M 139. Mittwoch, dm 22. Juni. 188?
Altar K Ulmia.
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* Fünfzig Jahre Königin.
Gestern beging Englands Volk ein Ereigniß, wie es in der Geschichte der Völker und Staaten nur selten wiederkehrt — da» 50jährige Regierung»« jubiläum seiner Königin. Fünfzig Jahre auf dem Throne, noch dazu eines Riesenreiches, wie es das englische ist, das will eine Gunst des Himmels bedeuten, wie sie nur wenigen gekrönten Häuptern befchieden ist und frohbewegt sahen darum die weitesten Bevölkerungskreise nicht nur Englands selbst, sondern auch seiner den ganzen Erdball umspannenden Kolonien diesem festlichen Ereigniffe entgegen. Es war am 20. Juni 1837, als der kinderlose König Wilhelm V. plötzlich verschied und somit seine achtjährige Richte Victoria, das einzige hinterlassene Kind des im Jahre 1820 verstorbenen Bruders Wilhelm IV., des Herzogs von Kent, die Erbin des britischen Thrones wurde. Die jugendliche Prinzessin gelangte zu einem Zeitpunkte zur Regierung, wo die alten erbitterten Parteikämpfe zwischen Tories und Whigs jenseits de« Kanals ihren Höhepunkt erreichten und schon diese ernsten Parteizwistig« teilen schienen der Regierung der kaum dem kind- lichen Alter entwachsenen Monarchin wenig gutes in Ausstcht stellen zu wollen. Run, die Geschichte ihrer fünfzigjährigen Regentenlaufbahn hat gezeigt, wie e» Viktoria I. verstand, sowohl vermittelnd und ausgleichend in die innerpolitischen Kämpfe ihres Landes einzugreifen, als auch die Beziehungen zwischen der Ration und dem Herrscherhause wie« der fester und inniger zu gestalten. Dies Ver« dienst muß der Königin um so löher angerechnet werden, als ja in England dem Träger der Krone durch die bestehende Verfassung äußerlich wenigsten» ein verhältnißmäßig geringer Einfluß auf die Politik de» Lands eingeräumt wird, ge« rade aber der Umstand, daß die Monarchin ihre persönlichen Neigungen den konstitutionellen Formen williger als irgend ein anderer englischer Herrscher unterzuordnen wußte, trug mit zu den Erfolgen ihrer Regierung das Meiste bei. Dabei verstand sie dennoch einen äußerlich zwar nicht besonders
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Roman aus der Handelswelt.
4. Fortsetzung.
Er hatte diese Worte ziemlich kalt gesprochen, um zu zeigen, daß der Verlust von einigen hundert Louisd'or ihm gleichgültig sei, aber er vergab sich nicht das Geringste in der Höflichkeit gegen seinen Gast. Er gab dnn Gespräche eine andere Wendung und bat den Gutsbesitzer, ihn in da» Haus zu begleiten.
Letzingen folgte ihm. Die heimliche Freude über den erlangten Gewinn verdrängte feine Verlegenheit rasch und er gab sich Mühe, sich jetzt möglichst unbefangen zu zeigen, um dadurch jeden Verdacht, daß er den Handelsherrn übervortheilt habe, von sich abzuwenden. Sein Gewissen sprach ihn ohnedies von jeder Schuld frei. Seine Grundsätze gingen in dieser Beziehung äußerst weit, und war Jemanden ein Vorwurf in Betreff de» Han- bei» zu machen, so traf er nach seiner Ansicht den Kaufherrn selbst, denn dieser hatte das Pferd gesehen und gekannt, ehe er e» erstand. Daß er es nicht besser zu schätzen gewußt, war seine eigene Schuld. „Er ist Kaufmann/ sprach er zu sich selbst, „der muß die Waare, die er kauft, kennen.
erkennbaren, aber doch existirenden Einfluß in den verschiedenen Fragen der inneren wie äußeren englischen Politik auszuüben und ihre klugen Rathschläge haben sich in mehr als einer Krisir, welche unter ihrer Regierung das Reich berührte, bewährt. Unter Königin Viktoria haben vornehmlich Handel und Industrie des britischen Welt« reiche« einen mächtigen Aufschwung genommen und wenn heute das meerbeherrschende Albioir nicht mehr einen so tiefgreifenden Einfluß auf die hohe Politik ausübt, wie sonst, so muß dieß auf Rechnung der total veränderten europäischen Konstellation gesetzt werden, die sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat. Niemand wird indessen läugnen, daß England auch an schweren inneren Wunden blutet. Wir erinnern an die trostlose Lage des irischen Volke», welche» sich von der Festfeier fernhielt, weil ein just eben im Unterhause zum Abschluß gebrachtes Ausnahmegesetz, bestimmt, die Abstellung Jahrhunderte alten schreienden Unrecht» mit Polizeimitteln zu verhindern, weil vielleicht gerade in dem Augenblicke, wo der Festzug die Straßen der britischen Weltstadt durchzog, hinten in Irland Schaaren von Polizisten und Soldaten gegen die Hütten armer Pächter marschirten, um diese sammt ihren jammernden Weibern und hungernden Kindern auf Befehl reicher Landherren auf die Landstraße zu werfen. „Fünfzig Jahre nationalen Fortschritts", betitelt sich eine Jubiläumsschrift von Mr. Mulhall, in welcher sich unter dem Kapitel Irland fdfgenbc Zahlen finden, welche in ihrer traurigen Einfachheit so viel wie ganze Bücher sprechen. Von 1837 bis 1887 starben in Irland durch Hunger 1,225,000; es wurden 3,668,000 von Haus und Hof vertrieben, weil fie die verfallene Pacht nicht zahlen konnten; die Zahl der Auswanderer betrug 4,186,000. Die Austreibungen waren am zahl- reichsten unmittelbar nach einer Hungersnoth, indem die Land Lords sich die Zeit des größten Elends zu Nutzen machen, um ihre „Rechte" mit Gewalt durchzufttzen. Die Gesammtzahl der Aus- aetrtebenen beläuft sich auf 75pCt. der augenblicklichen Bevölkerungrziffer von Irland. Aber trotz dieser und anderen Wunden ist es sicher, daß England noch eine Großmachtstellung behauptet und daß e» in einem eventuellen Weltkriege diele seine Stellung gewichtig genug in die Wag- schale werfen könnte und man wird der KSniain
Ein Pferd ist freilich keine Waare, die sich wiegen und nach Eeutnern und Pfunden berechnen läßt. Hat er für den Don Juan sechshunddrt Louisd'or bezahlt, so wird mein Fuchs auch so viel werth sein. Thenre Pferde sind ja seine Passion, und Passionen wollen bezahlt sein."
Als er nach einiger Zeit sich entfernen wollte, bot ihm der Handelsherr ein Pferd aus seinem Stalle zur Heimkehr an. „Wollen Sie sich eines meiner Pferds bedienen, so stehen fie Ihnen mit Vergnügen zu Gebote," sprach er. „Sie sind zwar weniger schnell als der Fuchs, aber den bekommen Sie nicht, er mag ausruhen, denn er bat feine Arbeit bereits für heute gethan — und ich denke, auch seinen Lohn verdient," fügte er mit einem Lächeln hinzu, au« dem sich schwer erkennen ließ, ob e« Scherz ober Ironie fein sollte.
„Ich danke für Ihre Freundlichkeit," sagte Letzingen. „Da ich auf jed n Fall langsamer als auf dem Fuchs heimkehren soll, so will ich den langsamsten Weg wählen und zu Fuß gehen. Schnell bin ich hergekommen, langsam will ich zurückkehren — da« sind zwei Extreme und beide zusammen geben inen Mittelweg, und Sie wissen, He Mittelwege find die besten."
„Man nennt sie deshalb die goldenen," bemerkt
Viktoria di: Anerkennung nicht versagen dürfen, durch die kluge und loyale Erfüllung ihrer Herrscherpflichten da» ihrige zur Erhaltung der Weltstellung England« beigetragen zu haben.
E« war der erlauchten Jubilarin vergönnt, ihren seltenen Ehrentag im Kreise einer zahlreichen Schaar von Kindern und Enkeln zu begehen und nur ein dunkler Schatten fiel auf diese« erhebende Bild fürstlichen Familienleben«: Die Erinnerung an den Tod des Prinz-Gemahls Albert. Seit dem IG. Februar 1840 mit dem Prinzen Albert von Sachfen-Koburg vermählt, hat Königin Viktoria mit dem Manne ihrer Wahl bi» zu dem am 14. Dezember 1861 erfolgten Tod desselben da« denkbar glücklichste Familienleben geführt und wie tief der Schmerz der hohen Frau über den Verlust des heiß geliebten Gatten war, läßt sich daraus erntiffen, daß sis jahrelang die Oeffeut- lichkeit fast gänzlich mied und erst in den letzten Jahren trat die Königin aus ihrer Zurückgezogenheit wieder mehr hervor. Neun Kinder sind aus dieser glücklichen Ehe entsprossen, von denen das älteste, Prinzeß Viktoria, mit dem deutschen Thronfolger vermählt ist, bann folgten im Alter nach Albert, Prinz von Wales; Alice, die verstorbene Großherzogin von Hessen; Alfred, Herzog von Edinburg; Helene, vermählt mit dem Prinzen Christian von Schleswig-Holstein; Luise, vermählt mit dem Marquis of Lome; Arthur, Herzog von Connaught; Leopold und Bsat«i«o.
Dcn clucnttiJjcn Stiftet- uuU Höhepunkt Der Jubiläumsfestlichkeiten bildete der Gottesdienst in der alten berühmten Londoner Westminister-Abtei. Hier erschien die greife Monarchin, welche um den Wünschen der Bevölkerung nachzukommen, beschlossen hatte, bti dieser Gelegenheit alle königlichen Insignien anzulegen, inmitten ihrer Familie und eines außerordentlich glänzenden Kreises von fremden Fürstlichkeiten und umgeben von fämmt- lichen Würdenträgern des Landes, den Parlamentsmitgliedern u. f. w. Auf dieser illustren Festversammlung ruhten die Augen der gesammten englischen Nation und kräftig erklang am gestrigen Jubeltage da« weite Reich von den Kreideklippen des Mutterlandes an bi» zu den Ufern de» Gange« und den Küsten Australien« von dem alten loyalen Wunsche: „Gott segne die Königin!" Möge der Königin Viktoria befchieden fein, an ihrem Lebensabend noch eine Aenderung der jetzt
der Handelsherr. Und Sie haben recht, was zwischen Ihrer Heimkehr liegt ist golden, zum wenigsten für Sie."
Letzingen fühlte diese bittere Anspielung. Ec versuchte darüber zu lachen, aber sein Gesicht nahm durch das erzwungene Lachen verzerrte und unangenehme Züge an.
Schnell schritt er auf dem nächsten Wege durch den Park seiner Besitzung zu. Die letzten bitteren Anspielungen des Handelsherrn hatten ihn unangenehmer berührt, als er sich selbst gestehen mochte. Er erkannte aus ihnen, - daß Damken sich über den Kauf feines Pferdes ärgere und gegen ihn selbst im Innern erbittert fei, wenn er auch äußerlich völlige Gleichgültigkeit über den Verlust und die größte Freundlichkett gegen ihn zeigte. Es lag ihm aber daran, Damken in freundschaftlicher Stimmung zu erhalten, weil er jetzt mehr denn je sein Auge auf dessen Tochter geworfen hatte. Gleichwohl konnte er sich nicht entschließen, auf den so leicht erlangten Gewinn zu verzichten.
Einen Augenbtick lang lagen ferne Pläne mit feiner Habsucht in Streit. Zur Föderung jener mußte es dienen, wenn er d n Kauf auf irgend eine Weise rückgängig machte, diese konnte sich von dem einmal erlangten Gewinn nicht wieder