1887
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* Ueber die kirchenpolitische Lage hielt der Abgeordnete Rechtsanwalt Dr. Porsch aus Breslau in der ersten öffentlichen Versammlung der Kath.liken Schlesiens zu Neisse am 6. d. eine mit lebhaftem Beifalle aufgenommene Rede, worin er folgende Punkte des Näheren ausführte: Das Centrum hat, als es dem Wunsche des h. Vaters folgte, keine Niederlage erlitten, sondern einfach gehandelt, wie es seit Jahren in Aussicht gestellt; trotzdem ringen wir weiter nach voller Freiheit, trotzdem bleiben wir auf dem P osten, denn selbst der Reichskanzler tröstete ja die Liberalen mit dem Worte, man könne ja den Kulturkampf von vorne anfangen, wenn es nöthig scheine. Unser Schutz ist die Wahl, die Wahl von Centrumsmännern, -das gentium muß fortbestehen und es wird fortbestehen. Der Rede kurzgefaßter Inhalt lautet:
Die kirchenpolitische Angelegenheit, auf deren Gebiete sich belangreiche Aenderungen zugetragen, stehe immer noch im Vordergründe der Verhandlungen unserer Versammlungen. Redner führt die eingetretenen Erleichterungen an und stellt ihnen gegenüber, was geblieben, wie man stückweise die Maigesetze abändere, wie das Herrenhaus sich nicht einmal zur Freigebung der hl. Messe für nicht zuge- lassens Ordenspriester habe erschwingen können, welche Hindernisse den Orden heute noch bereitet seien. Das hindere nicht, die Erleichterungen dankenswerth zu finden. Besonderer Dank gebühre dem Kirchenfürsten, welcher im parlamentarischen Ringen mit all' seinen Kräften für die Freiheit der Kirche eingetreten sei, dem Bischöfe, den wir demnächst den unserigen nennen könnten. Selbst diesem Friedensbischof habe das Herrenhaus nicht einmal die von ihm gestellten geringen Forderungen bewilligen wollen. Redner bespricht nun die Wnzeigepflicht und das staatliche Einspruchsrecht. Er gibt einen geschichtlichen Ueberblick und präzisirt U m f a n g und Inhalt des jetzt bestehenden Einspruchsrechtes. Die Nachricht, daß dasselbe zugestanden sei, habe die größte Erregung unter dem Klerus und dem Volke hervorgerufen. „Wen, der auf die Geschichte der letzten Jahre zurückblickt, konnte das wundern? Als im Jahre 1873 in den Maigesetzen das staatliche Einspruchsrecht verlangt wurde, da haben die sämmtlichen preußischen Bischöfe am Grabe des hl. Bonifatius sich dagegen erklärt; sie haben sich dagegen erklärt, iveil sie darin eine Gefahr für die Freiheit der Kirche sahen, für die Integrität des geistlichen Standes und für die Person der würdigsten und pflichtgetreuesten Geistlichen. (Sehr richtig!) Gleichwohl wurde der Maigesetz-Entwurf damals Gesetz, und länger als ein Dezennium haben die Katholiken Preußens unter der Führung ihrer Bischöfe auf kirchlichem Gebiete, unter Führung ihrer parlamentarischen Vorkämpfer auf politischem Gebiete in heißem Kampfe gckämpit und gelitten. So viel galt uns die volle Freiheit unserer heil. Kirche. Für sie wurden
Durch rigtnt Schuld.
Roman aus der Handelswelt.
17. Fortsetzung.
Er schlug die Bücher zu und erhob sich, und nun lag wieder die volle gewohnte Ruhe auf seinem Gesicht. Er wäre im Stande gewesen, jetzt sofort in eine Gesellschaft zu gehen, zu scherzen und heiter zu fein. Niemand würde es ihm angesehen haben, was wenige Augenblicke zuvor in seinem Innern vorgegangen war.
Er rief den ersten Buchführer zu sich ins Zimmer und theilte ihm mit ruhiger, gleichgiltiger Miene mit, daß er Steider aus seiner Stellung entlassen habe, um sie mit dem jungen und tüchtigen Klenser zu besetzen und verließ dann, ohne eine Antwort des erschrockenen Buchhalters abzuwarten, das Zimmer, um seinen neuen Kompagnon abzuholen.
Er traf Kleuser noch in derselben freudigen und begeisterten Stimmung wie am Abende zuvor, und kaum hatte er das bemerkt, so erschien auch er so heiter und sorglos, als ob fein Geschäft nicht in der geringsten Verlegenheit wäre.
Kleuser war in der That noch der festen lieber« zeugung, einen glücklichen Schritt zu thun, und alle Vorstellungen seiner jungen Frau hatten nur
schwere Gefängniß- und schwere Geldstrafen erduldet, für sie gingen unsere Bischöfe in's Exil, für sie setzten Priester und Laien ihre ganze Existenz für die Gegenwart und für die Zukunft auf das Spiel, für sie haben wir gekämpft unter Aufreibung von Geist und Körper auf dem politischen Gebiete, auf dem parlamentarischen Boden und in den schweren Wahlschlachten, in denen das katholische Volk so glänzend trotz aller Drangsalirung sich bewährt hat. (Lebhaftes Bravo und Händeklatschen.) Diese Freiheit strahlte als einziger Hoffnungsstern in der dunkeln Nacht unserer Kämpfe, sie hat, wenn unsere Kräfte zu erlahmen drohten, unsere Kräfte verdoppelt, und nun, nach all' den Kämpfen sollten wir doch darauf verzichten, die volle Freiheit zu sehen, für welche wir so viel gelitten haben! Sie wissen, es ist ja zum Theil anders gekommen. Damals, als die Nachricht davon sich verbreitete, da ging, wie ich aus vielen Zuschriften der Diözese weiß, eine starke Strömung durch alle Herzen; man fühlte unwillkürlich das Bedürfniß, hinzueilen vor den Thron des hl. Vaters und zu bitten: Heiliger Vater, wenn um diesen Preis nur unsere Freiheit, unsere theilweise Freiheit zu erlangen ist, dann kämpfen wir lieber, als daß wir diese Feffel uns gefallen lassen sollten. (Bravo!) Die Entscheidung ist gefallen ; die Entscheidung ist anders gefallen, als wir im heißen Drange unseres Herzens gewünscht haben, der hl. Vater hat in einem Briefe an den Erzbischof von Köln vom 7. April 1887 geäußert: „Es mahnen Uns das Bewußtsein Unseres Apostolischen Amtes, sowie auch die Regeln der praktischen Klugheit, ein gegenwärtiges und sicheres Gut der zweifelhaften und unsicheren Erwartung eines größeren Gutes vorzuzi:hen. Denn wie auch die Zukunft den Gang der deutschen Angelegenheiten gestalten mag, gewiß sind es große und der Kirche ersprießliche Dinge, daß Bischöfe mit ihrer geheiligten Gewalt der Geistlichkeit und dem Volke vorstehen; daß das katholische Volk die Vorschriften des Glaubens und der Sitten von seinem Hirten empfangen kann; daß die zukünftigen Diener desHei- ligthums in Seminaren heilig zur Hoffnung des Priester- thums erzogen werden; daß die Mitglieder einiger geistlichen Orden öffentlich und vor den Augen des Volkes nach jeder Zi-rde der evangelischen Tugenden streben können." Der h. Vater sagt dann weiter, daß die ganze Angelegenheit betreffend die Ernennung damit noch nicht erledigt sein solle, daß darüber noch Verhandlungen schweben, daß er sich bemühen werde, eine gütliche Einigung herbei zu führen, und mit Rücksicht hierauf hält er, um den Zugang zu dem so lange und mühsam angestrebten Frieden endlich zu eröffnen, es für angezeigt, daß die Katholiken einen solchen Gesetz-Entwurf, mit welchem der andere gesetzgebende Körper sich zu befassen haben wird, zuzustimmen sich nicht weigere. Nun, meine Herren, die parlamentarische Vertretung der Katholiken Preußens hat den Hoffnungen des heiligen Vaters sich angeschlossen, und getreu dem Standpunkt, welchen sie während des ganzen politischen Kampfes unausgesetzt betonte, hat sie erklärt, daß sie der Aufforderung des Papstes folgen werde, und das katholische Volk, die Wähler dieser Abgeordneten, haben die Entscheidung dieser Abgeordneten gebilligt, die Gewählten und die Wähler, Klerus und Volk haben der Entscheidung des Papstes sich unterworfen, nicht so viel gewirkt, daß er entschlossen war, einen Theil ihres Vermögens zurückzubehalten nnb zu verheimlichen. Daß das Haus Damken wirklich gefährdet sei, glaubte er nicht, ober hielt die Gefahr wenigstens für sehr gering, da das Haus in der Handelswelt noch des vollsten Vertrauens und Kredits genoß.
„Ich habe meinen alten Geschäftsführer bereits entlassen", sprach der Handelsherr, „um Ihnen das Zusammentreffen mit ihm zu ersparen, denn ich denke, es würde keinen freundlichen E.ndruck aus Sie gemacht haben, wenn Sie sogleich das ängstliche Gesicht bes alten unfähigen Mannes erblickt hätten, den die geringste Verlegenheit in Verwirrung bringt und der Verlegenheiten erblickt, wo die vollständigen Deckungen vorhanden sind. Die Bücher sind vollständig in Ordnung, Sie bedürfen des Alten deßhalb nicht mehr."
„Es muß ihm schmerzlich gewesen fein, aus einem Geschäfte zu scheiden, in dem er so thätig gewesen," warf Kleuser ein.
„®s ging ihm nahe," erwiderte Damken, „aber ich konnte mein Geschäft nicht darunter leiben lassen. Ec war zu schwach zur Leitung desselben, und eine andere, geringere Stellung mochte ich i
ihm nicht anbieten; er würde sie auch nicht an- i
genommen haben. Er hat seinen Stolz und be- i
aus erzwungenem, widerwilligem Gehorsam, sondern sie haben sich unterworfen mit jener Ehrfurcht und mit jenem Vertrauen, welches der h. Stuhl von allen Katholiken zu erwarten berechtigt ist." (Bravo!) Der Papst habe sich in den Katholiken nicht getäuscht. Er habe im Interesse der gesammten Kirche Opfer verlangt; sie seien gebracht. Die Gefahr der Anzeige sei groß; sie sei aber gering, wenn der Klerus weiter seine Pflicht thue und sie ignorire. „Meine Herren, Sie werden antworten: das ist leicht gesagt und schwer gethan; aber das hat der Papst sich auch klar gemacht, und der Papst hat in dem Breve an den Erzbischof von Köln gerade mit Rücksicht hierauf gesagt: „In dieser Hinsicht bezeugen die von Euerer Geistlichkeit unter den schwierigsten Umständen erbrachten Beweise der Gewissenhaftigkeit und Standhaftigkeit, wie streng dieselbe an der Heiligkeit ihres Amtes festhält. Von den jüngern Geistlichen aber darf man mit Recht hoffen, daß sie, unter Euerer Leitung und Führung zum priesterlichen Amt erzogen, dereinst eben jene Tugendbeispiele erneuern werden." Der Papst sagt also: ich verlange von euch Schweres; aber ich verlange etwas, was ihr leisten könnt; ich verlange von euch etwas, was so recht in euerm geistlichen Berufe liegt; ihr wäret in den schweren Jahren des Kulturkampfes ein Schauspiel für die ganze Welt; Gefängnißstrafen und Geldstrafen haben euch von der Erfüllung euerer Pflicht nicht abwendig machen können — nun denn, bewährt dieselbe Pflichterfüllung wie damals, auch etwaigen neuen Versuchungen gegenüber, die an euch herantreten können; Versuchungen werden euch nahen, ihr werdet Verkennungen erfahren, ihr werdet Zurücksetzungen erfahren, vielleicht für euer ganzes Leben; aber wie ihr jenes nicht gescheut habt, so dürft ihr auch dieses nicht scheuen, und wie ihr damals ein Schauspiel für die Welt wurdet, so werdet auch jetzt noch ein Schauspiel für die Welt. Das sind schwere Worte; aber es sind Worte, von denen das Volk hofft, daß der Klerus treu und ganz sie beherzigen wird. Wenn der Klerus sie beherzigt, dann wird er von neuem beitragen zu dem Ruhmeskranze der katholischen Geistlichkeit, speziell von Preußen Wir leben in einem Zeitalter des sogen. Streberthums. Heute hält man es eigentlich für angebracht, daß man zur Erlangung einer guten Stelle, daß man, um Carrisre zu machen, seine Gesinnung ganz aufgeben kann, daß man seine Gesinnung hinten ansetzm kann; man bringt das Opfer der Ueberzeugung, bloß um eine Stellung zu erlangen. Dieser selben Gefahr wird der Klerus ausgesetzt, dieser Gefahr des Streberthums, und darum erwartet der Papst und erhofft und erwartet das Volk mit ihm, daß der Klerus trotz dieser Versuchung ein- müthig wie früher seinen geraden Weg fortgehen wird. Mögen diese schönen Erwartungen unseres heiligen Vaters in Erfüllung gehen, möge die Gefahr sich nicht verwirklichen, die wir in den langen Tagen der Entscheidung fürchteten, möge wirklich ein Zugang zum Frieden eröffnet werden, zum Frieden für den Staat und die Kirche!" Das Centrum habe, als es den Wünschen des h. Vaters folgte, keine Niederlage erlitten; es habe einfach gehandelt, wie es seit Jahren in Aussicht gestellt: was der heilige Vater billigt, werden wir nicht mißbilligen. Trotzdem ringen wir weiter nach voller Freiheit, trotzdem bleiben
barf keiner Stelle, um zu leben, benn er ist ver- mögend. Doch kommen Sie, lieber Kleuser, Sie müssen Einsicht in bie Bücher nehmen, unb bann müssen wir bie näheren Bedingungen festsitzen. Es ist Ihretwegen. Denn ba Sie nicht öffenllich als mein Kompagnon dastehen, müssen Sie wenigstens hinreichende Sicherheit haben für ben Fall, baß ich sterben sollte, ehe Ihr Name mit auf ber Firma steht. Ehe wir inbeß an ein so ernstes Werk gehen", fügte er lächelnb hinzu, „wollen wir unsere Verbindung einweihen unb auf bas Wohl unseres Hauses, sowie auf gute Kamerad- schäft trinken."
Mit aller liebensmiirbigen Freundlichkeit und Vertraulichkeit, weiche ihm zu Gebote stand, ergriff er ben Arm des jungen Mannes unb führte ihn in ein Weinhaus.
Was er beabsichtigt hatte, gelang ihm. Seine Unterhaltung unb vertrauliche Freundlichkeit, sowie ber treffliche schwere Wein, in dem er Kleuser auf ihre Verbindung zutrank, versetzten diesen in eine feurige Begeisterung.
„Sie stehen mir jetzt vollkommen gleich, lieber Kleuser", sprach der Handelsherr. „Lassen Sie uns stets eine aufrichtige Freundschaft und ein volles, offenes Vertrauen zwischen uns aufrecht erhalten; beide machen uns das Leben gegenseitig