Jg 145. Donnerstag, den 30. Juni. 188?
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—* König Milan von Serbien in Wien.
Daß die Reise des Königs Milan von Serbien nach Wien ein Ereigniß von politischer Bedeutung sein würde, ftand von vorn herein fest. König Milan hat von jeher seinen Stützpunkt in Oesterreich gesucht und deshalb schwere Kämpfe zu be- stehen gehabt, Kämpfe, die bis in seine Häuslichkeit hineinragten und gerade dadurch sehr schwierig wurden. Die Königin Natalie, seine Gemahlin, ist eine Russin, und zwar Russin mit Leib und Seele. Sie bildete den Mittelpunkt der slavo- philen Bewegung im Lande, die denn auch obge- siegt hat. Damit ist eine Verschiebung der politischen Situation auf der Balkanhalbinsel zu Gunsten Rußlands und zu Ungunsten Oesterreichs eingetreten. Es hatte sich im Laufe der Zeit das Verhältniß herausgebildet, daß in Bulgarien der russische, in Serbien der österreichische Einfluß ob- waltete. Wie bedenklich eine Störung dieses Ver- hälinisies ist, haben die bulgarischen Wirren gezeigt, die ihren Ursprung darin hatten, daß sich Bulgarien dem russischen Einflüsse zu entziehen versuchte. Angesichts der bulgarischen Vorgänge hat aber Oesterreich niemals den Versuch gemacht, seinen Einfluß in Bulgarien an die Stelle des russischen zu setzen, obgleich ihm das gewiß leicht gewesen sein würde. Es ist im Gegenthsil bemüht gewefen, das alte Verhältniß wiederherzustellen und noch in jüngster Zeit hat Oesterreich den Bulgaren wieder dringend gerathen, sich mit Rußland zu verständigen. Ist Rußland in demselben Maßs Oesterreich gegenüber loyal verfahren, insofern es sich um die Aufrechterhaltung des österreichischen Einflusses in Serbien handelt? Thatsache ist, daß sich russische Agitationen gegen Oesterreich in Serbien geltend gemacht haben; ihnen ist es zuzuschreiben, daß Ristic und seine Partei an's Ruder gelangten. Es kann sich also wohl nur um die Frage handeln, inwieweit die russische Regierung dafür verantwortlich zu machen ist. Noch hat Rußland die Frucht de» slavophilen Sieges nicht zu pflücken vermocht; die Person des Königs Milan steht dem im Wege. Die Beseitigung diese» Hindernisses an sich würde für Rußland nicht eben schwer sein, wenn König Milan nicht auf die energische Protection Oesterreichs rechnen könnte. Sich darüber zu verge-
Durch tigtnt Schuld.
Roman aus der Handelswelt.
10. Fortsetzung.
„Ich habe nicht darauf gehört I" erwiderte der Handelsherr mit bitterem Tone. „Soll ich mir etwa von meinem Kommis Vorschriften machen lassen, wie ich zu leben habe? Soll ich mir von ihm meine Ausgaben zumcssen lassen, oder ihm Rechenschaft darüber ablegen? Sind Sie der Herr des Geschäfts oder bin ich es?"
„Sie sind es," erwiderte der Alte mit Nachdruck, „aber mir hat das Geschäft mehr am Herzen gelegen, als Ihnen. Mein ganzes Leben habe ich dem einen Zwecke gewidmet, die Ehre des Hauses rein und unbefleckt zu erhalten, und mein Leben würde ich freudig htngeben, wenn ich sie retten könnte."
„Wer hat Ihnen die Ehre meines Hauses anvertraut?" rief der Handelsherr heftig, „für die werde ich allein sorgen, wenn ich es für nöthig erachte. Nur die Leitung des Geschäfts habe ich in Ihre Hände gelegt, aber Sie scheinen meinen Vortheil nicht weniger iin Auge zu haben, als den Ruf meines Hauses, der Sie nicht» angeht?"
wissern, ob er in der That auf diesen Schutz rechnen kann, ist denn auch jedenfalls der Hauptzweck der Reife de» Königs nach Wien gewesen. Da» stimmt auch mit verschiedenen Interview- Berichten Wiener Blätter überein, wobei selbstredend immer noch die Frage offen bleibt, welchen Antheil die fruchtbare Wiener Reporter-Phantasie an diesen Berichten hat. Die serbische Frage hat ihren Schwerpunkt in Wien. Soll Oesterreich ruhig zusehen, wie ein Theil feiner Interessensphäre mit einem Ruck seinem Einfluß entzogen wird? Diese Frage war beantwortet, noch bevor König Milan seine Reise antrat, und die Antwort fand noch ihre besondere Accentuirung durch den ebenso glänzenden als herzlichen Empfang, der dem Könige am Wiener Hofe bereitet wurde. Man kann erwarten, daß Rußland Gleiches mit Gleichem vergelten und nicht weiter in die österreichische Interessensphäre hereingreifen werde. Die Konferenz, welche der König mit dem russischen Botschafter in Wien hatte, scheint die» zu bestätigen. Es bedarf nur eines Winkes von russischer Seite, um die Herren Ristic und Genossen dazu zu veranlassen, mit der Erlangung der Portefeuilles ihren Ehrgeiz vorläufig für be- friedigt zu erachten. Beide Theile, Rußland und Oesterreich, haben ein Jntsreffe daran, den bis- herigen Modus vivendi auf der Balkanhalbinsel aufrecht zu erhalten, wenn derselbe auch weit von den endlichen Zielen entfernt sein mag, die ihnen für eine spätere Zukunft vorschweben.
Deutsches Reich.
Berlin, 29. Juni.
* Dr. Mackenzie hat gestern, wie dem .Berliner Tageblatt' au» London telegraphirt wird, aus dem Halse des Kronprinzen einen weiteren Theil der Wucherung extrahirt, so daß nur ein kaum merklicher Theil zurückblieb. Leibarzt Dr. Wagner schickte sofort den extrahirten Theil an Professor Virchow. Trotzdem der Kronprinz sich am Sonnabend beim Heraustreten aus dem warmen Zimmer ins Freie eine Erkältung, die an sich absolut unbedeutend ist, zugezogen hat, ging die Extrahirung in günstigster und raschester Weise vollständig schmerzlos vor sich; im Zeitraum einer Sekunde war sie vollzogen. Immerhin verhinderte
„Als wenn es mein eigenes Geschäft gewesen wäre, so habe ich für das Ihrige gesorgt," entgegnete der Alte.
„Sie haben es vielleicht zu sehr als Ihr eigenes betrachtet," warf der Handelsherr mit einem spöttischen Blicke ein.
Eine flüchtige Röthe überzog die tief gefurchten Wangen de» alten Geschäftsführers, seine Augen waren fest und glühend auf den Handelsherrn gerichtet und in seinem Innern stürmte eine heftige Erregung. Die Worte seines Herrn hatten ihn auf das Tiefste verletzt, sie hatten das angegriffen, was sein Stolz, ja die Grundveste seines Lebens war.
„Herr Damken," sprach er mit vor innerer Aufregung zitternder Stimme, „Herr Damken," — wiederholte er, — „ich will Ihre Worte nicht gehört haben, weil ich zu stolz bin, einen solchen Verdacht zurückzuweisen. Aber das schmerzt mich, daß dies der Dank für meine fünfzigjährigen Dienste sein soll, der Dank für die mühevollen Tage und sorgenvollen Nächte, die ich Ihrem Geschäfte gewidmet habe."
„Sind Sie nicht dafür bezahlt worden?" fragte der Handelsherr mit verletzendem, wegwerfendem Tone.
diese Erkältung eine genauere Untersuchung der um die Wucherung liegenden Theile des Halses.
* Der Gesetzentwurf betreffend den Verkehr mit Wein ist bekanntlich im Bundesrath bereits Gegenstand der Berathung gewesen und an die Ausschüsse zurück verwiesen worden. Wie berichtet wird, hängt dies damit zusammen, daß Baiern verschärfende Bestimmungen wünschte, womit sich auch Sachsen und Württemberg einverstanden erklärten. Der Gegenstand wird deshalb noch einmal die Ausschüsse zu beschäftigen haben.
* Infolge des Wannseeer Eisenbahnunfalls ist eine Spezialkommission eingesetzt worden mit der Aufgabe, die Verhältnisse auf allen sog. Berliner Ausflug-Stationen der umfassendsten Prüfung zu unterziehen und, unbekümmert um die Kosten, jede Maßregel zu treffen, welche sich zum Schutze des Publikums als nothwendig oder nützlich erweist.
* Die Thierarzneischulen in Berlin und Han- nover sollen durch königlichen Erlaß fortan die Benennung „thierärztliche Hochschulen" führen.
* Die Wahlen in Bayern sind jetzt soweit vollzogen und bekannt, daß die Zusammensetzung der neuen Zweiten Kammer feststeht. Danach werden weder die Centrumspartei noch die Liberalen für sich die Mehrheit haben, vielmehr werden die beiden kleinen konservativen Gruppen die Entscheidung geben. Es sind dies 5 Katholiken und 4 Protestanten.
* Der Fachverein der Tischler in Weimar ist auf Grund des Sozialistengesetzes verboten.
Ausland.
* Wien, 29. Juni. König Milan wird am Samstag mit dem Orient-Expreßzuge nach Belgrad zurückkehren. (Fr. Z.)
* Pest, 28. Juni. Nach den nunmehr vollendeten amtlichen Aufnahmen über die Paks er Katastrophe wurde konstatirt, daß auf der verunglückten Plätte 372 Personen, 2 Fiakerpserde und ein Zugpferd sich befanden. Es haben sich 176 Menschen gerettet; 151 Personen wurden als Leichen aus den Wellen gezogen, 45 Personen wurden vermißt, die gewiß gleichfalls den Tod in den Wellen gefunden haben, so daß die Zahl der Opfer sich auf 196 beläuft. Die bisher vermißten Leichen dürften nicht so bald und nicht so
„Ich bin dafür bezahlt worden, Herr Damken, gleich wie auch ein Tagelöhner für die Arbeit bezahlt wird, die er gleichgültig und interesselos verrichtet."
„Wenn Sie glauben, daß Ihr Gehalt ein zu geringer gewesen ist, so trifft mich keine Schuld," erwiderte der Handelsherr. „Sie haben nie mehr beansprucht."
„Ich habe nie mehr gewünscht und nie mehr gebraucht, Herr Damken", entgegnete der Alte. „Ich habe nicht um dm Lahn gearbeitet, sondern au» Liebe zu ihrem Hause, mit dem all' meine Wünsche und Hoffnungen zu einem festen Ganzen verwachsen sind. Ihm habe ich meine eigenen Lebenshoffnungen und Pläne zum Opfer gebracht, aus Liebe und Anhänglichkeit zu ihm bin ich mein ganzes Leben hindurch Diener geblieben, während ich mir selbst eine selbstständige Stellung hätte erringen können."
Der Alte schwieg. Still ertrug er diese Kränkung. weil er sich bewußt war, sie nicht verdient zu haben, weil er wußte, daß von Allen, welche ihn kannten, nur der Handelsherr allein ihm die Achtung versagte, auf welche er mit vollem Rechte Anspruch machen konnte. Und weßhalb versagte er sie ihm, weßhalb war er über ihn erzürnt?