1887
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Erstes Blatt.
* Der Wucher auf dem Lande.
Der Wucherer spielt leider heutzutage auf dem Lande noch eine große Rolle, wenngleich er sich nicht mehr so an die Oeffentlichkeit wagt wie früher, denn das Wuchergesetz hat diesen Blut- saugem des Landmannes einen heilsamen Respekt eingejagt; aber sie verstehen e» gar wohl, dasielbe zu umgehen und den Beweis des ungesetzlichen Verfahrens zu erschweren, daß es nur selten möglich wird, hinter ihre Ränke zu kommen. Der Wucherer sucht die Heimlichkeit und sein Kunde liebt sie ebenfalls, er weiß ja warum. Damit ist es sehr schwer gemacht, einen Kunden den Händen des Wucherers zu entreißen. Lobet den Leuten immerhin die Darlehenskassen und Vorschußvereine, die ihnen zu einem anständigen Zinsfuß und auf einfache Bürgschaft das nöthige Kapital vorstrecken würden, so werdet Ihr doch erfahren, daß der Eine oder der Andere wieder in die Hände des Wucherers gerathen ist. Was ist cs denn aber nur, das die Leute immer wieder diesen Blutsaugern zutreibt? Da dürfen wir wohl in erster Linie die falsche Scham anführen; denn beim Volke setzt sich der Kapitalbedürftige leicht in den Verdacht der Unwirthschaftlichkeit, weil es nicht begreift, daß man aus dem vermehrten Be- triebskapital hohe Zinsen ziehen kann. Oft ist er aber auch in einer vorübergehenden Verlegenheit, die er Ursache hat, vor seinem Weibe zu verbergen , und dies ist der Anlaß, daß er die Hilfe des Wucherers in Anspruch nimmt, aus dessen Händen er nicht selten erst befreit wird, wenn er seinem Hof für immer den Rücken kehren muß.
Vielfach ist es die Unbeholfenheit uns Unentschlossenheit, welche sich der Wucherer zu Nutzen zu machen weiß. Haben wir einem solchen Manne des weiten und breiten auseinandergesetzt, daß er in seiner Lage am besten thut, sich an eine der öffentlichen Kasten zu wenden, welche ihm in so vielen Orten zur Verfügung stehen, und ist er in dieser Absicht dahin gegangen, so wird es dem Beitreiber des Wucherers oft noch ein leichtes, ihn herumzubringen. Er stößt alle seine Zweifel und
Dmch eigme Kchiild.
Roman aus der Handelswelt.
24. Fortsetzung.
Daß sich das Herz eines Weibes mehr noch, als das eines Mannes bei allem Neichthum, bei allem Glanze, der es umgiebt, bei allen Freuden der Gesellschaft verlasten und unglücklich fühlen könne, wenn ihm das Sehnen unerfüllt bleibt, das mit der Liebe in die Menschenbrust einzieht, davon hatte er nicht die geringste Ahnung. Sein ganzes Leben war ja nur auf rauschenden Glanz und rasch wechselnde Freuden gerichtet gewesen; er war nie in das kleine, aber friedlich stille Heiligthum, welches die Liebe im Herzen aufbaut eingedrungen. Er sah zwar voraus, daß die Verbindung mit Setzingen sein Kind anfangs einen schweren Kampf kosten würde, aber er tröstete sich mit dem Gedanken, daß auch dies vorübergehen und durch tausend andere Freuden ausgewogen werden würde. Um ihr indeß diesen Kampf zu erleichtern, um sie darauf vorzubereiten und sie zu bewegen, dem Gutsbesitzer weniger schroff und kalt gegenüber zu treten, al» bisher, beschloß er, ihr seine Bewerbung um ihre Hand mitzutheilen. Er fand dadurch zugleich eine paffende Gelegenheit, über ihre thörichte Liebe zu dem jungen Kaufmann zu sprechen und ihr anzu
Einwände mit ein paar Spässen über den Haufen, er hat so etwas UeberzeugendeS und Bestimmtes in seiner Redeweise, das auf den einfachen Mann viel mehr Eindruck macht, als alle unsere Ver- nunftsgründe und Ermahnungen, seinen Verstand zu brauchen, welche er achselzuckend und ungläubig anhört, weil er nicht begreifen kann, daß uns nicht auch der Eigennutz bei unseren Belehrungen leitet.
Der ächte Blutsauger geht nicht darauf aus, seine Opfer schnell zu verderben, denn damit hätte er sich selbst um seine beste Nahrungsquelle gebracht, sondern er sucht dieselben langsam auszumelken, um möglichst lange den Genuß von ihnen zu haben. Er weiß sich geschickt unter allen möglichen Vorwänden, namentlich bei jungen und selbst bei strebsamen Landwirthen einzuführen und ihr Vertrauen zu gewinnen, fei es als Zwischenhändler bei Kauf und Verkauf, als Schmuser beim Pferdehandel, er ruht nicht, bis ihm der Bauer einmal ein Stück Vieh abgekauft hat und verzichtet sogar auf den Gewinn, blss um sein Lob zu ernten und sich ihm unentbehrlich zu machen. Er ermuntert ihn dazu, eine Anschaffung zu machen und verschafft ihm das Geld zu einem bescheidenen Zinsfüße, so daß der neue Kunde recht von seiner Uneigennützigkeit überzeugt wird. Leider übersieht derselbe, daß auf dem Schuldscheine keine Kün- digungsfrist angegeben ist und nun bringt ihn der Wucherer dadurch in die größte Verlegenheit, daß er sein Anlehen gerade zu der Zeit zurückverlangt, wo Jener es unmöglich beschaffen kann. Aber er läßt ja mit- sich reden. So groß seine eigene Verlegenheit ist, will er seinen Geschäftsfreund doch nicht unglücklich machen, er wird sich anderweit zu helfen suchen und nimmt diesmal mit einigen Säcken Frucht, einem Kalbe rc. als Entschädigung für seine Mühe vorlieb.
Das Bestreben des Wucherers ist es, seinen Kunden immer unentbehrlicher zu werden und ihn dabei immer fester mit seinen Netzen zu umgarnen. Gehen diesem dann eines Tages die Augen auf, daß alle seine Arbeit nur noch dem Wucherer zu Gute kommt, so ist es oft schon zu spät für ihn und er vermag sich nicht mehr aus den Fängen des Blutsaugers zu befreien. Betrachten wir die verschiedenen Arten, in welchen der Wucherer sich bei dem Bauernstände einzunisten sucht, hier etwas
deuten, daß er sie nur für eine Jugendschwärmerei oder Thorheit halte, die nie zu einem ernstlichen Ziele führen könne.
Ohne von dem Vorgefallenen die geringste Ahnung zu haben, saß Gabriele in ihrem Zimmer. Sie hatte soeben einen Brief an ihren Geliebten geschrieben, ungefaltet lag er noch vor ihr, und mit einem sinnigen, glücklichen Lächeln war ihr Auge darauf gerichtet. Ja, sie dachte an ihn, der ihr ganzes Herz erfüllte und das Bild ihrer ganzen Liebe stand in Gedanken vor ihr.
Sie gedachte des Augenblickes, wo sie Hermann zum ersten Male gesehen und wo sogleich ein reges Jntercffe für ihn in ihr erwacht war, ohne daß sie eine Ahnung davon gehabt hatte, wie nahe er ihr einst stehen werde. Sie gedachte des Augenblickes, wo er ihr zuerst entgegen getreten war, schüchtern und verlegen, als der Diener ihres Vaters, und doch hatten feine Augen sie unwillkürlich gesucht und waren mit einer stillen Gluth aus ihrem Gesichte haften geblieben.
Eine lange Reihe bald freudiger, bald getäuschter Augenblicke folgte nun in ihrer Erinnerung. Sie hatte ihn nicht aufgesucht, aber mit einer fast unbewußten Macht hatte es sie getrieben, ihm zu begegnen oder in feiner Nähe zu weilen. Ein bis dahin ungekanntes Gefühl hatte ihr Herz ergriffen,
näher, so geschieht es hauptsächlich, um den Unbefangenen zu warnen, daß er sich vor diesen Schlingen hüte und seine Hilfe und Auskunft da suche, wo er sicher ist, daß keine schmählichen Nebenabsichten verfolgt werden.
Vom G e l d w uch er haben wir schon gesprochen. Möge sich der Bauer hüten, Kapitalien von solchen Leuten aufzunehmen, welche gewerbsmäßig Geldgeschäfte machen und dann wenigstens die Ausleihebedingungen durch einen Sachverständigen prüfen lassen. Gewöhnlich wird er dann auf irgend ein Hinterthürchen stoßen, das der Schuldner in der Abhängigkeit des Verleihers erhält, seien es nun hohe Zinsen, Provisionen, Verzugszinsen bei unpünktlicher Zinszahlung, Verlängerungsgebühren, Strafen, welche im Falle verspäteter Zin- sung ober Rückzahlung zu zahlen sind. Oft werden auch vorweg Abzüge an der Kapitalsumme gemacht, auf welche der Schuldschein lautet ober erhält ber Schuldner einen Theil des Kapitals in minder« werthigen Maaren. Hier ist vor Allem vor dem Unterschreiben von Wechseln zu warnen, denn diese können den Bauern in die allergrößte Verlegenheit bringen, wenn er nicht auf den Verfalltag zahlen kann.
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Juli.
* Der .Reichs-Anzeiger' publizirt das Zucker- steuergesetz und das Gesetz, betreffend die Fürsorge für Beamte in Folge von Betriebs« Unfällen.
* „Aus dem Bisthum Limburg" brachten wir gestern einen der Bonner ,D. Rchsztg.' entnommenen Artikel, welcher nachträglich in Nr. 193 desselben Blattes als .falsch' bezeichnet wird. Die ,D. Rchsztg.' schreibt nämlich:
..Von zuverlässiger Seite werden wir darauf aufmerksam gemacht, daß die Mittheilung in Nro. 190 der .Deutschen Reichs-Zeitung' unter der Rubrik „Bisthum Limburg" falsch ist, und daß Herr Pfarrer Schenk durchaus keine Aenderung an seinem Testamente gemacht hat. Wir bedauern, daß unser Correspondent, dessen Name und Stellung über alles Mißtrauen erhaben zu sein schien, uns irregeführt hat. Ueberhaupt sind uns in letzter Zeit mehrere Artitel aus Naffau zuzegangen, von denen wir nachträglich erfahren haben, daß sie tendentiös gefärbt waren und eine versteckte Spitze enthielten, der wir, hätten wir sie von vornherein gekannt und ge- roenn seine Augen auf ihr weilten, wenn er sie selbst schwach erröthend grüßte. So war es lange Zeit geblieben.' Dann hatte der Zufall sie näher zusammengeführt und dann — dann war sie endlich gekommen, die unendlich glückliche Stunde, wo er ihr seine Liebe gestanden, wo er sie an fein Herz gedrückt und zum ersten Male ihre Lippen mit seinem Munde berührt hatte.
Ihr Busen hob und senkte sich ungestüm, ihre Wangen rötheten sich und aus ihren Augen strahlte ein glücklich begeistertes und heiliges Feuer, als ihre Erinnerung bei diesem Augenblicke weilte.
Weiter und weiter drängten die Bilder der Vergangenheit Gabrielen's Gedanken. Wie manche glückliche Stunde war int Laufe ber Zeit biefer ersten gefolgt! Wie hatte sie sich stolz unb hoch gefühlt, wenn er lieb unb glücklich ihr in die Augen geschaut, wie war ihr Herz erbebt, wenn er von dem Glück der Zukunst zu ihr sprach 1 Wie eine Blume hatte sie sich an seinem edlen männlichen Geiste emporgerankt, und in seiner Mhe hatte sie sich stets sicher und stark gefühlt, al» ob ein Hauch seines Geistes sie angeweht habe, als ob ein Theil seines Wesens auf sie übergegangen fei.
Mit freudigem Muthe hatte sie den Abschied ertragen, als er nach Amerika gegangen war, um den Grund zu ihrer Zukunft und zu ihrem Glück