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1887

Dienstag, den 12. Juli.

HL 155.

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen Vierteljährlicher Abonn«nentspr-is ohne Bnnger^hn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf.. ö mit der belletristischen Wochenberlage .Sterne und Blumen' m Fulda 1 M. 70 Pf- auswärts 1 SR. 75 Pf.

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Die Beziehungen zwischen Frank­reich und Deutschland

haben durch den Leipziger Hochverrathsprozeß so« wie durch die offiziösen Androhungen von Re« prefsalien wieder eine grelle Beleuchtung erhalten. Jener Hochverrathsprozeß hat bewiesen, daß die ftanzösische Regierung durch Grenzbeamte, denen von deutscher Seite Vertrauen entgegengebracht werden muß, förmlich die Verleitung zum Hochverrath und zur Spionage organi- sirt hat. Anderseits haben ftanzösische Radikale den Antrag auf eine Extrasteuer für Fremde in Frankreich eingebracht und das Kanzlerblatt stellt daftlr Represialien in Aussicht. Andere Blätter weisen auch auf die fortdauernde Deutschenhetze in französischen Versammlungen und Blättern hin. Die in Leipzig konstatirte Benutzung von Grenz- beamten zur Spionage und zur Verleitung zu Ver­brechen ist zweifellos ein schwerer Verstoß gegen das internationale Recht und Deutschland wird sich künftig ein solches Verhalten ganz energisch verbitten. Die Fortdauer dieser orgamstrten Spionage durch Grenzbeamte müßte schließlich zum Abbruch aller handelspolitischen Beziehungen führen. Doch wird man in Berlin sicher noch Zurückhaltung und Kaltblütigkeit üben, obwohl dn energischer Einspruch auf diplomatischem Wege gewiß geschehen wird. Was die Extrasteuer für Fremde in Frankreich angeht, so kann man den Plan als ein Zeichen des Deutschenhasses wohl beklagen, aber das Recht, im Lande weilenden Ausländern eine Extrasteuer aufzulegen, kann an sich einem Staate nicht bestritten werden. Freilich darf diese Extrasteuer nicht als Ersatz für den nicht geleiste­ten Militärdienst gefordert werden. Denn besteht für die Ausländer keine französische Militärpflicht, so kann auch von einem Entgelt dafür nicht die Rede sein. Aber Rußland erhebt eine solche Steuer schon längst in Form der für Jnlandspässe und Aufenthaltskarten zu zahlenden Gebühren. Klug halten wir diesen Schritt Frankreichs freilich nicht, denn jedes solche Abgehen von internationalen Traditionen hat in der Regel Repressalien von Seiten des anderen Theils zur Folge. Diese Re« pressalien aber müssen in ihrer Häufung eine Ge­witteratmosphäre erzeugen, welche leicht in Ka­nonendonner ihre Entladung findet. Die von

Durch tigtnt Schuld.

Roman aus der Handelswelt.

20. Fortsetzung.

Diesen Plan verfolgte er jetzt mit aller Energie, und der Gutsbesitzer kam ihm bereitwillig ent­gegen. — Da ein Jeder von ihnen aber nur sein eigenes Interesse dabei im Auge hatte, so berührte keiner diesen Punkt, um sich keine Blöße zu geben. Außerdem waren Beide über Gabrielens Neigung völlig ungewiß, denn sie wich jeder Frage ihres Vaters, welche diesen Punkt berührte, vorsichtig aus und behielt in ihrem Benehmen gegen Herrn von Letzingen fortwährend eine kalte Artigkeit.

Letzingen hatte seinen Diener, den er beauftragt hatte, zu erforschen, ob Gabricns Herz noch frei sei, bereits mehrere Male befragt, ob es ihm nicht gelungen sei, etwas Näheres zu entdecken; der schlaue Diener hatte es aber verneint, obschon er von Gabrielens Kammermädchen längst wußte, wem das Herz der Herrin gehörte. Er hatte den Versuch gemacht, dem alten Steider die Absicht seines Herrn aus Gabriele mitzutheilen, er hatte ihm seine Unterstützung zu Gunsten seines Neffen angeboten, in der Hoffnung, von ihm einen reichen Lohn zu empfangen, der alte gerade und redliche Mann hatte ihn aber empört zurückgewiesen. Er

der französischen Presse betriebene D e u t s ch e n h e tz e bedauern wir ebenso sehr, wie wir sie für unge­recht und gefährlich halten. Selbst wenn die Pa­riser Regierung dagegen einschreiten wollte, sind ihr durch die herrschende Preßfreiheit sowie durch die Furcht, als „Agentin Bismarcks" verschrieen zu werden, die Hände gebunden. Rußland ist ganz anders gegen deutsche Unterthanen in seinem Ge­biete vorgegangen, hat ihnen viel schlimmere Schä­digungen zugefügt, man hat aber bei unseren O f- fiziösen noch keine entschiedene Verurtheilung dieses Schrittes gefunden und noch viel weniger haben sie „Repressalien" gegen Rußland angeregt. Nachdem Preußen im Vorjahre russische Unter­thanen ausgewiesen hat, könnten wir uns über die Ausweisung von Deutschen aus Frankreich auch nicht sonderlich beklagen.

Wir müssen alle diese Vorgänge mit deutscher Ruhe und Kaltblütigkeit betrachten. Kommt es (was aber durchaus nicht wahrscheinlich ist) zur Explosion, so wird die gesammte Kraft des Reiches in ungeahnter Macht sich kriegerisch entfalten. Wir können die innere Politik des Fürsten Bis­marck nicht in allem billigen, aber seine bisherige äußere Politik bürgt uns dafür, daß er mit Kälte, Ruhe und Umsicht operirt, um so lange irgend möglich den Krieg ferne zu halten; wenn dieser aber trotz unserer Friedensliebe unvermeidlich sein sollte, so wird das ganze deutsche Volk sich er­heben, alle Unterschiede der Parteien werden ver­schwinden, um den Friedensbrecher niederzuschlagen. Möge dann der Gott der Schlachten den deutschen Waffen wieder den Sieg verleihen!

Deutsches Reich.

Berlin, 11. Juli.

* Die .Kreuzzeitung' konstatirt mit Genug- thuung, daß es gelungen sei, zahlreiche Kapitalisten vor der russtschen Anleihe mit positivem Erfolg zu warnen, und fährt dann fort:

In Petersburg haben die Warnungen vor russischen Effekten Erbitterung erzeugt. Sehr begreiflich, zumal wenn gewisse briefliche Nachrichten, welche von dort hierher ge­langt sind, sich bestätigen. Diesen zufolge geht die russische Regierung mit dem Plane einer neuen Anleihe in dem kolossalen Betrage von rund zwei Milliarden um, theils zur Tilgung älterer Anleihen, theils zur Aufbesserung der Agrikulturzustände, zur Hebung der äußerst gedrückten wußte, daß Gabrielens Herz feinem Ncffen in unerschütterlicher Treue angehörte und um ihre Hand sollte er offen und ehrlich werben, sobald er im Stands war, frei und offen vor den Handels­herrn hinzutreten.

Nach diesem fehlgeschlagenen Versuche hatte der schlaue Diener keineswegs seine Hoffnung, aus dem von ihm entdeckten Geheimnisse einen doppelten Gewinn zu ziehen, aufgegeben und hatte die Kammer­jungfer um eine geheime Zusammenkunft gebeten, um einen neuen Plan mit ihr zu besprechen.

Es war ein stiller, warmer Abend, als er in dem Park des reichen Handelsherrn, in dem Dunkel hoher Bäume dem Orte der verabredeten Zusammen­kunft zueilte. Rasch und fast unhörbar schritt er dahin und seine dunklen Augen fuhren schnell und spähend umher. Es war Alles still. An dem be­zeichneten Orte angekommen, stand er einen Augen­blick lauschend still und legte sich dann in dem Dunkel einer Kastanie in das Gras nieder.

In Gedanken einen neuen Plan verfolgend, lag er eine Zeit lang ruhig da, als nahende Schritte an sein Ohr drangen. In dem Glauben, daß es das Kammermädchen sei, richtete er sich empor, um sich zu erheben, aber plötzlich legte er sich wieder nieder, sein Auge aus die nahende Person gerichtet. Es war nicht das erwartete Kammermädchen, sondern

Industrie, wie zur Durchführung umfänglicher Eisenbahn­bauten. Zur Uebernahme eines sehr erheblichen Theiles dieser Anleihe sollen bereits geheime Verhandlungen mit einer Gruppe französischer Finanzmänner angeknüpst sein, aber noch keine Gegenliebe gefunden haben; denn die Herren an der Seine forderten, wie man vernimmt, als Vorbedingung zur Realisirung einer solchen Anleihe eine garantirte Beschränkung in den auswärtigen Unternehmun­gen Rußlands, welche Beschränkung jedoch nicht auf eine Hilfe gegen Deutschland ausgedehnt worden sein soll. Wir bedauern solche Bedingungen, denn wir hätten unfern Freunden jenseits der Vogesen gar zu gern ganz allein den Segen gegönnt, mit welchem vielleicht nun andere Staaten, jedenfalls nicht zum unerheblichsten Theile das deutsche Reich, bedacht werden sollen. Daß Katkow, der Stimmführer der Slavophilen, nach wie vor bei dem Zaren in höchster Gnade steht, nach wie vor seine ein­flußreiche Stellung auch Herrn v. Giers gegenüber be­hauptet, daß der Zar unaufhörlich Männern Gehör leiht, welche Rußlands innere Position durch radikale Aus­rottung des Deutschthums innerhalb seiner Grenzen zu verstärken gedenken und für die auswärtige Politik das Schiboleth den Tendenzen des Panslavismus entlehnen — das erfüllt,uns allmählig mit voller Hoffnungs­losigkeit auf baldige Wiederherstellung eines Freund- fchaftsverhältniffes, wie es zum Nutzen beider Reiche noch unter dem Kaiser Alexander II. bestanden.

Die .Kreuz-Zeitung' sucht den Hinweis auf die Emission russischer Papiere durch die königl. See- Handlung mit der Bemerkung zu entkräften, daß damals freundliche Beziehungen zwischen Berlin und Petersburg geherrscht hätten. Seit 1884 sind aber blos drei Jahre vergangen. Wenn heut zu Tage die Verhältnisse der Staaten im Hand­umdrehen sich ändern, so sollte man daraus die Lehre ziehen, Gelvverhältnisse aus solchen Flug­sand überhaupt nicht zu bauen. Es ist übrigens schon weit zwischen uns und Rußland gekommen, wenn die .Kreuzztg.', deren Ideale in mancher Hinsicht in Rußland liegen und deren ganze Ver­gangenheit russenfreundlich ist, eine solche Sprache führt. Das beweist, daß alles Liebeswerben des Fürsten Bismarck Rußland gegenüber vergeblich ist. Wenn auch Herr v. Giers noch in Gnade steht beim Zaren, so ist er doch nur dessen Werk­zeug und noch größerer Gunst erfreuen sich die panflavistischen Kriegshetzer. Katkow soll zwar in Folge eines Schlaganfalles im Sterben liegen, aber seine Schule stirbt nicht mit ihm. Unsere Beziehungen zu Rußland sind trotz wieder­holten scheinbar freundlichen Ansehens doch gründ­lich verdorben und gespannt. Daher wird dem .Hannov. Cour.' aus Berlin geschrieben, daß

ein Mann, der in Gedanken und ohne ihn zu be­merken, kaum wenige Schritte entfernt an ihm vorüberging. Sein scharfes Auge hatte ihn erkannt. Es war der Handelsherr.

Vorsichtig hob er den Kopf und schaute ihm nach. Dann sprang er rasch, aber ganz geräusch­los auf dis Beins. „Seit wann liebt Herr Damken solche späten und einsamen Spaziergänge?" sprach er zu sich selbst mit dem ihm eigenthümlichen Lächeln. „Sein Zimmer in der Villa ist hell er­leuchtet und er hier. Ha, ha, ich müßte die vor­nehmen und großen Herren nicht kennen, wenn ich nicht wissen sollte, daß, wenn sie sich eine Bewe- gung machen wollen, sie lieber reiten, als zu Fuße gehen, und daß sie den sonnigen Maitag lieber wählen, als den späten Abend. Er war in Ge­danken und doch ging er rasch vorüber, zu rasch für einen Spaziergänger, der hat ein anderes Ziel im Auge und das muß ich auch kennen lernen. Es kann Einem nie Schaden bringen, wenn man viel weiß, und ich meine, man darf eins so gün­stige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne seine Kenntnisse zu bereichern."

Ohne die Ankunft der Kammerjungfer abzuwarten, folgte er dem Handelsherrn in einiger Entfernung, doch genug um ihn fortwährend im Auge zu be­halten. Er selbst schlich sich unbemerkt hinter