JS 158. Freitag, den 15. Juli. 1887
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Deutsches Reich.
Berlin, 14. Juli.
• Dem Verlauf des heutigen Festtages in Paris sieht man hier mit Spannung entgegen. Die bis jetzt vorliegenden Depeschen lauten beruhigend, was um so erfreulicher ist als manche Blätter die Verhältnisse für derartig gespannt hielten, daß etwaige tumultuarische Vorgänge in Paris von entscheidender Bedeutung werden könnten. Wurde doch sogar erzählt und auch geglaubt, der Reichskanzler halte sich hier auf, um die Depeschen über den Verlauf des heutigen Tages in Paris abzuwarten. Die heute früh 8 Uhr erfolgte Abreise des Fürsten hat am besten diese Anschauung widerlegt.
* Fürst Bismarck beabsichtigt, die Leitung des preußischen Handelsministeriums niederzulegen. Tatsächlich wurde dieses Reffort seither durch Minister von Bötticher verwaltet; die Initiative zu größeren Maßnahmen innerhalb desselben aber ging vom Fürsten Bismarck, aus. Als die Absicht des Reichskanzlers, das Handels- Ministerium niederzulegen, bekannt wurde, glaubte man zunächst, daß Minister v. Bötticher nun auch nominell zum Handelsminister ernannt werden würde; bald tauchte indeß das Gerücht auf, Dr. Miquel würde als Handelsminister in das preußische Staatsministerium eintreten. Die ««->>,Magdch. Ztg? bezeichnet daffelbe als eine Erfindung — ob mit Recht, muß ja die nächste Zukunft lehren.
* Angesichts der Zeitungserörterungen darüber, ob Prinz Ferdinand von Coburg zur Annahme des bulgarischen Thrones der Zustimmung des Herzogs von Coburg und des deutschen Kaisers bedürfe, erklärt die ,Nordd. Allgem. Ztg.':
„Die Frage, ob der Prinz der Zustimmung des Herzogs von Coburg, des Chefs feines Hauses, bedarf oder nicht, entscheidet sich nach den Bestimmungen des kobur- gischen Hausgesetzes, welche uns nicht bekannt sind; dagegen ist aus der Reichsverfassung nicht erfindlich noch erklärlich, daß der deutsche Kaiser mit dieser Angelegenheit etwas zu thun haben sollte. Nach dem Berliner Vertrage vom 13. Juli 1878 hat der deutsche Kaiser bei der Gutheißung der Wahl des Fürsten von Bulgarien mitzuwirken, aber nur in seiner Eigenschaft als Mitunterzeichner des genannten Vertrages und nicht mehr und nicht weniger als die übrigen Unterzeichner desselben. Die Mitwirkung des deutschen
Durch tigtnt Schuld.
Roman aus der Handelswelt.
23. Fortsetzung.
„Wenn mein Besuch wirklich im Stande ist, Ihre trübe Stimmung zu verscheuchen, Herr Dam- ken, so nehme ich ihr Kompliment an," erwiderte der Gutsbesitzer, dem andererseits der freundliche Empfang um so erfreulicher war, weil er ihm das Erreichen seines Zweckes zu erleichtern schien.
„Ich werde Ihnen zeigen, wie günstig Ihre Gegenwart auf mich wirkt," bemerkte der Handelsherr, und in der That nahm sein Gesicht einen ganz andern, einen sorgenlos heileren Ausdruck an.
„Mir ist nur das Eine unbegreiflich, Herr Damken," fuhr der Gutsbesitzer fort, nachdem er sich behaglich in den weichen Divan niedergelaffen hatte, „ja das Eine ist mir unbegreiflich, wie Ihnen rn Ihren Verhältniffen solche trüben Stimmungen kommen können. Sie sind mit fast allen Glücksgütern überschüttet, Sie brauchen sich keinen Genuß zu versagen, brauchen sich nicht mit unangenehmen Geschäften zu belästigen und haben in ihrer Tochter stets ein Wesen zur Seite, das Ihnen schon von vornherein jeden trüben Gedanken adwehren muß."
„Richt immer," gab der Handelsherr lächelnd zur Antwort. „Ja, oft ist cs gerade meine Toch
Kaisers bei der in Rede stehenden Fürstenwahl ist also lediglich eine Folge der großmächtlichen Stellung des deutschen Reiches zu dem von den Großmächten unterzeichneten Berliner Vertrage. Aus irgend einem andern Grunde ist dieselbe nicht herzuleiten."
Wiener Telegramme reproduziren ein Gerücht, wonach Prinz Ferdinand von Coburg zufolge eines Familienrathes sich bereit erklärt habe, den Vul- garenthron nicht einzunehmen, wenn auch nur eine einzige Macht ihre Zustimmung versage. Andere wollen reiften, er sei jetzt überhaupt abgeneigt, den Thron anzunehmen, während die ,N. Fr. Pr.' be- richtet, Prinz Ferdinand und seine Mutter wünschten lebhaft, daß die Zustimmung der Mächte erfolgen möge. An diese dürfte der Prinz denn auch die'bulgarische Deputation verweisen. Eine Berliner Privatdepesche der.NoreojeWremje' meldet, Deutschland sehe in Uebereinstimmung mit Rußland die Kandidatur des Coburgers für abgethan an.
* Die Ansiedlungskommission für die polnischen Landestheile hat nunmehr eine Bekanntmachung erlassen, welche die Bedingungen enthält für den Erwerb von Ansiedlungsgrundstücken in Kauf oder Pacht. Daraus geht hervor, daß die Ansiedlung confessions- und landschafsweise erfolgen soll. Wir sind begierig, wie viele katholische deutsche Gemeinden in Posen und Westpreußen werden gegründet werden. Da die Regierung anscheinend jetzt solchen Werth legt auf rein eonfessionelleGemeinden, so dürfen wir wohl die Erwartung hegen, daß sie nunmehr auch darauf verzichten wird, rein katholische Gemeinden des Westens, z. B. in Rheinland und Westfalen, dadurch zu gemischten zu machen, daß sie lauter protestantische Beamte hineinsetzt.
* Seitens der preußischen Staatsregierung ist dem Vernehmen nach die Vereinigung derRechts - anwaltfchast und des Notariats im Gebiete des rheinischen Rechts in Aussicht genommen. Eine Vorlage darüber soll dem nächsten preußischen Landtage zugehen.
* In Koblenz tagt gegenwärtig der rheinische Handwerkertag.
* Der dritte Verbandstag deutscher Barbier-, Friseur- und Perrückenmacher-Jnnun- gen findet am 25. und 26. d. M. in Köln statt, statt. Mit demselben ist eine Ausstellung von Fachartikeln und Lehrlings arbeiten verbunden. Auf
ter, welche die Ursache solcher Stimmungen ist."
„Ihre Tochter?" fragte Herr von Letzingen scheinbar erstaunt und ungläubig lächelnd. „Da wäre ich wahrhaftig neugierig, wie das möglich ist. Ich schätze Jeden glücklich, der in ihrer Nähe weilen kann."
Herr Damken nahm diese Schmeichelei mit Lächeln entgegen. „Und doch muß ich meine Bemerkung festhalten," sagte er. „Nehmen Sie den Fall an, daß ich an die Zukunft Gabrielens denke. Mich könnte ein plötzlicher unvorhergesehener Unglucksfall treffen, sehen Sie, dann würde sie allein und rathlos in der Welt dastehen. Geld und Reichthum allein würden ihr nicht nützen. Sie könnte wohl Diener dafür erlaufen, aber keine aufrichtigen Freunde. Dieser Gedanke hat mich schon oft so trübe gestimmt, Herr von Letzingen, selbst heute Morgen noch."
„Sie glauben wirklich, Herr Damken," rief der Gutsbesitzer scheinbar etwas verletzt, „daß ihre Tochter in einem solchen Falle ohne aufrichtige Freunde, die Alles, Alles für sie thun und wagen würden, dastehen würde? Ich glaubte, Sie hätten eine bessere Meinung von mir gehabt, die aufrichtige Wahrheit meiner Worte zu beweisen. Aber wenn ich Ihnen als ein Mann von Ehre versichere —"
Der Handelsherr ließ ihn nicht ausreden, son
der Tagesordnung stehen mehrere Themata u. A. „über das Verhältniß des Besuches der Fachschulen zu dem der Fortbildungsschulen", ferner werden die Fragen des Befähigungsnachweises nach den Anträgen Ackermann-Biehl, die Gehilfen» unb die Lohnfrage, die Ausdehnung des Jnnungs- gkfetzes auf Elsaß-Lothringen, die Ausstellung von Meisterbriefen, das Halten von Lehrlingen durch JnnungSmitglieder, welche dem Verbände nicht angehören u. A. diskutirt werden. An den Kongreß schließt sich eine Partie nach dem Siebengebirge an.
* Aus dem Bisthum Limburg wird der ,D. Rchsztg.' geschrieben: Dem Vernehmen nach soll es Sr. Bischöfl. Gnaden dem Herrn Bischof Dr. Klein gelungen sein, in letzter Stunde noch den Herrn Pfarrer Schenk, welcher voriges Jahr zur Gründung eines Pensionsfonds für emeritirte Priester 50,000 Mark vermacht hat, zu bewegen, feiner hochherzigen Stiftung einen anderen Zweck zu geben, bezre. die Zinsen des Stistungskapitals dem hochw. Herrn Bischof zur Disposition zu stellen. Sollte diese Nachricht sich bestätigen, so wird sie den guten Eindruck aus dm Clerus um so weniger verfehlen, als es bekannt ist, wie selten dienstfähige, im Dienste Gottes und der Kirche ergraute Pciestergreise der Unterstützung bedürfen, und wenn es dennoch der Fall ist, wie das Bischöfl. Ordinariat alle derartigen Bedürfnifte durch reichliche Unterstützungen aus dem Centralkirchenfond zrr befriedigen stets bereit ist. Wozu auch all' die genauen, engen Vorschriften und Klauseln bezüglich der Vertheilung der Zinsen, da, wo ein väterliches Auge ängstlich wacht, wo alle Priester in das liebevolle Herz des Bischofs in gleicher Weise eingeschloffen sind und der Centralkirchm- sond allen Bedürfniffen zur Abhülfe gleichsam offen steht. Unter solchen Umständen kann es der lim- burgische Clerus nur mit Freude begrüßen, wenn die Stiftung des Herrn Pfarrers Schenk nicht nur den emeritirten, armen Priestern, sondern auch allen übrigen Bedürftigen zugänglich gemacht worden ist; auch trägt es entschieden zur Erleichterung und Vereinfachung der Verwaltung bei, wenn alle derartigen Stiftungsgelder einfach dem Centralkirchenfond mit der Bestimmung zugeführt werden, daß der hochwürdigste Bischof die Zinsen nach Gutdünken den Bedürfniffen entsprechend
bern ergriff zuvorkommend seine Hand und schüttelte sie.
Herr von Letzingen sah seinen Wunsch im Geiste schon erreicht, um aber durchaus sicher zu gehen, beschloß er, noch eine andere Saite zu berühren. „Und nun dächte ich", fuhr er scheinbar etwas verlegen fort, „Ihre Tochter würde auch in anderer Beziehung nicht allein dastehen, sondern einen vertrauten Beistand haben."
Der Handelsherr blickte ihn fragend und überrascht an. Dann sagte: „Welchen Beistand?"
„Ich habe gehört, daß ihxe Tochter im Stillen mit einem jungen, sehr tüchtigen Kaufmann verlobt ist," erwiderte Herr von Letzingen. „Haben Sie das vergeflen oder wollen Sie es geheim halten, Herr Damken? fügte er hinzu, indem er ihn ruhig und offen anblickte, „bann verzeihen Sie meine Dreistigkeit, mit der ich es berührt habe."
Damken war durch diese Worte etwas außer Faffung gebracht. Was er selbst noch bezweifelt und kaum für möglich gehalten hatte, war sogar schon Anderen bekannt und selbst dem, dem er es am liebsten vor Allen verborgen hätte. Er gewann schnell die gewohnte Ruhe wieder. „Ich begreife gar nicht", sagte er kalt, „wie dieses Gerücht, von dem ich selbst gestern Abend zum ersten Male gehört und welches ich, offen gestanden, kaum