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1887

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Zweites Blatt.

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während des dreißigjährigen Krieges.*)

In dem Blüthenkranze kirchlicher Feste stellt sich uns als schönste Blume das heilige Frohn- leichnamSfest dar.

In die Zeit der herrlichsten Naturentfaltung fallend, wo Waldesgrün Blumenpracht, Sonnen­gold seiner Verherrlichung dienstbar werden, ist es, als ob die ganze Schöpfung in rauschenden Akkorden einen Jubelhymnus sänge, und begeb sterungsvoll klingt er wieder in jedem katholischen Christenherzen, wenn der König Himmels und der Erde sein stilles Tabernakel verläßt, um in schlichter Brodsgestalt durch die Straßen zu ziehen, gefolgt von den Schaaren seiner treuen Bekenner.

Es war zur Zeit des dreißigjährigen Krieges — jener bitteren Leidenszeit für unser liebes Vaterland, wo die Kriegsvölker daffelbe wie eine furchtbare Gottesgeißsl bedrängten und schier zu Grunde richteten. Das schöne, gesegnete Franken- land hatte besonders viel zu leiden und namentlich von den Schweden, so daß die Erinnerung an diese schreckliche Landplage dort noch heute in einem Kinderreime nachklingt:

„Bet, Kindle bet,

Jetzund kommt der Schweb, Jetzund kommt der Oxenstern, Wird die Kindle beten lern."

Der Schwedenkönig Gustav Adolph war nach kurzem Widerstande mit einem aus Reiterei und Fußvolk bestehenden Heereshaufen am 15. Oktober 1631 in die alte Bischofsstadt Würzburg einge­rückt. Drei Tage später wurde die Veste Marien­berg, welche stolz die Stadt überragt, erstürmt. Ein reicher Schatz, bestehend aus Staatskasse, Silberkammer, Zeughaus, Marstall und vielen anderen Kostbarkeiten, welche die wohlhabenden Bürger und Klöster dorthin geflüchtet hatten, wurde von den beutegierigen Schweden vollständig geplündert. Selbst die überaus werthvolle Bib­liothek entging nicht diesen räuberischen Händen: Gustav Adolph machte sie der Universität Upsala zum Geschenk.

Die Bürger von Würzburg knirschten vor Wuth und Erbitterung — aber war half es? Ihr von Gott eingesetzter Landesherr, Fürstbischof Franz von Hatzfeld, war ja aus dem Lande ver­jagt und ohnmächtig wie sie waren, mußten sie dem schwedischen Erroberer huldigen und ohne Widerrede noch die härtesten Kontributionen er­legen. Die Gewalt hatte wie so oft das Recht in Händen.

Das fremde Soldatenvolk aber spielte die Herren in der schönen, reichen Frankenstadt und ließ sich wohl da sein, wo man ja den allertreff­lichsten Wein gleich an der Quelle genießen konnte.

Unter des Königs Offizieren befand sich ein Hauptmann, Herr Erich Lundquist, der ein tapferer Haudegen, aber ein stolzer finsterer Mann war. Der hatte daheim in seinem nordischen Vaterlande eine bildschöne, edle Jungfrau als Gemahlin ge­freit, und als er fort mußte, da war sie ihm zu Wasser und zu Land auf seinem Kriegszuge ge­folgt, bis mitten in das Herz Deutschland's hinein, nach Franken's sonnigen Gauen. Denn Frau Jngeborg Lundquist hatte nicht nur einen schönen, wohlgestalteten Körper, sie besaß auch eine kühne Seele, die vor keinem Fährniß zurückschreckte und für alles Große begeistert war. In Begeisterung aber glühte sie für ihren König Gustav Adolph

*) Nachdruck verboten.

und sein Unternehmen, welches ihr als eine hohe und edle Mission erschien. Sie sah in ihm einen Apostel, berufen, den „papistischen Götzendienst" in Deutschland auszurotten und das Christenthum in seiner Reinheit wieder herzustellen. So wenig­stens hatte man es ihr dargestellt und in schuld­los irrigem Wahne hatte sie es für wahr ge­halten.

Von solchen Vorurtheilen befangen, war Frau Jngeborg in die alte Bischofsstadt eingezogen, in welcher das kirchliche und religiöse Leben frisch und kräftig pulsirte, so sehr es sich auch die schwedische Regierung angelegen sein ließ, alle öffentlichen Glaubensbethätigungen der Katholiken zu unterdrücken.

Aber die vielen, kunstgeschmückten Gotteshäuser standen doch und blieben dem feierlichsten Kultus geweiht — die altehrwürdigen Klosterhallen dienten fort und fort den großartigen Zwecken der christ­lichen Nächstenliebe, — der tief fromme Sinn der Bevölkerung trieb gerade unter dem Drucke seine schönsten Blüthen.

Und dies alles sah die aufmerksame Nordlän­derin und alles, alles war anders, als sie sich es vorgestellt; nichts war in Einklang zu bringen mit dem, was man ihr von Kindheit an eingepräzt hatte. Das war doch ein seltsamer Widerspruch, und je räihselhafter er Frau Jngeborg erschien, desto mehr reizte es sie, darüber nachzusinnen.

Eines Abends lehnte sie an ihrem Erkerfenster und blickte gedankenvoll in die wunderschöne Maiennacht hinaus. Still und dunkel lagen die Gassen. Nur der große Brunnen ließ das Wasser aus seinen vier Röhren melodisch rauschen und plätschern und die frisch belaubten Linden und Akazienbäume dufteten süß und lieblich.

An vielen der hohen Giebelhäuser leuchteten kleine Lichter auf, die wie Glühwürmlein durch das Dunket der Nacht strahlten — da waren die Laternen, meist von rothem Glase, welche Abends vor den Madonnenbildern nach schöner, alter Sitte brannten. In Würzburg aber hatte in jener Zeit fast ein jedes Haus Auch sein Madonnenbild, wie es der Spruch verkündet:

„Maria, dich liebt Würzburg sehr. Wo thut eine Stadt desgleichen mehr? In Würzburg an so manchem Haus Sieht ein Marienbild heraus."

Nur an den Häusern, wo damals Schweden wohnte», brannten die Lämplein nicht. Frau Jn­geborg aber blickte hinaus auf die Statue der Gottesmutter, welche neben ihrem Fenster in einer Nische angebracht war. Wie oft hatte doch schon am Tage, wenn sie müßig' im Erker gestanden, ihr großes blaues Auge auf diesem Meisterwerke der Holzschneidekunst geruht, dem ein so wunder­barer Ausdruck von hehrer Milde und süßer Reinheit ausgeprägt war.

„Ich will ihr auch ein Lichtlein auzünden, — sie ist ja doch die Mutter des Herrn — wenn mich auch der katholische Aberglaube nichts an­geht," dachte Frau Jngeborg, und siehe — einige Augenblicke später war das liebliche Madonnen- bildniß von einem intensiv rothen Scheine wunder­sam angeglüht.

Unten in der Stube an einem massiven Eichen­holztische saß Herr Erich Lundquist mit feinem Vorgesetzten, einem alten Oberst, der trotz des martialischen Knebelbartes ein joviales Aussehen hatte, und die beiden Kriegsleute sprachen wacker dem edlen Leistenweine zu, der in großen etein- trügen vor ihnen stand.

„Auf Euer Wohl schöne Landsmännin," rief jetzt der Oberst mit dröhnender Baßstimme Frau Jngeborg zu und er leerte den Becher bis auf den Grund.

Die junge Frau aber schien den Trinkspruch nicht vernommen zu haben, denn sie regte sich nicht an ihrem Fenster.

„Ei, was seid Ihr doch so abwesend. Weilen Eure Gedanken in dem fernen Vaterlande? Ich glaube gar, Ihr habt das Heimweh," scherzte der Oberst, indem er aufstand und sporenklirend nach dem trauten Erkerlein schritt.

Auch Herr Erich Lundquist war hinzu getreten und wurde jetzt des rothen Glaslämpchens an­sichtig.

„Was soll das, Jngeborg?" fragte er zornig. „Wir sind Bekenner der reinen Lehre und keine katholischen Faxen stehen uns zu. Und rasch löschte er das Laternlein wieder aus.

„Ach, manche Religionsgebräuche der Katho­liken sind so schön und 'lieblich," versetzte Frau Jngeborg, und das klang wie ein leichter Seufzer.

„Mordelement", fuhr der Hauptmann auf, diese Dinge verblenden nur die Menge und wider­streiten dem reinen Evangelium. Herr Oberst, Ihr solltet dies alles streng verbieten, auch diese abendliche Lampenbeleuchtung, die nur einer ver­maledeiten Abgötterei dient."

Der alte Oberst zuckte leicht die Achseln.

„Herr Hauptmann, Ihr seid zu schroff. Wartet doch ruhig ab, bis unser großer König erst Kaiser von Deutschland ist, dann wird er bald die katho­lische Religion ausgerottet haben. Vor der Hand aber hat er bei der Uebernahme der Stadt ver­sprochen, alle Rechte und hergebrachten Privilegien den Katholiken ungeschmälert zu laffen. Das Wort des Königs aber muß man gelten lassen."

Wohl fiel es Herrn Erich Lundquist auf, daß fein Weib von Tag zu Tage stiller und nachdenk­licher wurde: „Gestehe es, Jngeborg, du hast das Heimweh," sagte er oft, sie besorgt anblickend. Dann aber schüttelte sie trüb lächelnd das Haupt.

Und in der That, ihr gefiel es ja so gut in dem sonnigen, rebenbekränzten Lande, daß keine Sehnsucht nach den eisigen Gefilden ihres Heimath- taubes in ihr erwachte. Aber wenn die Glocken von den zahlreichen Kirchthürmen der Stadt läu­teten, so tief, so feierlich, so harmonisch, — dann wurde es ihr seltsam weh im Gemülh, als ob ihr etwas fehle, und doch wußte sie nicht was. —

Mit traurigem Herzen sahen die Bewohner Würzburg's dem nahenden Frohnleichnamsfeste entgegen, dursten sie doch nicht wie sonst alljähr­lich ihre Vorbereitungen zu der großen feierlichen Prozession machen, denn die schwedische Regierung hatte ja alle öffentlichen Feierlichkeiten untersagt.

Doch der Prior des Karmelitenklosters, — welches auch Reuererkloster genannt wird, — Pater Arnold, ein überaus glaubenseifriger Priester, der für seine Religion gern sein Leben hergegeben hätte, versammelte seine Ordensgenoffen um sich und sagte zu ihnen: „Meine Brüder, wir dürfen dem Herrn nichts von seiner Ehre rauben. Und was auch eine glaubeusseindliche Herrschaft thun mag: lasset uns wie immer A äre in den Straßen errichten und unsere hehre Prozession abhalten."

Die Mönche stimmten begeistert ihrem Oberen bei und rüsteten voll Freudigkeit alles zu der erhebenden Feier.

Bruder Agapitus, der alles so geschmackvoll und kunstsinnig anzuordnen wußte, halte die Kirche mit Blumen, Fahnen und Laubgewinden auf's herrlichste geschmückt. Nun schickte er sich auch an, unter Mithilfe einen anderen Klosterbruders Altäre in den Gassen zu erbauen, deren einer am sogen, alten Sanderihore errichtet wurde, unweit dessen sich das schwedische Wachthaus befand.

(Fortsetzung folgt.)