1887
Sonnabend, den 2. Juli.
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Fuldaer
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Erstes Blatt.
Deutsches Reich.
Berlin. 1. Juli.
* Die Abreise des Kaisers nach Ems ist nun- mehr auf nächsten Montag angesetzt. — In Gastein wird Se. Maj., wie man von dort berietet, am 28. Juli erwartet.
• Der Deutsche Militärbevollmächtigte in Petersburg, Oberstlieutenant v. Villaume hat die russische Hauptstadt vorgestern verlassen und sich für einige Tage nach Berlin begeben.
* lieber die Beerdigung der irdischen lieber» reste des Kameraldirektors, Wirkt. Geh. RatheS Dr. Krätzig schreibt man der ,Schl. Vztg.' aus Warmbrunn, 29. Juni:
Gestern wurde ,u Hermsdorf u. K. der Wir«. Geh. Ober-Regierungs-Rath a. D., Reichsgräfl. Schaffgotsch'scher Kameraldirektor Dr. Krätzig, dessen plötzliches Ableben bereits gemeldet worden, zur letzten Ruhe bestattet. Die Begräbnißfeier legte ein sprechendes Zeugniß dafür ab, daß es dem Verstorbenen in seiner Stellung als Chef der Reichsgräfl. Verwaltung, welchen Posten er seit 12'/, Jahren inne hatte, gelungen war, sich das Vertrauen und die Hochachtung seines Herrn, seiner Unterbeamten, sowie des Volkes zu erwerben. Vom Klerus nahmen außer den Ortsgeistlichen theil: die Herren Erzpriester Lio. Thienel und Kaplan Fengler aus Warmbrunn, Pfarrer Liedl aus Greiffenberg, Himpe aus Schmiedeberg, Sternaux aus Arnsdorf, Probst Anter aus Lauban, Probst Zietkiewic, aus Obornik bei Posen und die drei Breslauer Domherren Karker, v. MoMbach und Spiske. Die Theilnahme des Volkes von beiden Konfessionen war eine allgemeine. Allen voran ging der Herr Reichsgraf Ludwig Schaffgotsch, der die tiefgebeugte Gattin des Entschlafenen zum Grabe geleitete, und seine Frau Gemahlin, die an der Seite des ältesten Sohnes ging. Herr Pfarrer Budler hielt unter Assistenz der Herren Kapläne W-nzko und Fengler die Gebete, die Leichenrede, das Requiem, die Einsegnung. Herrschaftliche Forstbeamte bildeten eine Art Ehrenwache, und einige davon trugen die Bahre. Vertreter von feiten der Staatsbehörden haben wir nicht gesehen. Und doch war Herr Dr. Krätzig die größte Zeit seines Lebens im Staatsdienste und hatte in demselben die hohe Würde eines Wirkt. Geh. Ober-Regierungsrathes und Ministerialdirektors erstiegen, und hatte er sich in allen Aemiern als einen gewissenhaften und treuen Diener seines Königs bewährt. Aber er war bei Auflösung der katholischen Ab- theilung des Ministeriums der geistlichen rc. Angelegenheiten zur Disposition gestellt worden ohne irgend ein p ersönliches Verschulden und später in den Ruhestand getreten. Er selbst hielt sich seitdem von allem öffentlichen Leben fern, hat aber in seiner Privatstellung bis an's Ende gearbeitet und sich große Verdienste gesammelt. Die
Durch eigene Schuld.
Roman aus der Handelswelt.
12. Fortsetzung.
Man mußte Damken bas Verbienst lassen, baß er eine Gesellschaft vortrefflich zu orbnen und zu unterhalten verstand. Die freundliche Aufmerksamkeit, welche er jedem seiner Gäste widmete und mit welcher er den einzelnen Wünschen und Bedürfnissen entgegenkam, zeigte ihn al» den reichm und noblen Wirth, zugleich nahm er aber auch an allen Unterhaltungen der Gäste Theil und wußte sich ihnen so gleichzustellen, daß er einem Unbekannten selbst als Gast erschienen sein würde. Er besaß einen fast bewundernswürdigen Takt, mit dem er sich in Gesellschaften bewegte und solche gab. Er war lebhaft und heiter, und doch behielt er stet» eine selbstbewußte Ruhe, welche bei Allen, die um ihn waren, ein sichere» und gemächliche» Gefühl hervorrief. Er galt deßhalb allgemein al» ein feiner Gesellschafter und war al» solcher beliebt.
Auch an diesem Abende war er, wie er immer zu sein pflegte. Durch keinen Blick verrieth er, daß er kaum eine Stunde vorher eine Nachricht empfangen hatte, welche seine ganze Existenz gefährdete. Er bewegte sich so sicher und ruhig, al»
reichsgräfliche Familie wird es ihm nicht vergessen, daß er in allen Zweigen der Verwaltung Ordnung geschaffen. Sein Vorbild als glaubenstreuer, frommer Katholik wrrd aber in der katholischen Gemeinde Hermsdors dem Volke theuer bleiben. Nach dem Grundsätze: „Wie die Aussaat, so die Ernte," wird er gewiß auch im Himmel reichen Lohn finden. R. i. p.
* In einem längeren Artikel über die Gefährlichkeit der Anlage von Geldern in russischen Werthen bemerkt die .Köln. Volkszig.', daß die Engländer und die Franzosen schon lange alle russischen Werthe abgeschüttelt haben. Nur die Deutschen, die sich leider trotz aller Warnungen immer wieder von den von der Börse abhängenden Blättern verführen ließen, sitzen mit zwei bis drei Milliarden fest. Was soll man nun aber sagen, wenn neuerdings wieder eine neue Konvertirung von 100 Millionen Rubel russischer Boden-Kredit- Pfandbriefe von den Firmen Rothschild und Bleich- rüder übernommen worden ist und zur Realisirung ausgelegt werden wird? Soll man sich mehr über die Unverfrorenheit wundern, mit welcher der Russe mit der einen Hand bettelt, während er mit der andern die Knute handhabt, oder übet den „Patriotismus" der Berliner Börse staunen, oder endlich über die Vertrauensseligkeit — um nicht ein stärkens Wort zu brauchen — des deutschen Publikums sich ärgern, welches wiederum lammfromm sein Geld auf die Schlachtbank legen wird? Endlich aber möchten wir an die deutsche Presse die F.-age richten, ob unter so klar liegenden Verhält- nissen sie wirklich nicht den Muth finden möchte, auch einmal ein offene» Wort zu sprechen. Da» deutsche Volk aber sollte mit dem Verkauf der russischen Papiere antworten; denn wie hat Rußland sich gegen die durch die That bewiesene Bereitwilligkeit der Deutschen, zwei bi» drei Milliarden seiner Werthpapiere freundlichst zu versilbern, benommen? Es hat seinen Dank durch Herausgabe des Ukas vom 14./26. März gegen den deutschen Besitz, sowie durch die Prohibitivzölle für Eisen, Kohlen und Koaks, die ebenfalls ihre Spitze gegen Deutschland wenden, in die That übersetzt. Den Franzosen dagegen, welche die russischen Werthe abgelehnt und sich vollständig kühl gegen alle pekuniären Anzapfungen von jener Seite verhalten haben, schmeicheln die Russen und schließen sich immer inniger an dieselben an. Wer die Russen wirth- schaftlich durch Zucker zu gewinnen suchen will, ob der Boden, auf dem er stand, für ewige Zeiten fest gegründet sei. Seine Heiterkeit hatte nicht» Erzwungene», er schien ganz dem Vergnügen der Gesellschaft zu leben.
Und dennoch waren die Worte de» alten Geschäftsführer» nicht au» feinen Gedanken gekommen, dennoch sann er auf einen Weg, um der Gefahr, welche so drohend und nahe an ihn heran- getreten war, auszuweichen. Er besaß eine außerordentliche Kraft, sich selbst zu beherrschen und seine inneren Gefühle zu verbergen. Niemand ahnte seine Gedanken und den Plan, den er rasch gefaßt und eben so schnell auszuführen strebte.
Er wußte, daß ein geschickter Geschäftsführer, auch wenn da» Geschäft ganz in seinem Sinne und ganz nach seinen Wünschen geleitet würde, allein nicht im Stande wäre, dasselbe au» der augenblichlichen Verlegenheit und Gefahr zu befreien. E« bedurfte außer einer umsichtigen und energischen Leitung auch sofortiger neuer Mittel um wieder festen Fuß zu fassen: dies hielt dann weniger schwer, da er den festgegründeten Ruf und Kredit seine» Hause» kannte.
Er hatte im ersten Augenblicke seine Gedanken auf den Herrn von Letzingen gerichtet, aber schnell ließ er diesen Gedanken wieder fallen, da er wußte, wie schwer sich dieser vom Gelbe trennte.
wird kein Glück haben; „— hart gegen har't" muß die Parole sein, um sie zur Eikenntniß zu bringen, daß selbst die Lammesgeduld des deutschen Spießbürgers ein Ende haben kann.
* Köln, 3. Juni. Heute Vormittag fand die kirchliche Einweihung der Kaiserglocke durch den Erzbischof von Köln statt. Nach beendetem Hochamte stieg derselbe, umgeben vom Domkapitel, einer größeren Anzahl von Geistlichen und den Alumnen des Priesterseminars, die Treppen de» nördlichen Thurmes hinan, wo die 540 Ctr. schwere Glocke in dem Oktogonstockwerk, 55 Meter über dem Fußboden der Kirche hängt. Hier wurden die Feierlichkeiten nach vorgeschriebenem Ritus in Gegenwart des Regierungspräsidenten, sowie der Spitzen der staatlichen und städtischen Behörden vorgenommen, und nach deren Beendigung um 12 Uhr erklang die Kaiserglocke in mächtigem Basse über die Stadt hin. — Der Deutsche Thierschutzverein wird am 29. Juli bis 1. August seinen Verbandstag in Köln abhalten. Für die Berathung sind folgende Gegenstände in Aussicht genommen: Schlachtung der Thiere, Viehtransport im Winter, Schutz der Singvögel, Hundesperre und Tödtung der Hunde, Vivisektion, Schutz der Igel, Verbot der Vorstellung dressirter Thiere.
* München, 1. Juli. General der Cavallerie, Graf Rechberg- Rothenlöwen, ehemaliger General- adjutant Königs Ludwig II., ist gestorben.
Ausland.
* Wien, 1. Juli. Der König von Serbien ist heute Vormittag hierher zurückgekehrt. — Nach der „Jndsp. b." hat König Milan infolge der Vorstellungen des Kaisers von Oesterreich beschlossen, nicht abzudanken und sich mit der Königin au»« zusöhnen. Der König fühlt sich also wieder sicherer auf seinem Throne —
e Paris, 1. Juli. Die Comitös der Patriotenliga in Bordeaux und Bayonne demissionirten wegen der Haltung, welche die Pariser Patrioten- liga hinsichtlich Boulanger'» eingenommen hatte.
♦ Rom, 1. Juli. Der Moniteur de Rome' ist in der Lage, die Existenz eines Akte» de» hl. Stuhles in Abrede zu stellen, welcher dem auf die römische Frage Bezug nehmenden Theile der päpstlichen Allokution vom 23. Mai wider-
Es lag ihm auch daran, ihm die bedenkliche Lage seines Hause» zu verbergen, um ihn nicht von der Bewerbung um die Hand seiner Tochter zurückzuschrecken. Er bedurfte eine» reichen Schwiegersohnes, um seine eigene Existenz sicher zu stellen; war der Herr von Letzingen einmal mit seiner Tochter oertunben, so hatte er nöthig, Rücksichten gegen ihn zu nehmen, denn dann lag e» in seinem eigenen Interesse, ihn zu unterstützen.
Er hatte alle seine Bekannten vor seinem Geiste vorüberziehen lassen, und unter ihnen hatte er einen jungen Mann gefunden, der ganz seinen Wünschen entsprach. Er entschloß sich, ihn für sich zu gewinnen, und e» schien ihm ein günstige» Zeichen zu sein, daß er ihn, ohne im entferntesten baran gebucht zu haben, zur heutigen Abendgesellschaft eingeladen hatte.
Leopold Kleuser, die« war sein Name, hatte sich vor einigen Wochen mit einer Freundin Gabrielen« verheirathet und zugleich mit seiner Frau ein nicht unbedeutende» Vermögen erhalten. Er war jetzt darauf bedacht, sich eine selbstständige Stellung zu schaffen, sobald sich eine passende Gelegenheit dazu darbot. Damken kannte ihn bereit» längere Zeit und wußte, daß er vorzugsweise in Aktiengeschästen eine gute Routine besaß, denn ohne irgend welche Geldmittel hatte er sich