Montag, den 18. Juli.
1887
M 160.
Fuldaer Ä 3tilm.
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♦ Der Wucher auf dem Laude,
ii.
Der Viehhandel bietet dem Wucherer in vielen Fällen Gelegenheit, den Sauern auszubeuten, sei es nun, daß er sich von dem Schmuser und Zwischenhändler nicht freimachen kann, sei es, daß die Stallviehhaltung in der Gegend üblich ist. Hier erhält der Bauer ein Stück Vieh geliehen und der Händler verspricht ihm nach einem gewissen Zeiträume den Mehrwerth zu vergüten, oder er giebt ihm eine Kuh gegen geringe Verzinsung, die der Bauer benutzen kann. Verliert dieselbe am Werthe, so wird der Händler die bedungene Kauf- summe fordern, nimmt sie aber an Werth zu, z. B. nach dem Kalben, so wird der Händler kommen und die gute Kuh gegen eine geringere vertauschen, falls der Bauer unterdeflen nicht das Kapital sammt den abgelaufenen Zinsen aufgetrieben hat. Ost stellt der Verleiher auch die Bedingung, daß der Bauer ihm statt des Zinses für geliehenes Vieh mehrere Stück Jungvieh auszuziehen hat. In ein- zelnen Fällen wird auch das Viehstück auf den halben Nutzen verliehen, was in der Weife geschieht, daß das Viehstück später, nachdem es ein Kalb oder selbst zwei Kälber gebracht hat, sammt dem Nachwuchs verkauft und der Erlös zwischen dem Leiher und dem Verleiher getheilt wird. Noch geringer wird der Antheil des Bauern, wenn der ursprüngliche Werth des eingestellten Stück Vieh von der Verkausssumme abgezogen und nur der Mehrerlös getheilt wird. Finden vorher keine schriftlichen Ab- machungen statt, so weiß der Verleiher nicht selten durch die Drohung der plötzlichen Entziehung des geliehenen Stückes, den Bauer zu zwingen, ihm andere Vortheile einzuräumen, damit er andere für ihn unvortheilhafte Geschäfte, Viehverkäufe, Vertauschungen, Landankäufe oder Verkäufe eingehe.
Wer irgendwie rechnen gelernt hat, wird leicht herausfinden, daß der Viehverleiher durch dieses Geschäft dem Bauern ganz ungeheuere Zinsen ab- nimmt und ihn dadurch um den größten Theil des Viehertrages bringt. Man sollte glauben, daß nur die bitterste Roth zur Eingehung solcher Geschäfte treiben könnte und dennoch erfahren wir, daß neuerdings immer noch Leute auf den Leim gehen.
Ein sehr fruchtbares Feld für den Wucher ist
Mch eigene Schild.
Roman aus der Handelswelt.
25. Fortsetzung.
„@8 ist nicht gut, Gabriele," fuhr Damken mit ruhiger, aber doch vorwurfsvoller Stimme fort, „daß Du mir die Unwahrheit sagst. Ich weiß ohne Deine Antwort, für wen der Brief bestimmt ist — doch genug hiervon. Ich komme, weil ich Dir eine Mittheilung machen will, welche mich sehr erfreut, welche mir sehr lieb ist," wiederholte et mit Nachdruck, „und welche, wie ich hoffe, auch Du mit Freuden aufnehmen wirst. Herr von Letzingen hat mich heute besucht, hat bei mir um Deine Hand angehalten und ich habe sie ihm mit Freuden zugesagt."
Er brach nach diesen Worten ab, um den Eindruck zu beobachten, den sie auf Gabriele hervorbringen würden. Er hatte sich auf ein überraschtes Erstaunen vorbereitet, aber er hatte nicht den Schrecken erwartet, der sich auf ihrem Gesichte ausprägte. Mit starren Augen blickte sie ihn an. Ihre Wangen erbleichten zuerst, aber gleich darauf kehrte da» Blut um so ungestümer in sie zurück.
„Herr von Letzingen?" fragte sie endlich mit erschrockener, tonloser Stimme.
Der Handelsherr schien absichtlich ihren Schreck nicht zu bemerken, er wollte ihr von vom herein
die Sucht, welche in dicht bevölkerten Gegenden herrscht, Land zu erwerben und werden hierbei Preise bezahlt, welche zum Ertragswerthe des Landes in keinem Verhältnisse stehen. Es sind Fälle bekannt, wo öffentliche Versteigerungen von Grundstücken zu keinem Ergebniß führten, indem es Niemand wagte, zu bieten, während die Wucherer die einzelnen Parzellen zu viel höheren Preisen los- schlugen, nachdem sie den Kaufslustigen gehörig mit dem Bierglase eingeheizt hatten. Es dürfte hier ein gesetzliches Verbot der Landversteigerungen in Wirthshäusem und der kostenfteien Verabreichung von Getränken wohl angebracht sein.
Häufig sind es scheinbare Erleichterungen in der Zahlungsweise, welche die Leute auf den Leim der Güterwucherer treiben und die vielen und langen Termine täuschen dieselben darüber, welche unver« hältnißmäßigen Preise und hohen Zinsen sie bezahlen müssen. Häufig gelangen solche Zieler wieder in die Hände von Wucherern, welche dieselben zu Erpressungen benutzen, wenn sie nicht rechtzeitig abgetragen werden können. Andererseits zeigen diese Wucherer oft auch eine große Bereitwilligkeit, die Zins- oder Abschlagszahlungen zu verzögern, wenn die Schuldner darauf eingehen, Schuldscheine zu unterzeichnen, welche den Gläubigern augenblickliche oder sehr kurzbefristende Kündigungen ermöglichen, die dann zu Erpressungen in Geld, zum Zwang zu unvortheilhaften weiteren An- und Verkäufen oder Tauschgeschäften, zu Verboten, bei gewissen Verkäufen mitzubieten und sonstigen den Schuldner schädigenden Maßregeln mißbraucht werden. _
Dieser Landhunger ist aber schon an und für sich eine Erscheinung, welche auf ungesunde Zustände deutet, denn er führt zur Zwergwirthschaft und Verarmung, weshalb Gemeindeverwaltungen und einsichtige Männer alles thun sollten, um den Ortseinwohnern das Unsinnige eines solchen Beginnens darzustellen und sie zu veranlassen, ihren Unterhalt anderwärts zu suchen, andere Berufsarten zu ergreifen rc., anstatt daß sie sich beständig durch die Wucherer das Mark au» den Knochen fangen lassen.
Auch der Waarenwucher ist in manchen Gegenden üblich, wo z. B. Saatgut angeborgt und dafür nachträglich ein Antheil an der Ernte bean-
durch eine ruhige und freudige Entschlossenheit jeden Einwurf und jedes Widerstreben abschneiden.
„Ja, Herr von Letzingen," erwiderte er deshalb ruhig und hetter. „Seine Bewerbung hat mich zwar nicht sehr überrascht, aber dennoch, ich gestehe es offen, sehr erfreut. Einen solchen Schwiegersohn habe ich mir von jeher gewünscht, und ich bin fest überzeugt, daß ich für Dein Glück nicht besser zu sorgen vermocht hätte. Herr von Letzingen ist reich und liebenswürdig, und selbst wenn ihm diese beiden Eigenschaften fehlten, würden sie durch seinen Adel ausgewogen sein. Ja, seine Bewerbung hat mich sehr erfreut und ebenso freudig habe ich ihm Deine Hand zugesagt."
Gabriele konnte noch immer keine Worte finden, um ihren Schreck und zugleich ihren Widerwillen gegen den Gutsbesitzer auszudrücken. „Nie, nie," rief sie endlich, „nie werde ich ihm angehören, ich kann ihn nicht lieben, schon der Gedanke an ihn erfüllt mich mit Widerwillen."
Des Handelsherrn Stirn verfinsterte sich. Er war indessen fest entschlossen, seine vollständige Ruhe zu bewahren, um nicht im Geringsten durch irgend eine Leidenschaftlichkeit diejenigen Verhältnisse zu verrathen, welche ihm diese Verbindung so erwünscht machten. „Ein Widerwillen, der sich nicht auf vernünftige Gründe stützt, ist Thorheit," erwiderte er ernst, aber ruhig. „Ich glaube nicht,
fprucht wird. Sehr häufig kann man den Fall beobachten, wo die Frauen Flachs, Eier, Schmalz, Hühner gegen Spezereiwaaren Umtauschen und findet der Wucherer in ihnen meist feine besten Kunden, namentlich wenn sie hinter dem Rücken de» Mannes handeln.
Was uns den Wucherer zum gefährlichsten Gläubiger macht, ist der Umstand, daß er uns stets im Unklaren über unsere Verpflichtungen zu halten weiß; er wird sich nie entschließen, gründlich und endgiltig mit seinen Kunden abzurechnen, denn er will immer noch einen Samen für künftige Uebervortheilungen behalten. Wenn er sich nicht getraut, zu hohe Zinsen zu berechnen, so setzt er außer diesen bei jedem Geldumschlage eine Provision an und nicht selten greift er zum unmittelbaren Betrüge, indem er Einnahmen gar nicht verrechnet und Ausgaben doppelt bucht, und wie will ihm der Bauer, der nur ungeordnete Aufzeichnungen und keinerlei regelmäßige Buchführung hat, diesen nachweisen? Solche Forderungen kann er alsdann nur auf dem Prozeßwege bestreiten und gewöhnlich schreckt er vor den großen Kosten zurück, die ihm doch nur einen un« sichern Erfolg versprechen. Der einfache Bauer mag sich auch nicht verhehlen, daß der Wucherer gewöhnlich eine genaue GesetzeSkenntniß hat und ganz gut weiß, wie weit er gehen darf, um seine Opfer auszunützen, wenn er nicht gar mit dem Gesetze förmlich Fangball spielt. Da gibt es Schuldscheine mit sofortiger Vollstreckbarkeit, durch den Notar bestätigte Verschreibungen, in welchen der Schuldner sich zu angeblich empfangenen Darlehen bekennt, wo aber in Wirklichkeit diese Verpflichtungen aus sehr zweifelhaften Geschäften her- rühreu, welche verschleiert werden sollen.
Wenn man die Ursachen in’S Auge faßt, welche die Bauern in die Hände der Wucherer bringen, so ist es allerdings in erster Linie eigenes Verschulden: Leichtsinn, Lüderlichkeit, Unwirthschast- lichkeit, dann aber auch mangelnde Berufsbildung, welche sich leichter auSnützen läßt.
Leider sind aber auch oft äußere Ursachen, wie schlechte Ernten, Unglücksfälle durch Feuer, Hagel und Viehsterben, wenn die Betheiligten es versäumt haben, sich gegen diese Gefahren zu versichern, und so fällt auch ein Theil der Schuld
daß Du solche Gründe hast, die Dich abhalten, den Herrn von Letzingen zu lieben, und ich erwarte daher von Dir, daß Du keinem ungünstig gegen ihn gestimmten Gefühle in Dir Raum giebst. Wir leben nicht in den Verhältnissen, Gabriele, daß wir jener vorübergehenden Neigung und Leidenschaft folgen können. Schon unser Stand verbietet es, und ich muß die Deinige noch obenein für eine jugendliche Leidenschaft halten. Du hast ganz vergessen, daß Du die Tochter eines Damken bist, ja die letzte dieses Namens, und daß es Deine Pflicht ist, ihn nicht allein unbefleckt zu erhalten, sondern auch einen würdigen an dessen Stelle zu setzen. Du mußt es einsehen, daß ich es nie, nie zugeben werde und kann, daß ein gewesener Diener meines Hauses, mag er auch als solcher noch so ausgezeichnet gewesen sein, zu mir in ein Verhältniß tritt, welches mir so nahe am Herzen liegt und auf welches ich mit Stolz blicken will. Du mußt dies einsehen. Gabriele, es ist ja Thorheit, nur daran zu denken, und ich erwarte, ja ich verlange von Dir, daß Du an diese Thorheit nicht weiter denkst."
Damken wollte das Zimmer verlassen, weil er schlau berechnet hatte, daß seine Worte auf Gabriele den größten Eindruck machen würden, wenn sie gmöthigt wäre, sie ohne Erwiderung in ihrem Herzen einzuschließen. Er wollte vermeidm, daß