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Wer ihnen da den Weg zu verlegen sucht, ist nicht blos ihr Feind, sondern greift ihre unveräußer­lichen Rechte an. Nach dem letzten Kriege schien es diesem Ziele sehr nahe zu sein, allein Europa fiel ihm in den Arm. Gleichwohl ist das türkische Reich in vollständigste Abhängigheit von Rußland gekommen, so daß nicht einmal ein Ministerium haltbar ist in Konstantinopel, wenn man es in Petersburg nicht haben will. Das tritt gerade jetzt zu Tage, wo die russische auswärtige Politik es als eine Hauptaufgabe betrachtet,, der Erwei­terung der englischen Macht in Aegypten entgegen­zutreten. Der Sultan getraut sich nicht, England Konzessionen zu machen, gegen weiche Rußland protestirt. Und das Ministerium, welches dazu bereit ist, hat zu gewärtigen, daß russische Machi­nationen von heute auf morgen seinen Sturz herbeiführen. Namentlich in finanzieller Beziehung hat das Czarenreich das morsche Türkenreich in seiner Gewalt, wie der Gläubiger den Schuldner, über den jeden Augenblick die Gant kommen kann. Hat Rußland unverhältnißmäßig große Fortschritte gemacht in Beherrschung des innerlich morschen und äußerlich zerstückelten Türkenreiches, so war es weniger glücklich in seinen Beziehungen zu den kleineren Balkanstaaten, die mit seiner direkten und indirekten Hilfe entstanden sind und allmählig zu Staatsorganismen sich herausgebildet haben, die von der Türkei ganz unabhängig sind. Sein brutales Borgehen gegen Bulgarien und dessen Fürsten hat ihm ganz außerordentlich geschadet und es kann keinem Zweifel unreruegeu, ou6 Vv^ Staaten mit der Zeit es gerade so als ihre Lebens­aufgabe ansehen werden, der russischen Umarmung sich zu erwehren, wie sie es bis vor Kurzem als ihre Lebensfrage betrachten mußten, das Joch der türkischen Herrschaft abzuschütte'.n. Der beharrliche Widerstand, den Rußland einer friedlichen Been- digung der bulgarischen Wirren entgegengesetzt, kann die Erbitterung nur verftäcken und die anderen zur Vorsicht und Zurückhaltung mahnen. Zwar hat es den Fürsten von Montenegro vollständig in seiner Gewalt und in der allerneuesten Zeit auch einen Umschwung zu seinen Gunsten in der Regierung Serbiens erzielt. Allein das ändert nichts an der Thatsache, daß es zur Gewaltthätig- keit und Bestechung seine Zuflucht nehmen muß, wenn es über die Balkanstaaten herrschen will.

Spekulationen und Anfangs auch mit vi-lem Glück. Selbst die näher stehenden Kreise ließen sich dadurch täuschen und glaubten, daß Damken durch den Wechsel seines Geschäftsführers in der That viel gewonnen habe. Der Kredit seines Hauses schien dadurch sogar noch zu wachsen.

Nur zwei Menschen durchschauten das Ganze und erkannten den wahren Grund — der alte Steider und Buchmann. Beide verbargen ihre Ansichten sorgfältig, wenn auch aus ganz verschie­denen Gründen.

Steider's Herz hing immer noch an dem Hause Damken, es erschien ihm wie ein Elternhaus, aus dem er geschieden war. So weit er es vermochte, verfolgte er im Stillen alle Schritte Kleuser's. Ec sah, daß der von ihm eingeschlagene Weg den Fall des Hauses wohl um einige Zeit verzögerte, aber er erkannte auch, daß der Sturz dadurch um so schwerer wurde, und doch gab er die Hoff nung noch nicht ganz auf, retten zu können. Er sprach gegen Niemand von der Gefahr, welche das alte Handelshaus bedrohte; denn ein einziges unvorsichtiges Wort wäre ja im Stande gewesen, den ganzen künstlich aufrecht gehaltenen Kredit zu stürzen, und dann war keine Rettung mehr möglich.

Weniger edel waren die Gründe, welche Buch- mann bewogen, über das was er erforscht hatte,

Seine Rolle als Befreier vom Türkenjoch ist aus- spielt. Sein Egoismus ist zu brutal aufgetreten.

Bor einigen Monaten wollte uns eingeredet werden, daß wir allen Grund hätten, vor der un­geheuren Militärmacht Rußlands zu zittern, die von heute auf morgen mit der französischen im Bunde über uns herfallen könnte. Seitdem nun ein Reichstag gewählt ist, dessen Mehrheit der Regierung Alles bewilligt, ist die Kriegsgefahr ge­schwunden, die russische Militärmacht durchaus nicht zu fürchten und auch sein Verhältniß zu Deutschland ein besseres. Zwar existirt eine weit­verbreitete und einflußreiche Partei, die seit 1871 mehr oder weniger ständig gegen Deutschland hetzt und gerne Arm in Arm mit Frankreich über Deutschland und Oesterreich herfallen möchte, allein deßwegen war die Kriegsgefahr keineswegs drin­gend. In neuester Zeit ist nun auch in dieser Beziehung insofern eine Aenderung zum Besseren eingetreten, als der Einfluß dieser Elemente in den Hintergrund gedrängt wurde. Monate lang lag ihr Hauptführer in bitterer Fehde mit dem Minister des Auswärtigen und rang mit ihm um den Preis des Einflusses auf die Entschließungen des Kaisers. Mehr als einmal schien es, als ob er siegen sollte. Der Kaiser wollte feinen Minister des Auswärtigen behalten, aber auch seinen Spezial- berather nicht missen. Endlich ist er nun doch in Ungnade gefallen, weil er es mit seinem Anhang doch zu bunt getrieben hat.

In seinem Innern ist das ausgedehnte Russen- *♦*4 u "?k^-wühlt. Seit

Jahren verbreiten die Nihilisten Furcyr uno Schrecken, namentlich in den hohen und höchsten Kreisen. Wer da glauble, die Gefahr habe sich vermindert, der hat sich gründlich getäuscht. Gerade in der letzten Zeit sind neue Verbrechen vorgekommen, neue Verurtheilungen erfolgt und neue TodeLurtheile vollstreckt woroen. Anläßlich solcher Gerichisverhandlungen ist aber auch die er- schreckliche Thalsache konstatirt worden, daß ein hochgestellter Polizeibeamter sich unter die Nihl- listen' eingeschlichen und zu verbrecherischen Atten­taten aufgemuntert hat, um nach dem Gelingen derselben dem Kaiser sich als Retter zu repräsen- tiren und in höhere Stellung zu gelangen. Was die nihilistische Bewegung besonders bedenklich er- scheinen läßt, ist der Umstand, daß sie zum größten

zu schweigen. Um feine Pläne auszuführen, war es nothwendig, daß der Kredit des Hauses Damken noch eine Zeit lang fest stand, es durfte noch kein Zweifel daran aufkommen, denn diesen Kredit be- nutzte ja Kleuser, um sich immer tiefer und kühner in Spekulationen und Börsengefchäfte hineinzu­stürzen; dieser Kredit war ja das Siegel, welches allen von ihm ausgestellten Wechseln volles Ver­trauen und volle Giltigkeit verlieh, und erst wenn diese Spekulationen den höchsten und gefährlichsten Punkt erreicht hatten, wenn die ausgestellten Wechseln alle • Kräfte des Geschäftes überstiegen — erst dann wollte er seinen Plan aussühren, dann sollte das Haus plötzlich mit einem Schlage gestürzt werden und unrettbar zusammenbrechen. Das war sein Plan, den er im Geheimen brütete.

Auf der Villa des Handelsherrn hatte Niemand eine Ahnung davon, auf welchem gefährlichen Grunde fein ganzer Reichthum ruhte. Es war in keiner Beziehung weder eine Beschränkung des Luxus, noch der Vergnügungen eingetreten, denn Damken war schlau genug, um zu erkennen daß der von ihm so offen und so verschwenderisch zur Schau getragene Reichthum jetzt die beste L>.ütze für den Kredit seines Hauses fei. Wem konnte, wenn er durch den Park schritt und die groß- artigen und kostbaren Anlagen sah, oder wenn er

154. ' Montag, den 11. Juli. 1887

Jiliner W 3eiliig.

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1 2? Rußland.

Kein anderes Land auf Erden nimmt in höhe- t rem Maße die Aufmerksamkeit des Politikers in

Anspruch als Rußland. Ständige Vergrößerung nach Außen, erschreckende Zunahme der Revolution- irung im Innern ist die Signatur der neuesten , Geschichte des mehr asiatischen als europäischen

Reiches. Die Eroberung spielt eine Hauptrolle in der russischen Geschichte. So war es von An- fang an, und so wird es noch geraume Zeit bleiben. Unaufhaltsam dringt es in Asien weiter । vor. Wenn noch ein Jahrhundert weiter vorüber

ist, so wird auf dem ungeheuer großen Festlande Asiens kaum eine andere Macht nennenswerten Einfluß haben, als Rußland vom Westen und China vom Osten her. Die kleineren Staaten, die es ostwärts von China und südwärts von der Machtsphäre Englands trennen, werden einer nach dem anderen direkt oder indirekt dem russischen Kolosse unterthänig gemacht. Schritt für Schritt kommt es näher an das Ziel, der nächste und unmittelbare Nachbar Chinas und Englands zu werden. Der wichtige Faktor seiner Eroberungs- Politik in Asien ist neuerdings der Bau von Eisenbahnen, die vorwiegend mililärische Zwecke verfolgen, aber auch in ganz bedeutendem Maße seinen wirthschaftlichen und handelspolitischen In­teressen bienen. Beide greifen in einander ein und unterstützen sich gegenseitig. Zu seinem eigenen Gewinn schenkt es de» letzteren «ehr Beachtung als früher. Darin mag die Erklärung dafür zu suchen sein, daß die neuesten Eisenbahnbau'en, die im Amurgebiet und in Ostsibirien ausgeführt werden sollen, der Leitung des Handelsministeriums unterstellt wurden, nachdem es einige Zeit hin­durch strittig war, ob sie diesem oder dem Kriegs­ministerium unterstellt werden sollen. Dmch sein Vordringen in Buchara hat es eine starke Stellung zwischen Afghanistan und dem englischen Gebiete, die seinen Einfluß auf die Gestaltung der Dinge in Afghanistan wesentlich verstärken muß.

Was die Rheingrenze Jahrhunderte lang für eroberungslustige französische Politiker war, das ist seit Peter dem Großen für alle russischen Poti- tiker Konstantinopel. Dereinst als Erue des tür- tischen Reiches in Konstantinopel einzuziehen, ist in den Augen der Russen etwas Selbstverständliches.

Durch rigciit Schuld.

Roman aus der Handetswelt.

19. Fortsetzung.

Der unerschütterliche Kredit und das fast unbe­grenzte Vertrauen, welches er genoß und sich durch die größte Solidität errungen hatte, kamen ihm schon trefflich zu statten, denn sie machten es ihm möglich, neue Waareusendungen in Kommission kommen zu lassen, um sie auf gleiche Werse zu Gelde zu machen, ohne selbst Zahlungen dafür ge­leistet zu haben. Um Gründe, weshalb dieselben unterlassen wurden, war er nicht in Verlegenheit und sie fanden überall Glauben, da der alte Stei- der sich nie einer Unwahrheit schuldig gemacht hatte.

Der Handelsherr, welcher jetzt häufiger als früher in das Geschäft kam und an feinem Gange ein lebhafteres Interesse zu nehmen schien, war mit diesen Transaktionen Kleuser's einverstanden und dadurch ward auch das Erstaunen gemildert, welches dieses Verfahren des neuen Geschäftsführers unter den Dienern des Hauses hervorgerufen hatte.

Nach außen hin und für den, der in die Bücher und Geheimnisse des Geschäfts keinen Einblick zu thun vermochte, schien das alte Geschäft einen neuen Aufschwung zu nehmen. Kleuser war auf der Börse sehr thätig, unternahm großartige