jH 153. z Sonnabend, den 9. Juli. 1887
Fuldaer W Leitung.
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Erstes Blatt.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Juli.
* Die Berliner osficiöse Presse äußert sich über die bulgarische Fürstenwahl nicht. Die Ireuzzeitung' meint: „Von der Mehrzahl der Mächte ist anzunehmen, daß ihnen die Wahl des Prinzen Ferdinand von Coburg sympathisch sei, allein zu einer officiellen Anerkennung des neugc- gewählten Fürsten wird kaum irgend eine Macht schreiten können, wenn ste nicht die Gewißheit erlangt hat, daß alle Mächte dieser Wahl zustimmen werben, was mit Rücksicht auf Rußland vorläufig ausgeschlossen erscheint." Das .Berliner Tagebl.' erfährt aus Petersburg, daß Rußland sich be« gnügen werde, gegen die Wahl zu protestiren. Die Wiener Presse bespricht die Wahl des Prinzen sympathisch, verhehlt aber nicht, daß eventuell große Verwicklungen daraus entstehen können. Es wird gezweifelt, daß Oesterreich seine Zustimmung vorschnell geben und seine Beziehungen zu Rußland ohne Weiteres opfern werde. Die englische Presse bespricht die Wahl des Prinzen gleichfalls beifällig, äußert sich aber in Bezug auf die Consequenzen sehr reservirt.
* Der Bundesrath hat in seiner gestrigen Sitzung noch beschlossen, daß den süddeutschen Essigfabrikanten Branntwein zum dreifachen Vergütungs- satze angerechnet werden kann; ferner daß die jetzt laufenden Branntweinsteuercredite auf weitere drei Monate verlängert werden. Wenn nicht besondere Verhältnisse'einen früheren Zusammentritt erforderlich machen, wird der Bundesrath seine Sitzung erst im September wieder aufnehmen.
* Der Statthalter in Elsaß-Lothringen hat verfügt, daß in den Reichslanden die Gerichtssprache künftig ausschließlich die deutsche sein soll.
* Vor dem Oberlandesgericht zu Frankfurt a. M. kam heute der vielberufene Prozeß der Rheinbrohler Kirchengemeinde wider die Rheinbrohler Civilgemeinde über das Eigenthums- recht an der dortigen Kirche in zweiter Instanz zur Verhandlung. Ein endgiltiges Urtheil wurde noch nicht gesprochen. Das Gericht verkündete
einen ausführlichen Beschluß darüber, welche Punkte bewiesen werden sollen.
* Da« Reichsgericht zu Leipzig hat heute in dem Landesverrathsprozeß gegen Klein und Genossen gesprochen. Klein wurde zu Zuchthaus in der Dauer von 6 Jahren, (Siebert zu fünfjährigem Zuchthaus verurtheilt, Erhärt dagegen freigesprochen. Letzterer befindet sich bereits seit einigen Tagen auf freiem Fuße.
* Remscheid, 7. Juli. Gegen den Verfasser und Verbreiter eines anläßlich der Verurtheilung des Pastors Thümmeberschienenen, den Verurtheil- ten preisenden Gedichtes: „Hoch Thümmel" wurde Untersuchung wegen Beleidigung des Staatsanwalts und der Richter eingeleitet. Eine ganze Anzahl Personen ist bereits commissarisch vernommen worden.
* Mainz, 8. Juli. Wie das Mainzer Journal' vernimmt, wird die diesjährige Gsneralver- sammlung „der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland" im Laufe des Oktober in unserer Stadt abgehalten.
Ausland.
* Heber die Entschließung des Prinzen Ferdinand von Koburg bezüglich der Annahme der auf ihn gefallenen Wahl zum Fürsten von Bulgarien liegt eine authentische Nachricht noch nicht vor. Wiener Meldungen wollen wissen, der Prinz habe die Wahl angenommen, nachdem ihm ein vor einigen Tagen in Koburg abgehaltener Familienrath die Eclaubniß dazu ertheilt habe. Er lerne ferner seit Monaten bulgarisch und habe bereits eine bedeutende Fertigkeit in dieser Sprache erlangt. Während der letzten Tage habe der Prinz in Deutschland geweilt und auf dem Jagdschloß Oberhof im Herzogtum Sachsen - Koburg - Gotha eine Begegnung mit dem Fürsten Alexander gehabt. Diesen Mittheilungen gegenüber findet folgende Notiz, die in der gestern früh erschienenen Nummer der .Koburger Zeitung', dem Regierungsorgan des Herzogthums Koburg, enthalten ist, Beachtung :
lieber dH in den Zeitungen taucht jetzt wieder die Nachricht von der bevorstehenden Wahl des Prinzen Ferdinand von Koburg zum Fürsten von Bulgarien auf. Wahr daran ist nur, daß die bulgarische Selbständigskeitspartei Alles aufbietet, den Prinzen in ihre verworrenen Ver
hältnisse hineinzuziehen und ihn dadurch zu kompromit tiren. Dem gegenüber muß darauf hingewiesen werden, daß ein deutscher Prinz, wie es Prinz Ferdinand von Koburg unzweifelhaft ist, ohne die Erlaubniß des Chefs seines Hauses und ebenso ohne die Einwilligung des deutschen Kaisers, selbst wenn eine Krone ihm angeboten würde, sie nicht annehmen darf. So lange diese Erlaubniß und diese Einwilligung nicht ertheilt sind, schweben die Gerüchte in der Luft. Ganz zu schweigen von der im vorliegenden bulgarischen Falle erforderlichen Zustimmung der sämmtlichen Großmächte.
Diese Notiz erscheint um so auffälliger, als sie am Tage der Wahl des Prinzen erschien. Auch über den gegenwärtigen Aufenthalt des Prinzen Ferdinand gehen die Meldungen auseinander. Gestern wurde berichtet, er hätte sich in ein englisches Seebad begeben, was wenig glaubwürdig erschien; heute heißt es, Prinz Ferdinand befände sich nicht im Ausland, sondern bei seiner Mutter auf Schloß Ebenthal bei Lundenburg. Möglicherweise weilt er bereits in Bulgarien.
* Wien, 8. Juli. Prinz Ferdinand von Coburg ist um 4 Uhr aus Ebenthal hier eingetroffen und im Palais auf der Seilerstätte abgestiegen.
* Tirn owa, 8. Juli. Der Prinz von Coburg antwortete der Regentschaft und der So- branje: „Empfangen Sie meinen Dank für die mich betroffene Wahl, auf welche ich stolz bin. Ich werde mich nach Bulgarien begeben, wenn die Pforte meine Wahl anerkennt und die Großmächte dieselbe billigen. Ich bin bereit, mein Leben für Bulgarien zu opfern." Heute Abend findet hier große Illumination statt. (Fr. Z.)
* Sofia, 8. Juli. Die aus Bulgarien geflüchteten, in Konstantinopel befindlichen Anhänger Zankow's zeigten der Regierung an, daß sie den von der Sobranje einstimmig gewählten Für- sten auch ihrerseits annehmen würden.
Der Altkatholicismrrs.
Nach dem statistischen Ausweise des .Amtlichen altkatholischen Kirchenblattes' gibt es in Preußen 36, in Baden 38, Hessen 4, Oldenburg 1 und Bayern 25 Orte, in welchen sich Altkatholiken befinden. Es findet aber nur in etwa 90 Orten Gottesdienst statt und von diesen in gegen 40 Orten nicht jeden Sonntag, sondern vielfach nur einige Mal des Jahres. In der altkatholischen Seelsorge Deutschlands wirken jetzt 44 Geistliche als ständige Seelsorger, denen einige geistliche
V«rch eigene Schuld.
Roman aus der Handelswelt.
18. Fortsetzung.
Er bereuete in diesem Augenblick die leichtsinnige Uebereilung, mit der er diese Verbindung abge- schlossen hatte. Nur die großen Häuser, mit denen das Geschäft in Verkehr stand, die ehrenhaften Verbindungen, in denen cs mit den berühmtesten Firmen aller Welttheile stand, und die Solidität der mit ihnen abgeschlossenen Geschäfte, welche ja natürlich auf den Kredit des Hauses eme vortheilhafte Rückwirkung gemacht haben wußten, trösteten ihn, da er in ihnen die Gewähr land daß sich auf Grund dieser Verbindungen und des weiteren festen Kredits großartige Spekulationen unternehmen ließen.
. »Ich werde mich für das Vermögen, welche» l<h m das Geschäft bringe, durch welches ich das- Mde aufrecht halte, schadlos zu halten wissen, Herr Damken" sprach er für sich. „Ich bin nicht W. ein Thor, daß ich mich für Sie abmühen : JPp für Sie arbeiten werde, damit Sie desto luittger verschwenden können. Ich bin nicht Ihr in*; *?er ^ame und der Credit Ihre» Hause» wuen mir dienen. Sie glauben einen schlauen aoup ausgeführt und mich getäuscht zu haben.
— Geduld, Herr Damken, Ihre List soll sich an Ihnen selbst rächen; wir wollen sehen, wer von uns Beiden am Ende der Betrogene ist."
Der Handelsherr trat in diesem Augenblick wieder in das Zimmer und prüfend fiel sein Auge auf Kleuser's Gesicht. Er war auf einen Vorwurf gefaßt und hatte sich für ihn gewappnet. Es entging ihm nicht, daß der junge Mann gewaltsam leidenschaftliche Gefühle niederzukämpfen und fein Gesicht in ruhige Mienen zu legen suchte.
„Sie scheinen fleißig studirt zu haben," sprach der Handelsherr ruhig lächelnd, „doch hoffe ich, daß Sie unsere Verbindung nicht gereuen wird."
„Keineswegs," erwiderte Kleuser scheinbar ruhig. „Aber die Verlegenheit, in der sich da» Geschäft befindet, ist größer, als ich vermuthet habe. Es wird Mühe kosten, sie glücklich zu überwinden."
„Um so größer wird das Verdienst Ihres Kopfe« fein," entgegnete der Handelsherr. „Ich weiß, daß diese Aufgabe für Sie nicht zu schwierig ist, Sie werden sie ausführen, davon bin ich fest überzeugt."
Kleuser schwieg. Der Handelsherr rief nun das Comtoirpersonal zusammen und stellte ihm den jungen Mann als neuen Geschäftsführer vor, indem er Allen den strengsten Gehorsam anempfahl.
Freundlich Med er von seinem jungen Com- pagnon. Kaum hatte er indeß das Haus verlassen, als seine Stirn sich in ernste, nachdenkliche Falten zog. Sein Auge war scharf genug, um zu erkennen, daß Kleuser's Ruhe nur eine erzwungene war. Er fühlte, daß nie ein offenes Vertrauen zwischen ihnen obwalten werde, und daß er sich vor seinem Kompagnon zu hüten habe. Ec glaubte zwar ein geistiges Hebergewicht über ihn zu haben, erkannte aber doch, daß es nöthig sein werde, dem Geschäfte eine größere Aufmerksamkeit zu widmen, als bisher.
Die Entfernung des alten Steider aus dem Hause Damken hatte in der näher stehenden Handelswelt manche Vermuthungen hervorgerufen. Man war seit langen Jahren gewohnt, mit ihm zu verkehren, und er genoß bei Allen, welche ihn kannten, die größte Achtung. Seine Rechtschaffenheit und Zuverlässigkeit, sowie fein klarer Blick in Handelsangelegenheiten waren bekannt, und mit Recht zog man deshalb die Angabe de» Handels- Herrn, daß er den alten Geschäftsführer feines Alters und der damit verbundenen Schwäche wegen habe entlassen müssen, in Zweifel.
Namentlich war es Bachmann, den Steider'» Entfernung sehr zu interesstren schien. Er hatte zwar nie Geschäfte mit ihm abgeschlossen, weil er