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JVs. 138.

Dienstag, den 21. Juni.

1887

Jilhft Ä Jritiig.

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So war der Charakter des Herrn von Letzingen g»ff n, Herr von Letzmgen," erwiederte er, „daß

und fein Verhältniß zum Hause Tamkens.

der Don Juan erst fünf Jahre alt ist und in sei»

Durch tigtnt Schuld.

Roman aus der Handelswelt.

3. Fortsetzung.

War cs auch vorzugsweise der Reichthum, der ihn zu diesem Mädchen, das als einziges Kind des Handelsherrn einst dessen ganzes Vermögen erben mußte, hinzog, so war er doch auch gegen die wirklichen Reize desselben nicht kalt geblieben.

Er wußte, daß ihm Vieles entgegen war, um die Liebe der lieblich schönen und jungen Gabriele zu gewinnen, und wußte auch, daß ihr Vater sie zu zärtlich liebte, um sie gegen ihren Willen zu verheirathen, aber trotzdem gab er seinen Plan nicht für einen Augenblick auf. Je weniger äußere, gewinnende Vorzüge er besaß, um so mehr bot er all' seine inneren Kräfte auf, um das Her; des Mädchens zu gewinnen. Er besaß einen feinen, geselligen Takt, Unterhaltungsgabe und eine ebenso ruhige Benutzung jedes Augenblickes. Ec kannte diese seine Vorzüge genau und auf sie vertraute er fest. Ec stand einem unschuldigen, harmlosen Mädchen gegenüber, das gab ihm die größte Hoff­nung. Damken schien seine Bemühungen nicht un­gern zu sehen, hatte sie bis jetzt aber noch nicht gefördert.

i von damals haben sich nicht im Entferntesten ver­wirklicht. Man hat ein Parlament von Arbeitern zu schaffen geglaubt, wenn man erst das geheime allgemeine Wahlrecht hätte. Man hat dabei nicht nur den Einfluß ethischer Motive der höheren Bil­dung und des Kapitals auf die Maffe unterschätzt, man hat auch die eigene Zahl überschätzt und ge­meint, die Fabrikarbeiter in den großen Industrie­städten bildeten das Gros der Bevölkerung. Man hat es in Deutschland auf höchstens 21 Vertreter gebracht, und die sind wieder auf 11 zusammen­geschrumpft.

Dem gleichen Jrrthum begegnet man auch in * Belgien. Die belgische D-putirtenkammer wird keine wesentlich anders zusammengesetzte Korpora­tion bilden; sie wird so wenig ein Arbeiterparla­ment werden, wie das deutsche. Aber nach anderen Seiten ist dies Ringen nach politischen Rechten wichtig, es wird sich ebenso bewähren, wie es sich in Deutschland bewährt hat. Parlament und Re­gierung werden genöthigt sein, sich mit der Arbei­terfrage zu beschäftigen. Die Arbeiter sind nicht im Stande, eine dominirende Partei im Parlament zu bilden, aber sie können diejenige Partei, die sich ihrer annimmt, zur dominirenden machen. Ja Deutschland geht das weniger, weil es da zu viele Parteien gibt, als daß überhaupt eine dominiren könnte. Die ganze innere Politik des Reichskanz­lers gipfelt darin, daß er die eine Partei gegen die andere ausspielt. Aber in Belgien gibt es nur zwei Parteien, Katholiken und Freimaurer — der Ausdruck „Konservativ und Liberal" bezeichnet di« Gegensätze nicht, und der Ausdruck „Rechte und „Linke" bezeichnet überhaupt nichts. Diese beiden Parteien stehen so, daß sie einander in der Regie­rung abwechseln. Jede dritte, welche durch ein großes Jntereffe geeinigt dazu kommt, bildet das Zünglein an der Waage, und wenn in Deutschland die soziale Bewegung Regierung und Reichstag ge- nöthigt hat, an Fragen heranzutreten, die vordem nur von der Centrumspartei und auch da allge­mein nur in den Formen der Charitas beachtet und zu lösen versucht worden sind, so wird das in Belgien noch in viel höherem Maße der Fall sein. Insofern also ist die Erhebung politischer Forde­rungen seitens der belgischen Strikes von einer nicht zu unterschätzenden Bedeutung.

Als er die Villa erreicht hatte, traf er den Han­delsherrn auf dem Hofe derselben, wo er sich durch einen Reilknecht das am Tage zuvor gekaufte Pferd vorreiten ließ.

„Sie kommen wie gerufen, Herr von Letzingen," rief ihm Damken entgegen. „Ich habe gestern ein Pferd gekauft und lasse mir es soeben vorreiten. Ich habe es für diesen Herbst zu den Hetzjagden bestimmt und denke keinen üblen Kauf gethan zu haben. Was sagen Sie zu dem Thiere?"

Der Gefragte sprang leicht von seinem Pferde und trat dann mit Kennermiene an das Thier heran. Er ließ es Trab reiten, einige Volten machen und dann über eine niedrige Barriere sitzen. „Wie viel haben Sie für das Thier ge­zahlt, Herr Damken?" fragte er, ohne seine Augen von dem Pferde abzuwenden.

„Sechshundert Louisd'or," erwiederte der Han­delsherr; „finden Sie dies zu theuer?"

„Rein, nein," entgegnete Herr von Letzingen, „es ist ein charmantes Thier; es stickt reines Blut darin, und es wird sich zur Hetzjagd trefflich eignen. Aber ohne ihm zu nahe zu treten, Herr Damken, mein Goldfuchs ist schneller, ausdauernder und springt bester."

Der Handelsherr lächelte ungläubig. „Sie ver-

*W* Zur belgischen Strike- Bewegrrrrg.*)

Die Wogen der belgischen Strike - Bewegung scheinen sich zu ebnen. Wenn wir das sagen, so verwahren wir uns aber ausdrücklich dagegen, als ob die Arbeiterfrage damit im allerentferntesten ihre bedrohliche Seite verloren habe. Die ganze Bewegung ging ohne einen äußerlich besonders hervortretenden Anlaß in Scene und so erlosch sie auch wieder. Sie kann morgen wieder ausflammen und wenn wir heule schreiben, daß die Wogen sich ebnen zu wollen scheinen, so können, bis der Leser das liest, die Wogen schon wieder hoch gehen; nichts ist unberechenbarer als diese Bewegung. Wir wollen jedoch die gegenwärtige Ruhepause dazu benutzen, einige Bemerkungen zu den That- sachen zu machen, welche wir die ganze Zeit über zu melden hatten.

Die diesmalige Strike-Bewegung ist um Vieles umfastender als die letzte, hat aber nicht jene scheußlichen Gewaltthaten in ihrem Gefolge gehabt, welche die letzte begleitet haben. Man hörte weder von Feuersbrünsten, noch von Mordversuchen, noch von Gewaltthätigkeiten gegen die Arbeitgeber und deren Familien. An einigen Orten kamen Exzesse in der Richtung vor, daß man Arbeiter am Wei­terarbeiten gewaltsam hindern wollte, und das wird nirgendwo verhindert werden können, wo Strikes ausbrechen. Es liegt das in einer falschen Auffassung der Standcspflichten, welche Einzelne zu dem Glauben verleitet, daß Niemand arbeiten dürfe, wenn die Mehrheit die Arbeit einzustellen beschlossen hat. Das ist ein Ueberbleibsel der kor­porativen Gliederung des Handwerks, worauf wir aufmerksam machen möchten.

Wir wollen ferner hervorheben, daß diesmal die Forderungen der Arbeiter sich nicht bloß auf das soziale Gebiet, höheren Lohn und dergleichen be­schränkten, sondern daß auch politische Forderungen — allgemeines Wahlrecht — erhoben wurden, was doch mit dem eigentlichen Arbeitsvertrage ab­solut in keinem Zusammenhangs steht.

Auch die deutsche Arbeiterbewegung hat durch Laflale diese Bahnen eingeschlagen; erreicht hat sie damit nach dieser Richtung nichts; denn die Träume

*) Nachdruck verboten.

Wir können dabei auch die Bemerkung nicht unter­drücken, daß durchschnittlich die Verhältnisse in den belgischen Fabrikdistrikten noch um vieles kläglicher sind, als in den deutschen. Die gebotenen Löhne sind noch in viel höherem Grade Hungerlöhne, und die Fabrikanten in viel höherem Grade Millionäre.

Wir wissen zwar recht wohl, daß man sich in Arbeiterkreisen phantastischen Vorstellungen über den Unternehmergewinn hingibt und der Meinung ist, es könne jeder Einzelne beinahe so luxuriös leben, wie der Unternehmer, wenn nur dessen Ge­winn unterste vertheilt werde. Das ist ein Traum. Aber der zur Schau getragene Luxus reizt, ja wir möchten sagen, beleidigt den Arbeiter, der von früh bis spät sich müht und unter den elendesten Be­dingungen sein Leben fristet. Unter solchen Um« ständen ist es Pflicht des Unternehmers, nicht zwar den Unternehmergewinn mit seinen Arbeitern zu theilen, in welchem Falle auf jeden ein Ei kommt, und auf ihn, den frommen Schweppermann, zwei, sondern einen Theil seines Unternehmergewinnes auszuscheiden, sich um die Bedürfnisse seiner Ar­beiter zu bekümmern, und mit Hilfe dieses aus- geschiedenen Theiles durch gemeinnütz'ge Anstalten diesen Bedürfnissen entgegenzukommen. Auf diesem Grundsätze beruht unsere ganze soziale Gesetzgebung mit ihrer Kranken- und Unfallversicherung, ihren erstrebten Jnvalidenkassen, und was sonst noch daran hängt. Diese Fürsorge für den Arbeiter ist nothwendig, so lange seine Bezüge sich in Grenzen bewegen, die ihm ein Zurücklegen für die Zukunft nicht gestatten.

Das Wunderlichste bezüglich der belgischen Strikes erleben wir an der liberalen Presse Deutschlands. Dieselbe belehrt uns unter Hinweis auf die Arbei­terbewegung in Belgien, daß die katholische Kirche sich nicht gegen dieselbe bewährt hätte. Die katho­lische Kirche ist keine Gensdarmerie - Brigade für die Jndustriebarone. Außerdem haben in Belgien die Freimaurer feit 15 Jahren das Heft in der Hand und haben, nachdem endlich die Wahlen katholisch ausfielen, dem König mit Revolution ge­droht, wenn er dem katholischen Ministerium über einen gewissen Punkt hinaus nach eigenen Heften zu regieren gestatte. Für die schlechten Verhältnisse in Belgien sind in erster Linie die dortigen Frei­maurer haftbar, und den Katholiken bleibt das

ncr vollen Kraft steht, während Sie Ihren Fuchs schon tüchtig mitgenommen haben. Sehen Sie, wie leicht das Thier dahintrabt. Ihr Fuchs ist tin guter Renner, ich weiß es, aber mit dein Don Juan kann er es nicht aufnehmen."

„Gilt es eine Wette, Herr Damken, daß mein Fuchs in fünf Minuten zehn Pferdelängen voraus ist?" rief der Gutsbesitzer lebhaft.

„Ich bin's zufrieden," erwiederte der Handele- Herr mit ruhigem Lächeln.

„Wie hoch gilt die Wette?" fragte Letzingen.

„Ich werde sie allem Anschein nach gewinnen und kann sie deshalb nicht bestimmen," gab Dam­ken mit einer Gleichgültigkeit zur Antwort, in der sich deutlich aus prägte, daß ihn weder Gewinn noch das Verlieren der Wette tiefer berühren werde.

„Gut!" tief Letzingen lebhaft, „so gilt sie fünf­zig Louisd'or. Die Allee ist eine prächtige Renn­bahn und Sie sind der Schiedsrichter, Herr Dam­ken. Einverstanden?"

Der Handelsherr gab feine Zustimmung durch ein lächelndes Kopfnicken, rief den Reitknecht her­bei, bedeutete ihm, daß es ein Wettrennen mit dem Fuchs des Herrn von L-tzingen gelte und forderte ihn dazu auf, die Ehre des Don Juan zu retten. Mit spötttschem Lächeln blockte der Reitknecht auf das Pferd des Gutsbesitzers, welches dieser wieder bestiegen hatte, und welches auf den ersten An«