M 136.
Sonnabend, den 18. Juni.
1887
filher W 3tiloa.
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Zweites Blatt.
Zur Windthorftspende.
Wie können wir dem Edeln lohnen, Der rastlos uns sein Leben weiht? Begehrt er Gold und Fürstenkronen, Begehrt er Rang und Ehrenkleid?
Nein, nichts von diesem Allen Mag, Windthorst, Dir gefallen, Dir werde Höheres geweiht.
Wird ein Palast Dich wohl beglücken. Erbaut mit Glanz und hoher Pracht, Den Thürm' und stolze Wappen schmücken, Von Künstlerhand mit Fleiß gemacht?
Kein Haus magst Du begehren, Du suchest and're Ehren, Dir unvergänglich dargebracht.
Das Gold der Treue bei den Deinen, Des Himmels Ehrenkleid und Kron', Das wird allein Dir wichtig scheinen, Das kürst Du Dir als Deinen Lohn.
Eins ist, was Dich erfreut:
Ein Haus, dem Herrn geweiht, Dem Mensch geword'nen Gottessohn.
Drum Brüder, Schwestern, freut euch, eilet; -» Wir dürfen zeigen unsern Dank! — Ein Scherflein gerne sei ertheilet, Das giebt wohl einen guten Klang.
Dann hurtig zu dem Baue, Daß noch sein Auge schaue, Was der vereinten Kraft gelang. (Schw. Bl)
x Die angebliche „Derrrokrati firung" der Centrumspartei.
Neuerdings wird von der gegnerischen Pufft, namentlich soweit sie der sogen, konservativen und dem rechten Flügel der nationalliberalcn Partei angehört, mit Vorliebe da« Thema von der „Demokratisirung" der Centrumspartei variirt. Den Grundton dazu hat Fürst Bismarck angegeben, als er in seiner Herrenhausrede bei Be- rathung der preußischen Kirchenvorlage das Schlag- wort von der „republikanischen Priesterrepublik" in die Diskussion warf. Fürst Bismarck hatte allerdings damas ganz andere Dinge im Auge, als was jetzt von der .Kreuzzeitung' und Genossen unter „Demokratisirung" des Centrums verstanden wird; seine Redewendung richtete sich ganz direkt gegen den preußischen Episkopat, den die Regierung früher gegen päpstliche Uebergriffe schützen zu müssen gelaubt habe, und gegen dessen Einwirkungen sie heute die Hilfe Roms anrufen müsse. Die .Kreuzzeitung' dagegen und ihre Nachbeter haben nicht so sehr die Kirchenpolitik, als vielmehr die eigentliche Politik im Auge, wenn sie über die „Demokratisirung" des Centrums jammern. Die gegen den „Augustinusverein" und die demokratische Richtung in der Centrumspresse gerichteten Artikel des konservativen Blattes haben es ja mit dürren Worten gesagt, daß neben den persönlichen Motiven lediglich die Besorgniß vor- herrscht, die „Elemente von konservativ-agrarischer Grundstimmung" möchten durch die demokratische Richtung in der Centrumspartei zurückgedrängt und beseitigt werden. Es sind demnach vor allem die rein agrarischen Interessen, welche von der .Kreuzzeitung' mit den konservativen verwechselt werden, um gegen das Centrum eine Anklage zu schmieden.
Gewiß, der weitaus größte Theil der Centrumspartei ist für eine extreme agrarische Jnteressen- politik, wie sie lediglich zu Nutz und Frommen der konservativen Großgrundbesitzer im Osten und auf Kosten der übrigen Steuerzahler angestrebt zu werden scheint, nicht zu haben. Aber hört man denn auf, konservativ zu sein, wenn man extrem- agrarischen Tendenzen widerstrebt? Keineswegs! Daß das Centrum die „agrarischen" Interessen im guten Sinne zu fördern bemüht ist, hat die
Partei oft genug bewiesen. Wir erinnern an die Getreidezölle und die übrigen landwirthschaftlichen Zölle, welche nur durch die Mitwirkung des Centrums zu Stande gekommen und später erhöht worden sind. Wenn sich im Centrum jetzt eine gewisse Scheu geltend macht, die Getreidezölle abermals, und zwar in's Ungemeflene, zu erhöhen, so liegt dies höchstens daran, weil die Erfahrung gezeigt hat, daß der angestrebte Zweck, die Erhöhung der Getreidepreise und damit die Aufbesserung der landwirthschaftlichen Rente, durch hohe Getreidezölle nicht erreicht wird. Auch in der Branntweinsteuerfrage hat das Centrum neben dem Interesse der Steuerzahler vor allem das der Landwirthschaft im Auge gehabt; freilich glaubte der weitaus größte Theil sowohl dieses „agrarische" Interesse, wie auch das gegenwärtige Finanzbedürfniß des Reiches schon durch Steuersätze von 0.35 bezw. 0.55 M. (Antrag Spahn und Lieber), vollständig zu befriedigen, während die kleinere Hälfte (Huene nnd Gen.) für die vorgeschlagenen Sätze von 0.50 bew. 0.70 M. eintritt. Die überraschende neueste Erklärung des Finanzministers Scholz, wonach die Regierung auch durch die jetzt vorgeschlagenen hohen Steuersätze die Ausnutzung des Branntweins als Steuer» o^jekt noch nicht für abgeschlossen hält, also für die Zukunft eine noch weitere Erhöhung der Branntweinsteuer oder am Ende gar einen Uebergang zum Monopol im Schilde führt, wird vielleicht auch die Freunde der hohen Steuertaxe innerhalb der Centrumspartei stutzig gemacht haben.
Meinungsverschiedenheiten, wie sie in der Branntweinsteuerfrage innerhalb des Cmtrums hervor- trcten, sind aber keineswegs ein Zeichen von innerer Zerrissenheit einer Partei; sie würden es im Gegentheil als ein Zeichen von innerer Versumpfung, von politischer Verblassung und Mattherzigkeit ansehen, wenn in einer Partei von solcher Stärke, die sich aus allen Theilm des weiten Reiches rekrutirt und durch das feste Band der kirchlichen Jntercssengemeinschaft geeint ist, in einer derartigen Steuerfrage nicht verschiedene Richtungen und Interessen geltend machten. Wenn man aus solchen Vorgängen einen Grund hernehmen wollte, um das Centruin oder einen Theil desselben der ländlichen Bevölkerung als antiagrarisch, als Gegner der landwirthschaftlichen Interessen zu denunziren, so würde man seine Rechnung ohne das Volk machen. Keine Partei hat sich mit solcher Beständigkeit und Ausdauer der Vertretung der Interessen des Bauernstandes gewidmet, wie gerade die Eentrumspartei, und heute noch ist eine Hauptforderung der Centrumspartei in dieser Richtung — Aufhebung der landwirthschaftlichen Doppelbesteuerung (Grundsteuer) — unbefriedigt.
Der Vorwurf der „Demokratisirung" erscheint uns überhaupt, bei Lichte betrachtet, ungereimt und lächerlich. Das Centrum und die Eigenart seines Programms und seiner Tendenzen lassen sich überhaupt nicht in eine der landläufigen und theilweise veralteten Parteischablonen hineinzwän- gen. Wir sagen: das Centrum ist, wenn man so will: demokratisch, es ist liberal, es ist auch konservativ, aber keine von diesen Bezeichnungen darf in dem Sinne genommen werden, der ihnen als Titulatur der also bezeichneten drei polnischen und parlamentarischen Parteien beiwohnt. Das Cenlrum hat als. Verfassungspartei und als Hüterin der politischen Volksrechte und Freiheiten eine dem akratische Tendenz, es vertritt im politischen und bürgerlichen Leben wahrhaft freisinnig-liberale Grundsätze, aber im kirch- lrchen Leben, sowie in der Sozial- und Wirth- schaftSpolitik hat es von jeher echt konservativ
christliche Prinzipien hochgehalten. Dabei herrscht in den nicht-prinzipiellen Fragen völlige Freiheit der Meinungen.
Was will überhaupt die Bezeichnung „demokratisch" als V-o'rwurf besagen, wenn man bedenkt, daß im Grunde genommen unsere heutigen Verfassungszustände allesammt einen sozusagen „demokratischen" Anstrich haben, indem sie dem Volke (Demos) eine gesetzliche Mitwirkung bei der Regierung sichern? Was soll dieser Vorwurf namentlich für das deutsche Reich als solches bedeuten, da doch die Reichsverfassung weit mehr als die Verfassungen der Einzelstaaten auf „demokratischer" Grundlage beruht (allgemeines gleiches Wahlrecht für den Reichstag, kein persönliches Sanktionsrecht der monarchischen Spitze u. s. w.) ?
Es versteht sich ganz von selbst, daß die konservativen oder demokratischen Grundzüge des Cen- trumsprogramms jeweils um so stärker hervortreten, je nachdem die einschlägigen Fragen, hier die Vertheidigung der Volksrechte, dort die religiösen und christlich-sozialen Interessen mehr oder weniger im Vordergründe stehen. Und deßhalb muß gerade in einer Zeit, wie der jetzigen, da der Byzantinismus und die politische Charakterlosigkeit immer stärkere Blüthen treiben, und die Parlamente von Vielen nur noch als ein unvermeidliches Uebel, als ein lästiges Hinderniß der unbeschränkten Regierungsgewalt oder aber als rein formelle BewilligungSmaschienen angesehen werden, als ein großes Lob erscheinen, wenn eine politische Partei im Tone des Unmuths „demokratisirender" Tendenzen angeklagt wird. Möge das Centrum nur beharrlich forlfahren, sich dieses „Vorwurfs" würdig zu machen, mit anderen Worten: ein treuer Hort der verfassungsmäßigen Rechte des Volkes zu fein.
Vermischtes.
sWarum Ev a keine Dienstmagd hatte) Aus dem Bortrag einer Dame: „Es wird viel von den Fehlern der Frauen und den verschiedenen Gründen gesprochen, weshalb sie so mancher Aufwartung und Dienstleistungen bedürfen. Es ist sogar — natürlich von einem Herrn — die Frage gestellt, warum Gott, als er Eva aus der Rippe Adam's geschaffen, nicht zugleich ein Dienstmädchen für sie herstellte. Wir sehen uns imstande, die Frage auf die einfachste Art von der Welt zu beantworten. Sie bedurfte keines Dienstmädchens. Und warum nicht? — Weil Adam niemals jammernd mit zerrissenen Strümpfen zu Eva kam und sie zu stopfen bat, oder mit einem Hemde, dem Knöpfe untreu geworden, oder mit einem Paar geplatzter Handschuhe, die sie nähen sollte und das so fort. Ebenso wenig watete er im Schmutze und rauchte Zigarren und kam dann zurück mit Stiefeln, die gebürstet sein wollten . . . Ebenso wenig saß er gelangweilt hinter der Zeitung und fuhr gähnend empor, wenn die Sonne sank und sagte mürrisch: „Wird bald zu Abend gespeist, liebe Frau?" Er machte vielmehr selbst Feuer an und hängte den Keffel darüber; er zog selbst die Radise aus der Erde, schälte selbst Kartoffeln und that, kurz gesagt, seine Pflicht. Er begnügte sich mit einem Gericht und schmollte nicht, wenn es Eva einmal verunglükt war. Servietten kannten sie nicht. Er brachte nicht jeden Tag ein Manschettenhemd in die Wäsche. Er melkte die Kühe und lotste die Hühner mit meisterlichem „Put, Put, Put," um ihnen ihr Futter zu geben. Er brachte niemals ein halbes Dutzend Freunde zum Mittagessen mit, auf welchen Zuwachs zur Tafel man nicht im Mindesten vorbereitet war. Er blieb auch nicht immer nächtlicher Weile aus, um seinen Skat zu dreschen, und Eva hatte nicht nöthig, auszubleiben und sich zu grämen. Er saß nicht in Wirthshäusern umher, während Eva daheim saß und klein Kain wiegte. Er schalt Eva nicht in der Küche, und suchte nach seinen Pantoffeln „in demselben Winkel", wo er sie, „wie er genau wußte", hingestellt . . . Wenn er sich die Stiefel auszog, stellte er sie unter einen Feigenbaum, wo er auch seine Pantoffeln sand. Er meinte — kurz gesagt — nicht, daß Eva allein seinetwegen geschaffen wäre, um ihn zu bedienen; er litt nicht an der fixen Idee, daß es für einen Mann entehrend sei, die Bürde seiner Hausfrau zu erleichtern. Ja, meine geehrten Herren, das Alles, glaube ich, ist der Grund, daß Eva keine Dienstmagd hatte."