Einzelbild herunterladen
 

JK 144

Dienstag, den 28. Juni.

188/

Meer W 3titnng.

Erstes Blatt

* Viehzucht statt Getteidebarr wird vielfach dem Bauer von freihändlerischer Seite angerathen, um dann die Getreidezölle be- fettigen zu können. An sich ist ja die Mehzucht sehr nothwendig und jeder Halbwegs verständige Bauer wird sich neben dem Ackerbau auch der Viehzucht eifrig widmen. Wenn man aber dem Bauer räth, den Getreidebau zu vernachlässigen und bloß Fleisch und Fett zu züchten, so ist dieser Rath ebenso verkehrt und unausführbar, wie die der einseitig übertriebene Bau von Handelsge­wächsen. Was der Bauer erzeugt, muß doch auch einen Markt haben. Wenn aber Jeder Tabak, Zuckerrüben, Pfeffermünz, Kümmel, Cichorie und andere ähnliche Dinge baut, so wird sich bald kein Käufer mehr dafür finden. Aehnlich ist e» mit der Viehzucht sobald sie übertrieben wird, wie die Freihändler rathen. Da» wäre nicht nur nutzlos, sondern sehr bedenklich. Vor allem ist die Entwicklung der Viehzucht in einem Lande an den Genuß von Fleisch geknüpft, dieser aber hängt mit dem Wohlstand der Mafien zusammen. Der Wohlstand ist nun leider bei uns in Deutsch­land nicht so groß, um eine wesentliche Vermehrung des Fleischgenuffes zu gestatten, so wünschenSwerth es wäre. So bald wir uns daher mit aller Macht auf die Viehzucht werfen, und die Renta- bilität der Landwirthfchaft statt an den Getreide­bau, an diese knüpfen wollen, sind wir auf den Weltmarkt angewiesen. Der Einzelne kann wohl die Viehzucht zum Hauptgegenstande seiner Landwirthschaft machen und hohe Preise dabei er­zielen, wenn aber der Bauernstand als solcher die Erzeugung von Fleisch in die erste Linie stellt und zu diesem Zwecke die Felder in Wiesen ver­wandelt, so muß er sein Vieh größtentheilS in» Ausland verkaufen. Dort, auf dem Weltmärkte aber, kifft er wieder dieselbe Konkurrenz, die uns im Inlands schon so lästig fällt. Gegen den Druck des Weltmarktes auf den einheimischen Fleischpreis kann er sich — mittelst richtiger An­wendung seine« Stimmzettels bei den Wahlen — durch Schutzzölle sichern, auf dem Weltmärkte aber steht ihm diese Waffe nickt zu Gebote. Hier muß er sich Preise gefallen lassen, zu denen eben

Dirch tigtnt Schult.

Roman aus der Handelswelt.

9. Fortsetzung.

Als er einfuhr in die Besitzung seines Herrn, als der Wagen schnell in der Allee dahinrollte und die prachtvollen Anlagen des Parkes zu beiden Seiten ihm entgegen zu lachen schienen; al» sich vor ihm die stolze Villa erhob und Aller fast wie zum Spotte ein Zeuge der leichtsinnigen Verschwen­dung des Handelsherrn war, da tauchte eine dem Herzen de» Greise» fremde Empfindung in ihm auf, und er hätte empoispringend die Hand au»- strecken und wie zum Fluche der Pracht und Ver­schwendung ringsum entgegenrusen mögen: „Ihr seid der Fluch des alten Hauses Damken; ihr habt sein Herzblut auigesogen und in leichtfinniger, sündhafter Weise vergeudet! Wa» in Jahrhun­derten durch Fleiß und Mühen erworben ist, habt ihr in wenigen Jahren verzehrt! Aber wiegt euch nur in dem Sonnenschein, ihr Bäume und Wiesen, erhebe dich noch so hochmüthig, du stolze Villa, nicht ungerächt habt ihr zerstört, was schon Jahr­hunderte vor euch gestanden! Und wehe euch, wenn ihr nicht zurückzugeben vermögt, wa« ihr einst empfangen! Der Pflug wird noch über die Stätte ziehen, wo ihr jetzt so stolz prangt!"

Die »Fuldaer Zeitung- «scheint täglich, Son», und Feiertage ausgenommen »ierteljährlich« »b°nnEÜspr«s ohne Bnng«lohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf. mit d« belletristischen WochenbeUage .Sterne und Blumes tn Fulda 1 M. 70 Pt. auswärts I M. 75 Pf.

Inserate: Di« einspaltige Zette od« d«en Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechend« Rabatt.

in Deutschland kein Fleisch erzeugt werden kann. Wir hätten dann unseren Getreidebau vernichtet, müßten unfern Bedarf an Korn und Weizen auf dem Weltmärkte kaufen und dagegen unser Vieh tauschen, und zwar zu Preisen, bei welchen wir nur Verlust hätten. Da» Ende wäre unvermeid- lich der Ruin de« Lande«. Dahin würde un» die Weisheü de« Freihandel« führen.

Der Druck des Weltmarktes auf den Viehmarkt ist nicht viel weniger stark, wie auf den Getreidemarkt. Früher waren e» Holstein, Mecklenburg, Holland, Belgien und Frankreich, welche England und den Londoner Markt mit Vieh versorgten, während wir einen Theil unseres Viehes nach Frankreich abgaben und selbst von Oesterreich, Ungarn, Polen und Rußland versorgt wurden. Da brachten plötzlich die neuerfundenen, schnellsegelnden, schwimmenden Stallungen in einer Fahrt 600— 800 Stück Mastthiere mit nur 2—4 pCt. Verlust nach England! Während noch im Jahre 1875 au« den Vereinigten Staaten nur 299, au« Deutschland aber 50,141 fette Ochsen nach Großbritannien gingen, war diese« Verhältniß 1879 bereit« derart geändert, daß aus den Vereinigten Staaten 71,794, aus Deutsch­land aber nur mehr 23,267 Ochsen nach England verschifft wurden. Die Ausfuhr aus Deutschland hat von 1875 bis 1880 an Ochsen um 37,75 pCt., im Werthe von 3282 Millionen Mark ab- genommen. Dagegen stieg die Gesammtausfuhr an Mastochsen au« Amerika von 57,211 Slück im Jahre 1875 auf 182,756 Stück im Jahre 1880. England benutzte nun die verbesserte Schiff- fahrt, suchte seine Colonie, oder sagen wir viel- leicht besser feinen Tochterstaat Canada zu be­günstigen und Deutschland auf die Seite zu schieben. Das canadische Vieh darf frei auf den englischen Markt, da» deutsche muß daselbst sofort geschlachtet werden, eventuell darf e» nur in todtem, d. h. geräuchertem oder gesalzenem Zu­stande in« Land. Vorgebliche Ursache dieses Ver­botes waren Bedenken wegen der Rinderpest. Da machte Fürst Bismarck das Beispiel nach, sperrte aus gleichen, jedenfalls triftigeren Ursachen unsere Grenzen nach Osten und — unsere deutschen Bauern erhielten für ihr Vieh höhere Preise. Dieselbe Wirkung hatte bald darauf da» Verbot der Emfuhr amerikanischen Schweinefleisches. Grenz-

Der Wagen hielt vor der Villa still und der greise Geschäftsführer stieg aus. Ein reges, leben- diges Leben herrschte hier. Diener eilten geschäftig hin und her, denn die Vorkehrung zu einer großen und glänzenden Gesellschaft, welche der Handels- Herr an dem Abende gab, wurde getroffen. Lag nicht ein entsetzlicher, bitterer Hohn in diesen Vor­kehrungen ? Während das Geschäft am Rande eines Abgrundes stand, so daß es Menschenhände kaum zu retten vermochten; während da» Herz de« alten treuen Steider den Sorgen und dem Grame fast unterlag, gab der Besitzer diese« Geschäft« große und glänzende Gesellschaften, herrschte hier da« lustigste, sorgloseste Leben!

Ja, e« lag ein Spott in diesen Vorkehrungen, und Niemand empfand ihn schwerer, al» der alte Steider. Erschienen nicht die Pechfackeln, welche die weißen Statuen vor der V»lla in den Händen trugen, und die Pechkränze, welche um chren Kops geschlungen waren, um am Abende die Pracht de» Feste» zu erleuchten — erschienen sie nicht wie Todesfackeln, die über dem Grabe des alten Herrenhauses leuchteten? Es lag ein entsetzlicher Spott in diesem Leben, e» schien wie ein Tanz auf der dünnen und trügerischen Decke eines Vulkans.

Als ein Fremder stand der Alte inmitten dieses

sperre und Einfuhrverbot, zwei Maßregeln, die nicht im Wörterbuche de« Freihandel» stehen, find die Ursachen der besseren Viehpreise, auf Grund deren unsere Freihändler nunmehr unsere Bauem verleiten wollen, wo möglich den Getreidebau durch die Viehzucht zu ersetzen. Wohin un» das führen würde, haben wir schon gesagt: wir würden unseren Getreidebau verlieren und die Vermehrung der Viehzucht würde die Hoffnungen doch nicht befriedigen.

Geradezu verhängnißvoll aber für den kleinen Bauer und die Masse der ländlichen Ar­beiter und Taglöhner wäre e», wenn der Groß« grund.besitz in Menge den Rath der Freihändler befolgen und sich vorwiegend auf Viehzucht ver­legen würde. Im wahren Sinne des Wortes würde hier das Schaf und Rind den Menschen fressen, wie dies im alten römischen Reiche, zu unseren Zeiten in Irland, Schottland und Meck­lenburg der Fall gewesen ist. Der Großbesitz ist nämlich allein im Stande, die Viehzucht zu Preisen zu betreiben, bei welchen er allenfalls auf dem Weltmärkte noch concurriren könnte. Er würde seine Pachthöfe niederlegen, die Pächter vertreiben, die Felder in Weide verwandeln und auf diesen riesige Herden von Schafen oder Rindvieh er­ziehen. Dazu bedürfte es nur sehr geringen Auf- fichtspersonals und so würden alle die zahlreichen ländlichen Taglöhner und Arbeiter, welche jetzt in der Großwirthschaft Beschäftigung finden, von der sie mit dem Ertrage eines kleinen Gütchen« zu­sammen Icbtn tönnen, ihr» fSjifienj verlieren Sie würden sich dann zu den Vollbauern wenden, die es nicht dem Großbesttz gleich thun können und noch an dem Körnerbau festhalten; hier würde nun das Massenangebot der Arbeitskräfte die niedrigsten Löhne und irische« Elend herbeisühren. Weil aber der Großbesitz allein aus der Viehzucht eine Rente ziehen könnte, um so mehr je mehr seine Güter Fidettommisse sind, so würde er all- mälig den kleinen ländlichen Bauer und Halb­bauer auskaufen; diesem Vorgang würde bald auch der Vollbauer unterliegen und zwar um so schneller, je weniger er in dem Viehhandel auf dem Weltmarkt mit der Großwirthschaft zu konkurriren vermag. So würde der Uebergang von der Körner- zur Futterwirthschast M llionen von ländlichen Arbeiter und Kleinbauern bewegten und lustigen Leben«, und doch war e« seine Hand, welche die Mittel zu all' dieser Pracht hatte erwerben helfen. Er fragte einen Diener nach Herrn Damken, aber dieser war zu beschäf­tigt, um selbst nur auf diefe Frage antworten zu können. Er wandte sich an einen zweiten Diener, und mit diesem erging e« ihm ebenso. Durch ein reiche« Trinkgeld gelang e« ihm endlich, dem Herrn Damken seine Anwesenheit und fein drin­gende« Verlangen, ihn zu sprechen, mitzuthellen. Er mußte lange warten und, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, schritt er guf dem Hofe der Villa langsam auf und ab. Endlich kehrte der Diener zurück.

„Herr Damken hat keine Zett, Sie heute zu sprechen, weil er noch mit den Vorbereitungen zu der Abendgesellschaft beschäftigt ist," sprach der Diener, „Sie möchten morgen wiederkommen."

„Ich wiederkehren, wenn e« zu spät ist," rief der Grei« mit einem biltern Lächeln. „Ec hat keine Zeit, fein Gesckäft —" er verschwieg die folgenden Worte. „Ich muß den Herrn sprechen, beute noch, mein Geschäft leidet keinen Aufschub. Sagen Sie das dem Herrn Damken, ja sagen Sie ihm, daß ick ihn sprechen mußte." — Er unterstützte seinen Auftrag durch ein Trinkgeld und der Diener ging.