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Sonnabend, den 25. Juni.

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* Das Massen-Unglück auf der Donau.

Unter der Führung der Abtes und Pfarrers Johann Spieß, des Cantors Varga und einiger Kapläne machten sich Samstag Nachmittag, etwa 300 Personen, Männer, Weiber und Kinder, zur Wallfahrt von Paks nach Kalocsa auf, um das Fest der heiligen Juliane mit zu begehen. Der lange Zug bewegte sich unter Vorantritt der Geist­lichkeit im Ornat, mit wehenden Kirchenfahnen und unter Absingung der Choräle zur Biskoer Fährte, bestieg daselbst die große Ueberfuhrplätte, welche seit Menschengedenken den Verkehr zwischen den beiden Ufern versieht, um über die Donau zu setzen. Der Strom ist an dieser Stelle bedeutend breiter als bei Pesth; dis Fährte zählt überhaupt zu den größten im ganzen Laufe der Donau. Man behauptet, daß die Barks in Folge des vieljährigcn Gebrauches morsch und faul gewesen. Zu den Wallfahrern gesellten stch noch zahlreiche Marktfahrer, so daß die Plätte auf's äußerste belastet war. Die Fährleute stießen trotz der augen­scheinlichen Ueberfüllung und trotz des herrschen­den Sturmwindes vom Ufer ab. Der Wind spielte mit dem Fahrzeuge förmlich Fangball, peitschte die Wogen des Stromes zu bedeutender Höhe auf, die Plätte ächzte und krachte in allen Fugen, und angsterfüllt schrieen die Weiber und Kinder auf. Die Plätte war ganz fehlerlos; sie war erst vorige Woche reparirt worden. Als die Passagiere auf der Plätte waren, bemerkten sie plötzlich mit Schrecken, daß die Plätte sehr tief sinke, und daß nur das Geländer aus dem Wasser hervorragte. So fuhren sie ungefähr 100 Meter weit. Die Plätte schaukelts fortwährend bedenklich; die Frauen hielten sich aneinander, als plötzlich eine Sturz­welle über die Plätte fuhr und mehrere Weiber in’« Wasser schwemmt-;. Die Usbrigen erfaßte Entsetzen, und sie rannten erschrocken auf die an­dere Seite, wodurch die Plälte umkippte. Sämmt- liche Personen stürzten in's Wasser. Von Rettungs­versuchen konnte Line Rede sein, denn bis Kähne aus ziemlicher Entfernung anlangten, waren die Meisten ertrunken. Dem Vernehmen nach war der Fährmann betrunken und stieß mit dem Schiff auf einen Felsen, was in Verbindung mit der unvernünftigen Ueberfüllung der Fähre und dem Sturm das Schiff zum Umkippen brachte. Ein einziger, furchtbarer, die Luft erschütternder Schrei des Entsetzens durchzitterte die Luft. Abt Spieß entledigte sich rasch seiner Oberkleider, spendete mit erhobenem Kreuze den Sinkenden den Segen und sprach ein Todtengebet. Dann stürzte er sich kopfüber in's Wasser und rettete sich schwimmend an's Ufer. Während des Schwimmens erblickte er ein mit den Wellen ringendes Kind. Er faßte es in seinen starken Arm und rettete dem armen Wurm das Leben. Sehr Viele kamen deßhalb um, weil die des Schwimmens nicht kundigen Frauen und Kinder die schwimmenden Männer krampfhast umklammerten. Die Ufer gleichen weitgedehnten Leichenhöfen, wo die Todten in schauerlich langen Reihen liegen. In Paks gibt es manches Haus, das nunmehr gänzlich verödet. Der Eigenthümer des Ueberfuhrkans, Stephan Müller, wurde v r haftet und die strafgerichtliche Untersuchung gegen mehrere Personen eingeleitet. Aus dem Strom werden fortwährend neue Leichen gezogen und dürste die Zahl derselben 300 betragen. Die Plätte selbst, welche an's Ufer gezogen wurde, barg 42 Leichen. Wägermeister Johann Riedl wurde, die Leiche seines Sohnes unter dem Arme haltend, tobt aus dem Strom gezogen. Vorbeter Stephan Weiß und deffen Gattin wurden, aneinander fest umarmt haltend, an's Land gebracht. Im Gemeinde- Hause stehen ganze Körbe mit Frauenkämmsn,

Gebetbüchern u. dgl. Frau Aloysia Zimmer konnte sich nur dadurch retten, daß sie sich von den sich an sie klammernden Frauen durch Beißen befreite; dieselbe wurde wahnsinnig. Ein Berichterstatter fand noch die Kadaver zweier ertrunkener Pferde in derselben Stellung mit den über das Geländer geworfenen Beinen, wie sie zum Sprung ansetzen wollten, durch das Riemenzeug daran jedoch ver­hindert worden waren. In seiner Anwesenheit wurden aus einer seichten, mit Schilf bewachsenen Stromstelle sechs Frauenleichen herausgefischt. Alle waren bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ihre An­gehörigen erkannten sie an den Kleidungsstücken. Eine Frau Feil wurde mit gegen den Himmel erhobenen Armen und mit dem Rosenkranz um den Hals aufgsfunden. Längs des ganzen Ufers stehen zahlreiche Bauernwagen, deren Eigenthümer der Heimbeförderung ihrer Todten harrten. In der Stadt selbst standen die Bewohner in dichten Gruppen vor den Häusern und blickten dem end­losen Leichen-Transporte nach. Die Gaffen, welche abseits von den Donaustraßen liegen, waren ganz ausgestorbsn. Rur in zwei Werkstätten wird seit gestern Tag und Nacht gearbeitet, gehämmert und g hobelt; es sind dies die Sargtischlereien, in welchen die herandrängenden Kunden einander beinahe erdrücken. Es mußten schon Vormittags aus den Nachbarorten Särge geholt werden. Eine erschütternde Fortsetzung fand die Katastrophe auf den Friedhöfen. Auf den vier katholischen Fried­höfen der Stadt wurden die Leichen bestattet. Lus jedem Friedhofs erschien je ein Kaplan und nahm in Anwesenheit von Hunderten von Menschen die Einsegnung der Leichen vor, worauf unter herz­zerreißenden Jammerrufen die Bestattung erfolgte. Kardinal Heynald, welcher auf der Reise von Wien nach München begriffen war, ließ von Linz aus, wo der Schnellzug einige Minuten anhält, 1000 Gulden für die Hinterblisbsn telegraphisch anweisen. Abt Spieß, der sich retten konnte, ist kurz darauf gestorben.

e? Hiß,rische Anekdoten.

j (Nachdruck verboten.)

Das weimarische Landstädtchen Geisa, welchem der Ruhm gebührt, Geburtsort des berühmten und gelehrten Jesuiten Athanasius Kircher zu sein, war bis zur Säkularisation dem Hochstifte Fulda ge­hörig. Und die Bürger von Geisa waren treue und loyale Unterthanen ihres geistlichen Landes- fürsten, wenn sie auch ihre Rechte mitunter selbst ihm gegenüber energisch zu vertheidigen wußten.

So handelte es sich einst um einen ausgedehnten Wald, den sowohl der Fürstabt von Fulda als auch dis Stadt Geisa jedes als Eigsnthum bean­spruchte, und um d n sich darob ein langer und verwickelter Rechtsstreit enlsponnen hatte.

Da geschah es, daß im Jahre 1737 der seit­herige Fürstabt Adolf von Dalberg mit Tode ab. ging, und das Kapitel des Hochstiftes erwählte zu seinem Nachfolger den Stiftsdechant und Weih­bischof Amand von Buseck, unter dem die reichs» unmittelbare, gefürstete Abtei Fulda zum Bis- thume erhoben wurde.

Kaum hatte Amand die Regierung angetreten, als eine aus den hervorragendsten Bürgern der Stadt Geisa bestehende Deputation in der geist- lichen Residenz anlangte und in einer wohlgesctzten Rede den Fürsten zu seiner Thronbesteigung be­glückwünschte.

Mt gnädigem Lächeln hörte der Fürst die lange Rede an und fand sogleich des Pudels Kern heraus — auf den bestrittenen Wald zu re- stgniren.

„Wohlan, meine lieben Geisa er," erwiderte er

heiter, „weil ihr denn so gute und getreue Landes- kinder seid, so will ich meinen wahlberechtigten Ansprüchen auf den Wald entsagen — jedoch nur unter einer Bedingung: Wenn ich demnächst mein Land durchreise, um die Huldigung meines Volkes entgegenzunshmen, und ich komme in eure Stadt, so sollt ihr mir auf meinen Gruß, den ich euch entbieten werde: „Gott grüß euch, ihr Bürger von Geisa!" mit einem passenden Reim ant­worten. Könnt ihr dieses, so sei der Wald euer — könnt ihr es nicht, dann schwebe der Proceß weiter, der aller Wahrscheinlichkeit nach doch zu meinen Gunsten entschieden werden muß."

Verblüfft von dem seltsamen Bescheide kehrte die Deputation nach Geisa zurück. Nun wurden Rathhaussitzungen gehalten, in denen man sich — vorab der Bürgermeister — schier die Köpfe zer­brach, den paffenden Reim auf das fatale Stich­wort zu finden.

Endlich kam dem Haupte der Stadt zuerst — wie dies ja in der Ordnung — eine erleuchtete Idee.

„Ich hab' den Reim gefunden!" rief er tri- umphirend aus. „Sobald Se. hochfürstlichen Gnaden uns begrüßen mit den Worten: „Gott grüß euch, ihr Bürger von Geisa!" dann werde ich als Vertreter der Stadt mit geziemender Würde und Devotion antworten: „Gott dank euch, Herr Fürst, und dis lieb' Fra!" — Ist dies nicht ein Vers, wie er besser nicht gedichtet werden kann?"

Ein beifälliges Murmeln lief durch die hochan­sehnliche Rathsversammlung, und nachdem alle mit gebührender Bewunderung die Weisheit ihres Herrn Bürgermeisters anerkannt hatten, gingen sie heim und sahen nun beruhigten Gemüthes dem Einzüge des Fürsten entgegen.

Im Festkleide prangte das Städtchen, als der ersehnte Tag gekommen, und vor dem alten Fulda- thors stand der hohe Magistrat bereit, den Fürsten feierlichst zu empfangen.

Endlich erblickte man den nahenden Zug, und prächtig war er anzufchauen, denn Amand von Buseck war ein gar prachtliebender Herr, der es liebte, viel äußeren Glanz zu entfalten.

Die Glocken der Stadtthürme läuteten, und die Böller krachten dazu, als der Fürst mit seinem Hofstaats am Thore erschien.

Voran auf schnaubenden Rossen, die mit kost­baren gewirkten Stoffen und Tigerfellen bedeckt waren, kamen die Hofkavaliere, stolze Herren mit schweren, goldverbrämten Röcken, aufgekrämpte Hüte auf den mächtigen, gepuderten Perücken und blitzende Schnallen an Knieen und Schuhen. Dann folgte — umgeben von den martialischen Ge­stalten der Leibhusaren, welche große Bärenmützen und Karabiner trugen — der mit sechs edlen Rappen bespannte und ganz mit rother Seide ausgeschlagene Pcachtwagen, in welchem der Fürst saß.

Mund und Augen weit aufceißend, stand die Deputation da und starrte in staunender Ver­wunderung das glänzende Schauspiel an.

„Gott grüß euch, ihr Bürger von Geisa!" erklang es j tzt hell aus dem Wagen.

Aber war es denn ein Wunder, daß nach dem überwältigenden Eindrücke von so viel Glanz unv Pracht dem Wortführer im kritischen Momente der bedeutungsschwere Reim entfallen war!

Sprachlos richtete er den B ick auf den Fürsten und suchte und suchte und suchte in seinem Ge­dächtnisse. Aber mit einemmale ertönte seine Baßstimme, dröhnend und unverzagt: „Gott dank euch, Herr Fürst, und dis heilige Mutter Gottes!

Da lachte Amand von Buseck, daß ihm dis Thränen die Wangen herabrollten, und er schenkte seinen getreuen Geisaern gnädiqst den Wald. I. G.