M 147. Sonnabend, den 2. Juli. 1887
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Zweites Blatt.
e Juli.*)
Kaum ein Mann oder Feldherr des Alterthums hat so viele Monumenta aere perenniora (ewige Andenken) hinterlassen als Casus Julius Cäsar, welcher den Gymnasien einige klassische Schriften, den Imperatoren den Kaisertitel, der heidnischen Mit- und christlichen Nachwelt den julianischen Kalender und dem wärmsten Jahresmonat seinen Namen vererbte. Es war im Jahre 45 vor Chr. Geb., als Cäsar durch den Mathematiker Sosigenes eine verbefferte Jahresrechnung einführen ließ, die so gut war, daß sie mehr als 1600 Jahre sich unverändert hielt und dann noch mittelst einiger genialen Reformstriche Gregor's XIII. für mehrere Jahrtausende brauchbar gemacht werden konnte. Bei dieser Gelegenheit bekam der Monat Quintilis, d. h. der Fünfte im altrömischen, mit März beginnenden Jahre, den Namen Julius. Selbst Prof. Mommsen, der eifrigste Verehrer Cäsars, wird diese Namengebung nicht besonders glücklich finden können, weil Juli zu ähnlich klingt mit Juni. Trotzdem hat der deutsche Name „Heumonat" keinen Anklang gefunden.
Bei Nennung dieses Monats fällt uns sofort die „Julihitze" ein. Mit Rücksicht auf diesen Begriff hat man neuerdings in immer mehr Schulen Juliferien eingeführt. Obschon der Juli eine etwas höhere Wärmeziffer aufweist, als die beiden benachbarten Monate, so wird seine Witterung doch häufig durch Gewitter und andauernde Regenperioden unangenehm für Spaziergänger und Ausflügler. Gegen die Juliferien wendet man mit Recht ein, daß sie in den Rahmen der Ferien- Ordnung schlecht hineirpaffen und dem Unterricht mehr Schaden, als den Kindern Nutzen bringen, da der Wiederbeginn der Arbeiten in dem oftmals sehr heißen August die Juli Erfrischung bald wieder äufhebt. Man wird schließlich doch wohl zu dem altem System sechswöchentlicher „Kartoffelferien" und darnach Anfang des neuen Schuljahres zurückkehren muffen.
In den Kur- und Bummel-Bädern steht jetzt die Saison und die Geldschneiderei auf dem Höhepunkt. Einige halten es auch betreffs dieses Fs- riengenufles der Erwachsenen für das Praktischste, erst zu Ende des Sommers, August bis möglichst weit in den September hinein, dem Körper die übliche Erfrischung zukommen zu laffen, so daß die Rückkehr in den Staub und Schweiß der Arbeitszeit erst mit Beginn der Herbstkühle erfolgt. Wer keine Zeit oder kein Geld zu Bade- oder sonstigen Erholungsreisen hat, der tröste sich mit der Erwägung, daß man auch zu Hause den Sommer in schöner und ersprießlicher Weife^ genießen kann, wenn man es nur vernünftig anfängt, ja daß es sehr oft zu Hause viel besser ist, als in der „Sommerfrische", wo Aerger und Unbequemlichkeiten viel leichter zu haben sind, als die behagliche Ruhe, von der man geträumt hat.
Der Juli ist der erste Monat in der ab- steigenden Hälfte des Jahres. Die Tages- länge, welche im Anfang noch 16 Stunden beträgt, ist am Schlüsse des Monats schon auf 15 gesunken. Wir machen uns aber nichts daraus, denn wir haben immer noch einen Ueberfluß an Licht und an der entsprechenden Wärme, so daß die nächtlichen Schatten wohlthätig empfunden werden.
Poetisch ist der Juli gerade nicht; aber seine Prosa hat sehr nützliche und nahrhafte Seiten.
*) Nachdruck verboten.
Man nennt ihn Heu- oder Mähemonat, und aus diesem Namen ergiebt sich schon seine Bedeutung für die Verpflegung von Vieh und Menschen. Während wir uns an jungen Gemüsen und Frühobst erfreuen, sammelt der Landmann die Gras- Konserven für das Vieh ein; dann schreitet er zum Raps- und Rübsenmähsn und darauf zur Roggenernte, in günstiger gelegenen Gegenden und bei schnellreifender Witterung kommt sogar die Gersten- und Erbsenernte noch im Juli in Gang. Möge das Juliwetter nachholen, was im naßkalten zweiten Quartal versäumt worden ist!
Das bevorstehende Vierteljahr ist reicher an weltlichen, als an k i r ch l i ch e n Festlichkeiten. Der Juli hat auch den letzten Feiertag, der in die Woche fiel (Mariä Heimsuchung am 2.) an den folgenden Sonntag abgeben müssen. So hat er bloß 4 oder 5 Sonntage als Feiertage; dieses Jahr sind es 5; aber der gleichlange Mai hatte 8 Feiertage. — Aus dem Heilig en-Kalender für Juli sind hervorzuheben: Ulrich, Bischof von Augsburg (f 973), dessen Name früher viel populärer gewesen sein muß, al« heute, wie die zahlreichen alten Ulrich-Kirchen beweisen; Wili« bald von Eichstädt (f 786) und Kilian von Würzburg (f 689); Kaiser Heinrich II. (t 1024), der Kirchenlehrer Bonaventura (t 1274), Vincenz von Paula (f 1660), Margaretha, die zu den 14Nothhelfern zählt, Maria Magdalena und ihre Schwester Martha, Christian (f 300), der Apostel Jakobus und die H.Anua, PapstJnnocenzl. (f 417) und am letzten Tage des Monats der h. Ignatius von Loyola, der Stifter des immer noch aus dem deutschen Reiche vertriebenen Jesuitenordens (f 1553).
Wenn wir uns nach den geschichtlichen Ereignissen im Julimonat umsehen, so fällt der Blick zunächst auf die Kriege von 1866 und 1870. Am 3. Juli 1866 wurde bei Königgrätz die entscheidende Schlacht geschlagen; schon am 26. Juli wurden die Friedenspräliminarien zu Nlkolr- burg unterzeichnet. Der ruhmvolle Secsieg Tegett- hofs bei Lissa am 20. Juli konnte an dem Gange der Dinge nichts ändern. Wie im Juli 1870 der „Ruf wie Donnerhall" durch das Land ging und vom 15. ab dis Mobilmachung gegenüber dem französischen Angriff erfolgte, wie unter den ersten Probegefechten bei Saarbrücken der Monat Juli schloß, um dem August eine Reihe glänzender Siege zu überlassen, das ist wohl noch in aller Leser Gedächlniß.
Als weitere bedeutsame Juliereigniffe sind zu erwähnen: der Religionsfriede zu Nürnberg am 22. Juli 1532, die Unabhängigkeit« - Erklärung von den nordamerikanischen Kolonien am 4. Juli 1776, der Sturz der Bourbonen-Herrschaft in Frankreich durch die Julirevolution von 1833, die Einleitung des Kulturkampfes durch die Aufhebung der kath. Abth.'ilung im Kultusministerium am 8. Juli 1871.
Von ganz besonderer Bedeutung für die Kirchen- geschichte ist das Datum des 18. Juli, an welchem vor 17 Jahren im vatikanischen Konzil das Unfehlbarkeits-Dogma verkündet wurde. Die Stürme, welche seitdem über die Kirche dahin- gebraust sind, haben nichts anders zu erreichen vermocht, als eine neue Bestätigung des Wortes: „Und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen !"
Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so dürfte wohl dieses Jahr der Juli ohne bedeutende Zwischenfälle im politischen Leben vorübergehen. Doch wer kann dafür garantiren, daß sich nicht die plötzliche Gewitterbildung vom Juli 1870 an irgend einer Stelle unseres Erdtheils, etwa im
| Südosten, wiederholt? Und wenn auch die sog. Sommerruhe der Politik äußerlich ungestört bleibt, so geht doch innerlich die Vorarbeitung der alten, die Vorbereitung neuer „Fragen" ihren naturgemäßen Gang. Die bösen Faktoren im öffentlichen Leben ruhen nie, die guten Elemente müffen also auch immer auf der Wacht sein. Gerade die Katholiken Deutschlands befinden sich jetzt in einer Situation, welche mit erschlaffendem, verstimmen- dem, aasdörrendem Hochsommer Aehnlichkeit hat. Wenn der Himmel mit dem befruchtenden Regen geizt, so gießt der Gärtner mit erhöhtem Eifer, so viel er kann. Folge Jeder in seinem Bereich und nach seinen Kräften dem Beispiel, damit gegenüber den verschleierten Gefahren der Zukunft die alte Widerstandskraft gewahrt bleibt. Möge nicht, während die Leute schlafen, der Feind Un- kraut unter den Weizen säen!
Vermischtes.
*lAus Zürich) wird der Frkf. Zt. geschrieben: Die hiesige Universität zählt in diesem Sommersemester 524 Studirende (darunter 53 Damen, von denen 1 juristische Vorlesungen hört, während die übrigen in der medizinischen und der philosophischen Fakultät eingeschrieben sind.)
sDie größten Glocken.) Die gewaltigsten Glocken des Deutschen Reiches sind: die Kaiserglocke im Dome zu Köln mit 500 Ztr. Gewicht, die große Glocke im Dome zu Erfurt, 275 Ztr., Dom zu Magdeburg, 266 Ztr., die zweitgrößte Glocks im Kölner Dome, 224 Ztr., Elisabeth- kffche Zu Breslau, 220 Ztr., Petri-Paulskirche zu Görlitz, 217 Ztr., die Glocken zu Hildesheim und Halberstadt, jede l<0 Ztr., und in der Marienkirche in Danzig, 121 Ztr. Außerhalb Deutschlands befinden sich die größten Glocken 'N Zütphen in Holland, wo die größte eines Glockenspiels von 20 Stück 400 Ztr. wiegt; ferner in Olmütz, 358 Z., Siephansdom zu Wien, 345 Ztr., Dom zu Paris, 340 Z.
sKathederblüthen.) Sie sollten besser schreiben zumal jetzt, da ich so beschränkt bin an meinen Augen. — Albrecht wartete darauf, dem Adolf von Nassau ein Bein zu stellen. — Integer soll bei Ihnen gar, ich weiß nicht, was bedeuten. — Er verstand es gut, seinem Vetter Steine in den Weg zu legen und ihm den Riegel zwischen die Beine zu schieben.
sPoesie und Prosa.) „Sehen Sie, lieber Heinrich, wenn ich so Sonntags in den Wald gehe, und es ist Alles so still und feierlich, und ich höre die Vöglein zwitschern und in der Ferne läuten die Stadtglocken — ach — das regt mich allemal so — ich weiß nicht wie — so zum Mittagseffen an."
sWas Uebung macht.) Meisterin: „Das ist ja fürchterlich, was Du essen kannst!" — Bursche: „Ick hab' mir ooch von Jugend uf drin jeübt."
* (Ein besorgter Vater.) Im Theater. (Bauer zu seinem Sohn, der sich über die Brüstung legt): „Um Gotteswille, fall mer net da erunner, Andres, da unne kost's 2 Mark."
* (Diplomatisch.) Sag mal, Else, bekommst Du denn auch so langweilige Bücher aus der Leihbibliothek? O nein, ich schicke immer Papas Burschen hin und lasse bestellen, er möchte was recht Pikantes für den Herrn Major haben.
* (Schneidiges Glas.) „Sie hatten heute einen schlechten Platz, Herr Lieutenant!" — „Leider, Frau Baronin, habe aber schneidiges Glas — Darsteller alle 'ranjeschraubt!"
* Von einem patriotischen bairischen Bürger ist dem Berliner Magistrat ein ctzca 100000 Pfund schwerer Steinblock zum Geschenk gemacht worden. In Anbetracht der Seltenheit der Gabe will nun der Magistrat dem edlen Spender einen versifizirten Dank zukommen laffen und hierfür nachstehende Fassung wählen:
In solcher kolossalen Form
Ward wohl noch nie geschenkt auf Erden;
Der Block erfreut uns ganz enorm: Der kann uns nicht gestohlen werden!
* Am Technikum zu Buxtehude, das in dieser Zeitung seit Jahren nicht mehr erwähnt wurde, sind Einrichtungen getroffen, di- auch in nichttechnischen Kreisen um deswillen interessiren dürften, da dem zeichnerischen Unterrichte nunmehr eine Methode zu Grunde gelegt ist, die es erlaubt, daß der Fleißige und Begabte rascher sein Z'el als der Durchschnittsschüler erreicht, und der Eintritt jeden Tag erfolgen kann. Die Durchführung dieser Anordnung war indessen nur durch die Einführung des Einzelunterrichts und Neubearbeitung aller Lehrfächer ermöglicht.