ja 133. Mittwoch, den 15. Juni. 188?
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Deutsches Reich.
Berlin, 14. Juni.
• In Retchstagskreisen hofft man, daß der Schluß der Session bereits am Mittwoch kommender Woche erfolgen dürste. — Der Reichstag ehrte in der heutigen Sitzung das Andenken des verstorbenen Abg. Schmidt-Sagan (Reichsp.) durch Erheben von den Plätzen und setzte dann die zweite Berathung der Branntweinsteuervorlage fort. Mit Ausnahme der Bestimmungen über die Nachbesteuerung, über welche die Beschlußfaffung ausgesetzt wurde, wurde die Vorlage fast durchweg nach den Kommissionsbeschlüssen angenommen. Die Freifinnigen sprachen stch in der Debatte insbesondere gegen die Kontingentirung, gegen den Rektifikation» - zwang, gegen die Ueberweisung des Reinertrags an die Bundesstaaten und gegen die vorgeschlagenen Zollsätze aus. Ein Antrag Struckmann, wonach den Gemeinden die Besteuerung des in ihren Bezirken verbrauchten Weins oder Branntweins landesgesetzlich gestattet werden soll, wurde schließlich zurückgezogen, nachdem fich an denselben eine sehr erregte Debatte geknüpft hatte. In derselben hatte Finanzminister v. Scholz angedeutet, daß die Vorlage den Ansprüchen des Reiches an den Branntwein als Steuerobjekt nicht genüge. Die Abgg. v. Huene (Centr.), Miquel (nat.-lib.), v. Kardorff (Rchsp.) und v. Helldorff (kons.) erklärten darauf, daß ste in der Vorlage einen definitiven Abschluß der Branntweinbesteuerung erblickten. Abg. Richter meinte, die Rationalliveralen würden schließlich für diese und noch für ganz andere Steuererhöhungen stimmen müssen, wenn sie nicht wieder in die Versenkung hinabfinken wollten. Bennigsen suchte diese Angriffe auf die national- liberale Partei abzuwehren. — Morgen wird die Nachsteuer berathe», außerdem stehen noch eine ganze Reihe von Vorlagen auf der Tagesordnung, darunter in erster Linie Unfallversicherung der Seeleute.
• Gestern ist die Kommission für die Reform der Bierproduktion hier zusammengetreten. Von bayerischer Seite nehmen an den Verhandlungen u. a. Geh. Medicinalrath Merkel aus Nürnberg und der Reichstags-Abgeordnete Sedl- mayer Theil.
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Der KiirgkkMißer m jWwd.*)
Ein Histörchen aus alter Zeit.
Du bist vielleicht sä on manchmal, lieber Leser, einem aufgeblähten Geldprotzen begegnet, der, stolz auf das Bischen Rcichthum, das ihm der liebe Gott zu verwalten gegeben, seine mit irdischem Besitze weniger bedachten Mitmenschen über die Achseln ansieht und eine Miene aussetzt, als wollte erfragen: „Was kostet die Welt? Ich kann sie kaufen/
Es ist wahr, man ärgert sich im Stillen, wenn man da« Gebühren solcher Dickthuer sieht, und wenn dann einmal einer mit seiner Prahlerei gründlich zu Schaden kommt, so darf man ihm die» wohl schon ein wenig gönnen, ohne deßwegen gegen die christliche Nächstenliebe allzusehr zu verstoßen. Wie sich dies aber einmal wirklich ^getragen, davon will ich dir jetzt ein ergötzliches Stücklein erzählen, das sich zu Anfang dieses Jahrhunderts abgespielt hat.
Es war an einem schönen, heißen Sommertage. Da» kleine hessische Städtchen Waldkappel, das sonst so still und friedlich hinter seinen Stadtmauern lag, bot heute ein bunter Bild voll Leben und Bewegung. Es sand nämlich der sogenannte
*) Nachdruck »erboten.
• Breslau, 13. Juni. Der ,Schles. Vztg.' wird aus dem oberschlesischen Jndustriebezirke geschrieben : Wie ich aus zuverlässiger Quelle erfahre, zirkuliren im Jndustriebezirk im Geheimen vertrauliche Weisungen, deren Zweck ist, Erkundigungen über das politische Verhalten der Geistlichen, namentlich bei den letzten Reichstagswahlen, einzuziehen. Es sind Fragebogen im Umlauf mit einer großen Zahl vou Rubriken, betreffend Namen der Geistlichen, Stand, Parteistandpunkt, besonderes Verhalten bei den letzten Reichstagswahlen rc.... Bei dem künftigen Fürstbischöfe wird man mit den ProscriptionSlistcn wohl nichts äusrichten.
* Der Landesverrathsprozeß gegen Klein und Genoffen nimmt am 4. Juli seinen Anfang vor dem Reichsgericht zu Leipzig. Die Angeklagten conspirirten mit dem vielberufenen Schnäbele.
* München, 14. Juni. Aus Anlaß der Wiederkehr des Todestages Ludwig's II. haben gestern und heute Gottesdienste stattgefunden.
• Die Herzogin Sophie von Alenyon, die ehemalige Braut des unglücklichen Königs von Bayern, der vor einem Jahre (13. Juni, Pfingstsonntag) seinen Tod im Starnberger See fand, ist in der bei Graz gelegenen Anstalt für Nerven- und Gemüthskranke unter Leitung des Profeffors Kraft-Ebing untergebracht worden.
Ausland.
• Paris, 12. Juni. Das TageS-Eceigniß ist die Rede, welche Graf de Mun gestern in der Abgeordnetenkammer gehabten. Seit den Tagen der Opposition des Kaiserreiches wurde wohl kaum eine'so tief eingreifende Ride gehalten, wie es der edele Graf gestern gethan. In klaren einschneidenden Worten hat er den Abgrund aufgedeckt, der zwischen den demagogischen Tagesideen und dem Volksheere besteht, dessen Existenz auf dem Grundpfeiler der Autorität und des Gehorsams steht. Auch der Deputirte von Belfort, Herr Keller, hat eine von wahrer Vaterlandliebe durchwehte Rede gehalten und zur Verföhnung und zum religiösen Frieden aufgefordert, indem er auf das Beispiel Deutschlands hinwies. Kriegsminister Ferron hielt eine sachgemäße Rede und versprach, die Dienstpflicht der Geistlichen in der schonendsten Weise zu handhaben, um Kleriker so Bartholomäus-Jahrmarkt statt, ein Ereigniß, welche» bedeutsam die Einförmigkeit der Tage unterbrach und deßhalb auch von den Einwohnern wochenlang voraus und wochenlang nachher besprochen wurde.
Männer, Frauen und Kinder wogten auf dem Marktplatze hin und her und drängten sich, schauend und kaufend, um die aufgeschlagenen Bretterbuden, in denen die Verkäufer laut schreiend ihre Maaren anpriesen.
Nur eine Bude stand ganz unbeachtet in der Ecke. Vergeblich sandte ihr Inhaber, ein kümmerlich aursehender Mann, welcher kleines Eisenwerk als: Bohrer, Nägel, Schuheisen, Mcfler und Gabeln u. dgl. feil hielt, seine Blicke nach Kundschaft aus.
Denn wie es so oft der Fall, verschwendeten die unklugen Leute lieber ihr Geld für unnützen Tand und Firlefanz, wenn er nur recht glänzend in die Augen stach, als daß es ihnen beigefallen wäre, den Erwerb für Hau» und Hof nothwen- biger Gegenstände zu sichern.
Plötzlich traten drei Männer auf die Eisen- waarenbude zu. Aber des Krämers Miene erhellte sich nicht darob, im Gegentheil, sie wurde noch bleicher und sorgenvoller — das waren ja keine Kunden, die bei ihm kaufen wollten — o weh, das war der gestrenge Herr Bürgermeister
wenig wie möglich von ihrem hohen Amte abzuwenden. Die Radikalen versuchten ihrerseits einen Keil in das Ministerium einzuschieben, indem sie für das Gesetz einen Dringlichkeits-Antrag stellten. Das Ministerium erklärte durch den Kriegsminister, daß es die Entscheidung des Antrages der Kammer überlaste, welche nun auch den Dringlichkeits- Antrag annahm. Die radikale Presse sucht nunmehr auf Umwegen dem ihrigen wieder die Macht zu verschaffen; sie predigt die Aussöhnung mit dem Ministerium Rouvier. Sollte dasselbe in die Falle gehen, so wäre dasselbe und damit vielleicht Frankreich in wenigen Wochen am Rande des Abgrundes. — Ein in Frankreich unerhörter Fall ist die Bittschrift der 800 Postbeamten, welche von dem Ministerpräsidenten Rouvier verlangen, er möge die von dem letzten Postminister Grauet in letzter Stunde vollzogenen Ernennungen um« stoßen. Als guter Radikaler hat Grauet, als er schon zurückgetreten war, diese ganz regelwidrigen 37 Ernennungen und Beförderungen vollzogen, um seine Geschöpfe zu versorgen. Aber dadurch werden die altgedienten Beamten, welche schon längst auf Beförderung warten müssen, in unge» rechtester Weise benachtheiligt. Die Bittschrift ist die erste Kundgebung dieser Art. Trotzdem in Frankreich durch die Republik fast alle Verhältnisse durchbrochen worden sind, hatte bei den geschulten, ordnungsmäßig ernannten und beförderten Fach- und Verwaltungs-Beamten die altgewohnte strenge Zucht und Ordnung sich erhalten. Diese lassen keine solchen gemeinschaftlichen Schritte in Gehalts- nnd Besörderungs - Angelegenten zu. Deßhalb wiederhallen auch hier niemals die Blätter von Klagen der Beamten um Besserstellung. Der Schritt der Postbeamten wird daher als ein sehr bedenkliches Zeichen angesehen. — Der Gemeinderath hat mit 65 gegen 7 Stimmen die Verweltlichung der letzten fünf noch von Schwestern besorgten Krankenhäuser beschlossen. Die Verweltlichung der Anstalten Lariboistore und Banjou wird je 201,000 Francs Mehrkosten verursachen. Dabei sind sie noch nicht die größten. Zum 1. Januar 1888 soll das letzte Krankenhaus, Hotel Dien, verweltlicht seil'. Umsonst wenden die konservativen Mitglieder ein, daß durch die Entfernung der Schwestern aus den Krankenhäusern die Armen
des Städtchens, der in Begleitung des Stadt» kämmerers und Marktmeisters nach damaliger Sitte von Bude zu Bude ging, um das sogen. Standgeld einzunehmen.
Verwirrt und verlegen suchte der Eisenkrämer in seinem ledernen Gelddeutelchen, als die drei jetzt vor ihm standen.
„Nun, sputet Euch, Mann, und gebt da» Standgeld — wir haben nicht lange Zeit", sagte der Stadtkämmercr; der Herr Bürgermeister aber trug den Kopf ganz steif im Nacken und blinzelte hochmüthig auf den Armen herab.
„Ach, gestrenger Herr Bürgermeister, ich hab' heute noch keinen rothen Pfennig eingenommen", stammelte der Budeinhaber demüthig. „Habt Geduld mit dem Standgeld, bis ich erst etwa» gelöst habe."
Der Bürgermeister riß jetzt die Augen weit auf. „Was, Geduld haben — ich, der Bürger- meister von Waldkappel?" schnaubte er hoch- fahrend.
„Oder nehmt anstatt de» Geldes etwas von meinen Eisenwaaren. Hier einen Bohrer vielleicht, er ist sehr gut, echte Schmalkaldner Waare." Und freundlich reichte er dem Bürgermeister eintu kleinen Bohrer dar.
Jener aber schlug eine laute Lache auf. „Was — einen Bohrer soll ich nehmen, ich, der B iin ec