wurde, und der Eintritt m gewifle Korps wird ja auch ganz osfen mit dem Wunsche motivirt, sich für die künftige Laufbahn einflußreiche Gönner zu erwerben. Seit Jahren werden die Reserve, und Landwehroffiziere von dem betr. Truppentheile zu allerlei kameradschaftlichen Zusammenkünfte^ zu Gedenktagen des Regiments, auch zu Ehrengeschenken an Kommandeurs und hohe Ch-fsherangezogen. Ww hier auf dem militärischen Gebiete, jo gr°'st der Kastengeist auch auf dem des bürgerlichen Lebens mittelst der Studentenverbindungen mehr und mehr um sich - sehr zum Schaden des gemeinen Wohles und der Gesundheit unserer Volksseele!
Das gefällt nun der ,Nordd. Al.lg. Ztg. ganz und gar nicht. Sie erwidert, den Korps gehörten doch nur die wenigsten Studenten an, so daß die Gefahr nicht)so groß sei, außerdem aber
Dach tigtet Schell.
' Roman aus der Handelswelt.
27. Fortsetzung.
Sie wiffen es bereits?" fragte Gabriele überrascht da sie aus den Worten de» Alten, der nur an die Lage de» Hause» gedacht hatte, entnehmen zu können glaubte, daß er den Vorfall zwischen ihrem Vater und ihr im Sinne habe.
War soll ich wiffen, mein Kind?" erroteberte der" Alte fragend. Ihm waren jene Worte ohne seinen Willen entschlüpft, und er zitterte bei dem Gedanken, daß er Gabriele ein Geheimmß ver- rathen haben könnte, welche» er stet» so ängstltch in seiner Brust eingeschloff n hatte.
„Meinem Vater ist meine Liebe zu Hermann verrathen," entgegnete Gabriele, „er ist dagegen und dringt in mich, meine Hand dem Herrn von Letzinaen zu reichen, der um mich geworben hat.
„Dem Herrn von Lctzingen?" wiederholte der Alte erstaunt. „Ihm will Dich Dein Vater opfern? Mit einem solchen Manne will er Dich verbinden, dem nicht» heilig ist, al» sein eigene» Jntereffe? Werhalb ist er gegen Hermann? Wa» hat er gegen ibn?"
„Er hält e» für meiner unwürdig, daß ich eimn Mann liebe, der al» Diener in seinem Geschäfte
würden die Schattenzeichen der Korpsinstitutionen „nach dem Urtheil aller wirklichen Kenner de» Korpslebens durch deffen glänzende und gediegene Eigenschaften ausgewogen." Uebrigens sei Prof. Möller nur deßhalb unzufrieden mit dem Korps, weil sie nicht freisinnig seien:
Der Geist, der an unseren Hochschulen das Zepter führt, ist das Streben nach dem Idealen, der Stolz aus die großen Männer und die großen Thaten unserer Nation, die glühende Hingabe an Kaiser und Reich, Die unverbrüchliche Treue gegen gleichgesinnte Freunde, kurz ein Geist wesentlich positiv en Inhalts. Die studentischen Korps sind alle Zeit in vorderster Linie, wenn es gilt, diesen Geist, der zugleich auch ein hervorragend konservativer ist und sein muß, zu betätigen — hinc illae lacrimae des Herrn Möller!"
Damit ist, wenn auch in patriotischen Phrasen- nebel eingehüllt, der schwerste Vorwurf, den Möller den Korps mit Recht macht, Streberthum und Kliquewesen, vollständig zugegeben, ja als etwas besonders Lobenswerthes gebilligt. Ein „wirklicher Kenner des Korpslebens" ist, nebenbei bemerkt, bekanntlich der Kultusminister v. Goßler, der die Korps förmlich in fein Herz geschloffen hat und mit wahrer Begeisterung von ihren „Waffenübungen", andere Leute nennen sie Raufboldereien, spricht.
* Dem Vernehmen nach sind bei der Mili- tär-Luftschifserabtheilung neuerdings Versuche im Gange, welche den Zweck haben, be- trächtliche Dynamitmaffen aus Ballons gegen feindliche Befestigungen zu schleudern. Sobald der Ballon sich über der anzugreifenden Befestigung befindet, sollen mehrere Gentner Dynamit mittelst einer elektrischen Vorrichtung auf dieselbe fallen gelaffen werden. Zur Ermittelung, ob man sich gerade über dem Befestigungswerk befindet, ist eine Röhre int Faße des Ballons an- gebracht, welche die erforderliche Beobachtung vor- zunehmen gestattet. Die Dynamitmaffe muß die Kraft haben, mehrere Meter Gewölbedeckung und die darüber befindlichen deckenden Schichten zu durchschlagen.
* Posen, 18. Juli. Die Rittergüter Miele- schin bei Lopienno, der Frau v. Kalkstein, und Grochowisko bei Rogowo, dem österreichischen Staatssecretair v. Korytowski gehörig, sind der Ansiedelungskommission zum Ankauf angeboten worden. Das erstere Gut ist bereits von gestanden," gab Gabriele zur Antwort. „Er hat meine Liebe verspottet und als eine Thorheit, einen jugendlichen Leichtsinn dargestellt. Nie, nie will er seine Zustimmung geben."
Ihre Thränen rannen bei diesen Worten still über ihre Wangen, aber der alte Steider schien sie nicht zu erblicken. Ihm halten nur die Worte im Ohre wieder: „Er hält ihn für meiner unwürdig, weil er al» Diener in seinem Geschäfte gestanden," und diese Worte trieben ihm das Blut in die Wangen und machten sein Herz lauter und heftiger schlagen. Er war nicht stolz, aber er besaß ein feine» Ehrgefühl, welche» sich auf da» Bewußtsein seiner strengen Rechtlichkeit stützte, und diese» Ehrgefühl ließ er sich nicht antasten.
„Gabriele," sprach er mit vor Erregung bebender Stimme, „ich habe lange al» Diener unter Deinem Großvater, dem alten Damken, gearbeitet, aber nie habe ich au» seinem Munde gehört, daß er einen Diener, und wäre e» der geringste in seinem Geschäfte gewesen, geringschätzte, sobald dieser mit Treue und Redlichkeit seine Pflicht erfüllte. Er achtete selbst den Hausknecht, und mehr al» einmal habe ich au» seinem Munde die Worte gehört, daß er jeden treuen Diener hochschätze, wei er für ihn arbeite. „Das Haus Damken," sagte er, „ist nicht allein durch seinen Herrn groß und
der Ansiedlungskommission besichtigt worden, doch tnb bie Unterhandlungen noch nicht abgeschloffen.
«Trier, 18. Juli. Wie wir aus zuverlässiger Quelle vernehmen, ist ein mehr als 34 Jahre alter katholischer Priester hierhin gebracht worben, um ins Militär eingereiht zu werben. Im Maß geboren, hatte er nach dem Kriege für Frankreich optirt und war dann als Kuratgeistlicher tn eine französische Diözese eingetreten, wo er be- reits feit mehreren Jahren int Amte ist. Gelegentlich eines Besuchs bei feiner Mutter in feinem Heimathsdörfchen bei Schlettstadt wurde er festge- falten und nach Trier gebracht.
* Münster, 18. Juli. Die Genoffenschaft der Schwestern von der göttlichen Vorsehung hat bei der Staatsregierung die Genehmigung zur Eröffnung von Niederlassungen in Rheine zur Leitung des städtischen Waisenhauses und der Kleinkinderbewahrschule, sowie in Ochtrup zur Leitung der dortigen Kleinkinderschule erbeten.
* In Dortmund wird vom 13.—16. Ang. der V. Allgemeine deutsche Handwerker- tag, verbunden mit dem V. Bundesdelegirtentag abgehalten werden. Die Vorversammlung findet am 13. zwecks Konstituirung des Bureaus und Festsetzung der Geschäftsordnung statt. Derselben folgt am 14. und 15. August der V. Allgemeine Handwerkertag mit folgender Tagesordnung: 1. Die allgemeine deutsche Handwerkerbewegung, deren bisherige Erfolge und ihre Ziele; 2. Die Vorlage der Reichsregierung in Betreff des In- nungswesens und die Anträge der Reichstagsfraktionen des Centrums, der konservativen und freikonservativen Partei, a) den gewerblichen Be- fähigungsnachweis, b) das JnnungSwesen (§ 100s und 0 betreffend; 3. Die preußischen Gewerbekammern, deutsche Jnnungskammern; 4. Die Legitimationspflicht der Arbeiter; 5. Submission-- wesen, Bauschwindel; 6. Hausirhandel; 7. Wanderlager, Wanderauktionen und Abzahlungsgeschäfte; 8. Gefängnißarbeit; 9. Besprechung und Förderung der Handwerkerpreffe. Weitere Anträge können bis 30. Juli beim Bundesvorstände in München eingereicht werden. Am 15. und event. 16. August V. Bundesdelegirtentag des Allgemeinen deutschen Handwerkerbundes. Die Tagesordnung deffelben umfaßt Berichte über die Thätigkeit im abgelaufenen Verbandsjahre. Hieran schließt sich eme
reich geworden, sondern vorzugsweise durch den Fleiß und die Tüchtigkeit seiner Diener. Ja, ohne Herrn könnte es wohl bestehen, aber ohne Diener würde e» am ersten Tage zusammenbrechen. So sprach Dein Großvater, Gabriele, und Dein Vater wagt es, Hermann als unwürdig zu erklären; er wagt es, ihn zu verspotten. Ec ist sein Diener nicht mehr, er hat Deinem Vater nichts zu danken, und Niemand kann in die Zukunft schauen, Gabriele. Niemand weiß, ob nicht die Zeit noch kommen kann, wo Dein Vater einen solchen Die- ner, wie Hermann gewesen, mit Gold aufwiegen würde. Ha, laß Deinen Va(er nur verächtlich auf Hermann und Deine Liebe zu ihm herabblicken — nicht als Diener soll Hermann vor ihn treten, sondern als Herr eine» eigenen Hauses.
Der alte Steider fuhr erregt fort: „Hermann w>rd im Besitze eine» Geschäftes fein, das sich kühn dem alten Haufe Damken an die Seite zu stellen wagt. Dann soll er vor Deinen Vater hintreten und um Deine Hand werben, bann foll er ihm sagen: „Sehen Sie, Herr Damken, bte» Alles haben zwei Dimer vollbracht, welche einst arm und mittellos in Ihr Geschäft eintraten, und sie sind stolz darauf. Was ihnen jetzt gehört, das haben sie selbst errungen, selbst erarbeitet, sie haben nicht auf den Reichthum und den Fleiß ihrer Vorfahren