1887
Freitag, den 10. Juni.
Zeitunz
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.« 129.
Fuldaer
* Der Reichstag
trat vorgestern in die zweite Berathung der Ar« beiterschutzgesetzgebung ein und nahm mit großer Mehrheit den CommisstonSantrag an, daß vom 1. April 1890 ab die Beschäftigung in Fa- briken nur solchen Kindern zu gestatten ist, welche das 13. Lebensjahr vollendet und ihrer landesge. fetzsichen Schulpflicht genügt haben. Die Debatte, welche über die Frage der Beschränkung der Kinderarbeit nicht hinaurgelangte, nahm folgenden Verlauf: Nach einigen kurzen Worten des Berichterstatters Dr. Hartmann ergriff das Wort der Generalsekretär des Arbeiterwohls Abg. Hitze. Der Socialpolitiker des Centrums begann mit der Erklärung, daß, wenn seine Partei in der Kom- Mission auch nicht Alles erreicht habe, sie doch auf Wiedereinbringung der betreffenden Anträge ver- zichte, und sich zunächst mit dem Erreichten be- anügcn wolle. Sehr erfreulich sei es, daß die Schlußabstimmung der Kommission eine einstimmige gewesen sei; es wäre das em Zeichen, daß der socialpolitische Gedanke im siegreichen Vordringen begriffen sei. Abg. Hitze wandte sich dann zur Kritik der Einwendungen, welche aus Kreisen von Industriellen, besonders von Handelskammern und dem Centralverbande deutscher Industrieller gegen die Anträge vorgebracht find. Wenn aus denselben auch hervorgehe, wie tief das Manchesterthum noch bei vielen Fabrikanten sitze, so sei doch die siegreiche Kraft des Gedankens des Arbeiterschutzes nicht zu verkennen. Sogar den Maximalarbcitstag habe man reiflicher Er- wägung unterzogen, während früher dieses Thema kurzer Hand abgewiesen worden sei. Mit warmen, aus überzeugungsvollem Herzen kommenden und von der persönlichen Erfahrung diktrrten Worten legte sodann Herr Abgeordneter Hitze dem Hause die Wichtigkeit der vorliegenden Fragen an's Herz und bat um eingehende Erwägung derselben. Abgeordneter Schmidt (Elberfeld) hielt eine allgemeine Beseitigung der Kinderarbeit für durchführbar. Nur in einzelnen Bezirken habe man noch die falsche Anschauung, die Industrie und die Abeiter könnten ohne Kinderarbeit nicht bestehen. Redner wandte sich dann gegen die Eingabe des Verbandes deutscher Industrieller und
Ukily's Verlud»«,.
Sine nächtliche Geschichte von Reinhold Ortmann.
8. Fortsetzung.
„Run, das Verdienst war nicht groß l — Die alte Frau vergaß eben, daß ich nicht um eines Haares Breite mehr thue, als meine Schuldigkeit, und sie denkt nicht daran, daß mir meine sehr geringfügige Praxis Zeit genug für meine wenigen Patienten läßt."
„Sie haben sich also in der That hier auf dem Lande als Arzt niedergelaffen?"
„Gewiß I In Schönweide! - Mein alter Vater ist so schwach und gebrechlich, daß er schon längst verdient hätte, von seinem alten Tagewerk befreit zu werden. Aber ich kann ihm nicht zumuthen, sich für den kurzen Rest seine» Leben» von dem Dörfchen zu trennen, in dem er mehr al» vierzig Jahre zugebracht hat. Da blieb denn nicht» Andere» übrig, al» vorläufig ebenfalls in Schönweide meinen Wohnsitz zu nehmen. — Er ist um feine Pensionirung eingekommen und wir werden unseren kleinen Haushalt gemeinschaftlich führen."
„Wie reizend ist da»!" fuhr Nelly heraus. Aber gleich darauf fügte sie etwas nachdenklicher hinzu: „Es muß Ihnen doch eigentlich ein schwere» Opfer sein alle die Freuden und Vergnügungen der großen Stadt so plötzlich mit der Langwelle
charaktertsirte denselben, indem er seine Geschichte erzählte. Dieser Centtalverband prätendire, al« Vertreter der deutschen Industrie zu gelten, e» sei rie» aber eine Arroganz, da sehr weite Kreise der Industrie, ganze Zweige derselben ihm fern ständen. Da» Urtheil des Centralverbandes fei em durchaus einseitiges; wie wenig darauf zu geben ei, beweise schon ein Widerspruch in den Eingaben des Verbandes: in der ersten stehe, daß rie bisher geltende Einschränkung der Kinderarbeit das Aeusterste sei, was die Industrie ertragen önne, in der dritten jedoch sei gesagt, im In- erefse der Industriellen liege die Kinderarbeit weniger! Redner führt für die Beseitigung der Kinderarbeit dann noch die Ergebniffe der Militäraushebungsstatistik an, welche in Jnduftriecentren eine schreckliche Entartung des Menschenschlages zu Tage fördere. Die Industrie des Westens, vom Rheinland und Westfalen, komme ohne Kinder- arbeit au», da» beweise, daß für andere Gegenden, wie Sachsen, daffelbe gelte. Daraus erwachse für die Gesetzgebung die Pflicht, einzugreifen. Die laxe Handhabung der bestehenden Gesetze m Sachsen fei es, welche die haarsträubende Ausnutzung der Kinder noch ermögliche, welche z. B. aus einem Berichte der Plauener Handelskammer hervorgehe. Wünschenswerth freilich fei eine internationale Regelung der Sache, aber darauf könne nicht gewartet werden. Eine In- dustrie, die auf solcher Grundlage beruhe, sei nicht werth, zu existiren. Der Mangel an sozialen Schutzmaßregeln sei der Hauptgrund für die revo- lutionäre Propaganda, wie wir sie in Belgien letzt haben. Der Abgeordnete führt dann einzelne markante Fälle der Entlohnung der Kinderarbeit an. Ein Hauptgrund für die schlechten Preise, welche die geringen Löhne zum Theil verschulden, sei die schmutzige Konkurrenz der Fabrikanten unter einander, welche unter der Herrschaft der Schutzzölle florire. Die höheren Zölle hätten keine Erhöhung der Löhne, wie verheißen, zur Folge gehabt. Redner schließt mit der Versicherung, daß sich eme vollständige Beseitigung der Kinder aus allen Betrieben erzielen laffe, und mit der Aufforderung, die Vorlage in der Kommissionsfaffung anzunehmen; sie sei das Geringste, was man zum Schutze der Arbeiterkinder verlangen könne. Diese Rede
und Einsamkeit des Dorflebens zu vertauschen. Leiden Sie darunter nicht sehr?"
„Der Unterschied ist viel weniger bedeutend, al» Sie zu glauben scheinen, mein Fräulein! — Ich war vier Jahre Affistenzarzt an einem großen Krankenhause, in dem es so viel zu thun gab, daß ich von dm Freuden und Vergnügungen der großen Stadt gmau so viel wahrgenommen habe, al» wäre ich durch eine Entfernung von hundert Meilen davon getrennt!"
„Aber Sie haben doch gewiß wahrend Ihrer Studentenzeit so viel davon genoffen, daß Sie letzt oft eine gewaltige Sehnsucht überkommen muß. Der Assessor von Behrendt, mit dem ich heute Abend sehr viel tanzte, hat mir die lustigsten Ge- schichten davon erzählt. Ich beneide wahrhaftig alle jungen Männer um diese fröhliche Ungetan» denheit, der sie sich da Jahre lang hingeben dürfen!"
,Wobei Sie nicht versäumen dürfen, einige kleine Unterscheidungen zu machen. Richt Jeder findet an dieser fröhlichen Ungebundenheit Geschmack und nicht Jedem ist die Möglichkeit gegeben, sich ihrer zu erfreuen. Ich kannte da z. B. einen Studenten, der sich die achtzehn Arbeitsstunden, welche jeder Tag für ihn hatte, sehr sorgfältig eintheilen mußte, um außer der Zeit, die ferne Studien in Anspruch nahmen, auch noch Zeit sur die mancherlei anderen Verrichtungen zu finden,
war um so bemerkenswerther, weil ste aus dem Munde eines Freisinnigen kam. DieAbgeord- neten Oberbergrath Merb ach (Freiberg in Sachsen, freikonservativ), Niethammer (nl.) und Klemm (kons.), sowie der sächfischeBundesbevollmächtigte Gras Hohenthal bekämpften die vorgeschlagene Bestimmung. Durch dieselbe würden die Kinder aus den Fabriken nur der Hauptindustrie in die Arme getrieben, wo eine Äonttole unmöglich sei. Abg. Meister (Soz.) verlangte völ- lige Beseitigung der Kinderarbeit. Abgeordn. Dr. Miquel (nl.), v. Kleist.Retzow (kons.) und Dr. Windthorst (Centr.) befürworteten den Kommissionsantrag, welcher, nachdem sich noch Abg. Dr. Baumbach dagegen erklärt hatte, wie schon Eingang« erwähnt, mit großer Majorität angenommen wurde. Die Fortsetzung der Berathung erfolgt heute (Freitag).
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Juni.
* Bei der gesttrigen Unterfuchung des Kehlkopfleiden« de« Kronprinzen hat der gestern Abend aus London eingetroffene Dr. Mackenzie im Beisein der deutschen Aerzte Profeffor Gerhardt, v. Bergmann, Tobold, de» Leibarzte» Dr. Wegner und der Frau Kronprinzessin, einen operativen Einschnitt gemacht, der indeß von einer so ge- ringen Bedeutung ist, daß die Abreise de» Kronprinzen nach England jetzt al» endgiltig auf den 13. d». festgesetzt zu betrachten ist. Der Kronprinz wird auf einem Landgute in der Nähe von London Wohnung nehmen und außer von seinem Leibarzte voraussichtlich auch vom Geheimrath Professor Dr. Gerhardt begleitet werden.
* Die Branntweinsteuerkommissioll dr» Reichstag» hat gestern ihre Arbeiten beendet. Der Termin für das Inkrafttreten des Gesetzes wurde auf den 1. Oktober d. I. festgesetzt. Wer bi« dahin im freien Verkehr befindliche Branntwein unterliegt einer Nach steuer von 30 Pfennig pro Liter. Von einer Nachsteuer bleibt befreit: Bräunt- wein zu gewerblichen, wiffenschaftlichen, HeizungS- ober Beleuchtungszwecken und Branntwein in Mengen von nicht mehr als 10 Litern. Die Maischraumsteuer wird vom Tage der Publikation die es für ihn zu erledigen gab. Da blieb für die Kneipe und den Paukboden und was sonst noch zum ftöhlichen Burschen gehört, bedauerlicherweise nicht eine einzige Viertelstunde."
Aber wa» für Verrichtungen konnte denn Ihr Bekannter außer seinen Studien zu besorgen
da gab e» so allerlei! De» Morgen» la» er einem alten blinden Herrn zwei Stunden lang die Zeitungen vor, eine Leistung, für die er durchaus angemessen, daß heißt, ungefähr nach dem Lohntarif eine» Laufburschen honorirt wurde, und die ihm obendrein auf die denkbar angenehmste Art zur Kenntniß aller pemerkenswerthen Welt- ereigniffe verhalf. Dar einzige Unangenehme da- bei war nut, daß ihm der alte Herr die Versicherung gab, er solle dieselbe mehr al» eine Unterstützung, denn al» einen wohlerworbenen Lohn betrachten, da Vorlesen eigentlich al» eme wirkliche Arbeitsleistung nicht anzusehen ser. — Am Nachmittag hatte er den vier ungezogenen und ziemlich beschränkten Rangen eme» Zahl- meister» drei Stunden lang nnffenfchaftltche Nachhilfe zu Theil werden zu lassen, em allerdings riemlich trauriges und aufregendes Amt, da« ihm indessen außer einem täglichen Salair von sechszig Pfennigen noch die großmüthige Zugabe einer Taffe Kaffee einbrachte. Den Rest seiner Zell aber