M 144. . Dienstag, den 28. Juni. 1887
filiier M 3tihing.
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Zweites Blatt.
*ZurReformdes Eisenbahnwesens macht die .Straßburger Post' aus Anlaß des Unglücks von Wannsce folgende Vorschläge:
Wer etwa 10 Jahre zurückdenken will, wird sich erinnern, wie stolz man damals auf die Errungen- schäft war, die Eisenbahnwagen mit Gas erleuchtet zu sehen. Die frühere Rüböl- oder Petroleum- beleuchtung war ja stellenweise geradezu jammervoll, und so begrüßte man denn die Einführung des Leuchtgases als einen Fortschritt. Merkwürdigerweise ist nun in der Zwischenzeit auch nicht ein einziger Eisenbahnunfall vorgekommen, in welchem brennendes Gas eine verhängnißvolle Rolle gespielt hätte, bis uns das Geschick auf einmal die unheimliche Fackel von Wannsee anzündete. Wir misten j.tzt, daß wir in unseren Eisenbahnzügen Nachts einen tückischen gefährlichen Feind mit uns führen, der uns zu Asche brennen kann, während draußen etwa auf dem Wartesteig unser Reisegefährte kaum Zeit findet, ein Glas Bier zu leeren. Was ist da nun zu thun? Sollen wir wieder zu den früheren Beleuchtungsarten zurückkehren? Die Leitungen der Eisenbahnen müssen Alles daran setzen, die technischen Hindernisse beiseite zu räumen, welche annoch der elektrischen Zugbeleuchtung im Wege stehen. Die elektrische Kadelver- bindung der einzelnen Wagen eines Zuges, das Anbringen von elektrischen Speisungskolben an den Wagen, all' das ist einfacher und ungefährlicher als das Gaskeffel- und Röhrensystem der jetzigen Einrichtung. Ein weiterer, der schleunigen Umgestaltung bedürftiger Gegenstand ist die Bauart
e Historische Anekdoten.
H (Nachdruck verboten.)
Die Bürger von Geisa mußten lange Zeit als Zielscheibe des Spottes wegen der verunglückten Probe ihrer Neimkunst, die ste dem Fürsten Amand gegeben hatten, herhalten. Tief gekränkt darüber, beschlossen sie bei erster Gelegenheit die Scharte glänzend auszuwetzen.
Die Gelegenheit ließ lange auf sich warten, aber sie kam.
Unter den Schrecken des siebenjährigen Krieges, der das Fuldaer Ländchen so schwer heimsuchte, war Heinrich von Bibra am 23. Oktober 1759 zum Fürsten und Bischöfe von Fulda proklamirt worden. Die feindliche Okkupation der Stadt nöthigte ihn, am selbigen Tage noch zu seiner Sicherheit in seine Stadt Hammelburg in Franken zu flüchten.
Erst als die Friedensglocken läuteten und das wilde Kriegsgetümmel gänzlich verrauscht war, konnte der Fürstbischof daran denken, die hergebrachte Rundreise durch das Land zu machen und die Huldigungen seines Volkes entgegcnzu- nehmen.
Mit Jubel wurde er allerwärts empfangen, vorab aber war es die Stadt Geisa, die sich in glänzender Weise hervorthat — einmal voll Freude, daß die Bedrängnisie des Krieges, die sie so schwer geschädigt hatten, nun vorüber, dann aber auch, um j.tzt der Welt zu zeigen, daß auch sie die edle Dichtkunst wohl zu üben wußte.
Durch einen prachtvollen Triumphbogen zog der Fürst am 15. August 1763 zur Huldigungsfeier in das reich und festlich geschmückte Städtchen ein. Als er dann am Abend die Gaffen passirte, um die glänzend illuminirten Häuser
der Eisenbahnwagen. Es ist viel darüber geredet und geschrieben worden, was bester sei: Abtheil- oder Durchgangswagen. Und die Freunde der Wagen mit den "in sich abgeschlossenen Abthei- hingen, der sogenannten Coupswagen, werden nicht versäumen, zu behaupten, daß, wenn die Unglückswagen von Wannsee seitliche Thüren gehabt hätten, die unglücklichen Feueropfer sich würden haben retten können. Man wird aber zugeben müflen, daß, wenn die Seitenfenster der verbrannten Durchgangswagen nicht mit Querstäben vergittert gewesen wären, die Rettung sich ebenso leicht hätte bewerkstelligen lasten. Wir sind mit unserer Bahnwagenbauart in Bezug auf die Coupswagen offenbar gar zu sehr auf dem Standpunkte sitzen geblieben, der vor einem halben Jahrhundert bei Einführung der Eisenbahnen geltend war. Die ungleich praktischeren Amerikaner, die ja allerdings viel größere Eisenbahnstrecken zu durchmesten vorfanden, haben diesen Standpunkt sehr bald verlafleu, wenn überhaupt je eingenommen und haben die Durchgangswagen gebaut. Man kann den Unterschied etwa so festlegen, daß man sagt, die Amerikaner haben den Salon, die Wohnstube auf die Schienen gebracht, und wir unseren guten alten Postkutschkasten. In dieser Anhänglichkeit an den alten Marterkasten sind wir aber entschieden zu weit gegangen. Die schlechte Luft der „Coups's", das häufige Aufreißen der seitlichen Thüren auf den Anhaltsorten, und häufig genug auch das Thürzulchlagen, all' das birgt eine Menge Gefahren und Unannehmlichkeiten in sich. Aber auch die Durchgangswagen haben ihre Schattenseiten; namentlich die, daß die Ausgänge sich nur an den Giebelseiten befinden. Immerhin bietet der Durchgangswagen die meiste Sicherheit gegen die bezeichneten Unannehmlichkeiten, und
zu besichtigen, da wartete seiner eine originelle Ueberraschung.
Auf dem Markte fand sich am Hauptbrunnen der Stadt ein großes Transparent angebracht, auf dem mit sinniger Namensanspielung eine gänzlich abgemagerte Ziege, welche wehmüthig gen Himmel schaute, abgebildet war. Unter dem Bilde aber stand mit ungemein großen Buchstaben folgender Vers:
„Ich arme Geis schrei' in die Wolken,' Der Krieg hat mich ganz ausgemolken. Und was mir noch blieb über. Das kriegt der Herr von Biber."
III.
Napoleon I. benutzte die alte Heerstraße, welche von Frankfurt nach Leipzig führt, als günstige Etappenlinie, die beständig von seinen kampf- : gewohnten Schaaren bedeckt war. Die kleine Kreisstadt Hünfeld, die an dieser Straße liegt, sah daher in jener bewegten Z it das Kriegsleben in den buntesten Bildern an sich vorüberziehen.
Eines Tages herrschte dort große Aufregung, heroorgerufen durch die Nachricht, daß der Kaiser selbst das Städtchen passiren werde. Man durfte da doch nicht an schuldigen Ehrenbezeugungen hinter den anderen Zurückbleiben; rasch wurden deßhalb die Gaffen festlich mit Laubgewinden geschmückt, sowie auch die Stadtmusikanten Aufgeboten, das Ihrige zur Erhöhung der Feierlichkeit beizutragen.
Schon vor Tagesgrauen war das ganze Städtchen erwartungsvoll auf dm Beinen. Da endlich kam der Wagen langsam heraufgefahren, in dem j des Kaisers untersetzte, doch breitschultrige Gestalt, im grauen Rocke mit dem historischen kleinen Hütchen auf dem weltbeherrschenden Haupte, sicht- : bar ward.
Freundlich blickte er sich um, dem Vivatrufen der Menge dankend, die ihn laut begrüßte; an
wenn man ihn noch mehr nach amerikanischem Vorgilde umändert, wenn man, ihn von dem Grundsätze der alten Postkutsche loslösend, mehr zu dem der behaglichen Wohnstube hinüberführt, dann wird ein Zustand erreicht werden, welcher möglichst viele Sicherheiten und Reiseannehmlichkeiten bietet. Rian schaffe Durchgangswagen mit Seitengängen, in welche die Coup«thüren münden; hierdurch werden die Ventilationsverhältniffe wesentlich gebessert werden. Oder man schaffe solche Wagen mit Giebelthüren und seitlichen Noththüren oder — wie sie die Straßenbahn Straßburg-Markots- heim hat — mit einer gemeinsamen Mittelthür und mit Noththüren an den Giebelseiten. Auf alle Fälle schaffe man endlich nach fünfzigjährigem Gebrauche die alten Postkutschen von den Schienen herunter.
Literarisches.
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feiner Seite saß der General Rapp, der bekanntlich ein geborener Straßburger, mithin ein Deutscher war.
Vor dem Posthause hielt der Wagen an. Eine Ehrenpforte prangte dort in riesigen Dimensionen, und feierlich trat der Distriktsmaire, umgeben von den „Spitzen in Gala, vor und hielt seine Rede. Dann wurden die Pferde gewechselt, und die Stadtkapelle, eine bunt zusammengewürfelte Truppe, deren Mitglieder die edle Musika nur zu ihrem Nebenverdienste trieben, mußte jetzt loslegen, um dem Ohre des Kaisers einen Kunstgenuß zu gewähren.
Napoleons Blick ruhte auf den drolligen Gestalten, welche mit grav.tätischem Ausdrucke ihren schlecht gestimmten Instrumenten eine Melodie entlockten; da nahm er plötzlich wahr, wie General Rapp an seiner Linken mühsam ein Kichern zu unterdrücken suchte.
„Was ist es, das Eure Heiterkeit erregt?" fragte Napoleon.
Der General stammelte verwirrt einige unzu- sammenhängende Worte, doch machte er dabei noch immer die gewaltigsten Anstrengungen, seine Lachmuskeln zu beherrschen.
Zum zweiteumale und jcht in schärferem Tone erklang des Kaisers Frage, während sein Blick durchdringend auf dem General ruhte.
Entschlossen, wenn auch noch immer zwischen Lachen und Verlegenheit kämpfend, versetzte dieser:
„Verzeihung, Sire — sie spielen ein deutsches Lied, und der T xt desselben lautet:
„Bist der beste Bruder auch noch nicht —
Wer dich sieht und kennt, der kauft dich nicht."
Auch über Napoleons strenge Züge zuckte jetzt ein fröhliches Lachen, das selbst noch anhielt, alber Wagen mit ihm bereits wieder zum Stadt« thore hinausrollte, begleitet vom schallenden Vivat« rufen der Bevölkerung von Hünfeld. I. G.