Freitag, den 24. Juni.
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Deutsches Reich.
Berlin, 23. Juni.
• Das Geschenk, welches der Kaiser und die Kaiserin aus Veranlassung des 50jährigen Regierungs-Jubiläums der Königin von England für dieselben bestimmt haben, ist ein vom Bildhauer Professor Kopf in Rom ausgeführtes Kunstwerk, bestehend aus einem Doppslrelief des Kaisers und der Kaiserin. Die Medaillons, welche 40 bis 50 Centimeter Durchmesser haben, enthalten die Köpfe der Majestäten in Lebensgröße und sind in eine Marmorplatte eingelasien, welche von einem sehr reich verzierten und mit Emblemen versehenen Rahmen von lichtblauem Marmor umgeben ist. Die Größe beträgt über 1 Meter Höhe und l1/2 Meter Breite. Die überaus gelungene Arbeit ist am Tage der Jubiläumsfeier der Königin von England, von dem Kronprinzen persönlich übergeben worden.
* Im .Reichsanzeiger' wird die vom Bundes- rathe genehmigte Verlängerung des über Leipzig verhängten kleinen Belagerungszustandes auf ein weiteres Jahr publizirt.
* Der Verein der Berliner Großdestillateure hat sich gestern über eine Erhöhung der Branntwein- und Liqueurpreise im Groß- und Detailhandel geeinigt. Im Großhandel soll eine Erhöhung bis zu 25 Pf. pro Liter je nach Qua- tität eintreten.
* Der Geh. Ober. Regierungsrath Over weg in Berlin ist mit 58 von 88 Stimmen zum Landesdirektor der Provinz Westfalen gewählt.
* Düsseldorf, 21. Juni. In der gestrigen Konferenz der preußischen Landesdirektoren wurden folgende Fragen berathen: 1. Ist ein Be- dürfniß dazu vorhanden, daß unter § 22 des preußischen Gesetzes betr. Ausführung des Reichr- gesetzes über die Abwehr und Unterdrückung der Viehseuchen vom 12. März 1881, wonach die Provinzialverbände beschließen können, für an Pockenseuchen gefallene Schafe Entschädigung zu gewähren, auch das an Milzbrand gefallene Rindvieh subsumirt werde? Es wurde beschlossen, sich dahin auszusprechen, daß den einzelnen Provinzen die Befugniß zur Schaffung entsprechender Einrichtungen gesetzlich beigelegt werden möge. 2. Wie würden die Provinzialoerbände zu einer pro-
Durch tigntt Schuld.
Roman aus der Handelswelt.
6. Fortsetzung.
Er brach das Gespräch ab und verließ das Zimmer. Der Diener blieb noch eine Zeit lang in demselben zurück. Er trat dann ans Fenster, und als er seinen Herrn über den Hof schreiten sah, wandte er sich vom Fenster ab und warf sich ungenirt und behaglich auf das Kanapee. Er schien über den soeben erhaltenen Auftrag nachzudenken und au» dem höhnischen Lächeln, welches sich um seinen Mund zog, konnte man errathen, daß ihm derselbe nicht ganz angenehm war.
„Es soll also wirklich so etwas wie Hochzeit heißen," sprach er zu sich selbst, indem das Lächeln seinem Gesichte einen fast grinsenden Ausdruck gab. „Das adelige Vollblut will sich mit dem bürgerlichen Gelde kreuzen, ha, ha, da käme vielleicht eine ganze neue Menschengattung zu Stande. Und ich, als der treue, ergebene Dcener, soll den Spion machen und auskundschaften, ob der W g auch rein und sicher ist, auf dem das adelige Blut vor die Thür des Fräuleins reiten will. Ich soll das Beste dabei thun, um, wenn es gluckt, der künftigen gnädigen Frau in tiefster Unterlyänigkeit die Hand lüften zu dürfen, wenn es aber nicht glückt, den
vinziellen Rückversicherung der Orts - Viehver- sicherungSvereine sich stellen? Beschluß: Ein Be- dürfniß wurde nicht anerkannt. 3. Ist eine gesetzliche Bestimmung erforderlich, welche störende Eingriffe der Eltern in die Zwangserziehung unter Strafe stellt? Die Frage wurde mit großer Majorität verneint.
* München, 23. Juni. Die Liberalen (bisher 69) gewannen 8 Mandate (München, Augs- bürg, Regensburg), verlieren 2 (Weißenburg). Jetzige Stärke 73. Die Centrumspartei (bisher 86) verlor 8 (München, Augsburg, Regensburg) an die Liberalen, 4 an die Bucher'schen, gewinnen dagegen 2 (Weißenburg). Gegenwärtig 76. Die Konservativen (bisher 4) haben 3 Mal' -** 8 sind ungewiß, darunter Fürth mit 3, Ans mit 3 Sitzen. Die Freisinnigen haben bis jetzt ft), früher 18 Sitze. In München I wurden definitiv gewählt : Liberale 246, Centrum 50, Demokraten 32. Die Kandidaten werden morgen aufgestellt werden. In München II wurden 5 Liberale gewählt. (Fr. Z.)
* Freiburg i. 33., 22. Juni. Zu einem Ausbau des katholischen Vereinshauses wurde vor einigen Tagen der Grundstein gelegt. In der Urkunde, die in den Grundstein eingemauert wurde, heißt es u. A.:
„. . . . im sechsunddreißigsten Jahre der Regierung des Großherzogs Friedrich, in der Zeit, als der Weg zur Beilegung der Zwistigkeiten zwischen Staat und Kirche eröffnet war, wurde u. s. w."
* Darmstadt, 23. Juni. Auch die Erste Kammer nahm die kirchenpolitische Vorlage einstimmig an. — Morgen wird der Landtag geschlossen.
Ausland.
* Aus dem Osten Europas kommen fortgesetzt allerlei dunkle und beunruhigende Gerüchte. In Serbien spielen sich Dinge ab, die sich augenblicklich nicht kontroliren lassen. Die Königin Ra- talia, die mit der österreichfreundlichen Haltung des Königs schon längst nicht einverstanden war, hat sich nach Rußland begeben, woselbst sie natürlich eine gute Aufnahme gefunden hat. Die Eventualität einer Scheidung des Königs Milan von seiner Gemahlin scheint^noch nicht ausgeschlossen zu sein; auch läßt sich noch nicht übersehen, bis zu welchem Grade durch das neue serbische
Unwillen des Herrn auf mich nehmen. Ho, ho! Herr von Letzingen, das geht nicht! Sie glauben, daß ich aus einem UnterthäniqkeitSgefühle gegen Sie nur Ihre Interessen im Auge habe, als ob ich mich den Kukuk um Ihre Jntereften kümmerte, sobald Sie nicht den meinigen dienen! Meinen Jntereften läuft es aber zuwider, daß ein Frauenregiment hier im Hause eingeführt würde, so lange ich das Vergnügen habe, darin zu verweilen. Ehe Sie unter die Haube, ich meine unter den Pantoffel kommen, will ich es erst selbst versuchen, ob ein solcher Schritt für das Wohl eine» Mannes nicht allzu gefährlich ist. Wir gehen einen Weg, Herr von Letzingen: Sie zur Herrin, ich zur Dienerin, aber ich habe einen guten Vorsprung vor Ihnen voraus, und obendrein sind Sie so freundlich, mich in Ihre Absichten einzuweihen. Mor;en am Tage will ich wissen, ob das F äu- lein mit Herren korrespondirt und dann — nun dann werde ich zusehen, welche Partei am nobelsten bezahlt, denn für beide habe ich ein Geheim- niß und wenn's geht, sollen sie mir beide zahlen.
Ec sprang in die Höhe und rieb sich vergnügt die Hände. Wer ihn in dieser Minute beobachtet fcätte, würde keinen Augenblick über sein n wirklichen Charakter in Zweifel geblieben sein, so viel Schlauheit und List, so viel Hohn und Selbstsucht
Ministerium Ristics das alte freundschaftliche Ver hältwß Serbiens zu Oesterreich modifizirt werden soll. Auch von einer Abdankung des Königs war die Rede, doch sollen die Abdankungsabsichten inzwischen fallen gelassen worden sein. Persönlich hält König Milan an dem freundschaftlichen Ver« hältniß zu Oesterreich fest, auch wird derselbe demnächst am österreichischen Hofe einen Besuch abstatten. In B u l g a r i e n sollen wieder einmal Zwistigkeiten zwischen den Regenten ausgebrochen sein, über London wurde kürzlich sogar gemeldet, daß die Regentschaft demissionirt habe; es hat sich das aber nicht bestätigt. Rach Belgrader Berichten wären die Regenten Stambulow und Zinkow durch die energischen Anhänger des Fürsten Alexander, durch Popoff und Mutkuroff verhaftet worden. Auch diese Meldung entbehrt noch der Bestätigung. Die Richtigkeit derselben wird gleichfalls bestritten.
* In Frankreich ist jetzt der Klatsch auf der Tagesordnung. Die Radikalen sind wüthend über den Sturz Boulanger's und suchen nun den Präsidenten Gröoy, sowie das Ministerium Rouvier bei dem Volke nach Möglichkeit zu verklatschen. Die radikale Presse kommt jeden Tag mit einer neuen Lüge. Grovy und das neue Ministerium sollen mit den Monarchisten konspiriren; dann soll der Sturz Boulanger's durch ein Komplott zwischen Grövy, dem Fürsten Bismarck und dem französischen Botschafter in Berlin Herbette, dem früheren M-.nisterprästdenten Ferry u. A. herbeigeführt worden sein. Es finden sich ja wohl immer Leute, die das Eine ober Andere glauben.
* Der italienische Ministerpräsident Depretis liegt schwer darnieder. Seine Ernährung muß auf künstlichem Wege bewirkt werden. Es ist zweifelhaft, ob e» den Aerzten gelingen wird, den hochbetagten Staatsmann am Leben zu erhalten.
"Rom, 22. Juni. Auch in diesem Jahre hat der Papst zum Feiertage der Apostel Petrus und Paulus (29. Juni) eine Medaille prägen lassen. Sie verherrlicht bekanntlich die Vermittlung des Papstes in der Karolinenfrage. Auf der einen Seite befindet sich das Bildniß de» Papstes mit der Umschrift: Leo XIII. Pont. Max. Anno Decimo. Auf der anderen Seite ist da» Bild der Religion zwischen den Personifikationen Deutschlands und Spanien»; die Religion legt die Hände der Germania und der Hispania ineinander;
prägte sich in seinem Gesichte aus. Als er plötzlich Schritte vor der Thür hörte, waren mit einem Male all' diese inneren Leidenschaften aus seinem Gesichte verschwunden; er sah ruhig und gleich- giltig aus, nur in den Augen blieb ein lauernder, schlauer Ausdruck zurück.
Der alte Geschäftsführer Ernst Steider saß in dem kleinen Zimmer de» alten Hauses in der Stadt an dem Schreibpulte. Vor ihm lag ein großes, schwere» Buch aufgeschlagen und sein Arm, auf den er den Kopf gestützt hatte, ruhte darauf. Seine Augen blickten starr auf die Folien, aber er la» nicht darin, denn die silberne Brille, ohne welche die alten Augen nicht mehr losen konnten, lag daneben. Ec war in Gedanke» versunken und aus den kummervollen Zügen seine» Gesichte», au» den Seufzern, welche sich bann und wann langsam und ohne Wissen aus der Brust hervorrangen, vermochte man zu erkennen, daß diese Gedanken nicht der angenehmsten Art waren.
Es war das Hauptbuch des Hauses Damken, auf welches der Arm des greisen G schäftsführer» gestützt war. Keine Zahl und kein Name war in ihm geschrieben, welches er nicht abgeschlossen, welches ihm nicht Mühe uub Arbeit gekostet hatte und gleichsam einige Tropfen von seinem Lebens- blute entgelt. Jeve Seite in ihm war ihm be-