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JH 13L

Montag, den 13. Juni.

1887

filhtr W 3tihiitn.

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

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Deutsches Reich.

Berlin, 12. Juni.

* lieber die Eventualität einer Drei-Kaiser­zusammenkunft wird dem .Standard' aus Berlin gemeldet: „Es soll der ernste Wunsch des deutschen Kaisers sein, mit dem Czaren im Laufe dieses Jahres noch einmal zusammenzutrcffen. Dieser Wunsch soll in Petersburg den herzlichsten Anklang gefunden haben. Es ist demnach sehr wahrscheinlich, daß die zwei Kaiser während oder bald nach den großen preußischen Manövern, die im September stattfinden, sich begegnen, und zwar soll die Zusammenkunft auf See, etwa in der Nähe von Königsberg oder Danzig erfolgen. Der deutsche Kaiser wünschte natürlich auch, daß der Kaiser von Oesterreich der Zusammenkunft bei­wohne, aber selbst wenn das nicht bewirkt werden könnte, wäre kein Grund vorhanden, warum die Kaiser von Deutschland und Rußland nicht eine Begegnung haben sollten, denn Deutschland würde alsdann Oesterreichs Vertreter sein.

• Der Reichstag setzte vorgestern die zweite Berathung der Arbeiterschutzanträge fort. Nachdem am Mittwoch die Bestimmungen über die Fabrikarbeit der Kinder erledigt waren, han­delte es sich heute um die Bestimmungeu, welche die Beschäftigung von Frauen in den Fabriken betreffen. Der reichsparteiliche Abg. Henning (Vertreter für Reuß-Greiz) ertlärt in langer Rede, welche wenig Aufmerksamkeit er­regt, die Bestimmungen der Kommiffion für viel zu weitgehend. Abg. Singer (Sozialdemokrat) betrachtet die Beschränkung der Frauenarbeit als eine nothwendige Konsequenz des BeschluffeS über die Kinderarbeit; wenn man die Kinder dem Hause und der Familie erhalten wolle, dann müffe man auch die Mutter der Familie wiedergeben. Die Beschränkung der Frauenarbeit liege im Jntereffe der Frau und mehr noch im Interesse der Gesell­schaft und des Staates. Der Wunsch, den Lohn des Arbeiters durch Verminderung der Konkurrenz zu bessern, veranlasse ferner die Sozialdemokraten, für die Vorlage einzutreten. Wenn man vom Standpunkte des Vorredners ausgehe, und immer von den armen bedrängten Fabrikbesitzern rede,

Nell,'s Verlobung.

Eine nächtliche Geschichte von Reinhold Ortmann.

(Schluß.)

Drei Tage später erhielt Hermine von Merkel- witz von ihrer Freundin einen sehr, sehr langen Brief, der zunächst eine ausführliche Schilderung der Ereignisse jener denkwürdigen Ballnacht enthielt und weiter folgendermaßen lautete:

„Nun aber zur Hauptsache, mein Herz, und ich muß Dich bitten, Dich zuvor recht fest auf Deinen Stuhl zu setzen, damit Du nicht Gefahr läufst, vor Schreck und Ueberraschung herunterzufallen. Ich habe mich nämlich verlobt! — Nicht etwa im Traum oder zum Spaß, in irgend einem Gesell­schaftsspiel, sondern wirklich und wahrhaft für's ganze Leben! — Du darfst aber vorläufig noch Niemandem etwas davon erzählen, denn von einer öffentlichen Verlobung will Papa vorläufig noch nichts wissen. Aber Du kennst ihn ja auch, meinen lieben, guten Papa, und weißt, daß es mit feinem Widerstande niemals sehr ernsthaft ausfieht, wenn sich das eigensinnige Töchterchen einmal etwas recht fest in den Kopf gefetzt hat! — Und diesmal sitzt es doppelt fest; nicht nur im Kopfe, sondern auch im Herzen, und alle Väter der Welt würden es nicht wieder herausreißen können! — Aber, ach' liebste Hermine, wie ganz ander» macht sich doch

eine Verlobung in der Wirklichkeit, als in un-

so werde keine Sozialreform zu Stande kommen. Ohne Verminderung des Vortheils der Besitzenden, ohne Opfer gehe es nun einmal nicht. Des fer­neren wendet sich Redner gegen den Antrag Klemm, nach welchem der Bundesrath alle wünschenswerthen Ausnahmebestimmungen treffen soll, und gegen den Antrag Websky, welchem zu Folge die Verkürzung der Arbeitszeit auf Wunsch der Frauen eintreten soll; diese Vorschläge machten das ganze Prinzip der Schutzanträge praktisch zu nichte und dienten höchstens dazu, manches schlagende Gewissen zu be­schwichtigen. Abg. Kalle erklärt Namens der Natio­nalliberalen, daß sie den Beschlüssen der Kommission zustimmen, soweit sie geeignet sind, die Frau dem Familienleben zu erhalten, ohne jedoch ihre Er­werbsfähigkeit zu behindern; deshalb müsse er darauf bringen, daß dem Bundesrath die Befug- niß zu Ausnahme-Bestimmungen beigelegt werde. Im Falle der Ablehnung des Antrages Klemm müßten seine Freunde gegen die Anträge stimmen. Von Seiten des Centrums sprach Domkapitular Dr. Franz, Vertreter des oberschlesischen Kreises Gr.-Strehlitz. Wenn man, so führte der Centrums- rebner aus, von bem Stanbpunkte, bett verschiebens Vorrebner eingenommen hätten, welche immer bas Gespenst ber Schädigung ber Industrie malten, aus gehen wolle, so werbe man in ber Social- reform nicht weit kommen. Opfer seitens ber In­dustriellen seien unvermeidlich. Gan; dieselben Einwendungen habe man auch bei den früheren socialen Reformen erhoben. Die Zahl der jugend­lichen Arbeiter habe sich in Fo'ge des betr. Ge­setzes vermindert, über eine dadurch herbeigeführte Schädigung der Industrie seien aber keine Klagen gehört worden. Daraus gehe hervor, daß in der That es nur am guten Willen fehle, wenn man den socialen Reformen auf diesem Gebiete Wider­stand entgegensetze. Des Weiteren verbreitet sich Redner eingehend über die Frauenarbeit in den oberschlesischen Jndustriebezirken und bittet um Ablehnung der Anträge Websky und Klemm, die ja nur die Gefahr in sich schlössen, an die Stelle der Regel die Ausnahme zu setzen. Dagegen em­pfiehlt Dr. Franz einen Antrag Lieber-Hitze, welcher die Bestimmung: Frauen, welche ein Hauswesen zu besorgen haben, dürfen nicht länger als 10 seren Träumen! Daß die Rosen nicht dufteten und die Nachtigallen nicht fangen, hätte man sich mit Rücksicht auf die unpassende Jahreszeit am Ende noch gefallen lassen können, aber daß auch alle anderen Punkte unseres erst neulich festgestellten Verlobungsprogramms so gänzlich über den Haufen geworfen wurden — doch, ich will lieber der Ord­nung nach erzählen, wenn ich auch mit Schrecken sehe, baß ich bazu schon roieber einen neuen Brief­bogen nehmen muß!

Daß ich ben unhöflichen Doktor liebte und daß ich auch ihm nicht ganz gleichgültig war, bas wußte ich schon, al» er sich während unserer Heim­fahrt eine Kühnheit herausnahm, bie mich von jebem Anderen bis in's tiefste Herz hinein empört haben würde. Unmittelbar nach Begehung dieser strafbaren Handlung — Du kannst Dir ja den­ken, um was es sich handelte — aber war er so kleinlaut und verlegen, daß ich anstatt die erzürnte Miene beleidigter Hoheit anzunehmen, wie es doch eigentlich in der Ordnung gewesen wäre, noch obendrein unbefangen und liebenswürdig sein mußte, um ihm anzudeuten, daß es nicht so ganz unmög­lich fein würde, meine Verzeihung zu erlangen. Ich glaube, wenn ich es dem lieben, unbeholfenen Menschen nicht ganz ausdrücklich zur Pflicht ge- acht hätte, uns am folgenden Tage eitlen Besuch rchen — ich glaube wahrhaftig, er hätte nicht i ^stuth gehabt, überhaupt noch einmal roieber-

Stunden in Fabriken beschäftigt werden, ersetzen will durch die Fassung: Verheirathete Frauen rc. Zum Schluß legt Dr. Franz in warmen Worten bas hohe Ziel bes Arbeiterschutzes bem Reichstage an’« Herz, es hanbele sich ja nicht bloß um bas Wohl ber Arbeiterbevölkerung, sondern auch um das ber gejammten Gesellschaft unb des Staates. Der freisinnige Abg. Dr. Baumbach wenbet sich zwar gegen bie Uebertragung von biscretionären Befugnissen an den Bunbesrath, hält aber eine generelle Regelung ber Frage, wie sie bas Centrum will, nicht für spruchreif; es fehle ihm bie Unter­lage bes statistischen Materials. Redner perhor- rescirt prinzipiell generelle Eingriffe bes Staate« in bie Erwerbsverhältniffe. Am Bunbesrathstisch scheint man heute noch theilnahmloser zu sein, als am Mittwoch. Sobanu ergriff noch der deutsch- conservative Abg. Kurtz zu der Frage der Frauen­arbeit das Wort, um die Kommissionsbeschlüsse im Interesse der städtischen Webereien und Spinner­eien zu bekämpfen. Darauf wurde zur Abstimm­ung geschritten, wobei die Kommissionsbe­schlüsse angenommen wurden mit mehreren Einschränkungen, als deren wesentlichste wir an dieser Stelle hervorheben, daß die Schutzbe­stimmungen erst vom 1. April 1890 ab gelten sollen.

* Die Reichstagskommission zur Vorberathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Verwendung ge­sundheitsschädlicher Farben bei der Her­stellung von Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen hat nur geringe Abände­rungen beschlossen. Als Termin für das Inkraft­treten des Gesetzes wurde der 1. Mai 1888 fest­gesetzt. — Die Zuckersteuer-Kommission des Reichstages hat heute die zweite Berathung des Zuckersteuergesetzes beendet und dasselbe gegen eine Stimme angenommen, aber — ohne Steuersätze, lieber diese kam eine Einigung in ber Kommission nicht zu Stande.

* Die Freisinnigen wallen zur 2. Berathung der Branntweinsteuer beantragen, daß gleichzeitig mit bem Inkrafttreten des Branntweinsteuergesetzes vom 1. Oktober b. I. der Kaffeezoll in Weg­fall kommen soll. Das würde ein Ausfall van ca. 40 Millionen für die Reichskasse bedeuten.

zukommen. Papa und Mama waren natürlich ge­waltig überrascht, als sie am nächsten Morgen von Tante Dorette und mir die ganze wunderbare Ge­schichte von unserem Unglück und unserer Rettung hörten und Du kannst Dir meine stille Herzens­freude vorstellen, als Papa bei dieser Gelegenheit den Doktor als einen charaktervollen Ehrenmann bezeichnete, dessen Rechtschaffenheit, Tüchtigkeit und Energie ihm eine bedeutende Zukunft verhießen. Ich notirte mir, während ich mäuschenstill dasaß, im Geiste jedes Wort, um es bei geeigneter Ver­anlassung dem Papa als schneidige Waffe entgegen» halten zu können. Er sagte, die ganze Gegend sei bereits feines Ruhmes voll und er freue sich, ihm zu Dank verpflichtet zu sein und ihn dadurch, wie er hoffe, an fein Haus fesseln zu können.

Muß ich Dir erst versichern, daß ich von nun an ununterbrochen am Fenster stand, um nur ja ben Moment feinet Ankunft nicht zu versäumen. Aber ich harrte jlunbenlang vergebens und schließ­lich mußte er wohl von der Parkseite in das Haus gekommen sein, denn Lisette überraschte mich mit der Meldung, unten sei ein Herr Doktor Fischer der m'ch zu sprechen wünsche; Papa war gerade nach dem Vorwerk hinausgeritten, Mama hatte ihre Migräne und Tante Dorette lag wie gewöhn­lich in süßem Schlummer. So mußte ich ihn denn in der That ganz allein empfangen und ich muß gestehen, daß ich nicht gerade ungehalten darüber