1887
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Anfrage des Abg. Grafen Holstein zum Seeunfallgesetz erklärte der Direktor im Reichsamt des Innern, Bothe, daß die Regierung damit beschäftigt sei, Mittel und Wege zu finden, um auch den Seefischern die Wohlthat der Unfallversicherung zu Theil werden zu lassen. Bei der Zuckersteuervorlage sagte Staatssekretär Dr. Jacobi auf Anregung des Abg. v. Bennigsen eine Förderung des Zuckerexports durch die fremden Konsulate zu. Erledigt wurden schließlich noch die Denkschrift der preußischen Regierung zur Begründung der Verhängung des kleinen Belagerungszustandes über Spremberg, sowie eine längere Reihe von Wahlprüfungen. Präsident v. Wedell - Piesdorff gab dann die übliche Geschäftsübersicht. Das Haus sprach demselben den Dank für die Leitung der Geschäfte aus. Alsdann trug Staatssekretär v. Bötticher die kaiserliche Botschaft vor, welche den Schluß der Session ausspricht. Mit einem vom Präsidenten Wedell begeistert aufgenommenen dreifachen Hoch auf den Kaiser wurde die Sitzung geschloffen.
* Im Prozeß gegen die Patriotenliga verurtheilte das Reich'-Gericht Köchlin, Blech, Schiffmacher und Trapp wegen vorbereitender Handlungen zum Hochverrath und Theilnahme an einer geheimen Verbindung, und zwar Köchlin zu 1 Jahr, Blech und Schiffmachrr zu je 2 Jahren, Trapp zu P/8 Jahren Festung; die anderen Angeklagten wurden frei gesprochen.
* lieber „katholische Socialpolitik" entnehmen wir Folgendes einer Besprechung von „Dr.Wernert's Neuere socialpolitische Anschauungen im Katholicismus innerhalb Deuschlands" durch Profi ffor G. Schmoller in deffen Jahrbuch für 1886, II. Heft, S. 271: „Und wenn zuzugebcn ist, daß diese Ziele (d. h. die praktischen Zielpunkte der deutschen katholischen Socialpolitik) vielfach nur als Vorwand (?) dienen, um die Herrschaft und den Einfluß der Hierarchie zu stärken, so ist andererseits doch auch nicht zu leugnen, daß dieCharitas der katholischen Kirche auf demselben Baume gewachsen ist, wie unsere protestantische Moral, daß Tausende und Millionen unserer deutschen Mitbürger nicht aus hierarchisch antideutschen Tendenzen den Mittelstand erhalten, den Arbeiterstand heben wollen, daß seit Jahrzehnten in unsere Kammer katholische
Parteiführer die berechtigten Ziele der Socialreform unterstützt haben. Ich erinnere z. B. an da» Hilsskaflengesetz von 1854, das Reichensperger und von der Heydt, d. h. ein kath. und ein prot. Eiferer, zusammen gegen die Liberalen durchbrachten, ich erinnere an die neueren deutschen Gesetze rc., an denen das Centrum mitwirkte. Und mögen wir den Hetzkaplänen und ihrer demagogischen Presse noch so feind sein, mögen wir ihre Abhängigkeit von einer internationalen antideutschen Geistesmacht noch so sehr beklagen; wenn wir sehen, wie sie von Haus zu Haus, von Hütte zu Hütte an das Kranken- und Sterbebett des kleinen Mannes gehen, wie sie in vielen Gegenden neben dem Arzt die Einzigen sind, die das Elend sehen und lindern, die es schildern und es zu heilen suchen, so müssen wir den Hut vor ihnen abziehen uno die moralischen Kräfte anerkennen, die hier wirken. Wir haben erst dann ein Recht, diese Art praktischer Socialpolitik zu verwerfen, wenn cs uns gelungen fein wird, sie in der Charitas und dem hingebenden Liebesdienst zu übertreffen, ohne in den Fehler einer gewissen Art von Hierarchie zu verfallen. Erst dann auch wird die politische Macht des Ultramontanismus gebrochen werden."
* Köln, 18. Juni. Eine Versammlung der Geistlichen der Erzdiöcese, welche sich um Vereine der arbeitenden Klassen bemühen, findet laut der ,Köln. Vztg.' am 4. Juli, Morgens 11 Uhr, im Fränkischen Hofe statt. Hauptzweck der Versammlung ist die Förderung und der weitere Ausbau des katholischen Vereinslebens. Man will die gemachten Beobachtungen und Erfahrungen auf diesem verhältnißmäßig neuen Gebiete der priesterlichen Thätigkeit austauschen, um in allen wichtigern Fragen ein einheitliches Vorgehen zu erzielen. Rur Geistliche sind zu der Versammlung geladen. Die Arbeiter-Vereine stehen allem politischen Parteiwesen fern, und wollen sich einzig mit dem Wohl und Wehe der arbeitenden Bevölkerung befassen.
* Würzburg, 17. Juni. Wegen Hochver- raths und anarchistischer Umtriebe wurde am Montag ein 24jähriger Student Marcuse au» Breslau Hierselbst verhaftet. Marcuse gehörte, einem Geheimbund an, welcher zumeist aus Studirenden bestand und seinen Hauptsitz in Bres-
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Rrdvllio« und Uerlag drr,Fllid. Zeitung^.
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Juni.
* Der Reichstag hielt heute seine letzte Sitzung der ersten Session der 7. Legislaturperiode ab. Nach Erledigung von Rechnungssachen wurden in dritter Lesung angenommen die Novelle zum Nahrungsmittelgesetz, die Gesetze für Elsaß- Lothringen, das Unfallversicherungsgesetz für Seeleute, das Zuckersteuergesktz und die beiden Novellen zur Gewerbeordnung, durch welche die Befugnisse der Innungen erweitert werden. Auf eine
Nnnh tigtnt Schild.
Roman aus der Handelswelt.
2. Fortsetzung.
Der Aeltere fuhr fort: „Laß heute den Händler wiederkommen, von dem der Herr das Pferd gekauft hat, und biet' cs ihm wieder an — ich will drei Jahr umsonst dienen, wenn der Mann heute einen Pfennig mehr als 100 Louis d'or für das Thier bietet, für welches er gestern 600 erhalten hat. Der weiß auch, was dahinter steckt und was daran ist, das habe ich aus seinem verschmitzten Lächeln gesehen, als er fortging und das Geld in die Tasche gesteckt hatte. Ein Durch- gänger ist es, darauf kannst Du schwören."
„Woher willst Du das wissen? Du hast ja nicht darauf gesessen," warf der Jüngere ein.
„Brauche ich etwa darauf zu sitzen, um zu sehen, wie er den Kopf vorn ausstreckt und die Nase stet» hoch in der Luft hat, als ob er ein Sterngucker wäre? Ein Durchgänger ist es, darauf verlaß' Dich, wir werden cs ja sehen. Aber dem Herrn geschieht c» recht, weshalb kauft er Pferde ohne unser einen zu Rathe zu ziehen."
„Du hast Recht," erwiderte der Jüngere, „das Thier trägt die Nase hoch, aber es mag zehnmal ein Durchgänger sein, ich fürchte mich davor nicht.
Mit mir ist noch kein Pferd durchgegangen. Mag es der Don Juan einmal mit mir versuchen," rief er muthig im Gefühle seiner Kraft, „ich will ihn mit den Schenkeln zusammen drücken, daß kein Mund voll Luft in seinen Lungen bleiben soll, und an der Stange will ich ihn halten, daß ihm das Maul bis an die Ohren aufreißt. Er mag es einmal mit mir versuchen, und ich will ihm die Luft für immer vertreiben."
Sein älterer Begleiter warf einen verächtlichen, mitleidigen Blick auf ihn. „Man hört cs Dir an, daß Du noch nicht lange auf dem Pferde sitzest," sagte er nicht ohne ein spöttisches Lächeln. „Du wärest der Erste, der ein Pferd zu halten vermöchte, wenn cs durchgeht. Wie eine Maus sitzest Du dann auf feinem Rücken, wenn Du überhaupt sitzen bleibst. Glaubst Du denn, die Thiere gehorchen dem Zügel oder dem Schenkel, wenn sie einmal durchgehen? Sie fühlen von beiden nicht». Wie auf einem Sägebocke sitzt es sich auf ihnen, so steif machen sie den Rücken, der Hals ist, als ob er au» Eisen gegossen wäre, denn er biegt sich nicht einen Zoll breit und eher könntest Du den stärksten Zaum zerreißen, ehe er nur einen Fmger breit nachgicbt. Ja, wenn die Thiere die Stange im Maul behielten, wie jetzt! Aber sie stecken die Zunge darüber hinweg und beißen mit
den Zähnen darauf, daß sie fest sitzt, als ob sie mit hundert Nägeln an die Wand genagelt wäre. Der Mensch ist wie eine Mücke gegen solch' ein Thier, roenn’8 einmal nach seinem eigenen Kopfe geht!"
Der Jüngere wollte etwas erwidern. Beider Aufmerksamkeit wurde indcß in diesem Augenblicke auf einen Reiter gelenkt, der im gestreckten Galopp die Allee hinab gesprengt kam, jedoch noch zu entfernt war, um von ihnen erkannt zu werden.
„Jetzt erkenne ich ihn," rief der Jüngere, „es ist Herr von Letzingen,, er scheint'» eilig zu haben."
„Um sein Pferd zu Schanden zu reiten," ergänzte sein Begleiter.
„Weißt Du, weshalb der so oft hierher kommt?" fragte der Jüngere. „Ich hab's längst gemerkt, er hat'» aufs Fräulein abgesehen. Wenn unser einer doch auch so reich wäre."
„Ja wär'," versetzte der Aeltere, mürrisch über den Gedanken, daß er cs nicht war. „Aber der wäre auch nur ein armer Bursche wie wir, wenn er nicht von seiner Tante das Gut und die siebzigtausend Thaler geerbt hätte. Ich hab' ihn noch gekannt, wo ich nicht mit ihm hätte tauschen mögen, denn außer seinen Schulden