N 146.
1887
Freitag, den 1. Juli.
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Deutsches Reich.
Berlin, 30. Juni.
* Der Bundesrath stimmte in seiner heutigen Sitzung den Gesetzentwürfen betreffend die Zucker- besteuerung und Unfallversicherung der Seeleute mit den vom Reichstage beschlossenen Aenderungen zu und überwies die vom Reichstage bei Berath- ung des Branntweinsteuergesetzes beschloffenen Resolutionen an den Reichskanzler.
* Dis protestantische ,Kreuzzeitung' plaidirt jetzt für die Rückberufung der Jesuiten. Denn die Jesuiten seien nie gegen den Papst, sondern immer für ihn aufgetreten. Das protestantische Organ verspricht sich offenbar politischen Nutzen, wenn die Jesuiten die päpstliche Anschauung im Volke vertreten. Die Katholiken werden sich um die Beweggründe nicht kümmern, aus denen die vertriebenen Orden in's Deutsche Reich zurückge- führt werden, sondern sich über die wiederge« wonnenen Lehrer und Volksfreunde freuen. Die Kulturkämpfer gestehen damit nur wieder einen Fehler ein.
* Dem evangelischen Pfarrer THümmel in Remscheid, welcher wegen Beschimpfung der kaiho- lischen Kirche und Beleidigung des rheinischen Rich- terstandes zu 9 Monaten Gefängniß verurtheilt worden ist, hat das Presbyterium (Kirchenvorstand) seiner Gemeinde sein Beileid ausgesprochen, indem es folgenden Beschluß faßte: „Indem wir aus dem Ereigniß der gerichtlichen Verhandlung gegen Herrn Pfarrer Thümmel mit lebhaftem Bedauern entnehmen, daß in der Verurtheilung seiner Person das Grundrecht unserer Kirche, das Wort der Wahrheit, worauf sie gegründet, zur freien Darstellung zu bringen, mitberührt ist, sprechen wir demselben die herzlichste Theilnahme und zugleich die Versicherung ans, daß durch den vorläufigen Abschluß des Prozesses unsere Stellung zu ihm, und ryie wir überzeugt sind, auch das Verhältniß der Gemeinde zu ihm bezüglich seiner pastoralen Wirksamkeit in keiner Weise getrübt wird." Der «Ausdruck „mitberührt" ist recht vorsichtig gewählt. Jndeffen scheint es doch, wie das ,Schw. Bl/ treffend bemerkt, als ob das Remscheider Presbyterium die Thümmel'sche Art, die katholische Kirche zu beschimpfen, als ein Grundrecht des Protestantismus betrachte.
Dmch eigene Schuld.
Roman aus der Handelswelt.
11. Fortsetzung.
„Ich soll Ihr Komptoir verlassen" — stammelte er mit zitternder Stimme. „Das Komptoir, in dem ich ein halbes Jahrhundert gelebt und gearbeitet habe?"
„Ich habe Ihnen meine Gründe, weshalb ich das Geschäft nicht länger in Ihren Händen laffen kann, gesagt," erwiderte Damken kalt.
Wieder stand der Greis erschüttert und regungslos da. Atühsam rang er nach Fassung. „Herr Damken — Herr Damken!" rief er endlich; „stoßen Sie mich nicht fort, laffen Sie das Geschäft in meinen Händen, denn nur ich allein vermag es zu retten. Ich kenne es feit fünfzig Jahren, ich weiß, wo es am stärksten und schwächsten ist. Roch jst seine Ehre und sein Kredit unangetastet; ich habe Freunde und Berbindungen; ich will Alles, Alles aufbieten, um es zu retten, und sollte ich selbst darüber zu Grunde gehen. Laffen Sie es mir, Herr Damken, nur wenige Monate noch, und kein Mensch soll erfahren, wie nahe es am Abgrunde gestanden. Nur jetzt, nur jetzt stoßen Sie mich nicht fort — oder es fällt und — Sie sind ein Bettler."
* Protestantische „Jünglingsbünde" gibt es int deutschen Reiche gegenwärtig 534, welche sich wieder zusammenschließen in folgenden sechs Jünglingsbündniffen: der süddeutsche Bund (Sitz Stuttgart); der rheinisch-westfälische oder westdeutsche Bund (Elberfeld); der norddeutsche Bund (Hamburg); der östliche Bund (Berlin); der sächsische Bund (Bautzen); der elsaß-lothringische Bund (Mühlhausen). Die Aufgabe der Vereine ist es, ihre Mitglieder im gläubigen Protestantismus vor sittlichen Verderben zu bewahren, ihnen in ihren Feierstunden Gelegenheit zu freundschaftlichen Zufammenkünften, wie zur Erwerbung nützlicher Kenntnisse zu bieten. Die Gesammtzahl der Mitglieder mag ca. 50,000 betragen.
* Das deutsche Konnte, für die Beschickung der vatikanischen Ausstellung hat in München eine Sammelstelle errichtet und wird in den nächsten Tagen die Instruktion für die deutschen Aussteller veröffentlichen.
* Die Generalversammlung der schlesischen Katholiken finSdt bekanntlich am 4. und 5. Juli in Neisse statt. Zur Erlangung einer Wohnung während der Dauer dieser Versammlung ist eine vorherige Meldung bei dem Kaufmann Herrn G. Witzke in Neisse erforderlich.
* Breslau, 27. Juni. Unsere Ursulinen kehren wieder zurück. Eine diesbezügliche Mittheilung ist bereits dem Magistrat zugegangen, damit derselbe rechtzeitig die Räumung des Ursulinenklosters von den zwei in demselben unter- gebrachten Elementarschulen und der katholischen Mädchen-Mittelschule bewirken kann. (Köl. Vztg.)
* Cassel, 29. Juni. Vertrauensmänner der Sozialdemokratie aus allen TheilenDeutschlands waren am Montag, Dienstag und heute hier zu Berathungen versammelt.
* Nach dem nun vorliegenden Resultat der bayerischen Abgeordneten-Wahlen stellt sich die Partei-Angehörigkeit der neugewählten Abgeordneten wie folgt: 78 Centrumsleute, 72 Liberale, 3 Angehörige der Bucher'scheu katholisch- konservativen Richtung (Dr. Rittler, Bucher, Schramm, Wille), 5 Conservative (Zahler, Löfflad, Beck, Lutz, Goppelt). 1 Mandat (Würzburg I) steht noch zur Wahl. Die Centrumspartei war im letzten Landtag ursprünglich 85 Mann stark,
Der Handelsherr setzte äußerlich ruhig seinen Weg im Zimmer fort und zuckte bei den bewegten Worten des Alten zweifelnd mit den Schultern. „Mein eigenes Interesse, ja meine eigene Rettung erfordert, daß ich mir einen andern Geschäftsführer wähle," erwiderte er. „Es thut mir deshalb leid, daß ich auf Ihre Bitte keine Rücksicht nehmen tarnt. Sie brauchen indessen nicht zu befürchten, daß ich Ihre langjährigen, meinem Hanse gewidmeten Dienste unbelohnt lassen werde. Sie mögen Ihr jetziges Gehalt ruhig fortbeziehen, so lange Sie leben. Ich will nicht, daß man mir nachsagt, ich hätte einen meiner Diener Roth leiden lassen — aber morgen treten Sie aus."
„Nein, nein, Herr Damken,,, rief der Greis in leidenschaftlicher Erregung. „Ich will Ihren Gnadenlohn nicht, ich brauche ihn nicht — denn ich bin reicher als Sie. O, hätte ich das ahnen können, hätte ich mein Geld hier behalten, ich würde Sie retten und Ihnen zeigen, daß ich nicht mein Interesse verfolge. — Herr Damken, lassen Sie das Geschäft in meinen Händen," fuhr er mit bewegter, fast flehender Stimme fort, indem er aus den Handelsherrn zutrat und dessen Hand ergriff, — „nur kurze Zeit noch lassen Sie es mir, bis ich es durch die jetzige schwere Krisis hindurchgeführt habe. Dann will ich gern zurückt eten und
verlor aber durch das Ausscheiden der Herren Bucher, Rittler und Genossen Mandate. Die Richtung Bucher erscheint wieder mit 3 Mandaten, ebenso bleiben die Conservativen bei der alten Ziffer, 5 Mandate, stehen. Die Liberalen haben statt 69 Mandate nunmehr 72, sie gewannen also 3 Mandate. Die Liberalen haben demnach das Ziel ihres Wahlkampfs, eine Majorität zu erringen, nicht erreicht, es bleibt vielmehr alles beim Alten.
* Kar lsruh e, 28. Juni. Der Aufsichtsrath der .Badenia', Verlag des .Badischen Beobachters', wählte an Stelle von Marbe-Freiburg Lender zum Vorsitzenden, worauf der Redakteur Dr. Kausen seine Kündigung einreichte.
* Nach Berichten aus Baden wird die Branntweinsteuer nach dem neuen Gesetz dort mit jedem Tage populärer. Das ist auch leicht erklärlich, denn bisher brachte der Ertrag der Branntweinsteuer im Großherzogthum der Landeskaffe cirka 700,000 Mark ein, nach der Einführung des neuen Gesetzes wird sich diese Einnahme auf über drei Millionen steigern.
Ausland.
* Brüssel, 28' Juni. Endlich erscheint eines der so heiß ersehnten Socialreformgesetze. Es beschäftigt sich mit der Frauen- und Kinderarbeit in Bergwerken und Fabriken. Kinder unter 12 Jahren dürfen gar nicht beschäftigt werden, Kinder von 12 bis 18 Jahren nicht über 12 Stunden täglich einschließlich eine mindestens 14/z stündige Ruhepause. Nachtarbeit ist erst vom 16. Jahre an gestattet. Frauen und Mädchen dürfen zu unterirdischen Arbeiten nicht verwendet werden. Dieses Verbot erstreckt sich jedoch nicht auf jene Arbeiterinnen, welche vor dem 31. Dez. 1874 geboren sind.
* Rom, 27. Juni. Die .Italic' will wiffen, es habe der Papst durch den Kardinal-Staats- sekretair Rampolla ein für die Nuntien bestimmtes Rundschreiben vorbereiten laffen, welches denselben die Anschauungen des Papstes in Bezug auf die Verföhnungsfrage zur Kenntniß bringen und sie in die Lage versetzen soll, etwaige über diesen Gegenstand an sie gerichtete Fragen zu beantworten. Die .Jtalie' glaubt zu wissen, daß das Rundschreiben die Erklärung enthalte, der Papst
Sie selbst werden den Augenblick segnen, in dem Sie Ihren Entschluß geändert haben."
„Ich bin kein Kind, welches Entschlüsse faßt, ohne sie zuvor überlegt zu haben," erwiderte Damken ungeduldig. „Es bleibt dabei, wie ich gesagt habe. Sie haben mein Haus nicht vor der Krifis bewahren können — ich mag Ihnen seine Rettung noch weniger anvertrauen."
Er trat an das Fenster. — In diesem Augenblicke fuhr ein Wagen vor der Villa vor und bie ersten der zur Abendgesellschaft geladenen Gäste w fliegen aus. Er grüßte freundlich hinab und wandte sich dann rasch zu seinem Geschäftsführer: „Ich werde morgen selbst in die Stadt kommen, um Ihren Nachfolger einzuführen und zu inflruiren. Sind die Hauptbücher in Ordnung?"
„Sie sind stets in Ordnung gewesen und sind es auch jetzt," gab der Alte mit größter Anstrengung zur Antwort.
„Um so besser," entgegnete der Handelsherr und wandte sich der Thür zu, um das Zimmer zu verlassen und die angekommenen Gäste zu begrüßen.
Noch einmal ergriff der alte Steider die Hand seines Herrn, Thränen traten ihm in die Augen und mit bebender Stimme bat er noch einmal ihn an seinem Platze zu lassen.
„Lassen Sie das, Herr Steider," unterbrach ihn